Schweres Erbe hüben und drüben

 
Die zunehmende Macht der nichtjüdischen Ärzte und Pflegekräfte wirkte sich eindeutig in ihrem Verhalten aus. Sie waren nicht mehr für die Patienten da, sondern oftmals umgekehrt. Es machte sich bei vielen die Haltung breit, es nicht mehr nötig zu haben, im Notfalle zu den Kranken zu eilen. Wenn die was wollten, sollten sie gefälligst selber antraben, egal wie. Die Kritik der Alten, die die Zeit aus Patientenaugen sahen, scheint berechtigt. Etliche berichteten von Ärzten, die sie sogar anschrieen, bei wesentlichen Erkrankungen ihnen Drückebergertum vorwarfen und sie gesundschrieben, klagten über erniedrigende und ruppige Behandlungen. Von den Pflegekräften erhielten sie selten Schutz oder eine Form der Solidarität. Die emsige NSV-Schwester, die gerade lächelnd mit ihrem Fahrrad zum nächsten Patienten radelt, allzeit im Einsatz, allzeit bereit, existierte wohl überwiegend auf den Propagandaplakaten. Unter den alten Menschen, mit denen ich mich unterhielt, war nicht ein Einziger, der sich in irgendeiner Form über die NSV positiv äußerte.
 
Die statistische Erhebung der Stadt Berlin setzt diese Eindrücke in Zahlen um. Im Kampf gegen die Tuberkulose gab es in dieser Stadt anscheinend Erfolge: 1930 befanden sich 11.505 Menschen in Behandlung, 1940 waren es nur noch 10.091. Allerdings sank die Zahl erst ab 1938, 1935 waren sogar 12.073 Tuberkulosekranke gemeldet. Von daher müssen diese Angaben sehr vorsichtig genossen werden. Da war die NS-Ideologie bereits soweit gereift, dass die hoffnungslosen Fälle eher keine optimale medizinische und pflegerische Versorgung erhielten. Schickte man in der Weimarer Republik 1930 noch 1500 Erwachsene und 3495 Kinder zur Kur wegen Tuberkulose, so waren es 1940 noch 184 Erwachsene und 1220 Kinder. Die Verpflegungstage bei diesen Kuren sanken 1930 von 279.875 auf 86.338 im Jahre 1940.
 
Beim Typhus schien ein Durchbruch erreicht worden zu sein, denn die Erkrankungen sanken kontinuierlich von 660  Fällen 1930 auf 387 Kranke 1940. Damit endeten die guten Nachrichten. Die 5195 Scharlacherkrankungen 1930 blieben bis zur Machtübernahme fast konstant. Ab 1933 kletterten die Zahlen hoch und 1940 gab es 12.193 Scharlachkranke. An Diphterie erkrankten 1930 noch 5529 Kinder, 1940 waren es 6648. Im Stadtgebiet zählte man 1930 insgesamt 442 Ruhrkranke, 1940 aber 2252. Unter den sonstigen anzeigenpflichtigen Krankheitsfällen wurden 1930 3213 Fälle gemeldet, aber 1940 stieg diese Zahl auf 15.242. (So ganz nebenbei: Zu den sonstigen Erkrankungen gehörte auch die Syphilis. Im Hauptgesundheitsamt im Krankenhaus Westend und im Krankenhaus Schöneberg fanden 1925 26.025 bakteriologische Untersuchungen auf Syphilis statt, 1937 waren es 229.482 Untersuchungen.)
 
Es existierten in Berlin 1930 für die Säuglings- und Kleinkinderfürsorge 78 Fürsorgestellen mit 223 Fürsorgeschwestern. So kamen knapp drei Schwestern auf eine Fürsorgestelle. 1938 erhöhten sich die Fürsorgestellen auf 99, dafür arbeiteten drei Fürsorgeschwestern weniger, womit diese Stellen überwiegend nur noch mit zwei Schwestern besetzt waren Diese Fürsorgestellen leitete die NSV in der Nazizeit und war damit auch für die Impfberatung zuständig. Also kann die NSV in der Stadt Berlin wirklich nicht besonders effektiv gearbeitet haben.
 
Leider hatte ich selber nie das Glück, mich mit einer Pflegekraft aus der NSV zu unterhalten. Ich traf eine Vertreterin in Berlin-Treptow, also in Ostberlin, der damaligen Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Unser Treffen fand in der Säuglingsfürsorge statt, aber da war ich erst ein paar Wochen alt. Aber man erzählte mir, dass die nach dem Krieg genauso weiterarbeitete wie in der Nazizeit, nur ihr „Out-fit“ und das Parteibuch hatten sich an die neuen Machthaber angepasst.
 
