Neue Pflegegeschichte: Übersicht
 
 
 
Krankensaal um 1890
 
Mit der Gründung des Deutschen Reiches wurde erstmalig 1898 eine Berufsstatistik erstellt, die auch die Krankenpflegepersonen in Gesamtdeutschland erfasste. Es wurden insgesamt 26427 Pflegepersonen gezählt. Die Gesamtzahl setzte sich aus freipraktizierenden Pflegenden (2398 Personen = 9,1%), Angehörige weltlicher Verbände (3613 Personen = 13,7%) und evangelischer (7576 Personen = 28,7%) und katholischer (12840 Personen = 48,5%) Genossenschaften zusammen.
 
Die Berufsstatistik wurde 1909 wiederholt. Inzwischen gab es in Deutschland 55.937 Pflegepersonen, dass heißt, die Anzahl der beruflich Pflegenden hatte sich in einem Jahrzehnt mehr als verdoppelt. 1909 verschob sich auch tendenziell die Pflege zum weltlichen Bereich. Denn die Freipraktizierenden (12461 Personen = 22%) und Mitglieder der weltlichen Verbände (8986 Personen = 16%) zeigten einen Aufschwung, hingegen die Angehörigen der evangelischen (12898 Personen = 23%) und katholischen (21552 Personen = 38,5%) Genossenschaften relativ abnahmen. In dieser Statistik wurden auch die jüdischen Schwesternschaften mit 40 Pflegerinnen erfasst, die 0,7% aller Pflegenden ausmachten.
 
 
Die Steigerung der Pflegerinnen der weltlichen Verbände mag auch darauf zurückgehen, dass es zwischen Mutterhäusern und Ärzteschaft zunehmend zu Reibereien kam. Durch die Gestellungsverträge mit den Krankenhäusern konnten Pflegerinnen abgezogen werden, was durch die Oberinnen auch praktiziert wurde. Ein Ärgernis für die Ärzte, die diese Pflegerinnen für bestimmte Tätigkeiten oder medizinischer Assistenz geschult hatten. Sie wollten oder konnten nicht im Interesse einer kontinuierlichen Arbeit auf die qualifizierten Mitarbeiterinnen verzichten. Oft genug war die Versetzung einer Schwester genau eine solche Spezialisierung, die an einem anderen Einsatzort für das Mutterhaus lukrativer war.
 
Die Berufsstatistik von 1898 und 1909 gibt allerdings nur blitzlichtartig einen sehr kleinen Bereich grob wieder. So ist nicht ganz klar, nach welchen Kriterien die Krankenpflegepersonen als solche gezählt wurden. Das Kriterium der Ausbildung konnte nicht unbedingt als Grundlage genommen werden, da sich die Pflegeausbildung qualitativ zu sehr unterschied. Außerdem arbeiteten beispielsweise in der häuslichen Krankenpflege, dazumal als Privatpflege bezeichnet, viele Pflegerinnen ohne jegliche Ausbildung. Inwieweit sie bei den Freipraktizierenden miterfasst wurden, ist nicht ersichtlich.
 
Auch die Berücksichtigung der männlichen Pflegepersonen ist nicht ganz klar. Es spricht Einiges dafür, dass sie eher zu der Berufsstatistik der Heilgehilfen gezählt wurden. Die damalige Berufsstatistik sagt also nur aus, dass insgesamt das Pflegepersonal quantitativ erheblich zulegte und anscheinend die Pflege sich als Frauenberuf zu etablieren begann. Über die Arbeitsbedingungen in der Pflege gibt die Berufsstatistik ebenfalls keine Auskunft. Anfang des 20. Jahrhunderts lassen sich die Arbeitsbedingungen in der Pflege in einem Wort zusammenfassen: katastrophal.
 
 
Der überwiegende Teil der deutschen Ärzteschaft torpedierte jahrzehntelang vorsätzlich und erfolgreich die Pflegeausbildung. Allgemein wurde die Ansicht vertreten, dass die Krankenpflegerinnen theoretisch nicht zu umfassend geschult werden sollten. Ihrer Meinung nach könnte eine intensive Ausbildung zur Vernachlässigung der praktischen Arbeiten, Selbstüberschätzung und zu übersteigerten Selbstbewusstein führen. Eventuell würden es dann sogar Pflegerinnen wagen, ärztliche Anordnungen oder Handlungen zu kritisieren. So erstaunt es kaum, dass Pflege als Wissenschaft oder als Forschungsgebiet lange Zeit unbeachtet blieb. Zur Jahrhundertwende entwickelte sich Berlin zum Zentrum für medizinische Forschung und Lehre. Dabei fand die Forschung im rein naturwissenschaftlichem Bereich statt.
 
Der Internist Ernst von Leyden (1832-1910), der ab 1885 die I. Medizinische Universitätsklinik der Charité leitete, widersprach dem Zeitgeist und orientierte sich an einer ganzheitlichen Betreuung des Kranken. Folglich erkannte er die Krankenpflege als eigenständige Heilmethode an, die wissenschaftliche Beachtung finden müsste. Er beauftragte seinen Assistenten Martin Mendelsohn (1860-1930), die Hilfsmittel in der Krankenpflege zu überprüfen. Die Ergebnisse von Mendelsohn 1890 und 1892 nahmen direkten Einfluss auf die Produktion von Krankenhausbedarf. 1894 übernahm Mendelsohn die Redaktion der "Zeitschrift für Krankenpflege", habilitierte 1895 auch zu diesem Thema und hielt später vor Medizinstudenten Vorlesungen über Krankenpflege. Seine Forderung an die Mediziner war, dass die Ärzte, bevor sie Pflege anordnen und beurteilen, selber mit den Pflegetechniken und -maßnahmen vertraut sein müssten.
 
Mendelsohn unterschied in Krankenversorgung, Krankenwartung und Krankenpflege. Die Krankenversorgung umfasste sämtliche Institutionen, die sich mit Leistungen für Patienten beschäftigten. Die unmittelbare Pflege an einem Patienten bezeichnete er als Krankenwartung. Und die Krankenpflege stufte er als ärztlich-wissenschaftlichen Forschungszweig ein. Sein Engagement änderte aber am Berufsbild der Krankenschwester oder Krankenwärterin wenig, denn auch Mendelsohn sah die Pflegenden als reine Befehlsempfänger an, die hierarchisch weit unter dem Arzt standen.
 
Jüdisches Krankenhaus Berlin, Foto Peter Kuley
 
Der Arzt Paul Jacobsohn (1868-1931), Leiter der Krankenpflegeschule des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde in Berlin, veröffentlichte gemeinsam mit anderen Ärzten ein wissenschaftliches Handbuch der Krankenpflege, die den Begriff der Krankenwartung, also der Krankenpflege im heutigen Sinne, weiter fasste. Er gründete den "Bund Deutscher Krankenpfleger", dessen Organ ab 1898 die "Deutsche Krankenpflege-Zeitung" war. Der Untertitel der Zeitung lautete: "Fach-Zeitung für die Gesamtinteressen des Krankenpflegeberufes".
 
Am Ende des 19. Jahrhunderts besetzten in Deutschland also Ärzte die Schlüsselpositionen in der Pflege als Schulleiter und Pflegelehrer, Herausgeber von Lehrbüchern und Fachzeitschriften oder Leiter von beruflichen Interessengruppen. Die Botschaft an die Pflegekräfte war dann auch eher die, dass sie ohne ärztliche Leitung nicht in der Lage waren, eigenständig zu arbeiten und zu denken. Eine solche Botschaft war unselig zur Entwicklung eines Selbstbewusstseins der Pflege als Beruf.
 

Privatpflege

Um die Jahrhundertwende könnte man mit Blick auf die Pflege fast von Sklaverei sprechen. Die Oberinnen der Mutterhäuser entschieden über Einsatz- und Aufenthaltsort der Pflegerinnen. Nach Gutdünken der Oberin konnte auch der Einsatzort im Ausland bestimmt werden. Auch außerhalb der Krankenhäuser, Altenheime usw. fanden sich Einsatzgebiete für die Schwestern. So konnten die Oberinnen die Schwestern auch privat vermitteln. Die sogenannten Privatpflegen waren für die Verbände ein lukratives Geschäft. Während die Mutterhäuser den vollen Pflegepreis kassierten, erhielten die konfessionellen Schwestern lediglich ein Taschengeld. Das Rote Kreuz zahlte ihren Schwestern zwar ein Gehalt. Das betrug zwischen 300 bis 500 Mark jährlich. Auch wenn sie ihre Schwestern im Krankheitsfalle versorgten und ihnen eventuell Urlaub gewährten, machten sie an den Privatpflegen in der Regel bis zu 50% Gewinn.

