Virtuelles Denkmal "Gerechte der Pflege"

"... die tolldreisten, machthungrigen Horden, sie konnten den Geist nicht morden!"


Simon Lazarus Straaß

 

Simon Lazarus Straaß wurde am 6.10.1893 in Bad Bergzabern geboren. Er war verheiratet mit
Hildegunde Straaß, geborene Mann, die aber nur Hilda gerufen wurde. Sie wurde am 25.3.1901 in Steinbach am Glan geboren. Sie hatten zwei Kinder, Sohn Walter, geboren am 10.10.1924, und Tochter Mildred Cäthe, geboren am 9.8.1929. Beide Kinder überlebten den Holocaust. Zuletzt wohnte die Familie in Brücken.

 

Das Ehepaar gehörte zu den 825 Juden, die am 22.10.1940 in der Pfalz festgenommen und nach Gurs deportiert wurden. Es ist unklar, welchen Beruf Simon Straaß vorher und ob er eventuell etwas mit Pflege zu tun hatte. Auf jeden Fall arbeitete Simon Straaß im Lager Gurs beim Roten Kreuz als Krankenpfleger für die männlichen Mithäftlinge.

 

Die Bedingungen im Lager Gurs waren in jeder Hinsicht katastrophal. Sehr viele Kinder und alte Menschen waren dort unter menschenunwürdigsten Verhältnissen interniert. Sie konnten wenig entgegensetzen und zahlreiche Gefangene starben. Gerade die sehr alten Menschen, geschockt durch ihre Deportation, reagierten desorientiert, geistig verwirrt. Das war keine leichte Aufgabe für die dort tätigen Pflegekräfte.

 

Am 4.9.1942 wurde das Ehepaar über Drancy nach Auschwitz deportiert, wo sie am 6.9.1942 ankamen. Nach dem Krieg wurden Beide für tot erklärt.

 

Quellen: Juden in Frankenthal; geni


 

Martha Strasser, geb. Decker

 

Martha Decker wurde am 21.11.1910 in Wiebelskirchen als Tochter eines Bergarbeiters geboren. Nach ihrer Volksschulzeit arbeitete sie zunächst als Kindermädchen. 1929 schloss sie sich der SPD im Saarland an und heiratete 1933 Hermann Drumm. Hermann Drumm, aktiv in der Einheitsfront, wurde nach der Saarabstimmung von der Deutschen Front (Zusammenschluss rechter Parteien im Saarland: DNVP, Zentrumspartei, DSVP, Wirtschaftspartei und NSDAP) akut bedroht. Daraufhin floh das Ehepaar nach Frankreich.

 

Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges absolvierte Martha Drumm eine Ausbildung beim Roten Kreuz und arbeitete anschließend als Operationsschwester für die Internationalen Brigaden. Ihr Mann, der ebenfalls für die Internationalen Brigaden kämpfte, fiel im September 1937, drei Monate vor der Geburt des gemeinsamen Sohnes Hermann.

 

Im Oktober 1938 wurde Martha Drumm mit ihrem Sohn nach Frankreich geschickt, da sie völlig erschöpft war. Dort traf sie auf SPD-Genossen im Exil. Diese kritisierten sie und ihren verstorbenen Mann für ihren Einsatz für die Internationalen Brigaden. Daraufhin wandte sich Martha Drumm von der SPD ab und schloss sich einer Gruppe von Emigranten an, die ebenfalls für die Internationalen Brigaden gekämpft hatten.

 

Einer der Emigranten war Josef Strasser, ein Kommunist aus Bayern, den sie 1946 heiratete. 1943 schloss sich das Paar der Résistance an. Im Oktober 1945 zog die Familie nach Bayern, wo Martha Strasser 1946 für die KPD bei der Stadtratswahl in Rosenheim kandidierte.

 

Nach dem KPD-Verbot 1956 zog die Familie Strasser von Rosenheim nach Karl-Marx-Stadt in die DDR (Deutsche Demokratische Republik), später nach Ostberlin, damalige Hauptstadt der DDR. Martha Strasser erhielt den Vaterländischen Verdienstorden der DDR sowie die Florence-Nightingale-Medaille des Internationalen Roten Kreuzes. Am 18.1.2002 starb Martha Strasser in Berlin.

