Virtuelles Denkmal "Gerechte der Pflege"

"... die tolldreisten, machthungrigen Horden, sie konnten den Geist nicht morden!"


Betty Judith Haagens

 

Betty Judith Haagens wurde am 18.6.1925 in Rotterdam geboren. Ihre Eltern waren Joseph Nathan Haagens, geboren am 26.4.1881 in Rotterdam und Elisabeth Haagens, geborene Duizend am 28.11.1885 in Amsterdam.

 

Betty war Krankenpflegeschülerin am Jewish Hospital in Rotterdam, Schietbaanlaan 42.

 

Sie und ihre Eltern wurden nach Sobibor deportiert und dort ermordet.

 

Quelle: Joods Monument


 

Betty de Haan

 

Betty de Haan wurde am 29.10.1921 in Amsterdam geboren. Die Krankenschwester wohnte in Appeldoorn.

 

Betty de Haan wurde am 12.2.1943 in Auschwitz ermordet.

 

Quelle: Joods Monument


 

Cilly Haar, geb. Brauer

 

Cilly Brauer wurde am 29.12.1921 in Berlin geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Simon, geboren am 21.1.1881 in Kowno (Kaunas) Litauen, und die Kindergärtnerin Rosa, geborene Stern am 14.10.1887 in Frankfurt/M. Ihre Geschwister waren Bruder Albert, geboren am 11.12.1918, und ihre Schwester Regina, geboren am 26.9.1925, ebenfalls beide in Berlin. Die Eltern waren gläubig, feierten auch jüdische Feiertage, wenn es die Arbeit gestattete, galten als liberal und assimiliert.

 

Ursprünglich wohnte die Familie in der Pappelallee 62 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, wo Cilly auch 1927 in die Schule Greifshagener Straße, heutige Thomas-Mann-Grundschule, eingeschult wurde. Unter dem Druck der Nazis wurde sie 1934 in die jüdische Mädchenschule in die Auguststraße umgeschult, was einen erheblich weiteren Schulweg für sie bedeutete. Ab 1935 musste die Familie mehrmals umziehen und wohnte zuletzt in einem sogenannten "Judenhaus" in der Keibelstraße. Aufgrund des Geburtsortes des Vaters entzog das nationalsozialistische Regime der Familie die deutsche Reichsbürgerschaft und erklärte sie als Staatenlose, auch die Kinder, obwohl sie in Deutschland geboren und aufgewachsen waren.

 

Familie Brauer erkannte früh die Gefahr durch die Nazis und dass ein Verbleib in Deutschland kaum möglich war. Cilly trat mit vierzehn Jahren dem zionistischen Jugendbund Habonim bei, der sie auf die Ausreise nach Palästina vorbereitete und lernte dort auch Hebräisch. Sie bekam zunächst ein Visum für England und bereitete sich für die Ausreise sechs Monate in Bonn vor. Cilly kam mit einem der letzten Kindertransporte im August 1939 nach England. Geplant war, dass sie dort ein Jahr arbeiten und dann nach Palästina weiterreisen sollte. Der Kriegsausbruch verhinderte die Weiterreise.  

 

Die ersten beiden Jahre in England arbeitete sie als Dienstmädchen. Dann begann sie in London im Lambeth-Hospital, eine psychiatrische Einrichtung, die Ausbildung zur Krankenschwester, arbeitete später im New End Hospital, ein Allgemeinkrankenhaus, und nach der Schließung dieses Hauses 1986 als leitende Nachtschwester im Manor House Hospital bis zum endgültigen Ruhestand. 1947 heiratete sie Alf Haar, mit dem sie drei Kinder hatte.  

 

Cillys Eltern und ihre kleine Schwester wurden am 14.12.1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Auch Cillys große Jugendliebe Adolf Bender wurde dort 1943 ermordet.

