Virtuelles Denkmal "Gerechte der Pflege"

"... die tolldreisten, machthungrigen Horden, sie konnten den Geist nicht morden!"


Marta Anna Sindlerová

 

Marta Anna Šindlerová wurde am 10.5.1897 in Zruci bei Sázavou geboren. Nach der Handelsschule arbeitete sie zunächst in einem Büro eines Kaufhauses. Sie wollte aber unbedingt Krankenschwester werden. Als 1916 die tschechische Krankenpflegeschule in Prag öffnete, meldete sie sich sofort dort an. Nach Abschluss ihrer Ausbildung begann sie auf der Inneren zu arbeiten.

 

In den nächsten Jahren engagierte sie sich intensiv für eine weitere Professionalisierung der Pflege und baute maßgeblich das Gesundheitssystem in Tschechien mit auf. Daneben absolvierte sie Studiengänge in England, Prag, USA und Kanada für Gesundheits- und Sozialwesen. Besonders für Mütter und Kinder organisierte sie wesentliche Verbesserungen in der Beratung und Gesundheitsvorsorge. Sie nahm großen Einfluss auf die Pflegeausbildung, gründete den ersten tschechischen Schwesternverband und war maßgeblich daran beteiligt, das Image der Krankenschwestern zu verbessern. Auf ihre Initiative erschien im Jahr 1937 die erste Schwesternzeitschrift.

 

Unter der deutschen Besatzung wurden bald der Schwesternverband aufgelöst und die Zeitschrift eingestellt. Heimlich ging die Arbeit weiter und wurden Konzepte für die Nachkriegszeit entwickelt. Marta Šindlerová leitete in der schwierigen Besatzungszeit die Pflege- und Gesundheitsdienste in Familien. Daneben unterstützte sie heimlich die Familien von inhaftierten oder illegalen Arbeitern, verschaffte ihnen Essen und medizinische Versorgung. Beim Prager Aufstand organisierte Šlinderová die Verwundetenversorgung.

 

Nach der Befreiung blieb Šindlerová im Gesundheitsministerium tätig und reformierte weiter besonders die Pflegeausbildung. Die politischen Umwälzungen machten auch vor Marta Anna Šindlerová nicht halt. Doch sie nahm die neuen Herausforderungen an. Bald organisierte sie wieder gesundheitliche Vorsorge, strukturierte die Krankenpflege, arbeitete an der Lebensmittelüberwachung, Wohnqualität und Gesundheitserziehung. 1959 ging Marta Anna Šindlerová in den Ruhestand. Später lebte sie mit ihrer ehemaligen Kollegin, Mitstreiterin und lebenslangen Freundin Jarmila Roušarová im Altersheim in der Sulická-Straße in Prag. Die beiden alten Damen hatten weiterhin ein reges Interesse an der Entwicklung der Krankenpflege. 1967 wurde Marta Anna Šindlerová mit der Florence Nightingale Medaille ausgezeichnet.

 

Quelle: Florence 2/2010, Seite 18, www.florence.cz


 

Pessil Singer-Kupfer

 

Die jüdische Krankenschwester Pessil Singer-Kupfer wurde am 9.5.1906 in Przeworsk geboren. Przeworsk ist eine Stadt im Karpatenvorland in Polen. Ihr Name stand auf der Deportationsliste des 20. Deportationszuges vom Sammellager Mechelen (siehe Régine Krochmal) in Belgien in das Vernichtungslager Auschwitz. Weitere Lebensdaten sind mir unbekannt und auch, ob sie den Holocaust überlebte.

 

Ich danke für die Recherche Frau Laurence Schram vom Jüdischen Deportations- und Widerstandsmuseum (JDWM) in der ehemaligen Mechelner Dossinkaserne. http://www.kazernedossin.be/  


 

Franz Sitter

 

Der Krankenpfleger Franz Sitter wurde am 6.2.1902 in Winterberg geboren. Zuerst erlernte er den Beruf eines Maschinenschlossers. Ab Juli 1925 wurde er als Krankenpfleger im "Irrendienst" in der Heil- und Pflegeanstalt Ybbs eingestellt. Im März 1927 absolvierte er die "einfache Fachprüfung" für Irrenpflege. 1929 heiratete er. Seine Frau gebar ihm zwei Kinder: Franz und Renate. Franz Sitter hatte also etwas zu verlieren. Nach seiner Verbeamtung im Juni 1930 legte er die "besondere Fachprüfung" ab, die ihn für die pflegerische Leitungstätigkeit qualifizierte. Sitter liebte seinen Beruf, wurde stets durch seine Dienstherren überdurchschnittlich bewertet.

