Widerstand gegen die Mordfabriken

 

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches versuchten die beteiligten Pflegekräfte an der Euthanasie, einen Befehlsnotstand aufzuzeigen. Immer wieder hieß es, dass man bei der Euthanasie mitmachen musste, dass man keine Möglichkeit hatte, sich zu widersetzen, ohne das eigene Leben zu riskieren. Man hätte sich nicht den Befehlen widersetzen können. Außerdem hätte man "nur" ein Gesetz befolgt, was Hitler erlassen hatte und somit konnte man sich nicht strafbar machen. Hitler machte zwar Absichtserklärungen zu einem Euthanasiegesetz. Aber es wurde nie verabschiedet oder schriftlich fixiert.

Obwohl das Hartheimer Personal das Schloss nicht verlassen sollte, taten sie es doch. Soweit reichte der bedingungslose Gehorsam also doch nicht. Somit hatten sie Kontakt zur Bevölkerung. Und diese in der Gegend um Hartheim wusste Bescheid. Die Leute beobachteten unentwegt die ankommenden Busse. Auch wenn diesen Bussen später die Scheiben überpinselt wurden, weil die Gardinen von den Pfleglingen immer wieder beiseite geschoben wurden, um herauszugucken, war durch die Vorderscheibe dennoch erkennbar, dass die Busse voll besetzt waren. Etwa eine Stunde nach der Ankunft der Busse begann der Schornstein zu qualmen und ein widerlicher Gestank nach verbranntem Fleisch und Haaren verpestete die Luft. Auf den Feldern legte sich ein fettiger Ruß ab.

Es durfte nicht über die Vorkommnisse im Schloss gesprochen werden. Im Dorf wurden zwangsweise Versammlungen von der SS abgehalten, die die Leute der Gegend versuchten einzuschüchtern. Angeblich würden die Behinderten im Schloss nur sortiert und nach der Schwere der Behinderung auf andere Anstalten verteilt. Die SS drohte der Bevölkerung sehr unverhohlen, falls die "unwahren" Gerüchte über das Schloss nicht aufhörten, mit schlimmsten Konsequenzen. Aber da war aller Einschüchterung zum Trotz eine Magd aus Alkoven nahe dem Todesschloss. Begegnete sie einem SS-Mann oder jemandem aus dem Schloss auf der Straße, hielt sie sich demonstrativ ein Taschentuch vor Mund und Nase anstatt zu grüßen. Um anzuzeigen, dass sie den Verbrennungsgeruch der Leichen bemerkt.

Eine kleine Gruppe von jungen Bauern und Stahlarbeitern aus den Herrmann-Göring-Werken, die heutige VA Stahl-AG, verteilte Flugblätter und malte nachts Parolen gegen die Euthanasie. Diese Parolen dürften auch dem Hartheimer Pflegepersonal nicht entgangen sein. Die jungen Leute zahlten einen hohen Preis für ihren Widerstand. Als die Gruppe von einem Spitzel verraten wurde, verurteilte man sie zum Tode oder zu langen Haftstrafen.

Das Pflegepersonal war also mit Widerstand von Außen konfroniert, ohne für sich selber irgendwelche Schlüsse gegen ihre aktive Mitarbeit an tausenden Morden in Frage zu stellen. Doch ab und zu regte sich in den eigenen Reihen doch Widerstand. Da war der Krankenpfleger Franz Sitter aus der Ybbser Heil- und Pflegeanstalt. Er kam wie andere Pflegekräfte durch eine Dienstverpflichtung nach Hartheim. Im Gegensatz zu seinen "leidenden" Kolleginnen verweigerte er rundweg seine Mitarbeit, nachdem er einen Einblick in die Aufgaben seines neuen Arbeitsplatzes gewonnen hatte. Er verlangte um die sofortige Enthebung von seiner Dienstverpflichtung und erklärte dem Euthanasiearzt Lonauer, dass er lieber sofort einrücken wolle, bevor er dort arbeitete. Franz wurde in die Anstalt Niedernhart zurückversetzt. Ihm gelang es, nach neun Tagen das Horrorschloss wieder zu verlassen. Der Preis für sein couragiertes Auftreten war am 6. Februar 1941 die Einberufung in die Deutsche Wehrmacht. Ein Schicksal, dass er mit Tausenden anderer Österreichern teilte.

