Die Verfolgung der Euthanasieverbrechen

 

In Österreich installierte man von 1945 bis 1955 die als Volksgerichte bezeichneten Sondergerichte, die die NS-Verbrechen aufklären sollten. Gegen mehr als 130.000 Personen ermittelte die Östereichische Justiz nach 1945 wegen Verbrechen in Verbindung mit der Euthanasie und erwischte doch nur die Spitze des Eisberges. Diese Ermittlungen sicherten aber letztendlich Quellen, die verhinderten, dass später die Euthanasiemorde einfach gänzlich vertuscht werden konnten. Die Untersuchungsergebnisse bewiesen, dass nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte maßgeblich an den Euthanasieverbrechen beteiligt waren. Gegen wieviele Ärzte, Schwestern und Pfleger zahlreicher Anstalten prozessiert wurde, ist nicht gesichert. Fünf Todesurteile in Österreich wurden bekannt, zwei gegen Ärzte, drei gegen Pflegekräfte. Bei zwei Pflegekräften wandelte man das Todesurteil in langjährige Zuchthausstrafen um. Etliche Täter entzogen sich einer Gerichtsbarkeit. Sie tauchten unter, begingen Selbstmord oder verschanzten sich hinter Krankheiten, durch die sie angeblich nicht prozessfähig waren. In der Wiener Nervenklinik für Kinder "Am Spiegelgrund" erwischte man nur eine Schwester per Zufall. Alle anderen Pflegekräfte verschwanden. In dieser Kinderfachabteilung starben 789 Kinder.

Im Allgemeinen fanden die mörderischen Pflegekräfte jedoch eher milde Richter. Fünf Krankenschwestern aus Ybbs  wurden freigesprochen. Da sie notdienstverpflichtet waren, hätten sie nicht gewusst, wohin sie kamen. Die Schwestern gaben übrigens vor Gericht an, dass sie in Hartheim nur Putzarbeiten ausführten und nichts von Vergasungen mitbekommen haben, was ihnen das Gericht aber nicht glaubte. Ein Pfleger aus der Vernichtungsanstalt Hartheim wurde wegen Mittäterschaft zu einer Haftstrafe verurteilt. Ihm konnte nachgewiesen werden, dass ihm völlig klar war, was Hartheim bedeutete. Er stimmte der Arbeit dennoch zu, um nicht als Soldat an die Front zu müssen. Sein Pech war, dass einer seiner ehemaligen Kollegen Franz Sitter hieß. Der kehrte 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurück und sagte in dem Prozess aus.

Zwei Pfleger aus der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart, dem Durchgangsheim für Hartheim, erhielten längere Haftstrafen wegen Beihilfe zum Mord. Der Dritte im Bunde zog Selbstmord einer Bestrafung vor. Sie hatten auf der Station V, der Todesabteilung, bei der Ermordung durch Tabletten und Injektionen bei mehreren hundert Patienten geholfen.

Vier Schwestern und fünf Pfleger der Heil- und Pflegeanstalten Gugging bei Wien und Mauer-Öhling in Niederösterreich erhielten teilweise sehr hohe Haftstrafen. In diesen Anstalten starben hunderte Patienten durch medikamentöse Überdosierungen oder durch Starkstrom durch aktive Teilnahme des Pflegepersonals. Zwar nahm das Gericht zur Kenntnis, dass der Arzt Dr. Gelny Druck auf sie ausgeübt haben soll. Allerdings widersetzten sich andere Pflegekräfte erfolgreich diesem Arzt.

Eine Krankenschwester aus der Wiener Nervenklinik für Kinder "Am Spiegelgrund" kam für acht Jahre hinter Zuchthausmauern. Eigentlich war sie lediglich in einem Prozess gegen Ärzte als Zeugin geladen. Sie verstrickte sich in ihren Aussagen. Diese Falschaussagen brachte das Gericht auf die Spur, dass es sich bei dieser Zeugin nur um eine Mittäterin handeln könnte. Sie wurde noch im Gerichtssaal verhaftet. Später gestand sie, als Stationsschwester vierundzwanzig Kinder mittels Tabletten oder Spritzen eigenhändig ermordet zu haben. Die wahre Zahl ihrer Opfer konnte nicht ermittelt werden. Eine ihrer Kolleginnen wurde später Leiterin eines privaten Kinderheimes. Die Säuglingsschwester bestritt jegliche Teilnahme an den Kindermorden und sagte dazu nur: "Wir waren als Schwestern dabei, wenn einer der Ärzte, insbesondere auch Dr. Illing, den Kindern Spritzen gab. Im Einzelfall war es für uns jedoch nicht ersichtlich, um was für Spritzen es sich handelte." Es sei ihr aber "uangenehm" gewesen, "zusehen zu müssen, wie die Kinder getötet wurden".