 

Ihrem Bruder Albert gelang die Flucht nach Palästina. Er lebte von 1939 bis 1959 in Tel Aviv und kam dann zurück nach Deutschland, weil er in Palästina beruflich nicht seine Wünsche verwirklichen konnte. Er hatte vor der Ausreise nach Palästina auf dem Gut Winkel in Brandenburg im Rahmen der Hachschara Gärtner gelernt, wollte aber eigentlich unbedingt Schauspieler werden. In Deutschland konnte er auch nicht seine beruflichen Vorstellungen richtig verwirklichen. Cilly und er konnten sich in Deutschland treffen und beide genossen das Wiedersehen. Für Albert war der Verlust seiner Familie, die Entwurzelung, die geplatzten Lebenspläne zu viel, er nahm sich später das Leben. Cilly konnte mit den schlimmen Erfahrungen überleben durch ihre eigene Familie. Darum betonte sie bis ins hohe Alter, dass der Familienzusammenhalt eine wichtige Lebensgrundlage sei, was sie an ihre Söhne und Enkelkinder weitergab.

 

Cilly besuchte 1976 auch Berlin, sah dort eine nichtjüdische Freundin wieder, die in großer Armut lebte. Sie bot ihr Geld für einen Gegenbesuch in London an, was diese jedoch ablehnte. Nach Berlin zurückziehen kam für Cilly nicht infrage nach den Verlusten, die sie dort erlebt hatte. England war ihre Heimat geworden.

 

Cilly Haar starb am 11.3.2026 im Alter von 104 Jahren in London.

 

Schüler und Schülerinnen des Schuldemokratiekurses der Thomas-Mann-Grundschule veranlassten am 15.06.2024 die Verlegung von Stolpersteinen für Cilly und ihre Familie vor der letzten freiwilligen Adresse in der Pappelallee 62 im Beisein von Cillys Enkeltochter. Die Schüler*innen und Lehrer*innen gestalteten ein würdevolles Rahmenprogramm zur Verlegung und Cilly konnte an der Zeremonie online teilnehmen.

 

Quellen: Ich danke dem Schuldemokratiekurs 2023 der Thomas-Mann-Grundschule, Jahrgangsstufe 5 bis 6, für die großartige Recherche; YAD VASHEM; Arolsen Archiv


 

Eva Haas, geb. Zimmer

 

Die Säuglingspflegerin Eva Zimmer wurde am 1.6.1920 in Fürth geboren. Ihre Eltern waren Menki Zimmer, geboren am 28.5.1882 in Fürth, und Betty Blümle Zimmer, geborene Möller am 13.6.1884 in Altona. Die Eltern wurden nach Izbica deportiert und in Majdanek ermordet. 1953 wurden sie für tot erklärt. Eva hatte vier ältere Geschwister: Mauri, geboren am 13.3.1911, Alexander, geboren am 16.8.1912, Therese Thirza, geboren am 18.8.1913 und Lilli, geboren am 2.9.1916. Mauri, Therese und Lilli konnten den Holocaust überleben. Ihr Bruder Alexander wurde im KZ Bergen-Belsen am 20.1.1945 umgebracht.

 

Am 16.2.1939 erhielt Eva Zimmer einen befristeten Reisepass zur Auswanderung nach Holland. Sie verließ am 27.4.1939 Nazideutschland. In Enschede schloss sie sich mit ihrem Bruder Alexander der orthodoxen Agoedat Jisra'el, einer Einrichtung der Hakhsharah an. Sie befand sich in einem großen Haus in der Ortschaft Twekkelo im Südwesten von Enschede und nannte sich Wohnstatt Haimer's Esch. 1940 lebten dort etwa 55 Menschen und bereiteten sich in dem Ausbildungszentrum auf ihre Emigration nach Palästina vor. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in den Niederlanden scheiterten derartige Pläne. Wem von Haimer's Esch es nicht gelang, rechtzeitig in den Untergrund zu gehen, wurde interniert. Weniger als die Hälfte der orthodoxen Pioniere überlebten den Krieg.

