"Volksschädlinge"

 

Einen erneuten Vorstoß, noch bestehende Hemmungen abzubauen, machten der Professor für Psychiatrie an der Freiburger Universität Alfred Hoche und der Jurist Karl Binding 1920 mit ihrer medizinischen und juristischen Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens". Sie verwiesen in dieser darauf, dass die Beseitigung von "leeren Menschenhülsen, Ballastexistenzen, Geistig Toten" eine "reine Heilbehandlung" sei, wenn man diese "Objekte erlöse". Die Verfasser bezogen sich besonders auf die hohen Kosten der Pflege dieser "Defektmenschen", um eine Verpflichtung und ein Recht des Staates abzuleiten, "im Sinne des Volksganzen einzugreifen". Hoche und Binding entfachten mit ihrer Schrift eine heftige Diskussion um die Euthanasie, die nicht mehr nur um das "Töten auf Verlangen" ging wie in den USA.

Alfred Hoche erweiterte den Begriff des "lebensunwerten Lebens", wie viele andere Vertreter der Euthanasie in dieser Zeit, um weitere Bevölkerungsgruppen. Denn als Ballastexistenzen galten neben Kranken und Behinderten auch "Volksschädlinge" wie Landstreicher, Alkoholiker, Verbrecher, Prostituierte, Bettler, Arbeitsscheue, Obdachlose usw. Es betraf also alle Leute, die irgendwie aus dem anerkannten gesellschaftlichen Rahmen fielen und das ging damals sehr schnell und sehr leicht. Ewald Meltzer, Direktor der sächsischen Landespflegeanstalt Großhennersdorf, versuchte angeblich gegen Hoches Schrift im gleichen Jahre Argumente gegen die Euthanasiebestrebungen zu finden. Er verschickte 200 Fragebögen an die Eltern seiner "geisteskranken" "inder, die diese provozierend befragten, ob sie mit einer "schmerzlosen Lebensverkürzung" ihrer Kinder einverstanden seien. Der Schuss ging nach hinten los. Es kamen 162 Fragebögen zurück. Lediglich 19 Fragebögen sollen in eindeutiger Form ein derartiges Ansinnen abgelehnt haben. Diese sogenannten Beweise für die Euthanasiewünsche sprechen aber eher für eine windige Propaganda. Hoche entfachte maßäeblich die Euthanasiedebatte und ebnete den Nazis inhaltlich den Weg. Später wurde er allerdings ein entschiedener Gegner der Euthanasieaktionen der Nationalsozialisten, nachdem sie ihm die Urne seiner euthanasierten Verwandten zuschickten.

Aber auch Pfarrer, Möäche oder Religionspädagogen nahmen keine eindeutige Haltung gegen die Euthanasie ein. Etliche Kirchenvertreter formulierten ihr Kriterium für die Euthanasie: Menschen, die nicht die geistigen Vorraussetzungen hatten, um zur Religiosität fähig zu sein, wären auch nicht "lebenswert". Sie stellten zwar fest, dass ein Christ nicht aktiv töten dürfte, billigten aber dem Staat ein Tötungsrecht für beschriebene Menschen zu. Die Kirchen lehnten also nicht, wie später gerne dargestellt, insgesamt den Mord an Wehrlosen ab.

Beim 42. Deutschen Ärztetag 1921 in Karlsruhe versuchte man, Fakten zu schaffen. Der Oberstabsarzt a. D. Walter Bergemann stellte den Antrag, dass die Teilnehmer darüber abstimmen sollten, dass "lebensunwertes Leben" getötet werden darf. Seiner Meinung nach wäre eine Ablehnung seines Antrages nicht fortschrittlich. Die Abstimmung verlief ablehnend, aber die Diskussion ging weiter.

Im ersten Weltkrieg verschärfte sich die Lebenslage psychiatrischer oder behinderter Patienten in den deutschen Anstalten ungemein. Rüstungsausgaben und Kriegsführung verschlangen sämtliche verfügbaren gesellschaftlichen Ressourcen. Ärzte und Pflegekräfte wurden zum Kriegsdienst verpflichtet. In den Heil- und Pflegeanstalten und in den Heimen für Altersschwache und Sieche setzte ein Massensterben wegen Unterernährung ein.

Allein in den psychiatrischen Kliniken forderte der I. Weltkrieg deshalb 70 000 Menschenopfer. Dazu bemerkte 1920 der Psychiater Karl Bonhoeffer auf der Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Psychiatrie: "Ich meine nur das, dass wir unter den schweren Erlebnissen des Krieges das einzelne Menschenleben anders zu bewerten genötigt wurden als vor dem, und dass wir in den Hungerjahren des Krieges uns damit abfinden mussten, zuzusehen, dass unsere Kranken in den Anstalten in Massen an Unterernährung dahinstarben, und dies fast gutzuheißen in dem Gedanken, dass durch diese Opfer vielleicht Gesunden das Leben erhalten bleiben könnte." Übersetzt hieß das nichts anderes, als dass ein Massensterben im I. Weltkrieg durch "Wilde Euthanasie" durch Nahrungsentzug gebilligt und gerechtfertigt wurde.

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 stürzte das Pflegewesen und die Krankenversorgung erneut in eine tiefe Krise. Die Reformbestrebungen in der Behandlung von psychisch und physisch Erkrankten erlebten einen erneuten Tiefpunkt. Die Versorgungssätze wurden drastisch gekürzt. Vermehrt diskutierten Mediziner und Pflegekräfte in diesem Dilemma die Vernichtung von Menschen, wo sie keine Chancen einer "Heilung" erblickten. Die, die als "unheilbar" galten, bekamen die Verschärfungen massiv zu spüren durch zunehmende Verwahrlosung, Unterernährung und einer Pflege, die auf jegliche Förderung oder therapeutische Ansätze verzichtete. Diese Art der Pflege endete meist tödlich und war ebenfalls eine Form der "Wilden Euthanasie". Der Abschluss einer grauenvollen Entwicklung in der Medizin, der Pflege und der Gesellschaft. Die folgenden Naziverbrechen waren der Trommelwirbel am Schlusse des Violinkonzertes, wo Leute auf der Geige mitspielten, die sich später über die Misstöne während des gesamten Konzertes aufregten und allein die am Ende trommelnden Nazis dafür verantwortlich machten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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