 

Quellen: „Das zersplitterte Nein. Saarländer gegen Hitler“ ISBN 3-8012-5010-5; „Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung Freies Deutschland“ ISBN 3-320-02941-X; Hermann Drumm: „Marta Strasser – Eine Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts (1910-2002)“ im Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft I/2007


 

Sara Straus

 

Sara Straus wurde am 23.3.1920 in 's-Heerenberg geboren. Die Krankenschwester arbeitete im "Centraal Israëlitisch Krankzinnigengesticht Het Apeldoornse Bos". Sie wurde am 25.1.1943 im KZ Auschwitz ermordet.

 

Quelle: Joods Monument


 

Erna Strauß (Strauss)

 

Die jüdische Krankenschwester wurde am 2.12.1887 in Bruchsaal geboren. Sie gehörte dem Schwesternheim Stuttgart in der Dillmannstraße 19 an. Erna Strauß wurde im Dezember 1941 nach Riga deportiert. Vermutlich wurde sie ein Opfer der "Aktion Dünamünde". Alten oder nicht arbeitsfähigen Juden erzählten die braunen Mörder, sie kämen für leichtere Arbeiten in eine Fabrik nach Dünamünde. Stattdessen wurden sie in den Wald von Bikernieki gebracht und in vorbereiteten Massengräbern erschossen. Für Erna Strauß wurde der 26.3.1942 als Todestag angegeben. Heute erinnert ein Stolperstein in der Stuttgarter Dillmannstraße 19 vor dem ehemaligen Jüdischen Schwesternheim an die Krankenschwester.

 

Quelle: Jüdische Pflegegeschichte / Jewish Nursing History – Biographien und Institutionen in Frankfurt am Main, Stolpersteine Stuttgart


 

Georg Streiter

 

Georg Streiter wurde am 14.12.1884 in Berlin geboren. Aus einem Arbeiterhaushalt kommend waren seine Bildungsmöglichkeiten begrenzt. So besuchte der vielseitig interessierte Schüler die Volksschule und machte danach zunächst eine Lehre in einer Textilwarenhandlung. Bereits als Jugendlicher gehörte er dem "Evangelischen Jugendbund für soziale Arbeit" an. So arbeitete er nach seiner Lehre nur kurz als Bürogehilfe und wechselte bald in die Krankenpflege. Als Krankenpfleger bei der Inneren Mission bildete er sich neben seiner Berufstätigkeit unentwegt weiter, belegte Volkswirtschafts-, Theologie-, Sprachkurse und schrieb sich an der Königlichen Kunstschule ein.

 

Georg Streiter trat für eine gewerkschaftliche Organisation des Krankenpflegepersonals auf christlicher Grundlage ein. Am 18.10.1903 wurde er kurz vor seinem 19. Geburtstag Geschäftsführer des neu gegründeten "Gewerkvereins der Krankenpfleger, -Pflegerinnen und verwandter Berufe Deutschlands". Einen Monat später erschien das Verbandsblatt "Der Krankenpfleger", für das er als verantwortlicher Redakteur zeichnete. Bald schloss sich der Gewerkverein unter seiner Führung dem "Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften Deutschlands" an, in dessen Ausschuss er gewählt wurde. Am 13.1.1907 wurde Streiter zum Vorsitzenden des Gewerkvereins gewählt und bekleidete außerdem die Posten des Schriftleiters und Geschäftsführers. Er wurde der erste besoldete Funktionär der Organisation, die sich nun "Deutscher Verband der Krankenpfleger und –Pflegerinnen" nannte. Zu diesem Zeitpunkt zählte der Berliner Verband bereits 879 Mitglieder.

 

Da Georg Streiter regelmäßig als Vorsitzender wiedergewählt wurde, wurde der Verband bald umgangssprachlich als "Streiter-Verband" bezeichnet. Ziel des Verbandes war seine Forderung, dass der Krankenpflegeberuf ein Lebensberuf sein müsste und nicht als Durchgangsberuf angesehen werden darf. Die erforderlichen Bedingungen sollten durch eine wirtschaftliche und soziale Verbesserung der beruflichen Krankenpflege, geregelte Ausbildung und verstärkte Einbeziehung der Frauen in die christlichen Gewerkschaftsorganisationen erreicht werden. Streik sah er als legitimes Mittel der Gewerkschaften an, solange dabei "das Volkswohl nicht in Gefahr" käme.