 

Eva Zimmer lernte in Haimer's Esch Herbert Haas kennen, geboren am 9.3.1916 in Berlin. Die beiden jungen Leute verlobten sich. Eva, ihrem Bruder Alexander und Herbert Haas gelang es nicht, ein sicheres Versteck zu finden. Sie kamen in das Durchgangskonzentrationslager Westerbork. Dort heiratete Eva Zimmer ihren Verlobten. Der Rabbiner Gerhard Frank vollzog die Trauung.

 

Als Herbert Haas nach Auschwitz deportiert wurde, ging Eva Haas freiwillig auf den Transport mit. Beide wurden im KZ Auschwitz ermordet. Für Eva Haas wird der 24.9.1942, für ihren Ehemann der 31.1.1943 als Sterbedatum angenommen. Offiziell gilt Eva Haas als verschollen und wurde für tot erklärt.

 

Quellen: Israelitische Kultusgemeinde Fürth, Memorbuch; Joods Monument


 

Gerda Haas, geb. Schild

 

Gerda, Gerdl gerufen, wurde am 23.11.1922 in Ansbach geboren. Ihre Eltern waren der Metzger Siegfried, geboren 1895 in Heßdorf, und Paula, geborene Jochsberger 1893 in Ansbach. Gerda hatte ein ältere Schwester, Elfriede, Friedl (siehe dort) gerufen, geboren am 22.8.1921 ebenfalls in Ansbach. Die Familie war sehr religiös.

 

Gerdas Großvater Gabriel Jochsberger besaß in Ansbach eine koschere Metzgerei in der Turnitzstraße 5, die ihr Vater weiterführte. In dem großzügigen Haus in der Turnitzstraße 5 wohnte auch die Familie, außerdem Gerdas und Elfriedes Großmutter Sophie Jochsberger und die unverheiratete Tante Adelheid. 1936 verboten die Nazis aus angeblichen Tierschutzgründen das Schächten, was die Familie bereits in finanzielle Bedrängnis brachte.

 

Bis 1936 besuchte Gerda die reguläre Schule und anschließend das Mädchenlyceum. Dort erlebte sie bereits Ausgrenzung und Diskriminierung. Mit zunehmenden Repressalien bildete sich in Ansbach eine jüdische Jugendgruppe unter der Leitung des Rabbiners Dr. Eli Munk und seiner Frau Fanny, die sich "Jüdische Jugendgruppe Ansbach", kurz JJA, nannte und der Gerda und ihre Schwester angehörten. In dieser Jugendgruppe ging es nicht nur um religiöse Unterrichtung und Feste, sondern auch um Freizeitgestaltung, nachdem die jüdischen Kinder und Jugendlichen mehr und mehr ausgegrenzt und Freizeitaktivitäten beschnitten wurden. 

 

Als ihr der Schulbesuch 1938 verboten wurde, verzog sie alleine nach Berlin und machte am jüdischen Mädchenlyceum „Adass Jisroel Schule“ ihren Schulabschluss. Ihre Familie wurde in Ansbach ständig massiv bedroht. Am 28.10.1938 wurde bereits auf den Laden ein Brandanschlag verübt, immer wieder das Haus mit Naziparolen beschmiert. Es kam noch schlimmer. 

 

In der Pogromnacht wurden Gerdas Eltern verhaftet. Nach der Progromnacht kehrte Gerda zu ihrer Familie in die Heimatstadt zurück. Ihre Mutter wurde bald nach Hause entlassen, ihr Vater kam in Nürnberg in sogenannte Schutzhaft. Dort wurde er unter Druck gesetzt, sein Haus zum Schleuderpreis zu verkaufen, um freizukommen. Als die Familie ihre persönlichen Sachen aus dem Haus holen wollten, saß bereits der neue "Besitzer" in ihrem Haus. Die Familie zog nach München, Gerdas Großmutter zu einer ihrer Töchter nach Regensburg, wo sie 1942 starb.

