Zwangssterilisierung

 

Mehrheitlich traten Mediziner und Pflegekräfte für eine Sterilisierung bei geistig Geschädigten weit vor dem Nationalsozialismus ein. Mehrere Landtage beschäftigten sich zwischen 1921 und 1925 mit Anträgen, die die Legalität von Sterilisierungen einforderten. Ganz Abgebrühte wie der Zwickauer Medizinalrat Gustav Boeters, der bereits 1921 auf eigene Faust Sterilisierungen anordnete und durchführen ließ, ignorierte ganz einfach die bestehende Gesetzeslage. Die verbot es nämlich sehr eindeutig.

Sogar der Psychiater Karl Bonhoeffer vertrat 1925 beim Deutschen Verein für psychische Hygiene die Sterilisierung, um so "die Kreuzung zweier Schwachsinniger zu verhüten". Anscheinend war dem Psychiater nicht klar, dass er damit indirekt der Euthanasie zustimmte.

 

Denn die Sterilisierung war nichts anderes als eine Ersatzeuthanasie. 

 

Sie diente der Beseitigung oder Vernichtung zukünftigen "minderwertigen" Lebens. Wobei jedoch nicht automatisch die Nachkommen "erbkrank" sein mussten. Dieser mögliche, aber so von vornherein ausgemerzte Nachwuchs, wäre mit größter Wahrscheinlichkeit bei zahlreichen Behinderungsbildern ohne jegliches Handicap geblieben. Zumindest hätten es die wissen müssen, die im Schulfach Biologie bei der Vererbungslehre aufgepasst hatten. Fatalerweise rief Karl Bonhoeffer durch seine Zustimmung zur Sterilisierung mit die Geister, die ihn später in den Widerstand zwangen und seinen Söhnen das Leben kostete.

Bereits kurz nach der Machtergreifung, am 14.7.1933 erließ Hitler das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses".

Dieses Gesetz ging nicht auf den preußischen Gesetzesentwurf von 1932 zurück, weil dort die Einwilligung des Betroffenen in den Eingriff vorausgesetzt wurde.  Hitlers Gesetz regelte aber die Zwangssterilisierung. Bereits am 24.11.1933 erfolgte eine Erweiterung mit dem "Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher". Zu den Maßregeln über Sicherung und Besserung gehörte auch die zwangsweise Sterilisierung, da man davon ausging, dass die Anlagen zum Verbrechertum erblich bedingt seien.

Und wen es betraf, war sehr schwammig definiert. So hieß es, dass Menschen mit angeborenem Schwachsinn sterilisiert werden dürfen. Als schwachsinnig galt der Mensch, der sich nicht sozial einordnen konnte (also Hitler, wenn man mal so einen Blick in seine Biographie wirft) und wer nicht fähig war, bei einem geordneten Berufsleben für seinen eigenen Lebensunterhalt zu sorgen (was für Hitler in seiner Wiener Zeit ebenfalls zutraf). Menschen, die nur gleichmäßig wiederkehrende, mechanische Arbeiten ausüben konnten, gerieten in den Verdacht der Schwachsinnigkeit (viele SA-Leute waren nur in der Lage, stumpfsinnig "raufzukloppen"). Dazu gehörten beispielsweise Hilfsschüler, "Frühkriminelle" und Leute, die in ständige Konflikte mit Schule und Polizei gerieten oder die Kritiklosigkeit gegenüber Beeinflussungen zeigten (also fast ganz Deutschland, allen voran die NSDAP).

Unter die Gesetze fielen Menschen mit Schizophrenie, manisch-depressiven Erkrankungen, Epilepsie, spastische Lähmungen, Muskeldystrophie, Friedreich-Ataxie (Degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems), fehlende Finger, Klumpfüße, angeborene Hüftverrenkungen oder schwere erbliche Missbildungen, worunter aber auch die Nachtblindheit fiel. Alkoholkranke betraf genauso die Regelungen, aber auch kleine Taschendiebe, die man mehrmals aufgriff und als Gewohnheitsverbrecher einstufte. Prostituierte stufte man ebenfalls als kriminell ein, sowie jugendliche Trebegänger, Bettler, Hausierer. Auch Homosexuelle führte man als "Abartige" der Zwangssterilisierung zu, um das biologische Wunder der Fortpflanzung zu verhindern. Kleinwüchsige wurden sterilisiert, auch wenn der Kleinwuchs nicht vererbbar war. Das gleiche Schicksal erlitten viele Sinnesgeschädigte. Da wurden Familienväter mit etlichen guthörenden Kindern sterilisiert, damit sie ihre Taubheit oder Schwerhörigkeit nicht weiter vererben könnten.

Eine Gehörlose berichtete 1982 in der Fernsehsendung "Sehen statt hören", dass sie nach der Zwangssterilisierung schwanger wurde. Daraufhin verbrachte man sie mit Gewalt in die Frauenklinik und nahm operativ eine Abtreibung vor. Eine Krankenschwester erklärte ihr heimlich, dass das Kind, ein Junge, "normal" war. Die Frau musste sich einer weiteren Sterilisation unterziehen und litt zeitlebens unter dem Eingriff und der erzwungenen Kinderlosigkeit.