In der Irren- und Siechenanstalt des Landeskrankenhauses Klagenfurt beteiligte sich Pflegepersonal an der Beseitigung von wenigstens 900 Patienten. Im Rahmen der "wilden Euthanasie" führten sie selbstständig die Tötungsaufträge des Arztes Dr. Niedermoser mit brutalsten Mitteln durch, der dem Pflegepersonal das Mordgeschäft vollständig überließ. Die Pflegekräfte setzten dabei Mordzeitpunkt und Tötungsmethode eigenverantwortlich fest. Die Oberschwester, eine Schwester und ein Pfleger wurden des Mordes und der Mittäterschaft an Morden überführt und zum Tode verurteilt. Der Pfleger verübte in der Zelle nach der Urteilsverkündung Selbstmord. Die Schwestern begnadigte man später zu zwanzigjähriger beziehungsweise zu lebenslanger Zuchthausstrafe. Vier weitere Schwestern und ein Pfleger leisteten ihnen Gesellschaft. Sie erhielten ebenfalls langjährige Zuchthausstrafen. In diesem Prozess sagte die Krankenschester Josefine Messner als Zeugin aus.

Nicht nur in Krankenanstalten schlugen Pflegekräfte zu. In der "Arbeitsanstalt für asoziale Frauen Steinhof" misshandelten sie ihre "Patientinnen" auf übelste Art. In dieser Anstalt landeten Mädchen und Frauen, die man als "asozial" denunziert hatte. Gedemütigt und erniedrigt zwang man sie zu schwersten körperlichen Arbeiten. Auch in Klosterneuburg existierte eine "Arbeitsanstalt für asoziale Frauen". Hier arbeiteten dienstverpflichtete Schwestern der "Caritas Socialis". Berüchtigt waren die "Speiberten", Injektionen, die heftiges stundenlanges Erbrechen auslösten. Diese Injektionen verabreichte das Pflegepersonal. Deswegen verurteilte das Gericht drei Schwestern und zwei Pfleger zu langjährigen Haftstrafen. In einem skandalösen Wiederaufnahmeverfahren wurden dann die Strafen gesenkt oder Angeklagte freigesprochen. Eine glatte Watsche für die gequälten Frauen.

Diese Tendenz hielt an. Zunehmend interessierte sich die Justiz immer weniger für das Thema Euthanasie. Die Verurteilten saßen in der Regel nicht die volle Haftzeit ab. In zahlreichen Anstalten wurde die "wilde Euthanasie" überhaupt nicht aufgearbeitet. Pflegekräfte, die ihre Patienten durch Nahrungsentzug und Verwahrlosung vorsätzlich töteten, schwiegen und vertuschten. Der größte Teil der Öffentlichkeit, als Täter, Mitläufer, Jubler, Jasager, Schweiger und Wegseher war die Konfrontation mit dieser Zeit unangenehm, lästig. Allzu schnell hörte man die öffentliche Stimme, es müsse endlich Gras über die Sache wachsen, Schluss gemacht werden mit der Aufarbeitung dieser Zeit. Solchen Forderungen kam die Justiz angesichts der eigenen Nazivergangenheit gerne und bereitwillig nach, auch die Österreichische, die wenigstens anfänglich noch die Euthanasieverbrechen etwas konsequenter und intensiver verfolgte.

Denn die deutsche Justiz tat sich noch schwerer mit der Verfolgung der Euthanasietäter. Sieben Pflegerinnen und Pfleger erhielten 1947 vom Schwurgericht Frankfurt am Main Freiheitsstrafen zwischen zwei und acht Jahren im Hadamar-Prozess. Vierzehn Angeklagte sprach man auf Kosten der Staatskasse frei. Das gleiche Gericht urteilte 1948 über sechs Pflegerinnen und Pfleger, die überwiegend in Hadamar und Grafeneck töteten.

Eine von ihnen, Pauline Kneissler, wechselte als Pflegerin 1940 von Berlin-Buch nach Grafeneck, später nach Hadamar und Kaufbeuren. Sie wusste 1945 nach ihrer eidesstattlichen Erklärung nicht mehr, wieviele Morde sie im Auftrage des Innenministeriums ausgeführt hatte, da es zu viele Personen waren. Sie hatte die Patienten "abgespritzt". Vor Gericht sagte sie aus, dass der Tod manchmal sehr schnell, meistens aber erst am zweiten oder dritten Tag eintrat. Das Schwurgericht Frankfurt am Main verurteilte sie zu vier Jahren Zuchthaus, die sie aber nicht im Gesamten absitzen musste. Das Gericht bewertete ihre Morde als "Einschläferung". Überlebende berichteten aber von Gewaltanwendung und qualvollen Todeskämpfen. Pauline Kneissler trat im März 1950 in Berlin wieder ihren Dienst als Pflegerin an, bis sie 1963 pensioniert wurde.

