Sterben: Übersicht

Sterben und Tod Sterbephasen nach Kübler-Ross
Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen im Artikel 8

 

 

Sterben und Tod

 

Allgemein kann nicht festgestellt werden, wie Menschen früher gestorben sind. Sterben und Tod waren abhängig von Kultur, Tradition, Religion, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen.

  • Kultur: Tod und Sterben war in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Vorstellungen vom Leben. In kriegerischen Kulturen wie in Sparta hatte nur der gesunde, arbeits- und kriegstaugliche Mensch eine Lebensberechtigung. „Lebensuntüchtige Säuglinge“ wurden in eine Schlucht geworfen.
  • Tradition: Einige Indianerstämme besaßen den Brauch, dass sich alte sterbende Menschen von ihrem Stamm entfernten oder entfernt wurden und allein in der Wildnis starben. Andere Indianerstämme hatten die Tradition, dass das gesamte Dorf bei dem Sterbenden blieb.
  • Religion: Religionen, die nach dem Tod ein neues Leben versprachen, erkannten im Tod einen Sinn und ein Ziel.
  • Wirtschaftliche Gründe: Simone Beauvoir beschrieb den Tod ihrer Mutter in „Ein sanfter Tod“ als das Sterben einer Privilegierten. Ihre Mutter konnte würdevoll Sterben, weil die entsprechenden finanziellen Mittel vorhanden waren.
  • Politische Verhältnisse: In Diktaturen wie bei Hitler oder Pinochet wurde das Sterben instrumentalisiert. Gefolgsleute wurden  verherrlicht, Gegner über den Tod hinaus entmenschlicht.

 

Auch in Deutschland wurde das Sterben von diesen Faktoren mitbestimmt: 

  • 1830 Lebenserwartung in Deutschland 33 Jahre
  • 1993 Lebenserwartung in Deutschland 75,4 Jahren (Frauen mittlere Lebenserwartung von 78,2 Jahren, Männer von 72,6 Jahren).

Durch die Kriegserfahrungen mit permanenten Sterben und Tod bekam Mitte der 40er Jahre das Leben einen höheren Stellenwert. Das Leben erschien wertvoller und erhaltenswerter. Zugleich wurde die Medizin leistungsfähiger. Starben 1930 in Deutschland die Menschen noch überwiegend am Geburts- und Heimatort, so wurde verstärkt das Leben, damit auch das Sterben, Institutionen anvertraut. Krankenhäuser wurden zuständig für die Erhaltung des Lebens, manchmal um jeden Preis. Allerdings waren die Sterbeorte in Deutschland sehr unterschiedlich. So starben 1994 in Bingen 80% der Einwohner im Krankenhaus. In Saarburg, einer von der Einwohnerzahl vergleichbaren Stadt, wurden etwa 33% der Menschen zum Sterben aus den Krankenhäusern oder Altenheimen heimgeholt, also in den Bereich der Familie oder Gemeinde.

Die Frage, ob diese Einrichtungen für den Umgang mit dem Sterben des Menschen überhaupt geeignet waren, stand selten im Vordergrund. Dafür mitverantwortlich war, dass Themen wie Behinderung, Alter, schwere Krankheit, Sterben und Tod lange Zeit stark tabuisiert waren, auch eine Folge der Nazizeit. Dagegen stand jedoch der Wunsch der Menschen befragt nach ihrem eigenen Tod. Umfragen zum Sterben ergaben in den 90ern, dass 92% aller Befragten angaben, am liebsten „zu Hause sterben zu wollen“. Gleichzeitig stellte das statistische Bundesamt fest, dass die Zahl der Einfamilienhaushalte zwischen 1957 und 1993 in der BRD um etwa das dreifache gestiegen war. Die Zahl der Mehrfamilienhaushalte nahm dagegen nur um etwa ein knappes Drittel zu. Die steigende Zahl der sogenannten Singles, die nicht familiär eingebunden sind, nahm also rapide zu, wobei es enorme Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Regionen gab und gibt. Der Wunsch, zu Hause sterben zu können, korreliert stark mit der gesellschaftlichen Entwicklung und Demografie.