 

Allerdings war er ein entschiedener Gegner von Sozialismus oder Kommunismus. 1909 waren bereits 1409 Mitglieder organisiert und vor dem I. Weltkrieg übertraf die christliche Gewerkschaft puncto Organisation des Pflegepersonals die freigewerkschaftlichen Konkurrenzorganisationen.

 

Während des I. Weltkrieges übernahm Streiter zur gewerkschaftlichen Arbeit noch weitere Aufgaben. Von 1916 bis 1918 wurde er der Leiter der Kriegsbeschädigtenfürsorge der christlichnationalen Arbeiterbewegung, gehörte dem Brandenburgischen Landesbeirat der Kriegsbeschädigtenfürsorge und dem Beirat der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Krieg Gefallenen an. Für Berlin war er Berufsberater für den Krankenpflegebedarf. Außerdem agierte er als Mitglied des Zentralkomitees des Roten Kreuzes in der freiwilligen Krankenpflege in Belgien, Polen und der Türkei und erhielt für diese Tätigkeit zahlreiche Auszeichnungen wie das Eisernes Kreuz II. Klasse, das Preußische Verdienstkreuz für Kriegshilfe, die Preußische Rot-Kreuz-Medaille 2. und 3. Klasse und die Österreichische Rot-Kreuz-Ehrenmedaille.

 

Nach Kriegsende erhielt der Verband allerdings entschieden weniger Zulauf wie die Konkurrenzorganisation "Reichssektion Gesundheitswesen", die auf etwa 50000 Mitglieder anwuchs, während der Verband 1919 nur etwa 2500 Mitglieder zählte. Ab September 1920 nannte der Verband sich ein weiteres Mal um in "Deutscher Verband für die berufliche Kranken- und Wohlfahrtspflege" und trat dem christlichen "Gesamtverband deutscher Beamtengewerkschaften" bei. Das von Streiter herausgegebene Verbandsblatt führte seither den Untertitel "Zeitschrift für die gesamte berufliche Kranken-, Irren- und Wohlfahrtspflege und die wirtschaftlichen Interessen der Beamten und Angestellten in Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten, Universitäts- und Privatkliniken, Sanatorien, Kur-, Bade-, Massage- und Desinfektionsanstalten und im Fürsorge- und Erziehungswesen (einschließlich der Säuglings- und Kinderpflege)".

 

In den zwanziger Jahren kam der christliche Krankenpflegeverband durch die Geldentwertung in finanzielle Bedrängnis. Deshalb fusionierten die christlich organisierten Krankenpfleger 1922 mit dem christlichen "Zentralverband der Gemeindearbeiter und Straßenbahner" zum "Zentralverband der Arbeitnehmer öffentlicher Betriebe und Verwaltungen", was eigentlich nicht im Interesse Streiters lag. Dennoch leitete er die Fachgruppe des Krankenpflegepersonals im neuen Verband und blieb für die Gewerkschaftszeitung "Deutsche Krankenpflege" bis 1926 redaktionell zuständig.

 

1918 gründete Georg Streiter die Deutsche Volkspartei (DVP) mit und wurde in den Zentralvorstand gewählt. Die nationalliberale Partei lehnte eigentlich die Weimarer Republik und Verfassung ab, entwickelte sich aber bald als Verteidiger der Demokratie, bis die Partei in den dreißiger Jahren einen deutlichen Rechtsruck vollzog. Über diese Partei wurde er 1919 bis 1925 DVP-Stadtverordneter in Berlin und 1921 bis 1924 Abgeordneter des Deutschen Reichstages und avancierte zum gesundheitspolitischen Sprecher der DVP, 1926 bis 1928 war er preußischer Landtagsabgeordneter. In diesen Funktionen setzte er sich immer wieder für die Belange und Forderungen des Pflegepersonals ein, zum Beispiel, als er auf der Düsseldorfer Reichskonferenz am 4.9.1926 die "Grundzüge für ein Reichskrankenpflegegesetz" präsentierte. Seine Bücher "Der Krankenpflegeberuf - kein Durchgangs-, sondern ein Lebensberuf! Ein Weckruf" und "Die wirtschaftliche und soziale Lage der beruflichen Krankenpflege in Deutschland" fanden allgemeine Anerkennung, auch außerhalb seiner Gewerkschaft und Partei.

