Zuckerbrot und Peitsche
 
Sicher der Unterstützung der meisten Ärzte hätten es die Nazis nicht unbedingt nötig gehabt, besonders stark um die Gunst der Pflegekräfte zu buhlen. Da aber Hitler von Beginn an territoriale Gelüste besaß, musste für die kommenden Kriege ausreichend Pflegepersonal zur Verfügung stehen, was sowohl qualitativ wie auch quantitativ den erwarteten hohen Bedarf abdecken konnte.
 
Der Pflegekräfteüberschuss am Ende des I. Weltkrieges war abgebaut und als Nachwirkung dieses Krieges folgten geburtenschwache Jahrgänge. Es entstand sehr bald ein Mangel an Pflegekräften. Noch zu einer Zeit, wo die Nazis systematisch versuchten, die Frauen aus dem Berufsleben zu drängen, setzte sich die Propagandamaschine in Bewegung und versuchte, Frauen für den Schwesternberuf zu werben. Die Krankenschwester wurde mit der hochgepriesenen deutschen Mutter, aber auch mit dem Frontsoldaten auf eine Stufe gesetzt. Das Ansehen der Pflegekräfte wuchs immens.
 
Wieweit die Bemühungen der Nazis, Frauen in die Krankenpflege zu locken, fruchtete, belegen statistische Zahlen aus Berlin. 1930 gab es in Berlin 930 Hebammen einschließlich Anstaltshebammen, 1939 waren es nur noch 702. Als Krankenpflegepersonen wurden 1930 im Stadtgebiet 10.276  erfasst. Gleichzeitig arbeiteten 1371 „Sonstige mit Krankenpflege befaßte Personen“.  1937 und 1938 sank die Zahl der Krankenpflegepersonen unter die 10.000er Marke, 1937 stieg die Zahl der „Sonstigen“ dafür auf 1431. Leider verrät das Statistikbuch nicht, ob damit Krankenpflegehelferinnen oder Krankenpfleger gemeint sind. Wahrscheinlich ist jedoch, dass weibliche Hilfskräfte in dieser Rubrik angegeben werden, weil Krankenpfleger zu dieser Zeit üblicherweise gesondert behandelt wurden. Man versuchte also offensichtlich, die fehlenden Krankenschwestern durch Hilfskräfte zu ersetzen.
 
Doch 1938 sank die Anzahl der „Sonstigen“ wieder auf 1137. Ein Jahr später zählte man von ihnen 1188, also gerade 51 mehr wie im Vorjahr. Dafür stellte man wieder 10.395 Krankenpflegepersonen fest. Also exakt 119 Pflegende mehr wie im Jahre 1930. Für die These, dass die „Sonstigen“ nicht die Krankenpfleger waren, spricht eine weitere Rubrik, nämlich der Bader, Masseure und Heilgehilfen (zu denen vermutlich auch Heilpraktiker und Krankenpfleger gezählt wurden). Von ihnen arbeiteten 1930 nämlich 1211 und neun Jahre später 1608. Für Berlin sprechen die Zahlen eine klare Sprache: die Propaganda hatte keinen Erfolg. 
 
Natürlich muss man diese Zahlen auch unter dem Gesichtspunkt sehen, dass jüdische Pflegende und missliebige Pflegekräfte aus den Arbeitsstellen entfernt wurden. Aber anscheinend waren die Nazis trotz der Werbetrommeln nicht in der Lage, die Lücken zu füllen. Doch es ging ja nicht nur um das Lücken füllen, sondern um das Aufstocken, denn 1939 begann ja der wahnwitzige Krieg.  Also reichte der Prestigegewinn des Pflegeberufes nicht aus, um die Nachteile auszugleichen.
 