Angeblich soll es auch eine Kollegin gegeben haben, die direkt nach ihrer Ankunkt aus Hartheim floh. Ihre Existenz oder ihren Namen konnte ich nicht feststellen. Die Nazis ließen sie Berichten zufolge nach ihrer Flucht in Ruhe. Pfleger Franz und die unbekannte Schwester kannten also diesen Befehlsnotstand eigenartigerweise nicht. Man hatte sie beim Eintreffen in Hartheim darüber aufgeklärt, dass sie über ihre Arbeit außerhalb des Schlosses zum absoluten Stillschweigen verpflichtet seien. Solange sie sich daran hielten, passierten keine Repressalien.

Auch zwei Ärzte, Dr. Klaus Endruweit und Dr. Ewald Worthmann verweigerten in Sonnenstein die Mitarbeit am Euthanasieprogramm. Auch sie wurden zu Stillschweigen verpflichtet. Ansonsten erfuhren sie aus ihrer Weigerung keine Nachteile. Die Krankenschwester Josefine Messner aus Klagenfurt lehnte Tötungsaufträge an Patienten ab. Sie geriet deshalb mit der Oberschwester und Kollegen aneinander und wurde aus diesem Grunde auf eine andere Station versetzt. Die Strafversetzung konnte sie verschmerzen. Später bezeugte sie im Prozess gegen ihre ehemaligen Kollegen deren Verbrechen.

Zwei Krankenschwestern aus der Heil- und Pflegeanstalt Gugging wandten sich in ihrer Not an den Kaplan Müller aus Wien. Er riet den Frauen, nicht mehr an den Visiten des Dr. Gelny teilzunehmen oder zu kündigen. Sie setzten den Rat um und machten Schule. Wer den Visiten fernblieb, konnte auch Gelnys Mordaufträge nicht mehr entgegennehmen. Es wurden einsame Visiten. Der zivile Ungehorsam ging schließlich soweit, dass die dortigen Krankenschwestern und -pfleger die Medikamente, mit denen die ausgewählten Patienten ermordet werden sollten, einfach in den Ausguss kippten. Gleichzeitig drohten sie mit ihrer Kündigung, wenn man versuchte, sie zu Mordgehilfen zu machen. Es gab also sehr wohl Möglichkeiten, sich zu verweigern.

Problematisch war ganz zu Beginn der Widerstand außerhalb der Tötungsanstalten. Anfangs ahnten viele Anstaltsleiter, Ärzte und Pflegekräfte nicht, was die bevorstehende "Verlegung" ihrer Schützlinge bedeutete. Sie füllten die Meldebögen in dem Glauben aus, dass man beabsichtigte, ihnen die guten Arbeiter wegzunehmen, also Langzeitpatienten, die geistig relativ klar und körperlich fit waren. Man befürchtete, dass ihre Pfleglinge in Fabriken verheizt werden sollten. Um sie zu schützen, stuften sie die Betroffenen in ihrer Arbeitsfähigkeit als sehr gering ein. Und genau damit fällten sie das Todesurteil über diejenigen, die sie vor Schlimmen bewahren wollten. Nachdem sich aber das "Geheimnis" der Meldebögen und seiner Folgen herumsprach, versuchten Anstalten, sich gegen die Meldebögen zu wehren. Sie mussten dann oft mit größeren Schwierigkeiten rechnen, als wenn sich die Pflegekräfte in den Vernichtungsanstalten geweigert hätten. Denn sie agierten in der Öffentlichkeit. Und öffentlichen Widerstand duldeten die Nazis nicht und verfolgten ihn mit unerbittlicher Härte, auch, weil sie einen Steppenbrand befürchteten.