 

Ab 1927 engagierte er sich für den "Deutschen Beamtenbund" (DBB) und war einer der Gründungsmitglieder der "Reichsarbeitsgemeinschaft des Krankenpflegepersonals im DBB". Er setzte sich für Forschung und Ausbildung in der Krankenpflege weiter in der "Deutschen Gesellschaft für Krankenpflege" ein und war Mitarbeiter des Roten Kreuzes. Georg Streiter gehörte zu den wenigen Funktionären des DRK´s und Berufsverbänden der Krankenpflege, die sich nicht durch die Nationalsozialisten vereinnehmen ließen. Bereits am 15.12.1934 wurde er als Vorstandsmitglied des Deutschen Roten Kreuzes durch die Nazis in Danzig verhaftet. Immer wieder geriet er in Konflikt mit der braunen Diktatur, da er nach dem Grundsatz des Roten Kreuzes auch die Nächstenliebe und Versorgung der Kriegsgegner im Zweiten Weltkrieg einforderte. Am 1.11.1944 wurde er deshalb erneut in seiner Dienststelle im Führungsstab des Deutschen Roten Kreuzes verhaftet. Er wurde ins KZ Ravensbrück verschleppt. Vermutlich wurde er dort im Frühjahr 1945 erschossen.

 

Heute erinnert eine Gedenktafel an den Krankenpfleger und Reichtagsabgeordneten, die zum Mahnmal für die ermordeten Reichstagsabgeordneten in Berlin-Tiergarten gehört.

 

In Thüringen wurde am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Jena das Institut für Pflegewissenschaft nach ihm benannt (Georg-Streiter-Institut).

Quellen: Biographisches Lexikon der ÖTV und ihrer Vorläuferorganisationen / Rüdiger Zimmermann. - Teil 182


 

Herta Striem

 

Herta Striem wurde nach ihrer Geburt am 14.10.1900 in Filehne in Posen evangelisch getauft. Die gelernte Krankenschwester war auch als Missionsschwester tätig. Ab 1921 lebte sie in Berlin. Ihr Vater war da bereits verstorben, der Aufenthaltsort ihrer Mutter unbekannt. Bis 1937 arbeitete sie in ihrem Beruf. Durch Krankheit wurde sie selber zur Patientin. Nach anderen Einrichtungen kam Herta Striem von sich aus am 16.9.1939 nach Erkner in die "Wohnstätten Gottesschutz".

 

Vermutlich wollte Herta Striem durch Pfarrer Grüber in diese Einrichtung. Pfarrer Heinrich Grüber sympathisierte anfangs offen für die Nationalsozialisten. Zwangssterilisationen, Euthanasie, Verfolgung der jüdischen Mitbürger, insbesondere der Christen mit jüdischem Hintergrund, der Personenkult im Nationalsozialismus und vieles mehr ließen ihn zu einem entschiedenen Gegner der Nazis werden. Er gründete das "Büro Pfarrer Grüber" nach der Reichspogromnacht 1938 und versuchte, verfolgten jüdischen Mitbürgern mit evangelischem Glaubensbekenntnis zu helfen. Dezember 1940 wurde der Pfarrer in das KZ Sachsenhausen verschleppt, ab 1941 in das KZ Dachau, das "Büro Pfarrer Grüber" im selben Jahr zwangsweise aufgelöst.

 

Die evangelischen Wohnstätten Gottesschutz gehörten ab 1924 zu den Hoffnungstaler Anstalten Lobetal bei Bernau und damit zu den Bodelschwingschen Heil- und Fürsorgeanstalten Bethel bei Bielefeld. 1933 wohnten in dem Heim 80 Frauen und Mädchen mit einer Behinderung. Die Heimbewohnerinnen arbeiteten in der Landwirtschaft mit und trugen damit zur Eigenversorgung bei. In den Jahren 1933 bis 1945 lebten dort 79 Menschen jüdischer Herkunft mit unterschiedlicher Dauer als Bewohnerinnen oder Mitarbeiter, überwiegend vermittelt durch das "Büro Pfarrer Grüber".