Die Pflege erhielt einen Bonbon. Endlich wurde die Ausbildung einheitlich geregelt, eine uralte Forderung. Das „Gesetz zur Ordnung der Krankenpflege“ vom 28.9.1938 regelte nun zentralistisch die Ausbildung. Die Ausbildungszeit sollte anderthalb Jahre dauern plus einem Anerkennungsjahr (was sich aber mit fortschreitendem Krieg notgedrungenermaßen änderte). Die öffentlichen Krankenhäuser verpflichtete das Gesetz zur Einrichtung von Krankenpflegeschulen. Als Zugangsvorraussetzungen wurde die Vollendung des 18. Lebensjahres festgelegt, ein makelloses Führungszeugnis, ein Gesundheitsattest und einen Volksschulabschluss. So weit – so gut! Oder auch nicht!
 
Denn damit trugen die Krankenhäuser die Verantwortung für die Qualität der Ausbildung. Lediglich die Richtlinien und Inhalte bestimmte der Staat. Wie diese umgesetzt wurden, oblag den einzelnen Häusern. Innerhalb der Nazizeit beinhaltete dies System sicherlich auch Vorteile. Denn nicht zwingend waren alle öffentlichen Krankenhäuser stramm auf Parteikurs. Aber eine Vergleichbarkeit der Ausbildung garantierte dieses Verfahren nicht. Ärzte und Schulschwestern unterrichteten in diesen Schulen, oftmals ohne jegliche pädagogische Kenntnisse. Mehrere ältere Kolleginnen erzählten mir, dass ihr Unterricht immer wieder unterbrochen wurde, weil ihr Dozent in die Notaufnahme oder in den Operationssaal geholt wurde. Cilly konnte sich daran erinnern, dass sie ihr Anatomiebuch auswendig gelernt hatte. Ihren Anatomielehrer sah sie höchstens jede dritte Stunde und auch nur für wenige Minuten, weil er dann als diensthabender Arzt Notfälle in der Ambulanz versorgen musste. Wenn er mal wieder in der Klasse stand und gerade durch die Schülerinnen erfahren hatte, was er unterrichten müsse, wurde er auch schon wieder weggeholt.
 
Bemühten sich einige Krankenhäuser sehr intensiv um die Ausbildung ihrer Schülerinnen, so spulten andere irgendwie ihr Pflichtprogramm ab und nutzten die angehenden Pflegekräfte weidlich aus, besonders im praktischen Teil. Eine alte Kollegin aus Berlin-Tempelhof erzählte, sie hätte in ihrem Anerkennungsjahr ausschließlich die kupfernen Wasserhähne in ihrem Haus poliert, Böden gewischt und Essen ausgeteilt. Nach der Ausbildung wechselte sie in ein anderes Krankenhaus. „Da sollte ick plötzlich Frischoperierte vasorjen. Meen Jott! Ick hatte doch ja keene Ahnung. Da hab ick erst Grundpfleje jelernt un mich um allet Andere jedrückt. Schließlich bekam die Obermieze mit, dat ick ja nischt weeß. Aba dat lach ja nich an mir. Ick war ja nich faul oda unwillich. Da isse mit mir losjezojn oda hat ma mit de Andren mitjeschickt, dat ick lerne, wie man vabindet, Spritzen jibt un sowat allet. Da hab ick eijentlich erst jelernt. War ick froh, dat se mir nich rausjeschmissn ham.“ Darüber war ich auch sehr froh. Denn während meiner Ausbildung war sie eine der Wenigen, die die Praxisanleitung der Krankenpflegeschülerinnen ernst nahm.
 
Diese Ausbildungsform barg also seine Tücken. Und nach 1945 gedachte man leider auch in den folgenden Jahrzehnten ersteinmal nicht, das Ganze gründlich zu überdenken. Finanzielle Engpässe in den Krankenhäusern zwingen zur Zeit zu einem Umdenken für die Krankenpflege, dafür führt man einen ähnlichen Unsinn momentan gerade in der Altenpflege ein.
 