Über die anderen Pflegerinnen Minna Zachow, Korsch und Gumbmann verhängte das Gericht Urteile mit einem Strafmaß von maximal dreieinhalb Jahren Haft. Das Gericht entschuldigte die geringen Strafen damit, dass die Pflegerinnen "lange Jahre, teilweise Jahrzehnte, ihres Lebens dem Dienst in der Krankenpflege gewidmet, insbesondere in der besonders undankbaren Irrenpflege..... Der Staat, dessen Propaganda sie jahrelang ausgesetzt gewesen waren, verlangte von ihnen Unrecht zu tun. Ihre ärztlichen Vorgesetzten..... gingen ihnen auf dem Weg des Unrechts voran."

Im Grafeneck-Prozess gab es unter den Beschuldigten nur Widerstandskämpfer. Sie hätten alle mitgemacht, um Schlimmeres zu verhindern. Wobei die Frage im Raume hängen blieb, was es denn eigentlich Schlimmeres gäbe, als Menschen zu demütigen, zu quälen, ihnen die Würde zu rauben und sie dann eiskalt umzulegen? Ein Pfleger und eine Pflegerin wurden freigesprochen.

Das Schwurgericht Augsburg befasste sich mit den Morden in Kaufbeuren und der Zweiganstalt Irsee. Die Krankenschwestern Wörle und Rittler und der Pfleger Heichele kamen mit 18, 21 und 12 Monaten Freiheitsentzug davon. Das Schwurgericht kam zur Ansicht, dass Frau Wörle viele Jahre ihr Leben dem entsagungsvollen Dienst der Irrenpflege gewidmet hätte und durch den dauernden Umgang mit abnormen Menschen dem normalen Ablauf des Geschehens entrückt sei, sodass sie die Auswirkungen der ihr erteilten Tötungsaufträge nicht immer ganz zutreffend gewürdigt habe. Für Herrn Heichele sprach seine "ausgesprochene subalterne Natur". Frau Rittler machte es ihren Richtern richtig schwer, sie herauszupauken. Die Dame war nämlich bereits aus der T 4 - Aktion ausgeschieden und bat 1944 um Wiedereinstellung. Ihr Mann war übrigens in Bernburg und Treblinka eingesetzt. Doch auch in ihrem Falle fand das Gericht Gründe für Milde. Sie sei nicht vorbestraft und im Schwesternberuf leiste sie eine jahrelange Tätigkeit der Nächstenliebe. Auch Berufsverbote sprach das Gericht nicht aus, da keine weitere Gefährdung der Allgemeinheit gesehen wurde.

Eine Krankenschwester, die man wegen Ladendiebstahls verhaftet, muss mit einer Vorstrafe im Führungszeugnis rechnen. Das kann sehr schnell ihr berufliches Aus bedeuten. Das heißt nicht, dass ich einen Ladendiebstahl als Kavaliersdelikt sehe oder dazu aufrufen will. Aber die verurteilten Mörderinnen und Mörder der sogenannten Euthanasie kehrten anstandslos in ihre Berufe zurück. Die Gesellschaft nahm sie wieder mit offenen Armen auf. Leute wurden später nicht geächtet, die Menschenleben auf dem Gewissen hatten. Was ist das für ein Rechtsempfinden, für ein Verhältnis?

Damit ermordete man die Opfer ein zweites Mal. In dem Moment, wo man sie totschweigt, nimmt man den Menschen ohne Grabstelle, ohne Namen den letzten Rest ihres Daseins, ihrer Würde. Nach kürzester Zeit triumphierten ihre Henker, bauten sich unangetastet ihre bürgerlichen Existenzen auf, lebten als anerkannte Mitglieder dieser Gesellschaft. Und Pflegekräfte wie beispielsweise ich hatten eine große Chance, ahnungslos unter diesen Verbrechern zu arbeiten. Unbemerkt von ihrer kriminellen Gesinnung beeinflusst zu werden. Und unbefangen Haltungen und Ansichten an die nächste Generation weiterzugeben und an der Verbreitung des faschistischen Giftes mitzuwirken. "Die Gnade der späten Geburt"? Es wäre eine Gnade gewesen, wenn wirklich aufgeklärt, wenn wirklich die Wahrheit ans Licht gekommen wäre. So ist "die Gnade der späten Geburt" der Fluch der Orientierungslosigkeit in einem Sumpf der Lüge, der Fluch des Vertrauensbruches, der Fluch des Missbrauchtwerdens und der Fluch der Hilflosigkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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