Virtuelles Denkmal "Gerechte der Pflege"

"... die tolldreisten, machthungrigen Horden, sie konnten den Geist nicht morden!"


Anny Wödl

 

Die Krankenschwester Anny Wödl wurde am 1.10.1902 im niederösterreichischen Gutenstein geboren. 1946 sagte sie als Zeugin vor Gericht aus:

 

"Ich habe am 24. November 1934 einen Knaben geboren, der mit dem Gehen und auch mit dem Sprechen Schwierigkeiten hatte, als er gehen und sprechen sollte. Es stellte sich schließlich heraus, dass er zwar alles verstand, dass er aber nicht sprechen konnte. Auch waren seine Beine offenbar zu schwach, um ihn zu tragen, sodass er soviel wie nicht gehen konnte. Woran er eigentlich litt und was die Ursache seines Zustandes war, konnten die Ärzte eigentlich nicht feststellen. Mit vier Jahren gab ich ihn in die Anstalt nach Gugging."

 

Zunächst schien der Junge dort auch gut aufgehoben zu sein. Dann erfuhr Anny Wödl von den Ereignissen in der Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof". Patienten verschwanden und die Angehörigen bekamen als einzige Information, dass die Verlegung der Patienten eine "Kriegsbedingte Maßnahme" gewesen sei. Zunächst kursierte noch das Gerücht, dass die Patienten zur Ostsee verschickt worden waren. Dann erhielten die Angehörigen die Todesnachrichten. Die Mütter belagerten die Krankenhaustore, verlangten von Ärzten und Pflegepersonal eine Erklärung.

 

Anny Wödl war alarmiert. Sie traf sich mit Angehörigen anderer Patienten in Privatwohnungen. Man kam zur Überzeugung, dass man nur direkt in Berlin etwas erreichen könnte. Niemand hatte dazu den Mut. Die Sorge um ihren Sohn war stärker als die Angst. Anny Wödl fuhr nach Berlin. Am 23.7.1940 sprach sie in der Berliner Reichskanzlei im Namen der Angehörigen der Steinhof-Patienten in Berlin vor. Sie wurde an das Reichsinnenministerium verwiesen. Auf ihrem Besucherschein, den sie 1946 dem Gericht vorlegte, stand: "Wiener bitten für Angehörige". Ministerialdirigent Linden empfing sie. Er war maßgeblich an der Umsetzung der T4-Aktion beteiligt. Er erklärte Frau Wödl, dass Wien von den Patiententransporten nicht ausgenommen werden könne. Ihre Reise nach Berlin hatte keinen Erfolg.

 

Ein halbes Jahr später erfuhr sie durch eine Krankenschwester, dass ihr Sohn Alfred für einen "Transport" vorgesehen war. Nach dieser Nachricht reiste Anny Wödl am gleichen Abend nach Berlin, um nun für ihr eigenes Kind zu sprechen. Dr. Linden fragte sie nur, was sie mit einem behinderten Kind wolle. Sie verlangte ihr Kind heraus, was er rundweg ablehnte. Sie sei im Kriegseinsatz (Anmerkung: als Krankenschwester) und müsse arbeiten. Linden versprach ihr, dass Alfred wenigstens in ihrer Obhut sterben "dürfe".

 

Alfred Wödl wurde am 6.2.1941 in die Kinderanstalt "Am Spiegelgrund" verlegt. Frau Wödl nahm sofort Kontakt mit dem dortigen Arzt auf. Dieser behauptete nun, dass Alfred ein Halbjude sei. Anny Wödl begriff, dass sie ihr Kind nicht retten konnte. Am 17.2.1941 besuchte sie ihren Sohn im "Spiegelgrund", am 23.2.1941 erfuhr sie, dass Alfred am Tage zuvor ermordet worden war. In der Aufbahrungshalle auf dem Wiener Zentralfriedhof sah sie Alfred:

 

"Mir ist der schmerzliche Ausdruck in den Gesichtszügen aufgefallen."

 

Anny Wödl konnte es nicht verhindern, dass ein Dr. Heinrich Gross ihren Sohn obduzierte. Über 60 Jahre befand sich Alfreds Gehirn in einem Keller der Pathologie des "Steinhofs". Erst im April 2002 wurde sein Gehirn mit den Gehirnen weiterer wenigstens 600 Opfer in einem Ehrenhain am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Am 5.3.1942 wurde Anny Wödl im Wiener Allgemeinen Krankenhaus nach einer ärztlichen Untersuchung, auf Veranlassung der Direktion, gekündigt:

 

"… dass bei der Wödl eine hochgradige Neurose bestehe, die eine ersprießliche Dienstleistung nicht erwarten lasse und die Lösung des Dienstverhältnisses unter Nachsicht der Kündigungsfrist zu empfehlen wäre."

 

Ihre Personalakte (1939-1942) gab nicht den geringsten Hinweis auf irgendeine psychische Erkrankung. Aber diese "Diagnose" kam einem Berufsverbot gleich. Anny Wödl konnte nie den Tod ihres Kindes verwinden, vermutlich auch nicht, wie sie selbst behandelt wurde. Am 2.12.1996 wurde sie tot in ihrer Wiener Wohnung aufgefunden. Sie starb genauso einsam wie ihr Kind.