Da ja nun die Vollendung des achtzehnten Lebensjahres als Mindesteintrittsalter für die Krankenpflegeschule verbindlich geregelt war, galt es, die zeitliche Lücke zwischen Schulabgang und Krankenpflegeausbildung zu schließen. In meiner Ausbildungszeit übernahmen das „Soziale Jahr“ oder die Krankenpflegevorschulen diese Funktion, in der NS-Zeit erfüllte das sogenannte hauswirtschaftliche Jahr diese Aufgabe. Es sollte in der eigenen oder fremden Familie (im Haushalt mussten wenigstens vier Kinder unter vierzehn Jahren sein) abgeleistet werden. Mit diesem Pflichtjahr gedachte man auch, den Fehlbedarf an Arbeitskräften im ländlichen Bereich zu decken und gleichzeitig die jungen Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter einzustimmen. So lernten die angehenden Lernschwestern die Grundlagen für Haushaltsführung, Kleintierhaltung und Gartenpflege.
 
Für Elfriede F. wäre es ein Alptraum gewesen, da sie zum Beispiel aus der Landwirtschaft geflohen war, weil eben gerade diese Gartenarbeit und Tierhaltung ihr absolut nicht schmeckten. „Dafür hatte ich kein Händchen.“  Allerdings wäre ihr vermutlich das Pflichtjahr sowieso erlassen worden, da ihre Stiefmutter früh an Krebs starb und Elfriede sie lange pflegte. Als sie nach deren Tod mit 21 Jahren die Ausbildung zur Krankenschwester begann, fragte sie allerdings niemand nach dem Pflichtjahr und sie war sich nicht sicher, ob es das zu diesem Zeitpunkt bereits gab. Auch Margot entging dieser Bestimmung. „Ich war ein reiner Stadtmensch. Hätte man von mir verlangt, in der Erde rumzuwühlen oder Hühner zu füttern, wäre ich nie Krankenschwester geworden.“ Lydia R. begann ihre Ausbildung, als diese Regeln bereits schon wieder mangels Pflegekräfte unterlaufen werden konnten. Sie hatte aber von Schwesternschülerinnen gehört, die in ihrem Pflichtjahr gerade in bäuerlichen Familien ungemein ausgenutzt und ausgebeutet wurden. Dagegen machte Lotte G. aus dem Ruppiner Land mit ihrem hauswirtschaftlichen Jahr beste Erfahrungen. Sie absolvierte das Jahr auf einem Bauernhof im Havelland. Die Bauernfamilie nahm sie wie eine Tochter auf und es gefiel ihr so gut, dass sie bei der Landwirtschaft blieb. Am besten gefiel ihr der älteste Sohn, der zukünftige Hoferbe, den sie später heiratete. Damit hatten sich ihre Pläne für die Krankenpflege erledigt.
 
Walburga kannte BDM-Mädchen, die bei Bauernfamilien im Pflichtjahr bis zum Umfallen arbeiteten und reichlich schikaniert wurden. Daher schlug sie einen anderen Weg ein. Sie war sehr früh in den BDM eingetreten (BDM war der „Bund Deutscher Mädel“ ähnlich der HJ; Arthur übersetzte BDM nach dem Reichsparteitag 1936, als hunderte 15 - 18jährige schwanger nach Hause kamen, mit ´Bratröhren Deutscher Männer´). Vor der Ausbildung arbeitete sie bereits im Krankenhaus als Gesundheitsmädel. Dadurch konnte sie sich schon vorher berufliche Kenntnisse aneignen. Da sie insgesamt drei Jahre als Gesundheitsmädel absolvierte, erhielt sie eine Sondergenehmigung und durfte bereits mit 17 Jahren die Krankenpflegeausbildung beginnen.
 
Eigentlich wollte sie unbedingt nach Hannover auf die NS-Schwesternschule, was die Eltern aufgrund der Entfernung nicht gestatteten. Daraufhin entschied sie sich für das DRK am Wohnort. Sie hätte auch eine katholische Schwesternschule besuchen können, was sie jedoch radikal ablehnte, obwohl das Elternhaus ursprünglich katholisch war.
 
