Pflegekräfte in Theresienstadt

 

"Der Führer schenkt den Juden eine Stadt"! So nannten ironisch die jüdischen Häftlinge den Propagandafilm, den die Nationalsozialisten 1944 über Theresienstadt (heute Terezin in der Tschechischen Republik) drehten. Für diesen Film nutzten die Nazis die zahlreichen kulturellen Angebote, geschaffen von vielen Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern, die im Ghetto interniert waren, für ihre Zwecke aus. Die meisten Menschen, die am Film mitwirkten, darunter etliche Kinder, wurden kurz darauf in Auschwitz vergast.

Am 23.6.1944 gestatteten die Nazis einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes eine Besichtigung des Ghettos, um zu beweisen, dass sie die internierten Juden human behandeln würden. Dafür wurden aufwendige Reinigungs- und Anstreichaktionen im Vorfeld durchgeführt, Cafés und Geschäfte eingerichtet, eine Bank mit "Ghettogeld" installiert, um den Eindruck einer ganz "normalen Stadt zu erwecken. Zahlreiche Ghettobewohner wurden vor der Besichtigung nach Auschwitz deportiert und umgebracht, damit die Überbevölkerung in Theresienstadt nicht auffiel.

Das "Vorzeigeghetto" war ab November 1941 Sammellager für Juden. Bis Juli 1943 wurden dort 73500 Menschen aus dem sogenannten "Protektorat Böhmen und Mähren" zusammengepfercht und interniert. Hinzu kamen etwa 5000 Juden aus den besetzten Niederlanden, unter ihnen zahlreiche deutsche Emigranten. Aus Polen wurden 1270, aus Ungarn 1100 und aus Dänemark 470 Menschen dorthin deportiert. Ab Juli 1942 wurden knapp 43000 Menschen aus Österreich und Deutschland nach Theresienstadt verschleppt. Gleichzeitig wurde es für über 70000 Menschen Durchgangsstation für Deportationen in die Vernichtungslager im Osten.

Den jüdischen alten Mitbürgern aus dem deutschsprachigen Raum hatte man weisgemacht,   dass sie zu einem ruhigen, schönen Alterssitz für Juden kämen, wo sie sich allerdings einkaufen müssten: "„Theresienbad"“. Die braunen Verbrecher hatten so den Alten ihr Geld abgegaunert. Sie kamen ahnungslos in dem Ghetto an. In dem einzigen Koffer, den sie mitbringen durften, schleppten sie Sachen heran, mit denen sie ihre "„sonnigen Südzimmer"“ zu verschönern gedachten. Für Theresienstadt unnützes Zeug, denn zum Überleben benötigten sie eher praktische Dinge wie einen Löffel, Becher, Teller, warme Kleidung, Decken.

Statt des behaglichen Altersruhesitz erwartete sie in dem restlos überfüllten Lager, bewacht von der tschechischen Gendarmerie unter dem Kommando der SS,  Hunger, Kälte, Elend und unbewohnbare Räume. Viele reagierten auf diesen Schock mit Verwirrtheit. Unter diesen Verhältnissen findet sich eine weitere Spur von jüdischen Pflegekräften. Die anfangs zahlreich gut ausgebildeten Pflegenden nahmen sich der geblendeten Alten an. Das bedeutete eine extreme Überforderung. Denn es fehlte an allem: bewohnbare Zimmer, medizinische Geräte, Pflegeutensilien, Medikamente. Die Kapazitäten der Krankenstationen reichten nie aus.

Und immer weitere Transporte mit Alten, Kranken und Geisteskranken trafen auf der Bahnstation Bohuschowitz von Theresienstadt ein. Denn viele Juden verloren durch den Naziterror den Verstand. Hunderte von psychisch Erkrankten wurden in Theresienstadt versorgt. Es sollte nur einen kurzen Aufschub bedeuten.  Die Insassen der psychiatrischen Anstalt des Ghettos wurden ebenfalls in die Vernichtung geschickt. Makabererweise zog man die gehunfähigen Menschen in Leichenwagen zur Krankenstation. Ein anderes Transportmittel für sie gab es nicht.

Das Einzige, was die Krankenschwestern diesem Elend entgegensetzen konnten, war ihr persönliches Engagement. Trotzdem starben viele der Alten und Kranken schon kurz nach ihrer Übersiedlung in das Ghetto. Etwa 33500 Menschen überlebten Theresienstadt nicht. Und hilflos mussten die Pflegekräfte zusehen, dass viele ihrer Betreuten nach kürzester Zeit wieder auf den Leichenwagen saßen oder lagen. Nach der "„Schleuse"“  transportierte man sie zu den Viehwagen nach Auschwitz.

Die pflegerische Tätigkeit konnte lebensgefährlich werden. Oft trieb man kurzerhand auch das Pflegepersonal in die Waggons. Sie sollten unterwegs die Hilflosen betreuen. Es war in der Regel ihr Todesurteil. Denn erbarmungslos trieb man sie in Auschwitz mitsamt ihren Schützlingen in die Gaskammern.

Die Arbeitsbedingungen im Ghetto Theresienstadt waren grauenvoll. Es lässt sich vermutlich nicht mehr feststellen, wieviele Pflegekräfte und Hilfskräfte dort wirklich arbeiteten. Grob geschätzt müssten es wenigstens zweitausend Menschen gewesen sein. Nur ein Bruchteil von ihnen konnte namentlich dem Vergessen entrissen werden.