 

Spätestens jetzt hatte die Familie Schild begriffen, dass sie nicht weiter im Deutschen Reich bleiben konnten. Die größte Gefahr sahen sie für den Vater, die Gefahr für die Frauen und Kinder unterschätzten sie. Sie fassten den Plan, dass er zuerst das Land verlassen und die Frauen, sobald er Fuß gefasst hatte, nachholen sollte. Im Juli 1939 gelang ihrem Vater und seinem Bruder die Flucht nach England und im November 1940 dann in die USA. Ihm gelang es jedoch durch den Kriegsausbruch nicht mehr, seine Familie nachzuholen.

 

1939 begann Gerda in Niederschönhausen bei Berlin und anschließend am Jüdischen Krankenhaus in Berlin eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. 1943 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie als Kinderkrankenschwester arbeitete. Dank der Vereinbarung zwischen dem Schweizer Bundespräsidenten und SS-Führer Himmler entkam sie der Hölle von Theresienstadt mit einem Transport in die Schweiz im Februar 1945.

 

Ihre Mutter und ihre Schwester überlebten nicht den Holocaust. Sie wurden  am 20.11.1941 nach Kowno (Kaunas) deportiert und ermordet.  

 

Im April 1946 wanderte sie in die USA aus und sah ihren Vater wieder, den sie über das Rote Kreuz ausfindig machen konnte. Im Herbst 1946 traf Gerda Dr. Rudolph Haas, genannt Rudy, der in Frankfurt am Main am 19.4.1912 geboren wurde und in der U.S. Armee gedient hatte. Er hatte in Deutschland seine gesamte Familie verloren und war wie Gerda sehr gläubig. Sie heirateten und zogen nach Lewiston in Maine, wo er als Arzt eine Praxis eröffnete. Das Ehepaar bekam vier Kinder, zwei Söhne, Leonard und David, und zwei Töchter, Pauline und Hedy.

 

Gerda verließ die Pflege, studierte Bibliothekswissenschaften, wurde Bibliothekarin, Schriftstellerin und setzte sich unentwegt für das Holocaust-Gedenken ein. In den 1970er Jahren war sie Mitglied des Bildungsrats des Bundesstaates Maine. Sie gründete und leitete das „Holocaust Human Rights Center of Maine“, ein Holocaust- und Menschenrechtszentrum. Außerdem war das Ehepaar sehr aktiv in der jüdischen Gemeinde.

 

1992 im Ruhestand zogen sie nach Minneapolis um, wo ihr Mann mit über 80 Jahren weiter als Arzt arbeitete, weil ihm Untätigkeit nicht lag. Ihr Ehemann starb am 9.8.2006 im Alter von 94 Jahren.

 

2012 besuchte Gerda mit fast 90 Jahren auf Einladung von Dr. Frank Fätkenheuer, Geschichtslehrer am Gymnasium Carolinum, die Stadt Ansbach. Er hatte mit seinen Schüler*innen eine Ausstellung zu ihrer Schwester Elfriede erstellt.

 

Gerda Haas starb am 23.6.2021 mit 98 Jahren.

 

Quellen: United States Holocaust Memorial Museum; Synagoge Ansbach; YAD VASHEM; geni.com; Kaspar - Das Stadtmagazin der Hochschule Ansbach Nr. 5, Sommer 2012; Fränkische Landeszeitung vom 4.4. und 5.4.2012


 

Emma Haase

 

Die Berlinerin Emma Haase, Jahrgang 1893, arbeitete seit 1925 in der Charité. 1927 beendete sie die Ausbildung zur Krankenschwester. Sie war Mitglied der KPD, der Kommunistischen Partei Deutschland. Bereits 1926 trat sie einer Betriebszelle der KPD in der Charité bei und war bald deren Organisationsleiterin. Im Rahmen der "Säuberungen" wurde sie 1933 verhaftet und fristlos entlassen. Aufgrund des Mangels an Pflegekräften konnte sie später in der Universitätsfrauenklinik zunächst als Aushilfe arbeiten und wurde ab 1937 fest angestellt.