Später lernte Walburga einige Braune Schwestern kennen. Diese NS-Schwestern sollten die Elite im nationalsozialistischen Deutschland sein. Walburga, selbst glühende Nazianhängerin, stellte damals zu ihrem Bedauern bei ihnen fachliche Unzulänglichkeiten fest. Dabei hatten sie alle gute Abschlussnoten erreicht. Nach ihrer Ansicht waren diese Schwestern ideologisch sattelfest, aber der pflegerische Teil ihrer Ausbildung ließ zu wünschen übrig, was Walburga nicht darauf zurückführte, dass die Braunen Schwestern entschieden mehr politische Schulungen erhielten. Nachdem, was diese Braunen Schwestern ihr erzählten, war die Ausbildung breiter gefächert gewesen und es wurde viel mehr Wert auf Haushaltsführung, Kinder- und Altenpflege gelegt wie in ihrer Krankenpflegeschule. (Es könnte sein, dass diese Braunen Schwestern sogenannte Volkspflegerinnen waren, die direkt für die NSV ausgebildet wurden und nur eine verkürzte Krankenpflegeausbildung von einem Jahr hatten.)
 
Elfriede machte mit den Braunen Schwestern andere Erfahrungen. Im Stadtkrankenhaus Görlitz arbeiteten parallel Braune Schwestern und Schwestern vom ´Reichsbund freier Schwestern´. Sie unterschieden sich bis auf die Tracht weder fachlich noch ideologisch. Nach den Berichten von Elfriede ähnelte sich auch die Ausbildung. Sie als Reichsbundschwester musste den Frühsport genauso mitmachen und erhielt wie die Braunen Schwestern dieselben politischen Schulungen. Auch wurde auf Gemeinschaftsgefühl der gleiche Schwerpunkt gelegt, was sich in der gemeinsam gestalteten Freizeit äußerte. Das war ihr aber oft genug zuviel, weil sie auch Wert darauf legte, mal alleine zu sein.
 
Weihnachten meldete sie sich prinzipiell zur Nachtwache, um der Weihnachtsfeier zu entgehen. „Da wurden politische Lieder gesungen und agitiert. Das hatte doch nichts mit christlicher Weihnacht zu tun.“ Die Oberin im Görlitzer Krankenhaus machte auch keine Unterschiede in der Behandlung der Schwestern. So erzählte Elfriede, dass ein Teil des Krankenhauses zum Lazarett wurde. Die Schwestern, egal ob in blauer oder brauner Tracht, mussten schweigend an den Soldaten vorbeigehen. Stets lag die Oberin auf der Lauer, ob es eine der Krankenschwestern wagte, mit den Soldaten zu sprechen. Wohlgemerkt, diese Soldaten waren nicht etwa Kriegsgefangene, sondern Landser der eigenen Armee. Eine Unterhaltung zwischen einer jungen ledigen Frau und einem Soldaten stufte die Oberin als unsittlich ein. Und auf die Moral und Sitte ihrer Schwestern gleich welcher Trachtfarbe achtete sie strengstens.
 
Nach Elfriedes Erinnerungen war der Hitlergruß obligatorisch. Auf Station wurde jedoch selten derart gegrüßt. Sie konnte auch nicht feststellen, dass die Braunen Schwestern direkt im Krankenhaus den Hitlergruß benutzten. Elfriede entfernte sich bei politischen Diskussionen sofort angesichts der vielen verhafteten Leute in Görlitz, auch dann, wenn weit und breit keine Braune Schwester zu sehen war. Ihre Kontakte blieben aus Angst auch gegenüber den Reichsbundschwestern vorsichtig. Insgesamt entdeckte sie also bis auf das Aussehen der Tracht keinerlei Unterschiede beider Schwesterngruppen.
 
