Sepperl-Depperl

 

Volker Stutzer kam 1927 in Ficht zur Welt und lebte von 1933 - 1941 im Landkreis Wegscheid. Er beweist, dass der Euthanasie nicht nur Menschen zu Opfer fielen, die länger als fünf Jahre in einer Anstalt waren. In der Nähe seines Vaterhauses wohnte eine sehr arme Familie in einem alten Barackenhaus. Ihr Sohn fiel als Baby versehentlich vom Tisch und trug am Kopf eine offene Wunde davon. Der Weg zum nächsten Arzt betrug zwanzig Kilometer. Außerdem fehlte den Leuten das Geld für eine medizinische Behandlung.

So wandte sich die Mutter in ihrer Not an eine Art "Wunderheilerin", die sich in der Gegend einen Namen gemacht hatte durch Warzenbesprechungen und selbst hergestellten Medikamenten. Diese sagte der Mutter, dass das Kind "sein Leben lang ein Depperl bleibt". Dem Kind konnte so nicht geholfen werden und der kleine Sepp behielt durch diesen Sturz vom Tisch bleibende Schäden.

Sepperl, wie er genannt wurde, zeigte Sprachauffälligkeiten, Beeinträchtigungen im Lernvermögen, Bewegungsstörungen beim Gehen und Verhaltensdefizite, die sich ab und zu durch unkontrollierte Wutausbrüche äußerten. Die Eltern fanden sich damit ab und versuchten ihren Sohn dennoch so gut und so liebevoll wie möglich großzuziehen.

Volker Stutzer war zwei Jahre jünger als Sepperl. Die beiden sehr unterschiedlichen Jungen befreundeten sich und Sepperl kam auch häufig in Volkers Elternhaus zu Besuch. Volker verstand ohne weiteres, was ihm Sepperl in seiner nuschelnden, langsamen Sprechweise erzählte. Im Dorf war Depperl - Sepperl, wie ihn die anderen Kinder nannten, ebenfalls integriert. Mehr als durch seine Behinderung fiel Sepperl durch seinen Geruch auf, was allerdings nicht seine Schuld war. Es lag an den hygienischen Verhältnissen der beengten Wohnverhältnisse und an dem Ziegenstall direkt am Haus. Sepperl wurde aufgrund der Lernschwierigkeiten mehrmals zurückgestellt und dadurch zusammen mit Volker eingeschult. In der Schule kam Sepperl ohne jegliche Einzelförderung logischerweise nicht mit.

Aber Volker entdeckte andere Talente bei ihm. Sepperl war handwerklich begabt, konnte Angelhaken hämmern, schnitzen und Forellen sogar durch Geschicklichkeit und List mit der blanken Hand fangen. Mit der beginnenden Pubertät wurde Sepperl schwieriger. Er zeigte Aggressionen und zugleich Interesse an Mädchen.

In dieser Zeit wechselte Volker auf ein weit entferntes Gymnasium und dadurch in ein Internat. Als er das erste Wochenende heimkam, war Sepperl verschwunden. Was wirklich vorgefallen war, konnte Volker Stutzer nicht herausfinden. Aber vermutlich hatte Sepperl ein Mädchen in irgendeiner Form belästigt. Er erfuhr, dass sich die Männer im Dorf über Sepperl beraten und danach die Kreisleitung eingeschaltet hatten.

Sepperl wurde abgeholt und kurz darauf bekamen die Eltern die Mitteilung, dass ihr Sohn nach einem Bade eine Lungenentzündung bekommen hatte, an der er verstorben sei. Sepperl war ein großes, kräftiges Kind mit gutem Appetit und alleine schon durch die Wohnverhältnisse extrem abgehärtet. Die Eltern konnten ihren Sohn nicht beerdigen. Seine Leiche sei verbrannt worden und die Asche verstreut, wurde ihnen mitgeteilt. Allen Beteiligten war klar, dass Sepperl ermordet worden war. Die Leute, die Depperl - Sepperl bei der Kreisleitung denunzierten, wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!