 

Völlig überraschend wurde Franz Sitter im Oktober 1940 von zwei Herren in Uniform gefragt, ob er bereit sei, sich "notdienstverpflichten" zu lassen, um beim Transport und Verlegungen von Geisteskranken zu helfen. Überrascht sagte Sitter seine Mitarbeit zu. Er unterschrieb die für Hartheim geltende sogenannte "Schweigeerklärung". Zwei Tage später begleitete er den ersten Transport aus der Heil- und Pflegeanstalt Ybbs. Über das Ziel ließ man Sitter im Unklaren. Er begleitete weitere Transporte. Als er Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Feldhof (Graz) nach Niedernhart holte, wollte er wissen, weshalb die Patienten auf dieser langen Fahrt nichts zu essen und nichts zu trinken bekamen. Ihm wurde schroff mitgeteilt, dass ihn das gar nichts angehe.

 

Sitter kapselte sich ab, mochte an der Zerstreuung des Personals in Form von Gemeinschaftsabenden und Saufgelagen im Schloss nicht teilnehmen. Ihm wurde der Zweck der Anstalt, nämlich die Vergasung von Geisteskranken, bewusst. Denn er wurde bald nicht nur als Begleiter bei den Transporten eingesetzt, sondern musste auch bei der Entkleidung der Opfer helfen und Etiketten für Urnen anfertigen.

 

Sitters Gewissen rebellierte gegen diese Ungeheuerlichkeit. Er ersuchte um die sofortige Enthebung von seiner Dienstverpflichtung. Er meldete sich beim ärztlichen Leiter der Anstalt, Dr. Lonauer, und forderte "seine sofortige Zurückversetzung in die Heil- und Pflegeanstalt Ybbs".

 

Dr. Lonauers Wink auf finanzielle Vorteile ignorierte er. Es bestand immerhin die Gefahr, ins Visier der Gestapo zu geraten, wenn er sich der Notdienstverpflichtung entzog. Auch dieses Risiko konnte ihn nicht schrecken. Die Drohung mit dem sofortigen Einrücken in die Wehrmacht nahm er billigend in Kauf. Er benötigte keine Bedenkzeit. Er musste von Hartheim weg und zwar sofort. Nach neun Tagen wurde seine Zurückversetzung nach Ybbs bewilligt. Drei Monate nach Sitters Rückkehr aus Hartheim wurde er von der Deutschen Wehrmacht am 6.2.1941 zum Kriegsdienst an der Front eingezogen. Ein Schicksal, dass er mit Tausenden anderer Österreichern teilte.

 

Franz Sitter überlebte den Krieg und geriet beim Zusammenbruch des Deutschen Reiches in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Bis April 1946 war er Sanitäter in einem amerikanischen Reserve-Lazarett. Anfang Mai 1946 kehrte er nach Ybbs zurück.

 

Er wurde in der Heil- und Pflegeanstalt wieder als Pfleger angestellt. 1947 stellte das Volksgericht Linz fest, dass Franz Sitter nichts mit den Morden in Hartheim zu tun hatte. Er war der Einzige von acht Pflegerinnen und drei Pflegern, der seinen "Dienst" dort aus Gewissensgründen glattweg verweigerte.

 

Im Mai 1952 wurde er in Ybbs Oberpfleger. Ende 1967 ging er in den Ruhestand. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Ybbs, wo er im November 1980 verstarb. Über die Vorfälle in Hartheim und seine Notdienstverpflichtung hat Franz Sitter nie wirklich gesprochen, selbst seinen Kindern erzählte er nur äußerst bruchstückhaft davon.

 

Quelle: Gerhard Fürstler, Peter Malina: Der psychiatrische Krankenpfleger aus Ybbs/Donau: FRANZ SITTER (Österreichische Pflegezeitschrift 5/03)


 

Abraham Sjouwerman

 

Abraham Sjouwerman wurde am 12.10.1915 in Amsterdam geboren. Seine Eltern waren Mozes Sjouwerman und Dina Sjouwerman-Bonn. Am 18.3.1942 heiratete er die Büroangestellte Betty de Beer. Seine Ehefrau wurde am 3.2.1917 in Amsterdam geboren. Sie wurde am 24.9.1943 im KZ Auschwitz ermordet. Abraham Sjouwerman arbeitete im "Centraal Israëlitisch Krankzinnigengesticht Het Apeldoornse Bos". Der Krankenpfleger wurde am 6.1.1944 in Auschwitz ermordet.