Die kleine Pflegeanstalt des Stiftes Schlierbach in Oberösterreich sollte geräumt werden. Dr. Rudolf Lonauer setzte im Frühjahr 1940 kurzerhand als Anstaltsleiter einen Pfleger namens Georg Keimberger aus Niedernhart ein, weil die in der Pflege arbeitenden Mönche seiner Meinung nach zu freundlich mit den Patienten umgingen. Pater Jakob Mühlbock, der frühere Anstaltsleiter, versuchte dennoch, seinen Schützlingen beizustehen. SS-Leute und Pfleger der Tötungsfabrik Hartheim hielten ihn im Mai 1940 in Schach und von seinen Betreuten fern, um die Selektion nicht behindern zu können. Am 20. Juni 1940 tauchte einer der grauen Postbusse in Schliersee auf. Die 100 Insassen der Anstalt mussten antreten, wieder wurde Pater Jakob Mühlbock vom Begleitpersonal des Busses abgedrängt.

Zweiundvierzig Namen wurden verlesen und aussortiert. Gegen Mittag verlud man sie in den Bus. Pater Mühlbock versuchte auf das fremde Pflegepersonal einzuwirken, dass seine Schützlinge sich wenigstens etwas überziehen dürfen und Mittagessen bekämen, da sie normalerweise um diese Zeit bereits gegessen hätten. Ohne Erfolg. Die lapidare Antwort hieß nur jedesmal, dass er sich keine Sorgen machen bräuchte, sie würden schon etwas bekommen. Zwei Pfleglinge benötigten Krücken. Pfleger aus Hartheim hoben sie in den Bus und ließen die Krücken draußen stehen. Als Pater Mühlbock wieder intervenierte, man müsse ihnen die Krücken nachreichen, da sie ohne diese hilflos seien, bekam er laut seinem Tagebuch von einem Arzt die Antwort: "Die werden sie ohnehin nicht mehr brauchen."

Pater Jakob Mühlbock schrieb weiter in seinem Tagebuch: "Ich hielt es nicht für möglich, dass diese Personen liquidiert werden sollten, aber die Äußerung des Arztes bestätigte doch diese Meinung." Hilflos musste der Pater mit ansehen, dass trotz seines massiven Protestes und Einsatzes, ungeachtet aller Drohungen und Einschüchterungen, auch seine restlichen Insassen im September 1940 abgeholt wurden. Der Großteil der bis dahin verbliebenen Schützlinge des Pater Mühlbock wanderte in die Gaskammer, einige wenige kamen in ein anderes Pflegeheim, wo sie der "wilden" Euthanasie durch Giftspritzen oder überdosierten Medikamenten zu Opfer fielen. Auch Anna Bertha Königsegg, Visitatorin der Barmherzigen Schwestern, versuchte, gegen den organisierten Mord anzukämpfen. 

Doch nicht die Pflegekräfte, die sich gegen die Tötungsindustrie wehrten, konnten das Morden beenden. Die Geheimsache Euthanasie zwitscherten inzwischen die Spatzen von den Dächern. Auch Elfriede F. in Görlitz hörte von den unfassbaren Vorgängen und war heilfroh, auf der Chirugie nicht damit konfrontiert zu werden. Die Unruhe in der Bevölkerung wuchs.

Besonders machten sich die Leute darüber Gedanken, ob nicht auch alte Menschen liquidiert wurden. Alte, die in ihrem Leben etwas geleistet hatten und vielleicht im Alter etwas verwirrt wurden. Gerüchte machten die Runde, dass man auch Altenheime räumen wolle. Zunehmend bemerkte man, dass man von der Euthanasie leicht selbst erwischt werden könnte, denn vom Alter bleibt keiner normalerweise verschont. Alte Leute fingen an sich zu weigern, in ein staatliches Krankenhaus zu gehen. Sie befürchteten, dass nach den Schwachsinnigen die Alten als "unnütze Fresser" dran kämen.

