Virtuelles Denkmal "Gerechte der Pflege"

"... die tolldreisten, machthungrigen Horden, sie konnten den Geist nicht morden!"


Sara Ricardo

 

Sara Ricardo erblickte in Amsterdam am 7.10.1920 das Licht der Welt. Sie erlernte den Beruf als Krankenschwester und arbeitete im "Centraal Israëlitisch Krankzinnigengesticht Het Apeldoornse Bos" in Apeldoor. Die Nazis verschleppten sie in das KZ Auschwitz und ermordeten sie am 5.2.1943.

 

Quelle: Joods Monument


 

Pauline Riedl

 

Über diese Krankenschwester gibt es leider so gut wie keine Informationen. Sie wurde am 8.2.1889 geboren. Es ist anzunehmen, dass sie Österreicherin war. Die Gestapo Wien erfasste sie erkennungsdienstlich am 18.3.1942. Der Operationsschwester wurde ein "Vergehen nach dem Heimtückegesetz" vorgeworfen. Das Heimtückegesetz schränkte unter anderem das Recht auf freie Meinungsäußerung ein und kriminalisierte alle kritischen Äußerungen über die NSDAP, Hitler, Kriegsverlauf, etc. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.

 

Quelle: DÖW.


 

Annie Ritter, geb. Murray

 

Annie Murray wurde 1906 in Aberdeenshire, Schottland, geboren. Ihre Eltern besaßen einen kleinen Bauernhof und hatten insgesamt acht Kinder.

 

Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und setzte sich als Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens politisch für das Krankenhauspersonal ein, um Löhne und Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals zu verbessern.

 

Im spanischen Bürgerkrieg meldete sie sich wie zwei ihrer Brüder zu den Internationalen Brigaden. Murray arbeitete in unterschiedlichen Krankenhäusern, bis sie Spanien im Februar 1939 verließ. Später arbeitete sie als Kinderkrankenschwester und heiratete 1948 Frank Ritter.

 

Annie Ritter-Murray starb 1997.


 

Elsa Ruth (Spitz- oder Rufname Rosa) Rieser

 

Elsa Ruth Rieser wurde am 30.1.1892 in Laupheim geboren. Sie wurde als Kind nur Rosa genannt, weil eine ihrer Cousinen ebenfalls den Vornamen Elsa trug. Ihre Briefe, aber auch bei Behörden unterschrieb sie in der Regel mit Rosa oder Ruth Rosa Rieser.

 

Ihre Eltern waren der Kaufmann Heinrich Baruch Rieser und Babette Rieser, geborene Gump. Sie hatte drei Schwestern. Ihre älteste Schwester Hermine Rieser, geboren am 2.7.1884, starb einen Tag nach ihrer Geburt. Klothilde (Clothilde) Levi, geboren am 2.2.1887, wurde im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Hedwig Meinstein, geboren am 10.7.1890, wurde am 28.2.1942 in Riga umgebracht.

 

Rosa besuchte wie ihre Schwestern in Laupheim die Jüdische Volksschule. Vermutlich besuchte sie anschließend die Realschule. Sie engagierte sich in Laupheim schon früh in der „Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz“ als Rote-Kreuz-Helferin. Im Ersten Weltkrieg war sie als Hilfsschwester ab 15.8.1914 im Vereinslazarett in Laupheim, wurde anschließend in Kriegslazaretten Calimanesti in Rumänien und Morlanwelz in Belgien eingesetzt. Wie es damals üblich war, wurde sie durch den Lazarettdienst zur Berufskrankenschwester befördert. Für ihren Kriegseinsatz wurde sie mit dem Württembergischen Charlottenkreuz und der Preußischen Rote-Kreuz-Medaille ausgezeichnet.

Am 28. November 1918 trat sie in das jüdische Schwesternheim in Stuttgart in der Dillmanstraße ein und legte das Examen als Krankenschwester ab. Bis 1933 arbeitete sie in der Hauskrankenpflege sowohl bei christlichen wie jüdischen Patienten. Später durften die jüdischen Krankenschwestern nur noch ausschließlich jüdische Patienten pflegen.