 

Nach dem Krieg wurde sie als Oberin der Krankenschwestern der Berliner Charité eingesetzt. Sie leitete die Schwesternschaft bis 1950. 1963 verlieh ihr die DDR die Hufeland-Medaille in Gold. Die DDR verlieh diese Medaille für besondere Verdienste oder vorbildliche Initiativen im Gesundheits- und Sozialwesen.

 

Quelle: 27.4.1963 Neues Deutschland; Die Charité: Geschichte(n) eines Krankenhauses, ISBN 305008801X


 

Margarete Haase

 

Margarethe Haase wurde am 19.2.1892 in Wielen in der Region Poznan geboren. Die jüdische Krankenschwester arbeitete und wohnte in einer Privatklinik in der Trautenaustraße 5 in Berlin-Wilmersdorf. Sie wurde am 5.9.1942 vom Bahnhof Moabit nach Riga deportiert.  Der Zug kam am 8.9.1942 in Riga an. Vermutlich wurden die deportierten Menschen sofort erschossen.

 

Quelle: Stolpersteine in Berlin


 

Margarete Haase

 

Die Krankenschwester Margarete Haase arbeitete im Krankenhaus Moabit in Berlin als OP-Schwester. Von ihr existieren kaum Informationen. Anscheinend gehörte sie zu denen, die in die innere Emigration unter dem braunen Mob gingen und daran zerbrachen. Sie nahm sich das Leben. In ihrem Abschiedsbrief schrieb sie, dass sie mit der neuen Zeit nicht zurechtkäme. Offener hätte sie den Grund für ihren Selbstmord kaum anbringen können, um nicht noch andere Menschen in Bedrängnis zu bringen.

 

Quellen: Dr. Christian Pross; "Nicht misshandeln", ISBN 3-88725-109-1


 

Bertha (Rivka) Haberman, geb. Urbach

 

Bertha Urbach wurde am 9.6.1933 in Amsterdam (Niederlande) geboren. Sie war die einzige Tochter des Verkäufers Menachem Alter Urbach, geboren am 17.7.1908 in Lodz (Polen), und der Näherin Fani (Tzipora), geborene Weisz am 23.4.1902 im Gebiet von Satu Mare (Rumänien). Die Familie lebte bereits länger in den Niederlanden und war 1941 in der Valckenierstraat 9 I in Amsterdam gemeldet.

 

Bis jetzt ist nicht bekannt, ob Familie Urbach eine Flucht oder Untertauchen geplant hatte. Jedenfalls waren sie im Durchgangslager Westerbork inhaftiert. Ab wann und wie lange sie in Westerbork inhaftiert waren, ist ebenfalls noch unbekannt. Von Westerbork wurden sie in das KZ Bergen-Belsen deportiert.

 

Dieses KZ war ursprünglich ein Barackenlager für Bauarbeiter eines Truppenübungsplatzes, dass von der Wehrmacht ab 1940 als Kriegsgefangenenlager und Lazarett für Kriegsgefangene benutzt wurde. Ab 1943 übernahm die SS von der Wehrmacht zuerst einen Teil des Lagergeländes und schließlich ganz. Das KZ war für sogenannte „Austauschjuden“ gedacht. Die „Austauschjuden“ waren Häftlinge mit ausländischen Staatsangehörigkeiten, die man gegen im feindlichen Ausland inhaftierte Deutsche oder für Devisen oder dringend benötigte Rohstoffe eintauschen wollte. Die im KZ Bergen-Belsen gefangenen Menschen stellten für die Nazis also nichts anderes als eine "Ware" dar, nur dass sie mit ihrer "Ware" absolut nicht pfleglich umgingen. 

