Von Eigennutz und Rechtfertigungen

 

In der Ärzteschaft waren immer traditionell sehr viele Juden vertreten. Deutschlandweit schätzte man, dass etwa zehn bis fünfzehn Prozent aller Ärzte Juden waren. In Berlin spitzte sich die Lage allerdings mächtig zu, denn in der Hauptstadt war bald jeder zweite Arzt ein Jude. Der Wegfall der jüdischen Ärzte löste für viele Menschen, besonders nach dem Kriegseintritt, Katastrophen aus. Die Lücken versuchten die Nazis damit zu stopfen, dass viele Ärzte mit einer „Schmalspurausbildung“ auf Patienten losgelassen wurden. Der überwiegende Teil der Pflegekräfte schwieg dazu, wich dem Druck aus oder machte mit.

 
Beispiele wie die Schwester Luise Zorn (Siehe auch Virtuelles Denkmal Gerechte der Pflege) finden sich selten. Diese Frau aus Frankfurt am Main arbeitete mit jüdischen Ärzten zusammen, als es bereits lebensgefährlich war. Sie betreute auch jüdische Patienten, die infolge der Gewaltherrschaft keine ärztliche Betreuung mehr fanden. Nachdem ihr das Betreten des jüdischen Krankenhauses verboten wurde, kletterte sie nachts oft heimlich über die Krankenhausmauer, um bei Operationen zu assistieren. In ihrem Gepäck zu diesen Aktionen brachte sie dringend benötigtes Verbandszeug und Medikamente mit.
 
Nach den Berichten der sogenannten Zeitzeugen war Luise Zorn nicht die Einzige, die sich den Nazis widersetzte. Es wimmelte förmlich in Deutschland von Widerstandskämpfern. Diese versuchten ihren Widerstand gegen die Nazis dadurch zu beweisen, dass sie trotz aller Verbote heimlich weiterhin ihrem jüdischen Hausarzt die Treue hielten. Wenn man sich nicht etwas vormachen will, sollte man angesichts dieser Berichte den Tatsachen ins Auge sehen: Nicht ihre Judenfreundlichkeit trieb sie in die jüdischen Praxen und auch nicht ihr Widerstandsgedanke.
 
Es mag bei einigen Leuten ein ehrlicher Akt des Protestes gewesen sein. Allerdings ist zu befürchten, dass auch einige Trittbrettfahrer dabei waren. Viele konsultierten notgedrungen weiterhin ihren jüdischen Arzt aufgrund des Ärztemangels, besonders was qualifizierte Ärzte betraf. Dieser Arzt war dann der nette, gute Jude, den man persönlich kannte, mit dem man trotz drohender Repressalien verkehrte. Denn angesichts der Zahl der Deportierten war es einfach unglaubwürdig, zu behaupten, man selber hätte keine Kontakte zu Juden gehabt. Mit so einem „Alibijuden“ ließ sich also nachweisen, dass man nicht die Gesinnung der Nazis teilte und sogar gegen ihre Anordnungen verstieß. Und dabei wurde auch oft vergessen, dass man die Zwangslage der Ärzte, aber auch ihre jahrelang praktizierte fachliche Anteilnahme häufig schamlos ausnutzte. Denn ein „arischer“ Arzt ließ sich selten mit Naturalien seine Behandlung bezahlen, wozu jüdische Ärzte aber bald gezwungen waren. Der „arische“ Arzt verfügte auch über die Mittel, säumige Honorare einzutreiben.
 
Und wenn man dann noch genauer hinsieht, bemerkt man, dass sogar Parteimitglieder, auch aus der SA und SS, noch lange die Dienste der jüdischen Ärzte in Anspruch nahmen, denn immer wieder versuchten NSDAP-Ortsgruppen oder der Reichsbund der Deutschen Beamten auf ihre Mitglieder einzuwirken, nicht als Verräter an ihrer eigenen Parteiideolgie zu werden. Beispielsweise drohte 1935 die badische NSDAP ihren Mitgliedern und Beamten mit Ausschluss.
 
Die „Protestler“, die aufgrund ihres Widerstandskampfes jüdische Ärzte konsultierten, brachten außerdem eher den Arzt als sich selber in Gefahr. Denn die Ärzte wussten, dass es ihnen verboten war, nichtjüdische Patienten zu behandeln. Das Risiko bei Entdeckung trugen in erster Linie sie und nicht die „judenfreundlichen Arier“. Auf der anderen Seite räumten viele nichtjüdische Pflegekräfte wie Rosalinde mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen ihren Arbeitsplatz.
 
Die Wenigsten machten sich ernsthaft Gedanken darüber, was aus ihren ehemaligen Brötchengebern, mit denen sie oft jahrelang bestens zusammengearbeitet hatten, werden würde. Viele Krankenschwestern beteiligten sich schnell an der Judenhetze, obwohl sie durch ihre früheren Arbeitsplätze nie Anlass hatten, der braunen Agitation Glauben zu schenken. Die Nazis verunglimpften die jüdischen Ärzte immer wieder ganz massiv als angebliche „Lustmolche“ und „Wüstlinge“, die ihre Stellung dazu nutzten, „anständige arische Frauen“ zu verführen, sexuell zu missbrauchen oder zu vergewaltigen. Die Arzthelferinnen hätten es besser wissen müssen, kauften aber auch den „Stürmer“, der ständig unter jeglichem Niveau mit solchen Geschichten aufwartete.

 
 
 
 
 
 
 
 
 


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