 

Doch die Übernahme der Pflegekosten konnte bei Herta Striem nicht geklärt werden. So verließ sie die Einrichtung auf eigenen Wunsch wieder am 6.10.1939 und ging zurück nach Berlin. Die christliche Konfession schützte sie nicht vor dem Zugriff der Nazis. Die evangelische Missionsschwester musste Sara als Namenszusatz tragen. Nach dem "Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus" wurde Herta Sara Striem mit dem 19. Transport am 5.9.1942 nach Riga deportiert. Sie gilt als "verschollen".

 

Quellen: Aktion Stolpersteine Erkner; Amtsblatt für die Stadt Erkner; Bechstein Journal, Informationsblatt Carl Bechstein Gymnasiums Erkner, 1/2009, Seite 4 - 5


 

Maria Stromberger

 

Maria Stromberger wurde im Frühjahr 1946 von den französischen Besatzungstruppen verhaftet. Man ging davon aus, dass die Oberschwester des SS-Reviers an der Ermordung von Auschwitzhäftlingen beteiligt war. Immer wieder beteuerte sie ihre Unschuld. Das taten damals Alle. Niemand glaubte ihr. Erst als sie Briefe an ehemalige Häftlinge in Polen schreiben durfte, sorgten ehemalige Gefangene und die polnische Regierung für ihre Freilassung. In einem Brief an den polnischen Widerstandskämpfer und ehemaligen Häftling Edward Pys schrieb die „Auschwitz-Täterin“:

 

"Ich stehe in dem Verdacht, während meines Dienstes in Auschwitz Häftlinge mit Phenol ermordet zu haben. Es ist Ernst! Ich bin mitten unter Nazis, SS, Gestapo! Ich als ihr größter Feind! Zusätzlich muss ich mir noch ihre Klagen über die Ungerechtigkeit und schlechte Behandlung anhören. Und ich habe die Erlebnisse in Auschwitz vor Augen! Ich sehe die gequälten Menschen, rieche verbranntes Fleisch und sehe die Kamine der Krematorien. Ich möchte ihnen das hier ins Gesicht schreien, aber ich muss schweigen."

 

Sie war unschuldig. Es ist unklar, wie sie Opfer der französischen Nachkriegsjustiz wurde. Die Rechnung: Krankenschwester+SS+KZ= Täter war in ihrem Fall nicht zutreffend. Vielleicht hatte sie auch ein SS-Täter belastet nach dem Motto: "Und dich ziehe ich mit runter!". Wie kam Maria Stromberger in diese Situation?

 

Die katholische Krankenschwester, geboren am 16.3.1898 in St. Veit, arbeitete während des 2. Weltkrieges dienstverpflichtet als Krankenschwester in einem Infektionskrankenhaus in Königshütte. Von zwei Typhuspatienten aus dem KZ Auschwitz erfuhr sie Grauenvolles und konnte es zunächst nicht glauben.

 

Spontan beschloss sie, sich ins KZ versetzen zu lassen, um die Informationen zu überprüfen und bei Wahrheitsgehalt dort zu helfen. Doch am 1.10.1942 wurde sie nicht in das Häftlingslager, sondern in das SS-Revier eingesetzt. Im Revier mussten auch Häftlinge arbeiten. Zunächst standen ihr diese mit Misstrauen gegenüber, nannten sie sogar SS-Marie. Wie sollten die Gefangenen auch auf die Idee kommen, dass die Oberschwester eines SS-Reviers, noch dazu jemand, der sich freiwillig für die KZ-Arbeit gemeldet hatte, in irgendeiner Form auf der Seite der Verfolgten stehen könnte? Solche Leute kannte man doch zur Genüge.