Der Soziologe Norbert Elias (geboren 22.6.1897 in Breslau, gestorben 1.8.1990 in Amsterdam) stellte 1982 in seinem Buch „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“ fest, dass der derzeitige Zivilisationsprozess die Tendenz zur Individualisierung und damit auch zur Ent-Sozialisierung hat. Das bedeutet für Sterbende, dass ihr Abschied aus dem Leben nicht mehr eingebettet in der Lebensfamilie stattfinden wird, sondern vereinsamt in einer Institution wie Klinik, Krankenhaus, Alten- oder Pflegeheim.

Die Zahl der dort arbeitenden Menschen erlaube keine individuelle Sterbebegleitung. Mit den Erfolgen der Medizin wuchs die Erwartung der Bevölkerung, ihr Leben manipulieren und Tod und Sterben vermeiden zu können. Dies führte nach Norbert Elias dazu, den bewussten Umgang mit Altern und Sterben weitgehend zu verdrängen. Wenn die Verdrängung nicht mehr möglich war, flüchten nach Elias die Menschen in zumeist unrealistische Hoffnungen und Wünsche: das Sterben sollte schnell stattfinden, ohne Abschied nehmen zu müssen, möglichst schmerzlos stattfinden und am besten nachts im Schlaf.

 

Sterben ist Leben - Leben vor dem Tod

 

Sterbephasen nach Kübler-Ross

Die Phasen haben fließende Übergänge und können nicht isoliert betrachtet werden. Ähnlich wie in den Trauerphasen finden sich auch Elemente anderer Phasen in den einzelnen Phasen. Die beschriebenen Phasen können unterschiedlich lang sein, Sterbende können also in einer Phase verharren oder eine Phase überspringen. Sterbebegleiter oder Angehörige durchlaufen ähnliche Phasen (siehe auch Trauer)  

 

Die erste Phase: Nicht-wahrhaben-wollen  (englisch: Denial, übersetzbar mit Verleugnung, Abstreiten)

Sterbender will es nicht wahrhaben, will nicht an seinen Tod glauben, akzeptiert nicht die eigene Sterblichkeit.

Verdrängung, Schock, Zweifel (Verwechslung, Irrtum, Unfähigkeit der Ärzte, eventuell Hinzuziehung weiterer Ärzte), Zukunftspläne, röhrenförmiges Denken über den Tod

Pflegemaßnahmen

Intensive Kommunikation, aktives Zuhören, Gesprächsbereitschaft signalisieren, Anteilnahme, intensive Betreuung, grundsätzlich nie belügen, kein Mitleid, nie die Realität "aufzwängen" (Wenn der Betroffene seine Situation verdrängt oder leugnet, ist es zu akzeptieren).

Die zweite Phase: Zorn (engl.: Anger)

Groll, Wut, Neid (auf die, die weiterleben dürfen, warum schützen mich nicht Angehörige, Ärzte, Pflegepersonal?), "Warum ich?"

Pflegemaßnahmen

Aggressionen, Beleidigungen, Beschimpfungen, Anschuldigungen nicht persönlich nehmen, zur Not professionelle Hilfe holen (z.B. Supervision), Geduld, Zuwendung und Aufmerksamkeit, Gesprächsbereitschaft signalisieren, damit der Betroffene beispielsweise über seine Ängste reden kann.

Die dritte Phase: Verhandeln (engl.: Bargaining)

Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit, Verhandlungen (mit Ärzten, Pflegepersonal, Schicksal, Gott: Gelübde, Versprechen, Bitte um Aufschub), intensive Teilnahme, Mitarbeit an Behandlungen und Therapien

Pflegemaßnahmen

In die Realität zurückholen, keine falsche Erwartungen oder Hoffnungen unterstützen, intensive Kommunikation, realistische Hoffnungen bestärken (z. B. betreffs Möglichkeiten der Schmerzbehandlung, Ängste vor Einsamkeit beim Sterben nehmen).