Interessant war, dass sie keine Ahnung davon hatte, dass der Reichsbund freier Schwestern und die Braunen Schwestern ab 1942 zum NS-Reichsbund Deutscher Schwestern zusammengeschlossen wurden. Sie meinte, dass das lange geplant gewesen sei, aber durch den Krieg nicht umgesetzt wurde. Nachdem ich ihr Literatur zeigte, wo es nun eindeutig drin stand, schüttelte sie nur den Kopf. Sie hatte davon nichts mitbekommen.
 
Maria R., die in Schlesien gelernt hatte, erzählte aber komischerweise das Gleiche. Bis zum Schluss sei sie im Reichsbund freier Schwestern gewesen, auch in Berlin. Ihre Schwesternbrosche habe sie unverändert die ganzen Jahre behalten. Ein Zusammenschluss war ihrer Meinung nach auch deswegen unwahrscheinlich, weil die Braunen Schwestern den Reichsbundschwestern in der Regel vorgezogen wurden und bessere Aufstiegschancen hatten. Daher war sie auch sehr erstaunt, als sie die Leitung eines Mädchenheims erhielt. Normalerweise wurden derartige Stellen mit NS-Schwestern besetzt.
 
Vielleicht wurde ja der Zusammenschluß wirklich nicht überall konsequent umgesetzt. Denn die geplante Approbation für die berufliche Krankenpflege verschob man ja auch beispielsweise bei Kriegsbeginn auf unbekannte Zeit. Sie  beinhaltete, dass jeder, der Krankenpflege berufsmäßig ausüben will, eine amtliche Bescheinigung benötige, die nach dem Nachweis über eine geordnete Ausbildung und eine staatliche Prüfung ausgestellt werden sollte (also ähnlich der Examensurkunde).
 
Die erweiterten Zugangsbedingungen, nämlich die Unbedenklichkeitsbescheinigungen des Kreisleiters und der Ariernachweis, galt schnell für alle Schwesternschülerinnen. Nachdem der Beitritt zum BDM ab 1939 für alle Mädchen Pflicht war, entfiel für die NS-Schwesternschulen auch diese spezielle Zugangsvorraussetzung. Spannend war auch, dass viele ältere Pflegekräfte nichts über die Braunen Schwestern wussten und sie auch nie gesehen haben wollen. Das solche Behauptungen stimmen könnten liegt darin begründet, dass es nicht sehr viele Schwestern der NS-Schwesternschaft gab. Im Jahre 1939 gab es in Deutschland 114.923 Krankenschwestern, davon waren aber nur 10.546 Braune Schwestern.
 
Für viele Pflegeschüler waren die einheitlichen amtlichen Lehrbücher ein Ärgernis. Sie bemängelten, dass die Bücher durch und durch von der Naziideologie durchsetzt und fachlich nicht auf dem neuesten Stand waren. Arthur, der ein Buch bei einer Schwesternschülerin sah und durchblätterte, stellte etwas drastisch fest: „Wischste dir damit den ´Arsch´ ab, wechselt dat Buch nich mal die Farbe. Sehr praktisch!“ Die Schülerin sah ihn mit schreckgeweiteten Augen an und wurde abwechselnd im Gesicht rot und weiß. Dann rannte sie weg. Arthur meinte schon, dass es wohl das gewesen wäre. Aber sie informierte niemanden von dieser Äußerung, hielt sich aber ab da von ihm fern.
 
Mehrere Pflegekräfte, die in Krankenpflegeschulen lernten, die zu katholischen Krankenhäusern gehörten, berichteten übereinstimmend, dass sie zu Beginn der Ausbildung das offizielle Lehrbuch zwar gezeigt bekamen, aber dass es im Unterricht nie zum Einsatz kam. Ordensschwestern, die den Unterricht hielten, diktierten den gesamten Unterrichtsstoff und umgingen so das amtliche Lehrbuch.
 