 

Quellen: Joods Monument


 

Hilde Slager, geborene Seligmann

 

Die orthodoxe Jüdin Hilde Seligmann wurde 1908 in Ketwig im Ruhrpott geboren. Zunächst arbeitete sie in der Modebranche. Nach ihrer Lehre war sie Einkäuferin von Stricksachen in der Kinderkonfektion. 1933 ging sie auf Drängen ihrer Mutter nach Holland. In Enschede fand sie eine Anstellung in einem Geschäft für Mädchenbekleidung, wo sie 1934 ihren Mann, einen Geschäftsfreund ihres Arbeitgebers, kennenlernte. Ein Jahr später heiratete sie den Immobilien- und Versicherungsmakler Max Slager.

 

1936 kam ihr Sohn Max zur Welt. Ihre Mutter, Brüder und viele Verwandte waren bereits nach Amerika emigriert. Ihr Mann mochte jedoch sein Geschäft nicht aufgeben. Sie blieben in Holland, bis es zu spät war. Ihr Mann Max Slager wurde abgeholt und starb 1941 im KZ Mauthausen. Es gelang Hilde Slager, ihren sechsjährigen Sohn in einem Versteck unter zu bringen. Eine Krankenschwester versteckte das Kind mit anderen jüdischen Kindern zwischen asthmakranken Kindern. Die Krankenschwester wurde denunziert, die Kinder deportiert. Der Junge kam im KZ Auschwitz ums Leben.

 

Mit Hilfe eines Lebensmittelhändlers konnte sie 1942 unter falscher Identität bei einem holländischen protestantischen Pfarrer untertauchen, der sie drei Jahre versteckte. Nach dem Krieg betrieb sie ein kleines Wäschegeschäft in Enschede. Nach Jahren bekam sie auch ihr Haus zurück und einen Teil ihres Mobiliars, was sich inzwischen ein raffsüchtiger Nachbar angeeignet hatte. Doch sie kam nie über den Verlust ihres Kindes hinweg und wanderte schließlich doch noch nach Amerika aus. Dort erlernte sie den Beruf zur Kinderkrankenschwester

In New York arbeitete sie zwanzig Jahre, bis sie 70 Jahre alt war, in dem Beruf. Auch im Ruhestand setzte sie sich für wohltätige Zwecke ein. Für ihr Engagement wurde sie 2001 mit dem Aishet-Chayil-Preis geehrt.

 

Ich danke Else Buschheuer für diese Recherche.


 

Genija Borisowna Smuschkewitsch

 

Die litauische Jüdin Genija Borisowna Smuschkewitsch wurde am 20.1.1925 in Kaunas geboren. Ihr gelang es, beim Einmarsch der deutschen Truppen nach Tjumen in Sibirien zu fliehen. Ihre Eltern und ihre beiden jüngeren Schwestern wurden zunächst in das Ghetto von Vilnius verschleppt, von dort in ein KZ deportiert und ermordet.

 

Genija schloss sich im Herbst 1941 der Litauer Division in der Roten Armee an. Obwohl sie bei ihrer Ankunft in Tjumen kein Wort Russisch sprach, absolvierte sie im März 1942 erfolgreich einen Sanitätslehrgang beim Roten Kreuz.

 

1943 heiratete sie einen Unterleutnant aus ihrem Regiment. Sie diente als Sanitätsinstrukteurin an vorderster Front. Das hieß, dass sie auch unter Artielleriebeschuss Verwundete bergen musste. Ende 1944 erlitt sie eine schwere Verwundung und konnte erst Anfang 1945 wieder das Lazarett verlassen.

 

Genija Smuschkewitsch kehrte ins befreite Vilnius zurück und arbeitete zunächst als Feldscher bei einer Musterungskommission. 1946 kam ihr erster Sohn zur Welt. Nach einem Hochschulstudium baute sie die Lebensmittelversorgung in Vilnius mit auf und leitete später die Wirtschaftsverwaltung der staatlichen Kantinen. 1990, drei Jahre nach ihrer Pensionierung, ließ sie sich in Berlin in Deutschland nieder.

 

Ich danke der Historikerin Dr. Ramona Saavedra Santis, Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, für die Recherche zu Genija Borisowna Smuschkewitsch. Weiterführende Informationen: "Mascha + Nina + Katjuscha" Frauen in der Roten Armee 1941 - 45, Deutsch-Russisches-Museum Berlin-Karlshorst, ISBN 3-86153-281-6 oder ISBN 3-86153-282-4

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