Sogar an der Front begann man sich Gedanken zu machen. Die Rotkreuzschwester Walburga, die während der Euthanasieaktion in einem Lazarett im Osten eingesetzt war, erinnerte sich an eine lebhafte Diskussion des Lazarettpersonals. Vorausgegangen war der Abwurf von Flugblättern aus den alliierten Flugzeugen mit der Galen-Predigt. Sie überlegte sich schon, ob sie nicht dem Führer einen Brief schreiben solle. Nicht, um jemanden zu denunzieren, sondern um Hitler zu bitten, die Bevölkerung und die Soldaten über die wahren Verhältnisse aufzuklären, damit die Gerüchte verstimmen sollten. Sie war fest überzeugt, dass ihr Führer es nie zulassen würde, dass etwas Unrechtes in Deutschland geschehe. Schwer geistig Behinderte "einzuschläfern" war für sie in Ordnung. dass aber auch andere Menschen Opfer sein sollten, konnte sie nicht glauben.

Immer lauter wurde die Frage nach der gesetzlichen Grundlage der T 4 - Aktion gestellt. Schließlich fühlte sich sogar der Reichsminister der Justiz veranlasst, im Reichsinnenministerium und bei Hitler selbst nachzufragen.

Nun wuchs auch kirchlicher Widerstand.

Da war unter anderem der evangelische Landesbischof von Württemberg, Theophil Wurm, der seine ersten unangenehmen Erfahrungen mit den Nazis bereits 1934 machte. Während des Kirchenkampfes schob man ihm eine angebliche Veruntreuung von Kirchengeldern in die Schuhe und entließ ihn. Später stand er sogar unter Hausarrest. Nach einer Protestwelle und einem Gespräch mit Hitler wurde Wurm wieder als Landesbischof eingesetzt. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, ab Sommer 1940 mehrfach öffentlich gegen die Tötung geisteskranker, gebrechlicher und jüdischer Menschen zu protestieren.

Sein katholischer Kollege Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, schwor im September 1933 noch den Treueeid auf die Verfassung des Reiches und sprach sich gegen eine Einmischung der Kirche in politische Belange aus. 1936 beglückwünschte er Hitler zum Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland. Nationalistisch gesinnt forderte er zu Beginn des 2. Weltkrieges seine Diözese zur "Verteidigung des Vaterlandes" auf, warnte aber gleichzeitig vor Rachegefühlen und Greueltaten. Doch zunehmend kam er mit dem Naziregime in Widerspruch. 1941 hielt Galen eine Reihe von Predigten gegen den Polizeistaat und die Euthanasie. Seine scharfen, mutigen Predigten brachten ihm den Beinamen "Löwe von Münster" ein.

Am 3.8.1941 bezeichnete Galen in einer Predigt in seiner ehemaligen Pfarrkirche St. Lamberti das Euthanasieprogramm als "glatten Mord" und erklärte, dass er die Verantwortlichen nach dem Strafgesetzbuch wegen Mordes anzeigen wolle. Mit dieser Predigt setzte Galen die braune Diktatur enorm unter Druck. In diesem Falle entstand im Ansatz nämlich so etwas ähnliches wie eine "Volksfront". Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Konservative, evangelische und katholische Christen, Atheisten, Zeugen Jehovas, Juden, Konservative, die Widerstandsgruppen wie die Weiße Rose, der Kreisauer Kreis, die Rote Kapelle, die Baum-Gruppe und viele andere, schrieben und druckten seine Predigt ab. Schnell war die Predigt in andere Sprachen übersetzt. So tauchten bald Flugblätter mit ihr in den gesamten besetzten Gebieten wie in Belgien, Frankreich, Holland, Polen und sonstwo auf. Britische Flugzeuge warfen tausende Exemplare mit der Predigt über Deutschland und der Front ab. Galens Predigt ging von Hand zu Hand.

Sogar linke Widerstandgruppen vervielfältigten seine Predigt. Die Nazis reagierten nervös. Da braute sich etwas zusammen, was ihnen entgleiten konnte. Einerseits wollten sie Galen verhaften und möglichst hinrichten, andererseits fürchteten sie erhebliche Unruhen in der Bevölkerung und an der Front, wenn sie gegen den bekannten und beliebten Kirchenmann Hand anlegten. Offiziell wurde daraufhin die Aktion T 4 eingestellt. Die Nazis beabsichtigten, Galen zu einem späteren Zeitpunkt zu beseitigen. So konnte er weiterhin als Bischof tätig sein, wurde aber von der Gestapo überwacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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