Sie soll mit den Säuglingen und Kleinkindern und den dazugehörenden Müttern genauso derb umgesprungen sein wie zu Adolfs Zeiten und sich auch ihren Kommandoton nicht abgewöhnt haben. Mütter mit schreienden Kindern wurden vorgezogen, weil plärrende Kinder sie nervten. Ständig zwickte und kniff mich meine Mutter, damit ich doch endlich auch mal heule. Und ich musste mir dann jahrzehntelang anhören, was ich für ein „blödes“ Kind war, weil ich das Geschehen immer sehr aufmerksam betrachtete, aber keinen Mucks von mir gab. Die „Beratung“ zur Pflege der Kinder der früheren Nazisse, die durch wundersame Verwandlung übergangslos zur Roten Socke mutierte, bestand in erster Linie aus Bevormundungen und der Verursachung von Schuldgefühlen bei den Müttern. Und sie arbeitete in gewohnter Manier eng mit den Behörden zusammen. Die Mütter waren also nie vor der Denunziation sicher, dass sie angeblich ihre Kinder nicht richtig versorgten.
 
Mit einer anderen ehemaligen NSV-Schwester aus der Prignitz, die später in der DDR bis zur Berentung in der Volkssolidarität arbeitete, konnte ich leider auch nicht mehr sprechen. Ich hörte erst im Frühjahr 1991 von ihr. Sie kehrte nach dem Mauerfall von ihrem ersten Westausflug im November 1989 in die Prignitz nicht mehr zurück. Einige Monate später holte ein Lastwagen mit österreichischem Kennzeichen ihre Sachen und einige Möbel ab. Niemand wusste, wohin sie gezogen war. Das war vielleicht auch besser so.
 
Zuerst hatte sie ihre Mitmenschen als NSV-Schwester bespitzelt, dann als Altenheimleiterin der Volkssolidarität. Als Rentnerin frönte sie dann gänzlich ungeniert ihrem Hobby, durch die Straßen zu spazieren, in scheinbar unbeobachteten Momenten um die Häuser zu schleichen, um vielleicht durch einen Gardinenspalt einen Blick auf den Fernseher zu erhaschen oder Töne aus Fernseher oder Radio zu erlauschen.
 
Aber nicht nur, dass sie ihre Mitbürger meldete, wenn sie sie dabei erwischte, Westprogramme zu empfangen. Ein politischer Witz, den ein Mann etwas angeheitert abends in der Dorfkneipe zum Besten gab, brachten ihm acht Jahre Haft in Bautzen ein. Keine Frage, wer an diesem Abend in der Kneipe genüsslich einen Tee schlürfte. Ein anderer Mann zischte deshalb der Krankenschwester einige Tage später empört im Konsum „Stasischlampe“ zu und gesellte sich für zwei Jahre zu seinem Freund.
 
Ihre beste Freundin in einem anderen Dorf hatte für die NSV als Kinderpflegerin im Kindergarten gearbeitet und nach dem Krieg eine Krippe und Kindergarten geleitet. Auch sie denunzierte und schnüffelte fleißig unter braunen und roten Machthabern und verschwand spurlos nach der Grenzöffnung gegen Westen. Nicht nur ich hätte mich gerne mit den beiden Frauen unterhalten, wobei vermutlich der Gesprächsbedarf meiner Mitmenschen, die die DDR-Zeit mit ihnen verlebten, nicht unbedingt einem historischen Forschungsdrang entsprang.
 
Anscheinend ist es der DDR, die sich immer ihrer antifaschistischen Haltung rühmte, nicht ganz gelungen, die Pflege nach 1945 vom braunen Gedankengut wirklich zu reinigen. Und offenbar nutzte die Stasi (SSD oder Staatssicherheits-Dienst) Eigenschaften und Fertigkeiten, die unter den Nazis geformt wurden, problemlos für ihre Zwecke. Diese drei NSV-Schwestern sind natürlich nicht repräsentativ. Ich bin überzeugt, dass es auch in der NSV und der folgenden Volkssolidarität gute und überzeugende Pflegekräfte gegeben hat. Dennoch stimmt es nachdenklich, wenn sich solche Figuren nach Kriegsende nicht nur halten konnten, sondern auch noch leitende Funktionen besetzten.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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