 

Ihre Erlebnisse ab 1933 schilderte sie als Zeitzeugin am 12.7.1961 für das Gedenkbuch „Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden“:

 

„Die Kristallnacht brachte uns einen großen Umschwung. Viele Leute suchten Obdach. Am anderen Morgen mussten alle auf Befehl das Haus (Anmerkung: Schwesternheim in der Dillmannstraße) räumen. Wir wurden von da an dauernd mit Schikanen belästigt, sei es im Essen, Wohnen, unser Heim wurde ein Massenquartier. Im Jahre 1941 mußten wir das Heim innerhalb von 12 Stunden mit vielen alten Leuten und Schwestern für die Hitlerjugend räumen.

Dann kamen wir ins Altersheim, anschließend nach Dellmensingen in ein Massenlager, natürlich wurde das Essen knapp und die Behandlung auch entsprechend. Wir durften das Haus nicht verlassen ohne Ausweis vom dortigen Bürgermeister.

 

Am 22. August 1942 kamen wir in das Sammellager Killesberg/Stuttgart, von wo aus 1200 Leute nach Theresienstadt abtransportiert wurden (Anmerkung: Abfahrt 22.8.1942, Ankunft 23.8.1942, Transportnr. XIII/1, 1078 Menschen). Schon unterwegs starben gesunde und kranke Leute. Wir wurden im Viehwagen eingepfercht, auf dem Boden etwas Stroh, Verpflegung gab es natürlich nicht. Es wurde uns versprochen, dass wir in ein Altersheim kommen. Aber die Enttäuschung war groß, als wir in Theresienstadt auf dem Dachboden einer Kaserne landeten. Dort waren schon tausend Leute auf dem Steinboden ohne Unterlage, nur das Bettzeug wurde gestattet, Kissen, Wolldecke, Fenster waren keine da, nur Dachluken.

 

Durch das wenige Essen und sonstige Entbehrungen starben täglich so und so viele Leute an Typhus und Ruhr. Das Wasser mussten wir zum Putzen und übrige Arbeiten 4 Treppen vom Hof in kleinen Eimern tragen. Oft wurde der Brunnen abgestellt. Für die Putzarbeiten mußten wir Chlorkalk nehmen.

Jeden Tag gingen Transporte nach dem Osten. Von Österreich, der Tschechoslowakei, Holland, Polen und Deutschland kamen dauernd Transporte an, sobald welche von Theresienstadt abgingen, wurde wieder frisch aufgefüllt.

Die Leute, die nicht zu krank und zu schwach waren, mussten schon arbeiten, teils in Fabriken und Betrieben für das Militär oder wurden zu anderen Arbeiten eingesetzt. Es gab nie einen freien Tag, weder Sonn- noch Feiertag.

 

1944 bekam ich eine Brandblase durch einen defekten Ofen. Meine Finger wurden nur mit einer unsterilen Schere aufgeschnitten, was sofort eine Blutvergiftung – Phlegmone – verursachte. Der Körper war vollständig unterernährt mit 70 Pfund. Der Finger musste amputiert werden, die Vergiftung breitete sich weiter am Arm aus und ist trotz 18 Operationen nicht zu retten gewesen. Ich verlor im Februar 1944 meinen Arm und konnte monatelang nicht mehr aufstehen. Ich wurde für medizinische Versuche für das Militär benutzt. Mein größter Kummer war, meinen Beruf als Schwester nicht mehr ausüben zu können. Ich habe später im Lager trotzdem, so weit es ging, Nachtwachen und andere Arbeiten verrichtet.“ (Stadtarchiv Stuttgart SO 172, M-R)

 

