Zeugen Jehovas

 

Wer sich absolut nicht "gleichschalten" ließ, waren die Zeugen Jehovas, die als Glaubensgemeinschaft deshalb bereits 1933 verboten wurden. Ich lernte 1983 einen Vertreter dieser Glaubensrichtung kennen, der mehrmals hintereinander mich morgens um 9°° h bekehren wollte. Da ich als Dauernachtwache arbeitete, wurde ich irgendwann sehr ungehalten, denn regelmäßig holte er mich, gerade eingeschlafen, aus dem Bett. Er begriff zwar langsam, akzeptierte dann aber, dass man mich vor 15°° h nicht ansprechen durfte. Allerdings befand ich mich im Irrtum, als ich dachte, ich hätte diese Glaubensgemeinschaft erfolgreich abgeschüttelt.

Nun klingelte es jeden Tag, solange wie ich in Berlin-Neukölln wohnte, pünktlich um 15°° h an meiner Wohnungstür. Die alte Dame, die den Verkündigungsdienst von dem zuerst erschienen jungen Mann übernommen hatte, war ausgesprochen zuverlässig Mein Wecker war überflüssig geworden und um Papier, zum Anzünden des Brennholzes in meinem Kachelofen, brauchte ich mir auch keine Sorgen mehr machen. Wir kamen also ins Gespräch. Irgendwann erzog ich sie dazu, ersteinmal Kaffee zu kochen. Schließlich hatte ich auch stets Hagebuttentee im Haus, ein widerliches Gesöff, aber sie liebte ihn und vertrug den Kaffee nicht.

Abgesehen von den diversen Weltuntergangsprophezeiungen schätzte ich sehr bald ihre Gesellschaft. Irene G. war 1915 in Berlin geboren. Ich erfuhr viele Einzelheiten über die Zeugen Jehovas im Dritten Reich. Irene entging einer Verhaftung. Als Kinderschwester begleitete sie ihre englischen Arbeitgeber bereits 1934 nach London und blieb dort bis Kriegsende. Ihr Bruder und ihr Vater richteten die Nazis als Wehrdienstverweigerer hin. Ihre Freundin war Kinderpflegerin. Nach 1945 fand Irene heraus, dass SS-Leute im KZ Ravensbrück sie auf brutalste Weise erschlagen hatten, weil sie sich beim Zählappell schützend vor eine schwerkranke Mitgefangene, eine Kommunistin, stellte, die aus Schwäche zusammengebrochen war. Eine Krankenschwester im selben Konzentrationslager bezahlte mit ihrem Leben den Versuch, ein Neugeborenes vor dem Ertränken zu retten und zu verstecken. Eine andere Krankenschwester überlebte die 25 Stockhiebe nicht, die sie bekam, weil sie sich weigerte, Blutwurst zu essen. Man kann über die Zeugen Jehovas denken, wie man will. Aber hätten die großen Kirchen nur halb so konsequent von Anfang an den Nazis die Stirn geboten wie die Leute mit dem lila Winkel, wäre bei der christlichen Mehrheit dieses Landes vielleicht ein Adolf Hitler gescheitert.

 

Maria Günzl, die von 1939 - 1942 im KZ Ravensbrück inhaftiert war, schrieb in der Haftzeit ein Gedicht über die dortigen Bibelforscherinnen ( aus: Maria Günzl; Trost im Leid; Stuttgart 1976):

 

 

Die Bibelforscher

 

Den hunderten Bibelforscherfrauen

sei zu Ehre und Achtung gesagt,

dass ihre religiösen Lieder

am Sonntag-Nachmittag

allen Häftlingen im Lager Herz und Hirn erbauten.

 

Sie blieben immer treu ihrem Glauben,

dass Befreiung nah...

Trotz aller Qualen im Bunker, dem finsteren Haus,

wo sie zu Hunderten eingekeilt,

nur Wasser und Brot zugeteilt,

als Strafe,

dass sie nicht zu Hitlers Geburtstag

Kränze gebunden,

wurden sie gemartert und geschunden.

 

Als sie nach Wochen schrecklichster Qual

entlassen aus dem Marterstall,

schwankten sie

wie lebende Leichen die Lagerstraße hin...

Da war es auch mit uns geschehn:

Wir weinten und beklagten,

was man ihnen angetan.

 

 

 

 

 

 

 

 


Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!