Ganz ungeniert bedienten sich private Unternehmer besonders in den Großstädten als Ballungsgebiete an solchen Einnahmequellen. Sie organisierten sogenannte Schwesternheime, in denen sie freien Pflegerinnen, auch als "wilde Schwestern" bezeichnet, Kost und Logis boten. Nach außen versuchten sie den Schein zu wahren, indem sich die oft berufsfremden Schwesternheimleiterinnen mit "Frau Oberin" ansprechen ließen und die Pflegerinnen dazu anhielten, sich als "Schwestern" zu bezeichnen. Die Frauen in den Schwesternheimen hatten Kost und Logis frei, wurden zu Privatpflegen vermittelt und erhielten ein monatliches Gehalt zwischen 25,- bis maximal 40,- Mark. Gewinne von weit über 50% für diese Privatunternehmer waren eher die Regel.

Diese rein auf Gewinn orientierten Privatunternehmen scherten sich kaum um die Qualität der angebotenen Dienstleistungen. So vermittelten sie oftmals Frauen, die keinerlei pflegerische Kenntnisse hatten, was sie natürlich den Auftraggebern nicht mitteilten, wodurch sie aber noch einmal das karge Gehalt drücken konnten. Derartige Vorgehensweise brachte die Privatpflege reichlich in Verruf.

Doch auch die dort beschäftigten Frauen gingen ein großes Risiko ein. Bei längerer Krankheit, Invalidität oder für ihr Alter waren sie nicht abgesichert. Häufig hatten sie keinen Anspruch auf freie Tage oder Urlaub. Angesichts des ausbeuterischen Charakters dieser kommerziellen Schwesternheime gründeten manche freie Pflegerinnen auch Schwesternheime in Eigenregie. Dadurch konnten sie zwar größere Gehälter erarbeiten, doch das Problem mit der Kranken- und Altersvorsorge blieb.

 

 
Um die Jahrhundertwende beschrieb die Krankenschwester Elisabeth Storp in einer Broschüre die katastrophalen Arbeitsbedingungen der deutschen Krankenpflegerinnen. Der "Allgemeine Deutsche Frauenverein" der bürgerlichen Frauenbewegung war alarmiert, zumal die Krankenpflege sich als Frauenberuf zu etablieren begann, und beauftragte 1902 Elisabeth Storp, Agnes Karll, Marie Cauer und Helene Meyer, Lösungsvorschläge zu erarbeiten, um die Situation in diesem Beruf zu ändern.
 
Aus dieser Arbeitsgruppe entstand 1903 die "Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands", kurz B.O.K.D. In den Pflegegeschichtsbüchern wird meist Agnes Karll als alleinige Gründerin benannt, was einfach falsch ist. Solche Legendenbildungen haben eigentlich in der Geschichte als Wissenschaft nichts zu suchen. Da muss man sich nicht wundern, wenn die "Pflegegeschichte" von Historikern nicht sonderlich ernst genommen wird. Die Initiative ging von Elisabeth Storps Broschüre aus. Agnes Karll war lediglich die erste Vorsitzende der B.O.K.D., deren Gründung vier Frauen vorbereiteten und insgesamt 28 Pflegerinnen umsetzten. Aus den anfänglichen 28 Mitgliedern des B.O.K.D. wurden bald weit über 3000 mit Ortsgruppen im ganzen deutschen Reichsgebiet. Zwar waren weitaus mehr Pflegerinnen und Pfleger gewerkschaftlich organisiert, dennoch gewann die B.O.K.D. auf die Berufspolitik Einfluss.
 
Eine der Hauptforderungen des B.O.K.D. war eine einheitlich geregelte dreijährige Pflegeausbildung, die auf eine neunjährige allgemeine Schulzeit folgen sollte. Die Arbeitsbedingungen sollten verbessert werden, unter anderem auch durch verkürzte Arbeitszeiten (Elfstundentag), und die Pflegenden sollten tarifartig angemessen entlohnt werden. Zwischen 200 bis 500 Mark erhielten weibliche Pflegekräfte als Jahresgehalt, im Grunde genommen kaum mehr als ein Taschengeld. Die Gewerkschaften gingen weiter. Sie forderten den Achtstundentag. Die Reichssektion Gesundheitswesen machte sich zusätzlich für die Gleichberechtigung des weiblichen und männlichen Pflegepersonals stark, was sich besonders in der unterschiedlichen Bezahlung der Geschlechter ausdrückte. Männliche Kollegen verdienten meist 30 % mehr, manchmal sogar das Doppelte.
 
Georg Streiters christliche Berufsorganisation forderte außerdem, dass der Krankenpflegeberuf als Lebensberuf und nicht als Durchgangsberuf gesehen werden sollte. Auf den ersten Blick eine eher biedere Forderung, bei näherer Betrachtungsweise eine sehr fortschrittliche, denn sie beinhaltete Arbeitsbedingungen, die die Krankenpflege als Lebensberuf gestattet.
 
Agnes Karll und ihre Mitstreiterinnen setzten sich nicht nur für Öffentlichkeitsarbeit und Weiterbildungen für die Mitglieder ein, sie organisierten Sprachkurse, Stellenvermittlungen und Versicherungen zur existentiellen Sicherung. Zunehmend nahmen sie Kontakte zu Frauenvereinen und Frauen auf, die ebenfalls die herrschenden Zustände nicht mehr widerspruchslos hinnehmen wollten.
 
Systematisch sammelten sie nationale und internationale Pressemitteilungen, die die Pflege betrafen. Kolleginnen wurden beauftragt, statistisches Material zu den Arbeitsbedingungen zu sammeln, woraus die erste selbständige Forschungsarbeit deutscher Krankenschwestern wurde. Und sie bemühten sich, die Pflege in den Wissenschaften zu etablieren.
 
 
Agnes Karll erkannte die Wichtigkeit einer berufsbezogenen Geschichte und übersetzte das "Buch zur Geschichte der Krankenpflege" der Amerikanerinnen Nutting und Dock ins Deutsche. 
 
Auch außerhalb der deutschen Grenzen knüpfte die B.O.K.D. Kontakte, um Einblicke in die dortigen Bedingungen der Pflege zu gewinnen. Die B.O.K.D. trat kurz nach ihrer Gründung dem ICN (International Council of Nurses) bei, einer Vereinigung nationaler Schwesternverbände. Allerdings war sie kein Gründungsmitglied der ICN, wie es einige Pflegegeschichtsbücher meinen zu wissen. Der ICN wurde 1899 durch die englische Oberin Ethel Bedford Fenwick (1857-1947) gegründet. Da gab es noch gar keine B.O.K.D. 
 
 
 
Wie agil die B.O.K.D.und Agnes Karll waren, lässt sich daran erkennen, dass bereits 1904 der ICN seinen internationalen Kongress in Berlin auf Einladung der B.O.K.D. abhielt. Und 1909 wurde Agnes Karll zur Präsidentin des ICN und am Ende ihrer Amtszeit 1912 zur Ehrenpräsidentin gewählt.
 
Weniger erfolgreich waren die Bemühungen des B.O.K.D.´s um Einigung der Pflegerinnen der unterschiedlichen Verbände. Die konfessionellen Verbände und das Rote Kreuz rückten nicht von ihrem Mutterhaussystem und ihren Vorstellungen ab und hetzten ungeniert weiter gegen die freie Krankenpflege. Die B.O.K.D. sah aber die Zusammenarbeit mit ihnen als Vorraussetzung für eine Reformierung der Krankenpflege an und buhlte jahrelang vergeblich um eine Anerkennung durch die mutterhausgebundenen Schwesternschaften.
 
Dagegen öffnete sich die B.O.K.D.nicht gegenüber den Gewerkschaften und versuchte auch gar nicht, in irgendeiner Form mit ihnen zu kooperieren. Der berufspolitische Reformgeist hatte also eindeutige Grenzen. 
 
 
Agnes Karll (1868-1927) lernte die Schattenseiten der Privatpflegen kennen. Zunächst ergriff sie den Beruf einer Unterstufenlehrerin. Mit 19 Jahren wechselte sie den Beruf und trat als Schwesternschülerin in das Clementinenhaus in Hannover ein.
 
Schnell musste sie erkennen, dass die dortige Ausbildung zur Rot-Kreuz-Schwester ungenügend und die Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal katastrophal waren. Durch ihre Erziehung und Bildung im Elternhaus und ihre Lehrervorbildung sah sie sehr bald die Gängelei und Bevormundung des Mutterhausprinzips kritisch. Körperlich an der Grenze der Belastbarkeit durch die schwere Arbeit im Krankenhaus, aber auch um ihren Vater finanziell unterstützen zu können, entschied sie sich schließlich dazu, in der Privatpflege zu arbeiten. Nach kurzem Aufenthalt in einem kommerziellen Schwesternheim gründete sie mit vier Kolleginnen den "Verein Schwestern der Ansbacher Straße", ein selbstverwaltetes Schwesternheim in einer Dreizimmerwohnung.
 