 

Dann sollte ein Häftling wegen einer gestohlenen Kanne Milch erschossen werden. Geistesgegenwärtig behauptete sie, ihm die Milch gegeben zu haben, die von Typhuspatienten stammte, die die Milch nicht ausgetrunken hätten. Als ein Häftling vor ihren Augen erschossen wurde, fiel die Krankenschwester in Ohnmacht. Langsam begannen die Häftlinge, der Oberschwester zu vertrauen. Maria Stromberger organisierte bald zusätzliche Lebensmittel und Medikamente für die Gefangenen, versorgte sie mit Informationen, knüpfte Kontakte zu einer Widerstandsgruppe im Lager, überbrachte Kassiber, übernahm Kurierdienste nach draußen, versteckte Häftlinge vor der drohenden Ermordung, deckte Fluchtpläne, nach einem Besuch in Bregenz schmuggelte sie sogar zwei Waffen in das KZ.

 

Vor dem Fluchtversuch eines Gefangenen wünschte sie ihm Glück und meinte: Wenn ich nicht wüsste, dass Sie ein ungläubiger Kommunist sind, würde ich Sie segnen. Der Häftling ließ sich segnen. Marias Vorgesetztem, Dr. med. Eduard Wirths, blieb ihr Treiben nicht verborgen. Er warnte sie eindeutig: "Wenn Sie so weitermachen, dann kommen Sie auf die andere Seite des Stacheldrahts."

 

Aber selber offenbar mit den Verhältnissen nicht einverstanden schützte er sie heimlich. Als sie einen Runderlass zur Vernichtung der ungarischen Juden unterschreiben sollte und den Satz: „Ich verpflichte mich dazu, bei dieser Aktion mit allen Kräften mitzuwirken.“ ausstrich, bevor sie unterschrieb, akzeptierte Dr. Wirths es stillschweigend. Irgendwann wurde ihr Verhalten derart gefährlich, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als sie 1944 mit der Diagnose „morphiumsüchtig“ in ein Berliner Krankenhaus einzuweisen. Ansonsten wäre sie vermutlich wirklich auf die andere Seite des Stacheldrahts gekommen.

 

1945 ging sie zurück nach Bregenz. Sie konnte nicht mehr als Krankenschwester arbeiten, nahm Hilfsarbeiten an, Auschwitz blieb an ihr haften. Die Verhaftung vergrößerte ihre Isolation, die Leute mieden sie. Am 25.3.1947 sagte sie als Zeugin in Warschau im Prozess gegen den Lagerkommandanten Rudolf Höß aus. Es war ihr wichtig, aber nocheinmal durchlitt sie während der Gerichtsverhandlung den Lagerhorror, Bilder, Gerüche, Geräusche, die sie nie losließen, die sie schwer traumatisierten und ihre Gesundheit ruinierten. Die Haftzeit 1946 werden ihr Trauma kaum verringert haben. Den anderen Inhaftierten gegenüber konnte sie kaum ihre Gesinnung preisgeben. Sie wäre nicht die Erste gewesen, die unter mysteriösen Umständen in der Haft unter Nazitätern urplötzlich tot aufgefunden wird. Und danach? "Hat sie nicht vielleicht doch - die Oberschwester der SS in Auschwitz?" Mehr und mehr kapselte sie sich ab, schien ihre Freude am Leben verloren zu haben. Niemand erkannte wirklich ihr Leiden, bot professionelle Hilfe.

 

Am 18.5.1957 zog ihr ein Zahnarzt zehn Zähne auf einmal. Mit dem Fahrrad fuhr sie nach Hause, erreichte knapp ihre Wohnung, brach zusammen und verstarb.

Das „Comité International des Champs“, eine Vereinigung der Überlebenden des KZs Auschwitz, rehabilitierten Maria Stromberger vollständig - 1955 wurde sie zur Ehrenpräsidentin gewählt. Deutschland und Österreich brauchten erheblich länger, um der Frau die Ehre zuteil werden zu lassen, die ihr gebührte und sie vom Makel der „Auschwitz-Täterin“ zu befreien. Heute trägt hinter dem Landeskrankenhaus in Bregenz ein Weg ihren Namen.

 

Quellen: Wikipedia; Susanne Emerich: Menschlichkeit in der KZ-Hölle von Auschwitz In: Kirchenzeitung Diözese Linz, 2005/23


 

 

 

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