 

Anfangs waren die Lebensbedingungen in Bergen-Belsen etwas besser als in den anderen Konzentrationslagern. Die Inhaftierten konnten auch ihre Zivilkleidung, versehen mit dem Stern, tragen, nicht die hauchdünne Sträflingskleidung. Doch sehr schnell waren die Verhältnisse in Bergen-Belsen verheerend und verschlimmerten sich mit jedem neuen Räumungstransport aus frontnahen Konzentrationslagern. Das KZ war radikal überbelegt, die sanitären Einrichtungen reichten nicht einmal annähernd aus. Terror, Gewalt, harte Zwangsarbeit bei jedem Wetter, stundenlange Appelle, Hunger, fehlendes Trinkwasser, Kälte, unzureichende medizinische und pflegerische Versorgung begünstigten den Ausbruch von Seuchen, besonders Typhus. Ein Opfer dieser Grausamkeiten war Berthas Vater, der am 8.1.1945 mit 36 Jahren starb.

 

Die Nazis planten im März 1945 durch das Vorrücken der alliierten Truppen, die noch lebenden etwa 7000 "Austauschjuden" nach Theresienstadt zu schaffen, um sie bei Verhandlungen mit den Alliierten einsetzen zu können. Zwischen dem 6. und 11.4.1945 starteten deshalb drei Deportationszüge aus Bergen-Belsen nach Theresienstadt. Die Züge irrten durch die Kampfhandlungen tagelang durch die Gegend. Ein Zug erreichte Theresienstadt, ein Zug wurde am 23.4.1945 bei Tröbitz in der Niederlausitz von der Roten Armee befreit. 

 

Am 6.4.1945 wurden 2500 Häftlinge zur Verladerampe des Lagerbahnhofs getrieben, darunter Bertha und ihre Mutter. Am nächsten Tag kamen in Celle noch einmal 179 Menschen aus einem weiteren Transport dazu. Am 8.4.1945 startete der Zug aus Celle mit dem Ziel Theresienstadt ohne ausreichende Verpflegung, ohne medizinische Betreuung und ohne sanitäre Einrichtung bis auf einen Eimer für die Notdurft in den völlig überfüllten Viehwaggons, in denen die Menschen kaum Platz hatten, um sich zu setzen. 

 

Bedingt durch die Kampfhandlungen kam der Zug kaum vorwärts. Am 12.4.1945 endete die Fahrt im circa 170 Kilometer vom KZ entfernten Farsleben in einem Wald, der gegen Fliegerangriffe Deckung bot. Die Deportierten rechneten bereits mit dem Schlimmsten. Nicht grundlos, denn die SS plante, alle Menschen aus dem Zug zu ermorden. Das war bei ihnen eine übliche Vorgehensweise, um die Zeugen ihrer Gräuel für immer verstummen zu lassen. 

 

Aber plötzlich verschwand die SS und am 13.4.1945 tauchten zwei amerikanische Panzer auf und befreiten die Menschen, die aus den Viehwaggons nicht alleine rauskamen. Die amerikanischen Soldaten brachten sie zunächst zur Erstversorgung in einer Kaserne in dem Ort Hillersleben unter. Viele Menschen waren bereits in dem Zug gestorben und nach der Befreiung starben weitere Menschen trotz guter Versorgung, weil sie durch das KZ und die Strapazen der Horrorfahrt zu entkräftet waren. Aber Bertha und ihre Mutter hatten das Grauen überlebt.

 

Nach ihrer Befreiung kam dann Bertha bei einer niederländischen Pflegefamilie unter, die sie aufpäppelten. Anschließend wanderte sie nach Israel aus, absolvierte die Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete jahrelang in dem Beruf. 1973 holte sie ihre Mutter nach Israel nach, die dort drei Jahre später starb.