Durch die Privatpflege einer nervenkranken Amerikanerin gelangte sie auch vorübergehend nach Amerika und gewann dort einen Eindruck von den amerikanischen Krankenpflegeverhältnissen. Sie stellte fest, dass das Pflegepersonal doppelt soviel verdiente als die deutschen Kolleginnen und der Arbeitsalltag erheblich erträglicher war.
 
 
 Amerikanische Krankenschwester um die Jahrhundertwende. Auch in Amerika wurde die Situation der professionellen Krankenpflege als verbesserungswürdig eingestuft. Aber Deutschland hinkte im Vergleich meilenweit zurück.
 
Mit 33 Jahren war Agnes Karlls Gesundheit durch die psychisch und physisch stark belastenden Arbeitsbedingungen in der Pflege restlos ruiniert, sodass sie sich gezwungen sah, ihren Beruf aufzugeben. Das hinderte sie jedoch nicht daran, weiterhin für ihre Anliegen betreffs des Pflegeberufes vehement einzutreten. Bereits in der Ausbildungszeit erkannte sie die gravierenden Missstände in der Pflege und erkannte für sich, dass Änderungen nur möglich seien durch die eigene Initiative. Die mangelnde soziale Absicherung der Pflegerinnen in der Privatpflege wiesen sie auf ein weiteres existentielles Problem der Schwestern hin. Sie bemühte sich um eine Krankenversicherung für Pflegekräfte. Es gelang ihr, bei der neugegründeten Versicherung "Deutscher Adler" einen Vertrag für Schwestern von Privatvereinen auszuarbeiten. Durch ihre Berufsaufgabe fand sie bei dieser Versicherung auch eine neue Beschäftigung, die sie dazu nutzte, Pflegepersonal über diese neue Möglichkeit der Absicherung bei Krankheit zu informieren und zu werben.
 

 Minna Cauer
 
Mit Minna Cauer, eine Vertreterin der radikal-bürgerlichen Frauenbewegung, pflegte Karll immer wieder Kontakte, besonders im Zusammenhang mit Versicherungsfragen. Marie Cauer, Minnas Stieftochter und Krankenschwester, war eine der Gründungsmitglieder der B.O.K.D. Bereits in der ersten großen Versammlung des neuen Vereins wurde die Berufsbezeichnung "Schwester" in Frage gestellt. Die freien oder weltlichen Beschäftigten durften sich bis dahin nur als "Pflegerinnen" oder "Krankenwärterinnen" bezeichnen, was mit einem niedrigeren Status verbunden war. Marie Cauer forderte für Krankenschwestern ein Beamtentum wie bei Lehrerinnen und lehnte die "Schwester" ab.
 
Marie Cauer bezog also entschieden fortschrittlichere Positionen. Agnes Karll setzte sich jedoch mit ihren Ansichten durch. Dabei hätte eine Verbeamtung auch existentielle Vorteile mit sich gebracht. Denn dann wäre die Kranken- und Altenversorgung über die Beamtenkassen geregelt gewesen. Ich möchte nun nicht ketzerisch sein und behaupten, dass daran Agnes Karll kein Interesse hatte, denn dann hätte sie sich ja als Versicherungsvertreterin selber die Kundschaft weggehauen. Und die Versicherung "Deutscher Adler" war eine knallhart wirtschaftlich organisierte Versicherung und kein Wohltätigkeitsverein oder Sozialwerk. Wenn sie in das Versicherungsgeschäft mit den Pflegerinnen eingestiegen waren, dann deshalb, weil es Gewinn versprach. Aber so böse Unterstellungen gegenüber der deutschen Ikone der Pflege, auch oftmals als "deutsche Nightingale" bezeichnet, wage ich natürlich nicht aufzustellen.
 
Agnes Karll sah die Schwesternschaft als Fachverband an, auch im christlichen Sinne. Die B.O.K.D-Mitglieder übernahmen  den Begriff "Schwester" für ihre Mitglieder. Karll wollte damit demonstrieren, dass die Mitglieder ihrer Organisation den moralischen und sittlichen Ansprüchen genügten und dass man sie daher als seriös erachtete. Man kann es auch als weiteren Anbiederungsversuch an die mutterhausgebundenen Schwesternschaften verstehen, die die B.O.K.D. trotz dieser Berufsbezeichnung nicht ernster nahmen und weiterhin gegen die "Wilden Schwestern" oder "Sportschwestern" hetzten.
 
Für die Berufsbezeichnung "Schwester" erntete sie sogar im eigenen Verband herbe Kritik. Einige Mitglieder wehrten sich gegen diese Berufsbezeichnung und nicht unbedingt deshalb, weil sie rückständig waren. "Schwester" war nun mal die Bezeichnung für Ordensschwestern. Ordensschwestern wirkten zwar auch als Krankenpflegerinnen, aber nicht nur. Unter ihnen gab es Lehrerinnen, Erzieherinnen, Gärtnerinnen usw. Der Titel "Schwester" hatte nichts mit dem Beruf der Pflege zu tun, sondern vertrat eine Lebenseinstellung. Ordensschwestern hatten ein Gelübde abgelegt und sich zur Keuschheit und Armut verpflichtet. Das war vielleicht auch nicht jedermanns Sache.
 
Die Pflege wäre gut beraten gewesen, sich nicht einfach an einen Begriff heranzuhängen, der so eine eindeutige Prägung besaß. Kein Mann kam auf die Idee, sich mit "Bruder" Soundso anreden zu lassen, nur weil er als Krankenpfleger arbeitete. Diese Tradition hatte ihre Ursachen in dem Rollenverständnis und der gesellschaftlichen Stellung der Frauen ganz allgemein. Als "Schwester" bezeichnet zu werden, bedeutete zwar dazumal einen gewissen Schutz. Aber für die Einigkeit in der Pflege als Vorraussetzung für solidarisches Handeln und die Einforderung berechtigter Interessen wäre eine gänzlich unabhängige Berufsbezeichnung besser gewesen als eine "Geklaute".
 
Die teilweise polemisch geführten Diskussionen um diese Anrede wirkten sich nicht nur schwächend auf die Geschlossenheit des Pflegepersonals aus, sondern verhinderten auch die ganz klare Trennung zwischen der Pflege als Beruf und Kirche. Eine Forderung von Friederike Fliedner, obwohl sie einem konfessionellen Verband angehörte. Der geforderten Versachlichung der Pflege waren wir Dank "der Schwester" wieder ein Stück entrückt.
 
 
Das statistische Material, das Agnes Karll und die B.O.K.D. von ihren Kolleginnen sammeln ließen, diente als Grundlage für eine Forschungsarbeit zu den Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals. Die Absichten waren klar. Die krassen Missstände für die Pflegenden mit überlangen Dienstzeiten, fehlenden Ruhephasen und ständiger Arbeitsüberlastung physischer und psychischer Art und den Folgen der frühen Invalidität und erhöhten Sterblichkeit waren bekannt. Doch ein Lamentieren darüber alleine konnte keine Veränderung bewirken. Diese Missstände sollten überprüfbar werden, um so eine Diskussionsgrundlage zu erhalten. Im Jahre 1909 veröffentlichte die B.O.K.D. die Untersuchung, für die 2500 Krankenpflegerinnen befragt wurden. Zum Beispiel fand diese Studie heraus:
  • 11% der Krankenpflegerinnen fühlten sich schon nach dem ersten Dienstjahr überanstrengt,
  • 18,3% der Krankenpflegerinnen fühlten sich nach dem zweiten Dienstjahr überanstrengt,
  • 24,8% der Krankenpflegerinnen fühlten sich nach dem dritten Dienstjahr überanstrengt,
  • 29% der Krankenpflegerinnen fühlten sich nach dem vierten Dienstjahr überanstrengt,
  • 32,6% der Krankenpflegerinnen fühlten sich nach dem fünften Dienstjahr überanstrengt.
  • Insgesamt gaben von den 2500 Pflegekräften 1050, also 42% an, überanstrengt zu sein.
  • Erreicht wurde ein durchschnittliches Dienstalter von 8,5 Jahren.
Man fand auch heraus, dass die Pflegekräfte unverhältnismäßig oft an Tuberkulose und Herzleiden erkrankten und starben. Besonders erschreckend war auch, dass von 28 Schwestern, die unter vierzig Jahren verstarben, neun durch Suizid aus dem Leben schieden. Damit führte der Selbstmord bei den untersuchten Schwestern 1909 die Liste der Todesursachen an. 1913 rutschte Tuberkulose mit 31,1% auf den ersten Platz, gefolgt von Suizid mit 22,2%, Herzleiden mit 13,3% und Typhus mit 5,5%. Die Selbstmordrate lag weit über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.
 