Paula Adelsheimer

Gertrud Alsberg, geborene Weiss

Ernestine (Erna) Aufricht

Johanne Aufricht

Pauline Juliane Bachrach

Paula Block

Lilly Madeleine Derenberg

Ruth Ehrmann

Margit Frankau (Rosenthal)

Henriette Frensdorf

Johanna Gottschalk

Erna Heimberg

Paul Holzmann

Anneliese Jonas 

Fanny Kallmann

Ruth Kauders

Fanny Leibowitz

Dora Meyer, geborene Lichtmann

Mathilde Münzer

Amalie Noafeldt

Sarah Nußbaum

Margot Ilse Regensberg

Elsa Ruth Rieser

Herta Rosenstein, geborene Klyszcz

Mirjam Sachs

R. Schmal

Trude Simonsohn

Sophie Sondhelm

Resi Weglein

Ottilie Winter

Hilda Wunsch

Johanna Ziegelroth

Zum Jahreswechsel 1943 / 1944 müssten nach Berichten in Theresienstadt noch 29 ausgebildete Krankenschwestern gearbeitet haben. Im Oktober 1944 waren es sogar vermutlich circa vierzig Pflegekräfte. Die Tagebuchaufzeichnungen von Alisah Shek belegen aber für November 1944 nur noch zwei Krankenschwestern. Dabei stieg die Anzahl der Kranken unaufhörlich. Dafür mitverantwortlich waren letzte "„Säuberungenaktionen"“ gegen jüdische Mitbürger und laufende "„Evakuierungstransporte"“ aus anderen Konzentrationslagern in der Endphase der Nazis.

 Beispielsweise trafen am 19.11.1944 aus Westerborg 49 ausgehungerte Kinder zwischen ein und siebeneinhalb Jahren mit zwei Betreuerinnen ein. Im Gepäck: Scharlach, Diphterie, Masern. Am 8.2.1945 kamen fünfzig verwundete ungarische Juden aus der Organisation Todt. Auch sie dem Hungertode nahe waren von sämtlichen Läusearten befallen. Der Kampf gegen die Läuse erledigte sich spätestens am 8.3.1945. Da erreichten 1700 restlos verlauste Ungarn und Slowaken Theresienstadt. Diese einzeln herausgepickten Beispiele aus Dutzenden verdeutlichen den Sisyphuskampf gegen Krankheiten und Seuchen im überfülltem Ghetto. Den unterernährten Menschen mit überharten Arbeitseinsätzen und der psychischen Anspannung durch die Lebenssituation fehlten die nötigen Abwehrkräfte. Und für die Bekämpfung der seuchenartig ausbrechenden Krankheiten wie Typhus und Fleckfieber fehlten zumeist wie auch in den Konzentrationslagern die Medikamente und zum Ende hin das Personal.

 

Daran änderte sich auch nichts durch die Delegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, die am 6.4.1945 Theresienstadt inspizieren konnte. An diesem Tage gab es zwar eine großzügige Extraportion Essen und eine menschenwürdigere Behandlung. Erkauft wurde dieser Tag mit grenzenlosen Schikanen und zusätzlicher Arbeit in den Wochen davor, wo Theresienstadt "„herausgeputzt"“ wurde für die IKRK-Delegation, die das Ghetto nicht unangemeldet besuchen durfte. Am Tage danach schlug die SS wieder erst richtig hart zu.

 

Ab etwa März 1945 kam noch ein Problem dazu, was das Leben in Theresienstadt nicht leichter machte. Mit den Transporten aus den "evakuierten"“ KZ´s verlegte die SS auch Schwerverbrecher aus Deutschland ins Ghetto, von denen sich die jüdischen Bewohner, ohne jegliche Möglichkeit der Gegenwehr, massiv bedroht fühlten. In dem ganzen Chaos versahen die Krankenschwestern Ruth Ehrmann (siehe Virtuelles Denkmal) und Váva Schön (siehe Virtuelles Denkmal) mit dem Arzt Dr. Schorsch alleine die Krankenambulanz. Zehn bis zwanzig Menschen starben zu diesem Zeitpunkt täglich im Krankenrevier, dass sich völlig überbelegt in einer hygienischen Katastrophe befand. Viele Kranke machten unter sich, da sie nicht mehr in der Lage waren, aufzustehen und die Latrinen zu erreichen. Die sowjetische Armee, die schließlich Theresienstadt übernahm, versprach, die Kranken in Lazarette zu verlegen. Aber der russische Arzt traute sich erst gar nicht in die Krankenabteilung hinein. Nur die Gehfähigen wurden verlegt.

Nach langen Verhandlungen gelang es am 5.2.1945 dem Internationalen Roten Kreuz, dass 1200 Juden in die Schweiz ausreisen konnten (siehe Virtuelles Denkmal: Sarah Nußbaum). Die bis dahin überlebenden dänischen Juden konnten am 15.4.1945 das Lager Richtung Schweden verlassen. Theresienstadt wurde Ende April von der SS an das Internationale Rote Kreuz übergeben, ab 8.5.1945 war die Rote Armee für das Ghetto zuständig. Doch das Sterben hörte in Theresienstadt mit der Befreiung nicht auf, denn viele Menschen waren zu schwach und krank, um das Lager verlassen zu können (siehe im Virtuellen Denkmal: Ruth Ehrmann).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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