 

In Israel lernte sie Menachem Haberman kennen. Er war 1927 in Orlová (damalige Tschecheslovakei) geboren, wuchs aber in Munkács (bis zur Münchner Konferenz 1938 Ukraine, dann Ungarn) auf, wo seine Eltern eine Molkerei besaßen. Sein Vater musste Zwangsarbeit leisten und wurde dann von Ungarn an die Front gezwungen. Er überlebte. Menachem musste im Frühjahr 1944 mit seiner Mutter und seinen sieben Geschwistern in das Ghetto von Munkács ziehen und Zwangsarbeit verrichten. Im Mai 1944 wurden alle nach Auschwitz deportiert. Er überlebte Auschwitz, einen Todesmarsch, den Transport nach Buchenwald, entzog sich einem weiteren Todesmarsch und wurde am 11.4.1945 im KZ Buchenwald befreit. Seine Mutter und Geschwister wurden in Auschwitz ermordet. Nachdem sich Menachem in der Schweiz erholen konnte und seinen Vater in der Sowjetunion ausfindig gemacht hatte, wanderte er 1950 nach Israel aus und eröffnete eine Werkstatt in Jerusalem. Später konnte er auch seinen Vater aus der Sowjetunion nach Israel holen.

 

Rivka und Menachem heirateten und bekamen drei Kinder. Ihr Sohn Beni berichtete bei seinem Besuch in Farsleben, dass sie sehr gut ihr Leben meisterte, aber dass niemand in ihrer Anwesenheit den Holocaust erwähnen, nicht einmal das Wort sagen durfte. Das ist ein häufig auftretendes Symptom einer PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung). Betroffene vermeiden und verdrängen alles, was sie an das Trauma erinnern könnte. Diese Strategie, um überleben zu können, geht langfristig in der Regel nicht auf. Rivka entwickelte nach Aussage ihres Sohnes im hohen Alter Ängste. Fuhr beispielsweise ein Rettungswagen mit Sirene vorbei, fürchtete sie, dass man sie abholen wollte. Für die Opfer des Holocaust endete der Schrecken eben nicht mit ihrer Befreiung 1945. Rivkas Mann verarbeitete diese Zeit anders, setzte sich intensiv mit seiner Vergangenheit auseinander und berichtete als Zeitzeuge über seine Verfolgung und Aufenthalte in den Konzentrationslagern.

 

Rivka Haberman starb am 22.4.2013 in Jerusalem.

 

Quellen: Joods Monument; YAD VASHEM; Wikipedia (Verlorener Zug); youtube: Menachem Habermann Holocaust Überlebender; MDR-Dokumentation "Zug ins Leben - Die Befreiung der SS-Geiseln"; geni.com; United States Holocaust Memorial Museum


 

Berta Hagenauer

 

Die Österreicherin Berta Hagenauer wurde am 3.Mai 1903 als Älteste der drei Schwestern Ritter in Graz geboren. Am 21. April 1924 heiratete sie Dr. Simon Baron von Hagenauer in Graz. Er war Jurist und vorerst in der Bezirkshauptmannschaft Graz, später in der Bezirkshauptmannschaft Eisenstadt (Burgenland) tätig.

 

Am 25. Juni 1925 kam ihr einziger Sohn Wolfgang in Wien zur Welt. Berta Hagenauer war im Burgenland sozial und karitativ engagiert. Als Leiterin des Frauenreferates und des Mutterschutzwerkes nahm sie an internationalen Kongressen teil, organisierte Ausspeisungen in armen Gemeinden und hielt Vorträge im Radio. Dabei entwickelten sich Freundschaften zu anderen führenden sozial und politsch aktiven Frauen katholischer Vereinigungen, wie zu Franziska Fürstin von Starhemberg (auch Fanny Starhemberg) oder Leopoldine Miklas (Frau des österreichischen Bundespräsidenten). Berta Baronin von Hagenauer erhielt auch die Ehrenbürgerschaft von Neufeld.

 

Ihr Mann, selbst ein tief religiöser Katholik, war als exzellenter Verfassungsjurist für eine leitende Stelle beim OGH (Obersten Gerichtshof) vorgesehen. Jedoch wurde Baron Hagenauer nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich 1938 auf Grund seiner "christlichen Überzeugung" vom Dienst suspendiert und aus dem Staatsdienst entlassen. Die Familie zog nach Wien und am 27. Februar 1940 starb Hofrat Dr. Simon Hagenauer. Daraufhin arbeitete die Hoftratswitwe als "Heilgehilfin", um als Witwe und Mutter ohne Pension überleben zu können. Ihren Sohn konnte sie auf Grund ihrer früheren Beziehungen nach St. Gallen auf ein Schweizer Internat (Institut Rosenberg) schicken und ihn so der NS-Propaganda entziehen.