Auch in Österreich setzte man sich mit den hohen Suizidraten von Pflegerinnen auseinander. 1919 erschienen zu diesem Thema beispielsweise Artikel im "Fachorgan der Krankenpflegerinnen und Fürsorgerinnen Deutschösterreichs" und in der katholischen Zeitschrift "Die Krankenschwester" (Nr. 4). Angesichts der Situation des Pflegepersonals bestand also dringender Handlungsbedarf, um die Arbeitsbedingungen schnellstens zu verbessern.
 
Die Untersuchung der B.O.K.D. war ein wesentliches Instrument, um die berechtigten Forderungen zu untermauern und ihnen den entsprechenden politischen Druck zu verleihen. Es war nun bewiesen, dass Schicksale einzelner Pflegerinnen keine Einzelfälle waren wie beispielsweise Lydia R., die sich bereits als Jungschwester in der Berliner Charité eine Tb holte. Die erhöhte Gefährdung der Krankenschwestern für Tuberkulose konnte nun bewiesen werden, was Lydia R. erst einmal allerdings wenig nutzte. Erst nachdem sie sich zwanzig Jahre später wieder nachweisbar auf der Arbeit infizierte, erkannte man nach endlosem Hickhack die Erkrankung als berufsbezogene Krankheit an.
 
Weniger Glück hatte Maria R. Sie steckte sich als Krankenpflegerin in einem Mädchenheim mit Typhus an, wurde Dauerausscheiderin, verlor deshalb ihre Arbeit und durfte nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten. Jahrelang stritt sie vergeblich um die Anerkennung ihrer Berufsunfähigkeit wegen einer berufstypischen Erkrankung. Obwohl die hohe Gefahr der Ansteckung mit Typhus für Pflegepersonal durch die Untersuchung belegt war.
 
Die Vorgehensweise der B.O.K.D., mit einer solchen Studie an die Öffentlichkeit zu treten und auf die katastrophalen Bedingungen in der Pflege hinzuweisen, war mehr wie legitim, fast schon genial. Allerdings ergab sich später daraus ein Problem, weil gerade die Vertreter der Pflegegeschichte die B.O.K.D. und Karlls großartiges Engagement sehr einseitig betrachteten.
 
Trotz aller dieser durchaus richtigen Feststellungen wird in der gängigen Literatur nämlich immer wieder ein schwerer Fehler begangen. Man kann nicht die Pflegekräfte in dieser Zeit isoliert betrachten und muss sie im gesellschaftlichen Rahmen sehen. Damals war zum Beispiel die Lebenssituation der arbeitenden Frauen aus der Unterschicht generell mehr wie elend. Betrachtet man also allgemein die Lage, ging es den Krankenschwestern verhältnismäßig gut. Sie brauchten keine Obdachlosigkeit, Hunger und Verelendung fürchten, solange sie arbeitsfähig waren. Ihr Arbeitsplatz war überwiegend gesichert.
 

  "Volksküche" in Berlin in der Weimarer Republik 
 
Das waren Bedingungen, von denen Arbeiterinnen und sogenannte Dienstmädchen dazumal nur träumten. Vor der Novemberrevolution schufteten die meisten Arbeiter und Arbeiterinnen an sechs Tagen der Woche sechzehn Stunden und mehr täglich unter unglaublichen Lärmbelästigungen, Luftverschmutzungen und fehlenden Sicherheitsrichtlinien. Auch Arbeiterinnen fielen unter die Bevormundung der Fabrikherren. Dienstmädchen hatten restlos unterbezahlt für ihre Dienstherren Tag und Nacht präsent zu sein. Misshandlungen, sexuelle Übergriffe, Freiheitsberaubungen waren eher die Regel als die Ausnahme.
 
 
Wohnraum war für Arbeiter kaum bezahlbar, "Trockenwohner" mussten zwar alle halbe Jahre umziehen in neu errichtete Häuser, bis dort die Mauern ausgetrocknet waren, aber sie hatten immerhin Wohnungen und waren vor Obdachlosigkeit geschützt. Viele Familien mussten in ihrer bereits überfüllten Wohnung an "Schlafburschen" zu bestimmten Zeiten ein Bett vermieten, um die Miete aufbringen zu können. Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit waren die Schreckgespinste jener Zeit. Zum Beispiel nahm am 30.1.1895 ein Berliner Tagesasyl für Obdachlose 4000 Personen auf. Besonders Frauen und Kinder hatten ein erhöhtes Risiko zur radikalen Armut. Ein Arbeitsplatzverlust bedeutete für viele Frauen als letzten Ausweg die Prostitution.
 
Obdachlosenasyl in Berlin um die Jahrhundertwende
Nur wenn man die allgemeinen Bedingungen der arbeitenden Bevölkerung sieht, wird es erklärbar, dass sich so viele Frauen mit den Bedingungen in der Pflege arrangierten. Die Krankenschwestern in dieser Epoche waren doch nicht alle ein Haufen Masochistinnen oder völlig "bekloppt". Diesen Eindruck könnte man aber leicht gewinnen, wenn man die gängigen Schilderungen über ihr Leben losgelöst von den Verhältnissen dieser Zeit liest. Viele Frauen, die alleine für ihren Lebensunterhalt sorgen mussten, entkamen mit dieser Berufswahl einer viel größeren Not. Und genau aus diesem Grunde strömten auch zahlreiche Frauen aus dem bürgerlichen Milieu in den Pflegeberuf und nicht nur aufgrund ihrer "bürgerlich weiblichen Sittlichkeitsnormen".
 
Gerade das Kleinbürgertum kämpfte mit den wirtschaftlichen Veränderungen und genügend Leute aus der unteren Mittelschicht rutschten unaufhaltsam ab. Finanzielle Probleme verhinderten Lyzeum oder Mitgift für die Töchter. Der Pflegeberuf schützte erst einmal vor einen Absturz in die Unterschicht. 1965 bis 1968 arbeitete ich als Schülerin häufig im ehrenamtlichen Wochenenddienst in einem Hospital mit, das an ein evangelisches Akutkrankenhaus in Berlin-Lichterfelde angeschlossen war. Die Diakonissen in der Hospitalabteilung arbeiteten dort aus Altersgründen, weil sie sich von dem hektischen Stationsalltag im Akutkrankenhaus überfordert fühlten und waren überwiegend zwischen 1880 und 1900 geboren.
 
Bereitwillig erzählten sie aus ihren Jugendtagen, wenn ich sie mit meinen Fragen löcherte. Und ich kann mich noch gut daran erinnern, dass sie von Krankenschwestern berichteten, die quasi in dem Beruf "parkten". Mit ihrer Ausbildung in Krankenpflege wollten diese sich auf spätere Aufgaben als Hausfrau und Mutter vorbereiten, wenn sie eine standesgemäße Partie gefunden hatten. Manchen gelang das "Einschiffen" in den Ehehafen nicht und so blieben sie im Pflegeberuf "hängen".
 
Unter diesem Gesichtspunkt müssen aber auch die Angaben zum durchschnittlichen Dienstalter gesehen werden, nach dem Motto: "Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe", da die B.O.K.D. mit ihrer Untersuchung ganz klare Ziele verfolgte. So ganz haut das nicht hin mit dem reinen Dienen und Aufopfern ohne jeglichen Hintergedanken. Wer das beabsichtigte, nahm konsequenterweise den Schleier oder trat den Diakonissen bei.
 
Hinsichtlich der damaligen Verhältnisse, mit dem zu dieser Zeit herrschendem Rollenverständnis und der allgemeinen Stellung der Frau in der Gesellschaft und ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten waren Krankenschwestern trotz aller Widrigkeiten privilegiert und fühlten sich auch als etwas "Besseres". Sie rechneten sich keineswegs zur Unterschicht. Über diese rümpften die Meisten die Nase. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte es also sehr wohl eine Aufwertung des Pflegeberufes gegeben und stand den Frauen des Bürgertums als Beruf offen.
 
Agnes Karll war eine Vertreterin dieser bürgerlichen Schicht, wodurch sich auch die Anbiederungen an die mutterhausgebundenen Schwesternschaften erklären lassen, die Nähe zur bürgerlichen Frauenbewegung und die Abschottung zur Gewerkschaftsbewegung. Im Grunde genommen waren ihre Mitstreiterinnen Elisabeth Storp,  Marie Cauer und Helene Meyer in ihren Ansichten weitaus fortschrittlicher als Agnes Karll. Und die Zeit war einfach reif für Veränderungen. Bei Agnes Karll und ihrem Mythos wird eine Neigung deutlich, die man häufiger in der Geschichte bemerkt: Zum Beispiel zog ja auch "der Alte Fritz" in den Krieg, ganz alleine, und hatte nicht einmal den Koch dabei. 
 