Diese medizinischen Versuche für das Militär retteten ihr das Leben, denn dadurch wurde sie nicht nach Auschwitz deportiert. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie bereits, was die Deportationen nach Auschwitz bedeuteten. Resi Weglein schrieb dazu in ihren späteren Lebenserinnerungen: „Ruth Rieser, Berufsschwester aus Stuttgart, verlor infolge Betriebsunfalles den linken Arm, wurde durch den letzten Lagerkommandanten Rham zweimal aus Transporten ausgeschieden, weil sie sich freiwillig zu Versuchszwecken zur Verfügung gestellt hatte.“

 

Am 9.5.1945 beendete die Rote Armee den Horror von Theresienstadt. Das Sterben ging aber weiter. Im KZ tobte die Tuberkulose und Flecktyphus und forderte jeden Tag weitere Opfer. Theresienstadt war unter Quarantäne. Am 19.6.1945 fuhren drei Busse vor. Sie kamen aus Stuttgart und sollten die Württemberger Juden abholen. Tausende jüdische Mitbürger waren deportiert worden, 120 kehrten nach Stuttgart zurück. Die Rückkehr war schmerzlich. Rosas Familie war ausgelöscht, sie hatte keine Verwandten mehr. Das Elternhaus hatte man ihrer Familie geraubt. Das Schwesternheim existierte nicht mehr. Wo sollte sie hin?

 

Sie blieb die nächsten vier Jahre im DP-Lager (DP-Lager = Einrichtungen zur vorübergehenden Unterbringung sogenannter Displaced Persons). Das DP-Lager befand sich im früheren Sanatorium Katz. Rosa verrichtete hier hauswirtschaftliche Arbeiten für das Lager. Im Oktober 1945 stellte sie den Antrag auf Rückgabe ihres Elternhauses. „Schon“ 1950 entschied das Landgericht zu ihren Gunsten. Vielleicht hatte man ja insgeheim gehofft, dass sich das Problem von alleine löst, aber nicht mit Rosas Lebenswillen gerechnet. Nach dem, was ihr in Laupheim widerfahren war, zog sie nicht zurück, sondern verkaufte das Haus.

 

1946 erstellte sie auf Wunsch des damaligen Bürgermeisters von Laupheim eine Liste der 65 deportierten Laupheimer, die sie selber persönlich kannte. Sie hatte als Einzige überlebt.

 

Am 4.4.1950 zog sie in das Saul-Eisenheim-Seniorenheim nach München. Sie hatte einen ständigen Kleinkrieg mit den Behörden um notwendige Kuren. Dazu schrieb sie 1961:

 

An all das, was ich durchgemacht habe, denke ich natürlich nicht gerne zurück. Nur mein körperlicher Zustand zwingt mich täglich, an das Geschehene zu erinnern. Als ich vor drei Jahren vom Landesentschädigungsamt wegen meines schlechten Allgemeinzustandes einen Kuraufenthalt beantragte, musste ich mir von dem untersuchenden Arzt erklären lassen, dass ich eine Kur nicht benötigen würde. Ich sollte mir vielmehr meinen Armstumpf trotz meines schlechten Gesundheitszustandes abnehmen lassen. Dann würde es mir besser gehen. Als ich dieses Jahr nochmals den Versuch machte, einen Kuraufenthalt bewilligt zu bekommen, bekam ich von demselben Arzt wieder das Gleiche zu hören.

 

Soviel zu den angeblich mehr wie großzügigen Entschädigungen der jüdischen Überlebenden. Und man sollte auch dabei nicht vergessen, wann die Leute, die zum Beispiel solche Anträge bearbeiteten, ihre Ausbildung und Studium gemacht hatten. Nach einem ewigem Hickhack bekam sie endlich die Kur und ihr Gesundheitszustand stabilisierte sich. So konnte sie noch 34 Jahre lang in dem Altenheim leben, in dem sie ausgesprochen beliebt war.

 

Elsa Ruth Rieser, besser Ruth Rosa Rieser, starb am 8.4.1984 in München mit 92 Jahren.

 

Quellen: Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung - Gedenkbuch; "Als Krankenschwester im KZ Theresienstadt",  ISBN 10: 3925344349 ISBN 13: 9783925344343


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