 

In den Kriegs-Jahren hatte Berta Baronin Hagenauer immer wieder Jüdinnen in ihrer Wohnung versteckt. Aus religiöser und humanitärer Überzeugung betätigte sie sich in einer Widerstands-Gruppe, denen auch ehemalige österreichische Politiker wie Lois Weinberger (der spätere Vizebürgermeister von Wien), Leopold Figl (der spätere Bundeskanzler) und Felix Hurdes (der spätere Unterrichtsminister und Nationalratspräsident) angehörten.

 

Die oftmaligen geheimen Treffen in ihrer Wohnung wurden aber von der Gestapo entdeckt. Am 22.September 1944 wurde sie und ihre Besucher wegen "Hochverrats" von der Gestapo in ihrer Wiener Wohnung verhaftet. Baronin Hagenauer kam in das Gefangenhaus auf der Rossauer Lände und wurde später in das Bezirksgefängnis in die Schiffamtsgasse verlegt. Sie wurde fast täglich verhört und während der Fliegerangriffe im obersten Stock im Verhörzimmer angekettet und alleine gelassen, schwieg aber standhaft.

 

Am 4. April 1945 entkam sie, nachdem das Gefängnis von einer Bombe im Zuge der Befreiung Wiens getroffen wurde. Mit Hilfe von Freunden konnte sie in den letzten Kriegstagen in einem Spital untertauchen, um ihre in Gefangenschaft erlittenen Herz-Infarkte zu behandeln. Von diesen konnte sie sich nie mehr ganz erholen, wodurch ihr später ein Opferfürsorgeausweis ausgestellt wurde.

Auch andere Familienmitglieder von Berta Hagenauer waren im Widerstand tätig. So ihr Sohn Wolfgang, der an der Seite italienischer Partisanen in Ligurien kämpfte. Oder der Mann ihrer Schwägerin (geborenen Sabine von Hagenauer) Dr. Adolph Proksch, der als Finanzberater von Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg fungiert hatte und als Hochverräter im KZ Dachau interniert worden war.

 

Nach dem Krieg wurde Berta Baronin Hagenauer auf Grund ihrer poltischen Erfahrung (im Frauenreferat und im Mutterschutzwerk in der Vorkriegszeit) ein Nationalratsmandat von der ÖVP angeboten, das sie aber dankend abgelehnt hatte. Sie gründete dann im damaligen Sanatorium Auersperg ein Inhalatorium mit recht großem Erfolg. Berta Hagenauer starb am 22. September 1972, genau 28 Jahre nach ihrer Verhaftung, in Wien.

 

Quellen: DÖW


 

Berta Hahn, geb. Schuster

 

Berta Hahn, geborene Schuster, wurde am 24.12.1911 in Kitzingen geboren. Ihr Vater war der Bäckermeister Hugo Schuster, geboren am 17.8.1879 in Birstein, der in Fürth lebte und arbeitete. Er wurde in Riga am 1.3.1941 ermordet. Ihre Mutter hieß Recha Rachel Schuster, geborene Oppenheimer. Sie war mit Alfred Hahn verheiratet, der bei der Eheschließung der Tochter den Familiennamen gab. Zuletzt wohnte sie in Frankfurt am Main in der Hirschenstraße 21. Die Krankenschwester Berta Hahn wurde am 24.9.1942 oder 26.9.1942 nach Raasiku deportiert. Am 23.8.1944 kam sie in das KZ Stutthof und wurde dort am 19.1.1945 ermordet.

 

Quellen: Israelitische Kultusgemeinde Fürth, Memorbuch; Yad Vashem


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