Nur diesen volkstümlichen Mythos kann man ihr nicht anlasten. Vielmehr müsste man von Pflegehistorikern erwarten können, dass sie erst dann eine Aussage über die Qualität der damaligen Suppe machen, wenn sie nicht nur die Fettaugen und Fleischbröckchen im eigenen Teller zählen. Da sollte schon die Bereitschaft da sein, einen Blick in die anderen Teller oder Suppentassen zu werfen. Und dann stellt man sehr schnell fest, dass in vielen Töpfen überhaupt nichts drin war.
 
Agnes Karll hatte nicht den Anspruch, eine Untersuchung zu den allgemeinen Lebens- und Arbeitsbedingungen aller Frauen zu tätigen. Als bürgerliche Frau mit bemerkenswertem Weitblick versuchte sie den Pflegeberuf "salonfähig" zu machen. Für spätere Pflegehistoriker, die nicht über den eigenen Tellerrand gucken, konnte sie nun wirklich nichts. Und bei allen Legenden und Geschichtchen, die um Agnes Karll gesponnen wurden, geht ihr größtes Werk unter. Sie erkannte die Wichtigkeit der Pflegegeschichte als ethische Grundlage für den Pflegeberuf, was kaum gewürdigt wird. Was daran liegen könnte, dass heutige Pflegetheoretiker immer noch nicht in diesem Punkt ihre Weitsicht besitzen.
 
1896 trat das "Wärterpersonal" der Berliner städtischen Krankenanstalten der "Gewerkschaft der Berliner Gasarbeiter" bei. Die Gewerkschaft nannte sich bald in "Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter" um. Ab 1909 bildete sich daraus die "Sektion Krankenpflege" und ab 1911 die "Reichssektion Gesundheitswesen". Sie waren nicht die einzige Gewerkschaftliche Vertretung. Bereits 1898 war der "Verband des Massage-, Bade- und Krankenpflegepersonals" gegründet worden, die 1904 dem Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter beitraten, weil sie eine große starke gewerkschaftliche Vertretung besser befanden als kleine Splittergewerkschaften.
 
 
Georg Streiter (Siehe auch Virtuelles Denkmal Gerechte der Pflege)
 
Der Reichstagabgeordnete Georg Streiter gründete 1903 den "Gewerkverein der Krankenpfleger", aus dem 1907 der "Deutsche Verband der Krankenpfleger und Pflegerinnen" wurde und später der "Deutsche Verband für die berufliche Kranken- und Wohlfahrtspflege". Das war eine christliche Berufsorganisation.
 
Florence Nightingale bekam durch einen Krieg die Möglichkeiten, ihre Ansichten, Theorien und Reformen voranzutreiben. Agnes Karll und die deutsche Krankenpflege wurden dagegen durch einen Krieg völlig ausgebremst. Der Ausbruch des I. Weltkrieges zerstörte die internationalen Kontakte. Damit gingen auch die internationalen Vergleiche verloren und das Wissen über die Reformbestrebungen andernorts. Die Forderungen nach einer geregelten dreijährigen Pflegeausbildung gingen im nationalistischem Hurrageschrei unter. Es wurden während des Krieges massenweise Hilfsschwestern ausgebildet, die nach einer sogenannten Notprüfung staatlich anerkannt wurden.
 
In der Regel dauerte die Ausbildung während der Kriegszeit sechs Monate. Doch auch diese Maßnahmen konnten den immensen Bedarf an Pflegepersonal nicht decken. Der massive Mangel an Pflegekräften sorgte für noch schlimmere Arbeitsbedingungen, gegen die sich das Pflegepersonal mit Hinweis auf ihre patriotischen Pflichten kaum wehren konnte.
 
Lazarett im I. Weltkrieg   
 
Dazu kam die allgemeine Lage, unter der Deutschland litt. Mit der britischen Seeblockade verschärften sich die Lebensbedingungen. Deutschland hungerte. Unterernährung und Mangelkrankheiten erhöhten die Krankheitsanfälligkeit. Während des I. Weltkrieges verdreifachte sich die Zahl der Tuberkulosekranken. Dazu wütete 1918 die Spanische Grippe, Australische Enzephalitis und Kinderlähmung. Die Krankenpflegerinnen wurden dadurch nicht nur arbeitsmäßig überbelastet, immer dicht an der "Quelle" erhöhte sich auch die eigene Ansteckungsgefahr.
 

 

 
                    
 
Die Engländerin Edith Louisa Cavell wurde am 4.12.1865 in Swardeston in Norfolk als Tochter eines Pastors geboren. Sie hatte drei jüngere Geschwister, Florenz, Lilian und John. Die Familie lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen. Das Leben war einfach und wenig abwechslungsreich. Daran änderten auch nichts die Predigten ihres Vaters, die sie eher als langweilig beschrieb. 
 
Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Heranwachsenden gehörten die Natur, Tiere, Malerei, Tennis, Tanzen und Schlittschuhlaufen auf den nahen zugefrorenen Gewässern. Früh zeigte sie neben ihrer künstlerischen Begabung ein ausgeprägtes Organisationstalent. Ihr Vater benötigte dringend einen Kirchenraum für die Sonntagsschule. Edith unterstützte ihn mit selbstgemalten Karten und Bittbriefen, um an die nötigen finanziellen Mittel zu kommen.
 
Edith und ihre zwei jüngeren Schwestern, Florenz und Lilian, besuchten nicht die Dorfschule, sondern wurden zu Hause privat unterrichtet. 1881 kam sie für einige Monate nach Norwich an die Oberschule. Später besuchte sie Internate in Kensington, Clevedon nahe Bristol und Peterborough und machte eine Ausbildung zur Gouvernante. Dort wurde Französisch unterrichtet und da sie ein gutes Sprachgefühl zeigte, trat sie 1890 eine Stellung in Brüssel an. Bei Reisen nach Österreich und Bayern lernte sie ein Privatkrankenhaus kennen, was bei ihr das Interesse für die Krankenpflege weckte. Um ihren kranken Vater zu pflegen, ging sie nach Swardeston zurück. Vermutlich bestärkte die Pflege des Vaters sie in dem Entschluss, Krankenschwester zu werden. Nach seiner baldigen Genesung absolvierte sie die Ausbildung am London Hospital.  Praktische Erfahrungen in dem Beruf sammelte sie während einer Typhus-Epidemie in Kent. Als Anerkennung für ihre dort geleistete Arbeit wurde sie mit der „Maidstone Medaille“ ausgezeichnet. Danach arbeitete sie in mehreren Kliniken und Privatpflegen. 1907 wurde Edith Cavell die Oberin im belgischen Berkendael Medical Institute in Brüssel, wo sie eine Schwesternschule nach dem Vorbild der Florence-Nightingale-Schulen errichten und führen sollte.
 
Anfänglich stieß sie mit ihrer Arbeit auf Widerstand. Bis dahin war die Pflegeausbildung in Belgien in konfessioneller Hand. Frauen des Mittelstandes hielten eine Berufstätigkeit oder Lohnarbeit für eine Schande. Als sich aber die Königin der Belgier den Arm brach und in ihrer Schwesternschule eine ausgebildete Krankenschwester erbat, stieg der Status der Schule sprunghaft.
 
Der I. Weltkrieg brach aus. Belgien war ein neutrales Land. Doch das Deutsche Reich missachtete die Neutralität des kleinen Nachbarlandes. Ohne Kriegserklärung ließ der deutsche Kaiser seine Truppen am 9.8.1914 völkerrechtswidrig einmarschieren, weil Belgien als Durchgangsland zum Kriegsgegner Frankreich eine strategische Bedeutung besaß. Mehr als 6500 Zivilisten kamen beim deutschen Einmarsch ums Leben, unter ihnen Kinder, Jugendliche, Alte, Frauen, Priester. Unter dem Militärgouveneur Ludwig Freiherr von Falkenhausen wurde im besetzten Belgien eine Schreckensherrschaft installiert.  Ganze Dörfer wurden als sogenannte Vergeltungsmaßnahmen verwüstet und niedergebrannt, Zivilbevölkerung wahllos ermordet, tausende Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Es kam zu systematischen Plünderungen und Ausschreitungen, die alte Universitätsstadt Löwen wurde zerstört, die Bibliothek mit unersetzbaren Büchern ging in Flammen auf, ebenso die Kathedrale. Zehntausende flohen vor dem deutschen Terrorregime nach Holland und Frankreich. Im Verlaufe des jahrelangen Stellungskrieges zwischen Franzosen und Deutschen wurden viele belgische Städte zerstört.
 