 

Ludwig Wörl

 

Der Krankenpfleger und Kommunist Ludwig Wörl war im Konzentrationslager Dachau interniert. Er fälschte Unterlagen, um Kranke vor dem Abtransport ins Gas zu bewahren oder gab eine geringere Anzahl von Verstorbenen an, um mehr Verpflegungsrationen für lebende Patienten zu erhalten. Er erteilte auch für andere Häftlingspfleger Unterricht in Pflege und versuchte den Kollegen Kenntnisse darüber zu vermitteln, wie man Verletzungen durch das SS-Personal behandeln konnte.

 

Quelle: Stanislav Zámecnik: Das war Dachau, Internationale Stiftung von Dachau, ISBN 978-3-596-17228-3


 

Sophia Wolder

 

Sophia Wolder wurde am 5.2.1926 in Borgerhout in Belgien geboren. Die Krankenschwester wurde von den Nazis im eigenen Land als staatenlos erklärt. Die Praxis, Juden als staatenlos einzustufen diente dazu, ausländische Interventionen für die betroffenen Menschen zu unterbinden. Sophia Wolder wurde im SS-Sammellager Mechelen eingesperrt, bevor sie mit dem VI. Transport unter der Nummer 353 am 29.8.1942 nach Auschwitz verschleppt wurde. Im KZ Auschwitz-Birkenau wurde sie unter der Nummer 001785 registriert. Es muss davon ausgegangen werden, dass sie den Holocaust nicht überlebte.

 

Ich danke für die Recherche Frau Laurence Schram vom Jüdischen Deportations- und Widerstandsmuseum (JDWM) in der ehemaligen Mechelner Dossinkaserne.


 

Annemarie Wolfram

 

Annemarie Wolfram wurde 1902 geboren und stammte aus einer angesehenen Hamburger Fabrikantenfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Goslar erlernte sie den Beruf der Kindergärtnerin. Anschließend machte sie eine Ausbildung in der Krankenpflege und legte das Schwesternexamen ab. Zunächst arbeitete sie im Kinderheim des Roten Kreuzes in Nordholz bei Cuxhaven. Später war sie als Krankenschwester im Hamburger Jüdischen Krankenhaus beschäftigt. Zwei Jahre nach ihrer Heirat bekam sie 1929 eine Tochter. Am 10.11.1938 wurde ihr Mann verhaftet. Ihr gelang es, eine Auswanderungserlaubnis in die USA zu bekommen, durch die sie die Freilassung ihres Mannes erreichen konnte. Am 23.12.1938 wurde er aus der Haft entlassen und die Familie emigrierte über Holland und England nach New York in den USA.

 

Quelle: Heidemarie Franke & Ilse Ernst


 

Frieda Wollmann, geb. Brüll  
 
Frieda Brüll wurde am 27.7.1866 in Erlangen geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann David Joseph Brüll und Henriette geborene Priester. Ihr Vater verstarb sehr früh. Frieda hatte fünf Schwestern, Amalie, Helene, Rosetta, Josephine, Fanny, und fünf Brüder, Wilhelm, Joseph Ludwig, Max, Simon und Heinrich, wobei drei ihrer Geschwister nur ein Jahr alt wurden.

 

Um 1892 absolvierte Frieda am „Königswarter Hospital“ ihre Ausbildung zur Krankenschwester. Sie war 1893 Mitbegründerin des Verbandes jüdischer Krankenpflegerinnen, aus dem der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Frankfurt am Main entstand. Kurz darauf wurde sie die erste Oberin des Kölner jüdischen Krankenhauses und ab 1899 auch Oberin des neu gegründeten Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Köln mit eigener Krankenpflegeschule.

 

1912 gab Frieda ihren Beruf zugunsten der Heirat mit dem Kaufmann Moses Moritz Wollmann auf. Es ist nicht geklärt, ob es Kinder oder Stiefkinder in der Ehe gab. Eventuell kehrte sie im I. Weltkrieg vorübergehend in ihren Beruf für die Verwundetenpflege zurück. 1936 verstarb ihr Ehemann. Sechs Jahre später musste Frieda zwangsweise in das Sammellager Köln-Müngersdorf ziehen. Von dort wurde die 75jährige in andere Lager verschleppt. Frieda Wollmann soll am 13.6.1942 durch eine Überdosis Morphium Suizid begangen haben, weil sie in ein Vernichtungslager deportiert werden sollte.

 

Heute erinnert ein Stolperstein vor ihrem ehemaligem Wohnhaus Eigelstein 122 an die Krankenschwester.

 

Quelle: „Jüdische Pflegegeschichte – Biographien und Institutionen in Frankfurt Main“ 


 

Hilda Wunsch

 

Hilda Wunsch wurde am 4.6.1884 in Assenheim in Hessen geboren. Die ledige Krankenschwester meldete sich am 2.5.1941 von Beuthen in der Collinistr. 47/53 im Israelitischen Krankenhaus an und wohnte ab dem 23.1.1942 in B 7, 3 im Jüdischen Altersheim. Als Jüdin wurde sie laut Mitteilung der Gestapo am 21.8.1942 nach dem Osten deportiert. Hilda Wunsch starb am 26.1.1943 in Theresienstadt.

 

Quellen: Karen Strobel, Stadtarchiv Mannheim - Institut für Stadtgeschichte

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