Niemand anderes konnte so gut die Tragweite der Zwangssterilisierungen erkennen wie das Pflegepersonal. Denn sie standen in der Regel mit den Opfern in direktem Kontakt. Sie sahen den Menschen in die Augen und ihre medizinischen Kenntnisse reichten oft genug dazu aus, um das massive Unrecht zu erkennen. Aber sie füllten Aufnahmebögen aus, pflegten nach den Vorgaben und assistierten. An dieser ersten Terrorwelle waren sie aktiv beteiligt. Doch ich konnte bisher nicht einen Bericht finden, dass sich eine Pflegekraft widersetzte oder einem Patienten zur Flucht verhalf. Dafür hörte ich später, dass kaum eine Kollegin oder Kollege etwas von den Zwangssterilisierungen mitbekommen haben will.

Doch eigenartigerweise waren außer Ärzten, Dentisten, Heilpraktikern, Anstaltsleitern, Masseuren auch Gemeindeschwestern, Hebammen und Krankenpflegekräfte betreffs der erwähnten Schädigungen anzeigepflichtig. Und darüber sind sie bei der bürokratischen Genauigkeit der Nazis mit Sicherheit aufgeklärt worden. Mit diesen Anzeigen bei den Erbgesundheitsgerichten konnte man nicht nur unliebsame Mitbürger denunzieren. Die erfassten Daten bereiteten das nächste Verbrechen vor, die direkte Euthanasie im Sinne der Naziideologie.

In zahlreichen Gesprächen mit älteren Pflegekräften konnte ich zum Thema Zwangssterilisierung keinerlei Unrechtsbewutsein feststellen. Noch 1974 verteidigte Margot S., eine ehemalige Rotkreuzschwester, die Zwangssterilisierungen als einziges adäquates Mittel, Erbkrankheiten zu verhindern. Die gute Frau vergaß dabei, dass in ihrer Familie Hörschädigungen vererbt werden. Ihre eigene Hörbehinderung machte sich ungefähr mit dem 25. Lebensjahr bemerkbar und führte in kurzer Zeit zur Taubheit.

Genau wie Margot S. verteidigten etliche Krankenschwestern  die Zwangssterilisierungen als das einzig Gute neben der Autobahn, was Hitler getan hätte. Immer wieder wurde dabei das Argument angeführt, dass es unverantwortlich sei, eine Geistigbehinderte ein Kind bekommen zu lassen. Hielt ich dagegen, dass das Kind aber nicht zwangsläufig eine Behinderung haben muss, meinten sie dazu, wenn das Kind auch ohne Behinderung zur Welt kommen würde, wäre dennoch die Mutter so behindert, dass man ihr das Kind wegnehmen müsste, damit das Kind "normal" groß werden könnte. Das wäre der Mutter gegenüber nicht "human". Über andere Möglichkeiten dachten sie nicht nach. Von einem Selbstbestimmungrecht der Behinderten wollten sie nichts hören. Da leitet sich auch das heute noch praktizierte Verfahren ab, geistig behinderten Frauen ohne ihre Einwilligung, oft ohne ihr Wissen, die Pille oder die Dreimonatsspritze zur Verhütung zu verpassen.

Eine Erkenntnis zum Verbrechen Zwangssterilisierung fand in unserer Gesellschaft nicht statt, auch nicht beim Pflegepersonal. Die Einschätzungen zur Zwangssterilisierung schwanken von klammheimlicher bis offener Zustimmung. Eindeutige Verstöße gegen die Menschenrechte in diesem Zusammenhang werden eher als "Kavaliersdelikte" angesehen.

Menschen, die auch nach den Nazigesetzen zu Unrecht sterilisiert wurden, können bis heute kaum mit Mitgefühl oder Wiedergutmachung rechnen. Im Gegenteil - sie stehen als Opfer in einer Rechtfertigungsposition, nicht die Täter.

Lediglich drei Krankenschwestern, Lydia R., Elfriede F. und Cilly S., wurden nach unserem Gespräch sehr nachdenklich und korrigierten ihre Meinung. Und ich unterhielt mich in über zwanzig Jahren Berufstätigkeit mit Hunderten von Pflegenden.

Mein ehemaliger Kollege Arthur, Krankenpfleger, hatte von vornherein eine ablehnende Haltung. Er war ein Betroffener, weshalb, wollte er aber nicht preisgeben. Er schwieg sich über die Umstände, wie es dazu kam, aus. Und Heinz, Kommunist aus Bonn, der im KZ als Pfleger arbeitete und durch eine Kastration nicht nur seelisch, sondern auch körperlich schwer verkrüppelt wurde, brauchte man nicht über den Nationalsozialismus und seine Mitmenschen aufzuklären.

 

 

 

 

 

 


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