Cavell wurde vom Kriegsausbruch in Norfolk während eines Besuches bei ihrer Mutter überrascht. Sie hätte in England bleiben können, entschied sich aber zur Rückkehr, wo man sie nach ihrer Meinung gerade jetzt dringend brauchte. Edith Cavell schickte die deutschen und holländischen Krankenschwestern zum eigenen Schutz nach Hause. Mit der deutschen Besetzung wurde ihr Krankenhaus vom Roten Kreuz übernommen und in ein Lazarett verwandelt. Das deutsche Militär schickte sechzig englische Krankenschwestern nach Hause, Edith Cavell blieb und pflegte ungeachtet der Nationalität die Soldaten, auch deutsche. Nachdem bei Mons das britische Expeditionskorps geschlagen wurde und sich Richtung Kanalküste zurückziehen musste, versteckte Cavell zwei britische Soldaten für vierzehn Tage. Andere hilfesuchende Soldaten folgten. Später wurde behauptet, dass sie aus Naivität gehandelt hätte. Edith Cavell wusste aber sehr gut, dass sie mit ihren Handlungen ihr Leben riskierte. Um den belgischen Architekten Philippe Baucq und das Prinzenehepaar de Croy vom Chateau in Mons bildete sich mit Hilfe der englischen Krankenschwester eine Gruppe, die versuchten, Kriegsgefangenen die Flucht ins neutrale Holland zu ermöglichen. Mehr als 200 britische, französische und belgische Kriegsgefangene konnten so entkommen.
 
Am 5.8.1915 wurde Edith Cavell und andere Helfer dieser Widerstandsgruppe verhaftet. In Verhören gestand sie schließlich, Soldaten der Entente zur Flucht verholfen zu haben, nachdem man sie belogen hatte, dass andere Gefangene entsprechend ausgesagt hätten. Sie wurde wegen "Verbrechens zum Schaden für die deutschen Streitkräfte", nicht wegen Spionage angeklagt. Und es war eindeutig, dass sie aus humanitären Gründen bedrängten Kriegsgefangenen geholfen hatte. Dennoch verurteilte am 9.10.1915 das deutsche Militärgericht in Brüssel sie als angebliche Spionin zum Tode.
 
Die Hinrichtung einer Frau durch das Militär, zu dem Frauen ja nicht zugelassen waren, galt dazumal als absoluter Tabubruch. Anscheinend wollten die deutschen Militärs bewusst ein Exempel an ihr statuieren. So erstaunt es nicht, dass Internationale Proteste, Bemühungen des amerikanischen und des spanischen Botschafters, eine Aussetzung des Urteils oder Begnadigung zu erreichen, scheiterten. In der Nacht vor der Exekution sagte sie zu einem anglikanischen Geistlichen: "I realise that patriotism is not enough, I must have no hatred or bitterness towards anyone." Edith Louisa Cavell wurde gemeinsam mit dem Belgier Philippe Baucq am 12.10.1915 erschossen. Die anderen beiden gefällten Todesurteile wurden ausgesetzt. Sie soll gerüchteweise von einem deutschen Offizier erschossen worden sein, nachdem einfache Soldaten den Befehl zur Erschießung verweigerten bzw absichtlich vorbeischossen.
 
Beim Prozess und der Hinrichtung war der deutsche Arzt und Dichter Gottfried Benn als Militärarzt zugegen. Der Sohn eines lutherischen Pastors hatte Theologie, Philologie und Medizin studiert und kommentierte das Geschehen: „Sie hatte als Mann gehandelt und wurde von uns als Mann bestraft. Sie war aktiv gegen die deutschen Heere vorgegangen, und sie wurde von diesen Heeren zermalmt. Sie war in den Krieg eingetreten, und der Krieg vernichtete sie.“
 
Nach dem I. Weltkrieg war er ein entschiedener Gegner der Demokratie und Republik und symphatisierte offen mit den Nationalsozialisten. Erst nach dem Röhm-Putsch 1934 distanzierte er sich von der braunen Gewaltherrschaft. Wegen seiner anfänglichen Unterstützung der NSDAP erhielt er nach Kriegsende bis 1948 von den Alliierten ein Publikationsverbot. 1951 gewann er den Georg Büchner Preis der demokratischen Bundesrepublik. Georg Büchner, 1813-1837, war ein deutscher Revolutionär, Schriftsteller und Naturwissenschaftler: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“
 
1919 ließ die englische Regierung Edith Louisa Cavells Leichnam in Belgien exhumieren und nach London überführen. Zu einer Gedenkveranstaltung in Anwesenheit von König Georg V. wurde ihr Sarg in die Westminsterabtei gebracht, wo sie auch beigesetzt werden sollte. Ihre Familie bestand aber auf einer Beerdigung in Norfolk und sie fand bei der dortigen Kathedrale ihre letzte Ruhe.
 
Das war wohl auch in ihrem Interesse, denn Edith Louisa Cavell sah sich selber nicht als Heldin. Sie konnte auch nichts dafür, dass spätere extreme Nationalisten ihren Namen für ihren wilden Patriotismus missbrauchten. Edith Louisa Cavell war einfach eine Krankenschwester und mutige Frau, die ihrem Gewissen folgte.
 
Ein Denkmal auf dem Londoner St. Martin´s Place nahe dem Trafalgar Square erinnert an die Krankenschwester. Für Nichtengländer ist es wohl etwas schwierig nachvollziehbar, wenn auch liebenswert, dass das Imperial War Museum in London ihren ausgestopften Hund "Jack" wie eine Reliquie hütet. Auch in Norwich in England steht ein Denkmal und ein Krankenhaus in Peterborough trägt ihren Namen. In Kanada wurden Schulen in Vancouver und Str. Catharines, außerdem ein Berg im Jasper National Park nach ihr benannt. In Neuseeland gibt es eine Edith Cavell Brücke und in Melbourne in Australien steht ein Denkmal ihr zu Ehren. In Brüssel heißt ein Krankenhaus „Clinique Edith Cavell„ in der „rue Edith Cavell 32“. In Belgien und Frankreich wurde der Vorname Edith durch sie populär. 
 
Es gab auch einmal eine Edith-Cavell-Straße in Reinickendorf im Ortsteil Frohnau. Diese Straße hieß von 1935-1945 Lodystraße, benannt nach dem deutschen Spion Lody. Die britischen Besatzungsmacht, die kurzfistig in Frohnau weilte, benannte die Straße nach der Krankenschwester um. Ab 1955 hieß diese Straße Gollanczstraße nach Viktor Goliancz, dem ehemaligen Leiter der englischen Hilfsorganisation für deutsche Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg.
 
Eine Rehabilitierung, eine Entschuldigung, eine Ehrung, eine Gedenktafel oder ähnliches durch Deutsche konnte ich nicht entdecken. Aber eine Gedenktafel für Gottfried Benn.
 
 
 
 
Das Jahr 1918 schien zunächst für Deutschland das Jahr zu sein, in dem Deutschland nach Beendigung des schrecklichen Krieges einen Neuanfang starten konnte. Der I. Weltkrieg war verloren, der Kaiser desertierte und die Novemberrevolution wischte 1918 die Monarchie und alte Gesellschaft weg.
 
Normen, Werte, Überzeugungen, festgefahrene Strukturen, Moral, soziale Einstellungen, Rollen, gesellschaftliche Verkrustungen, Vorurteile von gestern galten plötzlich nicht mehr. Die Gesellschaft war in Bewegung und begann sich zwangsweise neu zu definieren. Deutschland hatte zwar den Krieg verloren, aber die einmalige Chance, nach der friedlichsten Revolution aller Zeiten, abgesehen von der Novemberrevolution 1989 in der DDR, nicht nur das Gesellschaftsbild neu zu schaffen, sondern auch die Lage des Individuums zu ändern.
 
Es gab Pflegekräfte, die diese Chance ergriffen und sich zu Wort meldeten, um die Bedingungen der Pflege nachhaltig zu reformieren. Die Gewerkschaften erlebten einen immensen Zulauf von Pflegepersonal. Forderungen wurden aufgestellt wie beispielsweise Tariflöhne, Achtstundentag, Alters- und Hinterbliebenenversorgung, Gleichstellung des männlichen und weiblichen Personals, eine einheitliche Regelung der Ausbildung, bezahlte Erholungszeiten und Urlaubsregelungen. Solche Forderungen waren legitim.
 
