Werner

 

In der Klasse von Waltraud S. in der Prignitz gab es einen Mitschüler namens Werner, der ständig Hunger hatte und alles stahl, was irgendwie essbar war. Seine Mutter war alleinerziehend, hatte noch drei andere Kinder, alle von unterschiedlichen Vätern. Sie kümmerte sich wenig um die Kinder und brachte das Geld überwiegend mit Männern in Wirtschaften durch.

Der Mitschüler kam eines Tages in der 3. Klasse nicht mehr zur Schule. Waltrauds Mutter, die in der Schule sauber machte, sagte dann einige Tage später zu ihr, dass sie von einem Lehrer erfahren habe, dass man ihn wegen seiner "langen Finger" in eine Anstalt gesteckt hätte, nachdem der Rektor seine ständigen Diebstähle der Schulbehörde meldete.

Waltrauds Großmutter murmelte daraufhin leise vor sich her, dass er dort wohl nicht lange überleben würde. Waltraud verstand das nicht. Werner hatte zwar stets eine Schloddernase und kein Taschentuch gehabt, wovor sich Waltraud schon etwas ekelte. Ansonsten war aber Werner kerngesund. Einige Wochen später hieß es, dass er gestorben sei.

"Da vastand ick, wat meene Oma meente. Die ham det Werna wirklich umjebracht." Über den Mitschüler wurde in der Familie nicht mehr gesprochen. Aber wenn Waltraud in der Schule saß und den leeren Platz erblickte, schnürte ihr ein Gemisch aus Angst, Entsetzen und Schuldgefühlen die Kehle zu. Den Klassenkameraden ging es ähnlich.

"Da hatt´n wa alle n janz mieset Jefühl. Weil wa ja jesacht ham, wenn a wat jeklaut hat. Da warn wa och richtich saua. Jeda hat irjentwann ma jepetzt. Da ham wa alle jedacht, hättste de Klappe jehalt´n, würd der noch leb´n. Natürlich warn wa saua. Aba eijentlich hat a nischt dafür jekonnt. Keena in meene Klasse hat wat jesacht. Och nich de Walli. (Anmerkung: in der Klasse gab es drei Waltrauds: eine wurde Waltraud genannt, eine Walli und die dritte Trudchen)

Und deren Vadda war een janz Scharfa. Hat imma jejen de S. (gemeint ist Werners Mutter) un der´n Brut jewettat. Aba och de Walli hat so jekiekt. Dabei hat ihr Vadda bestimmt det jut jefund´n. Aba Walli hat och jekiekt. Keenna wat jesacht. Nur jekiekt.

Un alle in de Klasse wusst´n, wat de andan denk´n. Sicha warn wa saua. Aba hätt´n wa dit jeahnt, dann hätt´n wa ihm doch wat tu fret´n jejeb´n. Dann hätt´n wa ´n doch nich anjeschiss´n. Mann, war dit schlimm. Dat jing nie aus meenem Kopp. Da warn wa neun, aba dit Ding mit de Morde (gemeint ist Euthanasie), dat wusst´n wa da janz jenau.

Un meene Oma wurde krank und sollt int Krankenhus. Da isse nich jejang´n. Ham Alle uffse einjeredet, se soll doch jeh´n. ´Bring´n se ma doch jleich hier um´, hatse zum Doktor jesacht. Na, se is ja wieda jut jeworn. Aba ick wusste, warum se nich jeh´n wollte.

Nee, dit mit ´n Werna, dit war jemein. Ick hab imma ´n schlechtet Jewiss´n jehabt, och wenn ick nischt dafür konnte. Keena hats jewollt. Ham wa imma ´n schlechtet Jewiss´n jehabt. Als hätt´n wa n selba umjelecht. Hätt´n wa doch nur de Klappe jehalt´n."

An Waltrauds Schilderung erkannte ich eins sofort: Ihre Klasse hatte zu diesem Zeitpunkt begriffen, dass man nicht behindert sein musste, um im Rahmen der Euthanasie ermordet zu werden. Außerdem ereignete sich dieser Fall 1943, ein Jahr nach dem offiziellen Ende der T 4 - Aktion. Waltraud ist ein sehr offener und liebevoller Mensch. Es machte mich sehr betroffen, als ich erkennen musste, dass ihre Schuldgefühle gegenüber Werner sie ein Leben lang begleiteten. Und nicht nur sie. Kurz nach unserem Gespräch gab es das jährliche Klassentreffen. Waltraud sprach auf diesem Treffen den "Fall Werner" an. Mehrere ihrer ehemaligen Mitschüler, inzwischen 65 Jahre alt, kämpften mit den Tränen. Man hatte nicht nur Werner ermordet. Nebenbei hatte man auch die persönliche Integrität vieler Kinder seiner Schulklasse erheblich verletzt.

Aber: Meine KollegINNen hatten wenig Kenntnisse der T 4 Aktion und von der "Wilden Euthanasie" wussten sie in der Regel gar nichts, davon hatten sie noch nie etwas gehört. Trotz hartnäckigster Befragung waren diese Tatbestände völlig unbekannt. Und im Zusammenhang mit der T 4 Aktion waren alle sehr froh, damals auf Abteilungen gearbeitet zu haben, die mit der Euthanasie nichts zu tun hatten.

Supergesprächige KollegINNen, froh, dass eine Jüngere Interesse an ihrem Leben zeigte, wurden auffallend schweigsam. Manche Gespräche brach ich von mir aus ab oder wechselte das Thema. Hintergrund waren die Augen meiner Gesprächspartnerinnen: In ihnen las ich unendliche Trauer und ungestellte Fragen an sich selbst. Ich wollte wissen, aber nicht zerstören.

Im Grunde genommen waren da Waltraud und ihre ehemaligen MitschülerINNEN besser dran. Sie trugen zwar die Narben, aber hatten die Chance, sich mit dem Grauen auseinanderzusetzen. Die Narben blieben, aber keine sorgfältig abgedeckten Wunden, die im Verborgenen weiterfaulen, zersetzen und stinken.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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