Die Krankenschwesternausbildung im Nationalsozialismus manifestierte die Stellung des Arztes und Hierarchie im Pflegeberuf. Was nutzte den Krankenschwestern in der Öffentlichkeit das größere Ansehen? Gleichzeitig blieben sie im drückenden Hierarchiegebilde weiterhin das „Fußvolk“. Alle älteren Kollegen und Kolleginnen erzählten übereinstimmend, dass sich für sie während der Nazizeit am Arbeitsalltag wenig änderte. Auch durch die Schaffung einheitlicher Tarife stand die Bezahlung in keinem Verhältnis zur geforderten Leistung. Ständig wurde an ihre Opferbereitschaft appelliert. Nicht mehr für den individuellen Kranken, sondern nun für die Volksgemeinschaft. Damit war im Grunde genommen der Ansatz zur Individualpflege abgeschafft. Sie fühlten sich genauso ausgenutzt wie früher. Der ständige Personalmangel forderte Mehrarbeit, normalerweise unbezahlt. Gesetze und Verordnungen zur Regelung der Krankenpflege und der Ausbildung schienen vielleicht im Ansatz die Arbeitsbedingungen zu verbessern, aber gleichzeitig belasteten wieder Nachteile der verschiedensten Art derart die Krankenpflege, dass diese Ansätze wieder zunichte gemacht wurden.
 
Man kann zusammenfassend behaupten, dass die Pflegekräfte auf keinen Fall wie die deutschen Ärzte Profiteure des Systems waren. Ihre Arbeitsbedingungen waren genauso schwierig, wenn nicht sogar schwieriger als in der Weimarer Republik. Während die Ärzte ihre Vorteile im NS-System erkannten und überproportional in die NSDAP und SS eintraten, gelang eine breite Politisierung im Sinne des NS-Staates bei den Pflegekräften nicht. Die Ausschaltung der konfessionellen Pflegeorganisationen war daher nicht möglich und musste weiterhin von den Nazis zwangsweise geduldet werden.
 
Die geringe Anzahl der Braunen Schwestern weist daraufhin, dass es den Nazis trotz einheitlichem Lehrbuch, was ideologisch nicht angehaucht, sondern mit ihren Ideologien durchtränkt war, trotz Prestigegewinn, trotz Fortschritten in der Vereinheitlichung nicht gelang, die Krankenschwestern allgemein im gewünschten Maße gleichzuschalten. Die Zusammenlegung des Reichsbundes freier Schwestern und Braunen Schwestern zum „NS-Reichsbund Deutscher Schwestern“ scheint eher ein theoretischer Zug aus taktischen Gründen von den Nazis gewesen zu sein. Um darüber hinwegzutäuschen, dass den NS-Schwesternschulen nicht das Haus eingerannt wurde. Peinlicherweise waren die Diakoniegemeinschaften dem NS-Reichsbund zahlenmäßig immer noch überlegen und die Caritas zählte sogar doppelt soviele Pflegekräfte. Immer noch gehörte fast jede zweite Krankenschwester einem konfessionellen Verband an, der gesamten NS-Indoktrinierung zum Trotz. Im Prinzip war das eine schallende Ohrfeige für die braunen Machthaber.
 
Gerade aus dieser Situation heraus hätten die Pflegekräfte eine gute Basis gehabt, den Nazis die Stirn zu bieten. Leider handelte die Diakonie nicht geschlossen. Und es gab eine Organisation von Pflegekräften, die fleißig dafür sorgte, innenpolitisch, aber auch Hitlers Expansionspolitik als bereitwillige Helfer zu unterstützen: das „Deutsche Rote Kreuz“. Jede dritte Pflegekraft in Deutschland gehörte offiziell dem DRK an. Der Anteil der ausgebildeten Krankenschwestern war aber bei weitem nicht so hoch wie bei der Caritas und der Diakonie. Denn in den Zahlen des DRK´s wurden auch die gesamten Hilfskräfte mit aufgeführt. Und deren Zahl war beträchtlich. Und es gab für die Nazis gute Gründe, das DRK erstarken zu lassen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!