Glaubt man den Berichten, war die Pflege ein Paradebeispiel dafür, wie die Deutschen ihre Chancen durch diese Revolution verspielten. Das größte Hindernis für weitreichende Reformen in der Pflege sollen die Pflegenden selber gewesen sein. Schwierig war auf jeden Fall die Uneinigkeit der Pflegekräfte. Das Pflegepersonal gehörte konfessionellen Verbänden, dem DRK, städtischen Schwesternschaften und Fachverbänden an. Freiberufliches Krankenpflegepersonal war entweder in der B.O.K.D., in Gewerkschaften, kleineren freien Verbänden, in freien Gewerkschaften, in christlichen Gewerkschaften oder gar nicht organisiert. Es kamen aus der Arbeiterbewegung heraus Verbände dazu wie beispielsweise der PG (Proletarische Gesundheitsdienst), die Rote Hilfe, die AWO (Arbeiterwohlfahrt) oder der ASB (Arbeiter-Samariter-Bund).  
 
Nicht die Vielfalt der Verbände bildeten den Hemmschuh eines Reformierungsprozesses, sondern der Umgang der Pflegekräfte miteinander, der geprägt war von Intoleranz und fehlender Solidarität. Die Ideologie des 19. Jahrhunderts bestand vielmals weiter und führte zu einer verschärften Auseinandersetzung zwischen kirchlicher und freier Krankenpflege.
 
Frau Steppe und andere Autoren berichten, daß die Pflegekräfte aus dem bürgerlichen Bereich die Vorstellungen der kirchlich organisierten Pflege übernahmen. Sie übten keinen Beruf aus, sondern fühlten sich berufen. Statt Bezahlung ging es ihnen in erster Linie um den „himmlischen Lohn“. Und sie definierten ihre Tätigkeit hauptsächlich als „dienen“. Sie fühlten sich als Dienerinnen Gottes durch ihr Werk der Nächstenliebe und als Dienerin des Arztes. Auf die Pflegekräfte aus dem Arbeitermilieu sahen sie geringschätzig als „Lohnempfängerinnen“ herab und sprachen ihnen eine sittliche Reife ab, da sie um des Geldes Willen ihre Arbeit verrichteten. 
 
Es entsteht der Eindruck, dass die Pflegekräfte nachwievor lieber über ihre Sittlichkeit als über Arbeitsbedingungen diskutierten, dass ihre idealistischen Träumereien offenbar einen größeren Stellenwert besaßen als fachliche Kompetenzen. Diese Darstellung muss angezweifelt werden. Zu dieser Zeit waren schon längst nicht mehr alle Pflegerinnen aus dem bürgerlichen Milieu automatisch Ordensschwestern oder Diakonissen. Dass die konfessionellen Schwestern die freien Schwestern als sogenannte „wilde Schwestern“ oder „Sportschwestern“ angriffen, lag nicht nur daran, dass weibliche Pflegekräfte männliche Patienten pflegten. Und es ging auch nicht nur um die angebliche Unsittlichkeit der Freien.
 
Es ist richtig, daß die freien Schwestern versuchten, den moralischen und sittlichen Ansprüchen insoweit zu genügen, dass man sie als seriös erachtete, so wie es die B.O.K.D. erreichen wollte durch die Berufsbezeichnung „Schwester“. In aller erster Linie ging es um wirtschaftliche Interessen, denn Caritas, Diakonie und Rotes Kreuz hatten sehr wohl erkannt, dass Krankenpflege ein gutes Geschäft sein kann. Durch die Verunglimpfung der "Freien" versuchte man, sich unliebsame Konkurrenz vom Halse zu schaffen.
 
Ein weiterer Zündstoff war durch die nicht geregelte Ausbildung gegeben. Damit waren die Pflegekräfte von ihrer Qualität her nicht eindeutig einzustufen und abgrenzbar. Das förderte weiter den Separatismus. Standesbewusstsein oder Solidarität untereinander endete zumeist abrupt außerhalb des eigenen Verbandes. So entwickelte sich kein Bewusstsein für die Berufsgruppe. Mir ist kein anderer Berufsstand bekannt, der derart zersplittert in berufspolitischer Sicht auseinanderdriftete.
 
Doch das war nicht das einzige Dilemma. Der Pflege fehlten auch weitgehendst die Kampfmittel der Arbeiter. Streik oder Dienst nach Vorschrift waren ja grundsätzlich gute Methoden, um seine Rechte durchzusetzen.
 
Aber jetzt werde ich mal ganz drastisch: sollte eine Hebamme wegen Streik eine Gebärende zustöpseln? Sollte eine Krankenschwester die Patienten einen Tag im Kot liegen lassen? Sollte die Kinderpflegerin die Säuglinge verhungern lassen, um zu einer Kundgebung zu marschieren?
 
Dieser ewige Singsang der Gewerkschaften heutzutage geht mir gehörig auf die Nerven. Sie haben in den vielen Jahrzehnten nicht begriffen, dass wir es mit Menschen und nicht mit Schrauben zu tun haben. Sie haben in den vielen Jahrzehnten nicht die Abhängigkeiten und unsere Erpressbarkeit erkannt. Sie haben in den vielen Jahrzehnten nicht die Lücke gefunden, wo auch wir Möglichkeiten der Gegenwehr bekommen. Es wurde gerade von gewerkschaftlicher Seite versäumt, Formen des Widerstandes oder Protestes zu finden, der auf das Pflegepersonal zugeschnitten ist. Das hat sich bis heute nicht verändert. Mitgliedsbeiträge werden gerne kassiert, aber damit endet auch die gewerkschaftliche Solidarität. Und im Zweifelsfalle heißt es dann, dass den Pflegekräften das gesellschaftspolitische Bewußtsein fehlt. Pustekuchen! Den Gewerkschaften fehlt es nachwievor an Einfühlungsvermögen und Phantasie.
 
Ein Hinweis auf unsere Rückständigkeit war beispielsweise die Arbeitszeitverkürzung, die in der  „Demobilmachungsverordnung“ vom November 1918 nicht nur die gewerblichen Arbeiter in den Genuß des Achtstundentag bringen sollte, sondern auch das Pflegepersonal. Die wichtigste Forderung nach einer verkürzten Arbeitszeit, verankert in dem „vorläufigen Entwurf eines Gesetzes über die Arbeitszeit der Krankenpflegepersonen“ vom Juli 1919, der bei vollem Lohnausgleich den Achtstundenarbeitstag bei maximal 48 Stunden Wochenarbeitszeit vorsah, scheiterte nicht zuletzt auch am Protest vieler Pflegekräfte.
 
Agnes Karll, die Mitbegründerin der B.O.K.D., die selber in ihren Untersuchungen von 1909 bis 1913 feststellte, dass sich 42% der Pflegekräfte überanstrengt fühlten und sich mit der hohen Suizidrate bei Pflegerinnen auseinandersetzte, Frau Karll, die als außerordentlich fortschrittlich galt, genau diese Frau Karll stimmte als Arbeitnehmervertreterin ebenfalls gegen den Achtstundentag. Aber warum?
 
Agnes Karll entstammte dem bürgerlichen Lager und stand der bürgerlichen Frauenbewegung nahe. Sie gehörte zu den Leuten, die die junge Weimarer Republik ablehnten und diejenigen, die den Umsturz herbeiführten und für die Republik eintraten,  als "Pack" oder "Novemberverbrecher" oder "Rotes Gesindel" bezeichneten. Außerdem trat sie bereits vor dem 1. Weltkrieg für eine Arbeitszeitverkürzung auf elf Stunden täglich ein, damit die Patienten, so ihre Erklärung, nicht ständig einen Bezugspersonenwechsel hätten.
 
Dazu kam die Situation, dass im Krieg massenweise Hilfsschwestern ausgebildet worden waren, die nach einer sogenannten Notprüfung als Krankenschwestern oder Krankenpflegerinnen anerkannt wurden. Mit dem Kriegsende sank ruckartig der Bedarf an Pflegekräften. In Zeiten des Personalmangels sind nun einmal eher berechtigte Forderungen durch- und umzusetzen wie in Zeiten eines Personalüberschusses. Es entsprach auch der Logik, dass die Arbeitgeber alles unternahmen, um eine Verbesserung der Arbeits- und Lebenssituation ihrer Pflegekräfte zu verhindern, denn sie hätten es ja finanzieren müssen.
 