Die vierte Phase: Depression (engl.: Depression)

Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeitsgefühle, Trauer (Verlust des Lebens, Besitz, Angehörige, körperliche Integrität), Versuch der Erledigung von Versäumnissen, Versöhnung, Probleme, Rückzug oder Klagen

Pflegemaßnahmen

Ablenkung, Problemlösungen anbieten oder versuchen, Wünsche möglichst zu erfüllen, Unterstützung bei der Erledigung der Versäumnisse.  Wenn möglich auf eine gesunde vitaminreiche Kost achten.  Tagsüber gute Beleuchtung, Tageslicht (Lichtmangel fördert Depressionen), nachts möglichst verdunkeln (Nachtbeleuchtungen fördern ebenfalls Depressionen).  Mit ärztlicher Absprache Einsatz von Heilkräutern wie Johanniskraut. Stimmungsaufhellende Aromen einsetzen wie beispielsweise Zitrusdüfte, Melisse, Rose oder Lavendel (Auf Unverträglichkeiten achten und keinen Dauereinsatz).  Körperliche Anwendungen wie "Belebende Ganzkörperwäsche" oder Massagen.

Die fünfte Phase: Zustimmung (engl.: Acceptance)

Annahme des Schicksals, körperliche, geistige Erschöpfung, großes Schlaf- und Ruhebedürfnis, Isolierung, Rückzug, hohe Sensibilität betreffs Umgebung

Pflegemaßnahmen

Auf Wunsch ständige Anwesenheit, Ruhephasen ermöglichen, Zuwendung, körperliche Zuwendung wie Hand halten, streicheln, leichte Berührungen (kein Tätscheln, nicht über den Kopf streichen oder durch das Gesicht), Wahrnehmung berücksichtigen.

 

Lernzielkontrolle: Sterbephasen nach Kübler-Ross

 

 

Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen im Artikel 8:

„Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, in Würde zu sterben.“

Deklaration der Menschenrechte Sterbender 

  • Ich habe das Recht, bis zu meinem Tod wie ein lebendiges menschliches Wesen behandelt zu werden.
  • Ich habe das Recht, stets noch hoffen zu dürfen - worauf immer sich diese Hoffnung auch richten mag.
  • Ich habe ein Recht darauf, von Menschen umsorgt zu werden, die sich eine hoffnungsvolle Einstellung zu bewahren vermögen - worauf immer sich diese Hoffnung richten mag.
  • Ich habe das Recht, Gefühle und Emotionen anläßlich meines nahenden Todes auf die mir eigene Art und Weise ausdrücken zu dürfen.
  • Ich habe das Recht, kontinuierlich medizinisch und pflegerisch versorgt zu werden, auch wenn das Ziel „Heilung“ gegen das Ziel „Wohlbefinden“ ausgetauscht werden muss.
  • Ich habe das Recht, nicht allein zu sterben.
  • Ich habe das Recht, schmerzfrei zu sein.
  • Ich habe das Recht, meine Fragen ehrlich beantwortet zu bekommen.
  • Ich habe das Recht, nicht getäuscht zu werden.
  • Ich habe das Recht, von meiner Familie und für meine Familie Hilfen zu bekommen, damit ich meinen Tod annehmen kann.
  • Ich habe das Recht, in Frieden und Würde zu sterben.
  • Ich habe das Recht, meine Individualität zu bewahren und meiner Entscheidungen wegen auch dann nicht verurteilt zu werden, wenn diese in Widerspruch zu den Einstellungen anderer stehen.
  • Ich habe das Recht, offen und ausführlich über meine religiösen und/ oder spirituellen Erfahrungen zu sprechen, unabhängig davon, was dies für andere bedeutet.
  • Ich habe das Recht, zu erwarten, dass die Unverletzlichkeit des menschlichen Körpers nach dem Tod respektiert wird.
  • Ich habe das Recht, von fürsorglichen, empfindsamen und klugen Menschen umsorgt zu werden, die sich bemühen, meine Bedürfnisse zu verstehen und die fähig sind, innere Befriedigung daraus zu gewinnen, dass sie mir helfen, meinem Tod entgegenzusehen.

 


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