Somit konnte sich eine Frau Karll gar nicht für den Achtstundentag aussprechen, denn dann wären die B.O.K.D.-Schwestern „mit dem Rücken an die Wand“ geraten. Und zu diesem Zeitpunkt gingen bereits genug Pflegerinnen „stempeln“. Jede Organisation, jeder Verband bemühte sich im Interesse seiner Arbeitnehmer, als allererstes die Sicherheit durch den Arbeitsplatz zu gewährleisten. Auch das kennen wir gut aus der heutigen Zeit. Der momentane Sozialabbau mit Bettenreduzierungen und Mittelkürzungen sorgt mehr und mehr dafür, dass auch wir in eine berufliche Unsicherheit geraten. Arbeitszeitverlängerungen, Streichung von Zusatzleistungen, Hilfsarbeiterlöhne, unterlaufene Tarifverträge oder Personaleinsparungen bei erhöhten Anforderungen werden stillschweigend geschluckt. Nicht, weil uns ein politisches Bewusstsein fehlt, sondern bei Nichtanpassung der Arbeitsplatz (Inzwischen, Zeit vergeht, gibt es einen Pflegenotstand - aber auch das weiß das Pflegepersonal nicht zu nutzen).
 
Vergleichen wir also heutige Verhältnisse mit damals, dann wird auch deutlich, warum es den Pflegekräften nach dem I.Weltkrieg so schwer fiel, ihre Anliegen einzubringen. Da, wo sich ihre Arbeitslage anfing, zu entspannen und zu stabilisieren, war die Konterrevolution schon lange im Vormarsch.
 
Immerhin kam es noch zu Tarifverträgen, die aber leider die unterschiedliche Bezahlung von weiblichen und männlichen Pflegekräften verankerte. Eine Unfallversicherung kam 1928, die Sozialversicherungspflicht wurde durchgesetzt. 1929 wurde das letzte Heiratsverbot (offiziell) aufgehoben. Die Arbeitszeit wurde auf täglich zehn Stunden, wöchentlich maximal sechzig Stunden begrenzt. Das Problem mit der einheitlichen Krankenpflegeausbildung blieb ungelöst. Was den Kost- und Logiszwang betraf, bestand er in vielen Einrichtungen weiter.
 
Gerade dieser Kost- und Logiszwang dient immer wieder als Beweis, dass sich die Krankenpflegerinnen dazumal mit den feudalistischen Verhältnissen bereitwillig abfanden und unterordneten. Wenn man aber Elfriede F. dazu hört, erscheint diese Sache in einem ganz anderen Licht. Für sie gab es nämlich diesen Zwang nicht, sondern es war für sie die Vorraussetzung, um überhaupt den Beruf als Krankenschwester erlernen und ausüben zu können. Eine eigene Wohnung überstieg ihre finanziellen Mittel. Halbwegs brauchbarer Wohnraum war knapp.
 
In der Stadt Berlin zählte man 1925 beispielsweise 1 154 499 Übernachtungen von Männern, 105 385  von Frauen und 1 504 von Kindern unter 14 Jahren in städtischen Obdachlosenasylen. 1929 sank die Übernachtungszahl der Männer um etwa ein Drittel, bei den Frauen um ca 50 %, aber die Übernachtungen der Kinder verachtfachten sich fast. Studiert man genau überlieferte Fotos aus dieser Zeit, wird man schnell erkennen, daß nicht nur einfach gekleidete Frauen aus der Unterschicht die Suppenküchen und Asyle in Anspruch nahmen. Wer eine Wohnung ergattern konnte, war auch nicht unbedingt besser dran. Ganze Familien drängelten sich in einem einzigen Raum. Oft wurde das eigene Bett an Schlafgänger vermietet. In Berlin spitzte sich die Wohnungsmisere besonders zu, aber auch in kleineren Städten sorgten Mietwucher und Wohnungsnot für eine extreme Anspannung auf dem Wohnungsmarkt. Aus heutiger Sicht wirken die oft winzig kleinen Schwesternzimmer befremdlich. Aber angesichts der allgemeinen Situation grenzte es an einen Luxus, ein Zimmer für sich alleine zu haben. Elfriede war nach ihrer Ausbildung sehr stolz über ihr eigenes Zimmer.
 
Eine regelmäßige Selbstbeköstigung angesichts ihrer Dienstzeiten wäre belastend gewesen. Im Stadtkrankenhaus Görlitz begann ihr Arbeitstag um 6 h mit einem gemeinsamen Frühstück und Sport. Zur Teilnahme am Frühsport waren alle Krankenschwestern verpflichtet. Um 7 h begann die Arbeit auf Station. Mittags fanden sich die Krankenschwestern in der Kantine zum gemeinsamen Mittagessen ein. Als Schülerin hatte Elfriede dann eine Stunde Krankenpflegeunterricht, als fertige Krankenschwester stand diese Zeit als Freistunde zur Verfügung. Danach arbeiteten sie offiziell bis 19 h. Elfriede meinte, dass einige Stationen auch pünktlich Feierabend machen konnten, sie aber nicht. Denn das tägliche Arbeitsende bestimmte nicht die Uhr, sondern der anfallende Arbeitsaufwand. Auf der Chirurgie eingesetzt mit einer intensiven Behandlungspflege konnte sie erst gehen, wenn alle Verordnungen erledigt waren und da konnte es leicht auch mal 22 h werden. Sehr geschickt. Offiziell betrug die Arbeitszeit von 7 - 19 h Minus zwei Stunden Mittagspause akurat die vorgeschriebenen zehn Stunden. In Wahrheit arbeitete Elfriede auf der Chirurgie im Schnitt zwölfeinhalb Stunden ohne Vergütung der Überstunden. Es gab auch eine Dienstschicht von 7 h bis 16 h. Dieser Dienst deckte die Mittagspause der Kolleginnen ab. Allerdings mussten dann die Klingeln mehrerer Stationen versorgt werden, sodass diese neunstündige Arbeitszeit ohne Pause extrem schlauchte.
 
Pro Woche stand ihnen ein freier Tag zu. Die Nachtwache leisteten die Krankenschwestern in sechs Wochen am Stück ab. Danach erhielten sie sechs Tage frei. Wann hätten sie bei solchen Arbeitszeiten groß Einkaufen oder Kochen sollen? Deshalb stellte der sogenannte Kostzwang für Elfriede einen großen Vorteil dar, den sie nicht missen wollte. Auch an den freien Tagen nahm sie diesen „Service“ gerne in Anspruch. Wenn sie im Urlaub verreiste, leistete sie sich am Urlaubsort Vollverpflegung. Geld hatte sie genug, denn außerhalb des vierzehntägigen Urlaubs pro Jahr ergab sich kaum eine Möglichkeit, das Gehalt auszugeben. Für sie war es die angenehme Seite ihres Berufes, bei den Mahlzeiten bedient zu werden und sich nicht um Vorbereitung oder Abwasch kümmern zu müssen. Für mich nicht überraschend deckten sich sämtliche Berichte mit Elfriedes Schilderungen anderer älterer Kolleginnen und Kollegen zum Kost- und Logis“zwang“.
 
Und wehe dem, sie kochten später doch. Eingeweihte vermieden Essenseinladungen von alten Kolleginnen. Ich war gleich mit zwei Krankenschwestern der vorigen Generation in der Familie geschlagen und musste ihre „Kochkünste“ über mich ergehen lassen.
 
Der Vorwurf, dass die Pflegekräfte die Zeit des Umbruchs nicht nutzten, um alte Zöpfe abzuschneiden, kann man nur bedingt stehen lassen. Wenn Politiker, Ärzte, Gewerkschafter und nur wenige Pflegekräfte die Neuerungen in der Pflege formulierten oder erkämpften, hatte das Gründe, die aber nicht unbedingt in der Rückständigkeit des Krankenpersonals zu suchen sind. Das Pflegepersonal war wie die gesamte Bevölkerung politisch sehr unterschiedlich angesiedelt. Die Entstehung des Proletarischen Gesundheitsdienstes, Rote Hilfe, AWO oder ASB bezeugen auch eine starke Linksorientierung bei Pflegekräften. Für andere Pflegende änderte sich 1918 zwar die Staatsform in Deutschland, aber nicht ihre Ideologie. Doch damit standen sie nicht alleine. Schnell stellte sich im Rückblick heraus, dass der vermeintliche Neubeginn 1918 der Start in ein noch größeres Desaster war.
 
Den bald einsetzenden Rechtsruck und die beginnende schleichende Aushöhlung der jungen Demokratie mögen viele Pflegekräfte unterstützt haben. Aber als Leichenträger der Republik betätigten sie sich auch nicht mehr wie andere. Wodurch das Bild der Pflegekräfte in dieser Zeit arg in eine Schieflage geriet, lag einfach daran, daß überwiegend Pflegerinnen aus dem Großbürgertum, die ihre Langeweile mit caritativer Arbeit totschlugen, sich am ehesten Gehör verschaffen konnten. Die breite Masse der Pflegekräfte dagegen war der Spiegel der gesamten Bevölkerung: Rechte, Linke, Mittlere, Mitläufer, Kämpferische, Gleichgültige, politisch Interessierte und sogenannte Unpolitische.
 
 
 

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