Die Pflegekräfte in den Mordfabriken

 

Bereits sehr früh verstrickten sich Pflegekräfte mit dem Euthanasieprogramm. Das Personal der Mordanstalten bestand grob betrachtet aus zwei Gruppen. Einige wenige waren von Haus aus sadistische Schlächtertypen, die Spaß daran hatten, andere Menschen zu quälen, zu ermorden oder leiden zu sehen oder die zumindest damit kein Problem hatten. Die Mehrzahl waren pflichtbewusste, überangepasste Befehlsempfänger. In der Regel waren sie fanatische Nazis, für die der Wille des Führers alle Handlungen legitimierte.

Eine Motivation für die Beschäftigten in den Todesheimen zu arbeiten war das gute Einkommen, dass sie dort erhielten. So drängten sich die meisten über Beziehungen in den "Job" oder verwiesen in ihren Bewerbungen darauf, dass sie alte Parteigänger waren. Wenn sich später auch viele vor der Arbeit ekelten, wollten sie das gute Gehalt nicht verlieren oder es fehlte ihnen der Mut zum Aussteigen. Der Brenner Vinzenz Nohel verdiente beispielsweise im Frühjahr 1940 als Hilfsarbeiter 100 Reichsmark monatlich. In Hartheim erhielt er 170 Reichsmark. Dazu kamen 50 Reichsmark Trennungszulage, freie Kost und Unterkunft, 35 Reichsmark "Stillprämie" und um Weihnachten herum eine Treueprämie von ca 300 Reichsmark. Somit hatte er monatlich fast das dreifache seines früheren Gehaltes plus anderer Vergünstigungen. Krankenpfleger zogen das Tötungsgeschäft oft dem Wehrdienst vor. Bevor sie das eigene Leben an der Front riskierten, ermordeten sie lieber unschuldige Opfer.

Die Krankenschwester Gertrude Blanke aus Berlin kam als erste Pflegekraft nach Hartheim. Bis Ende 1944 arbeitete sie in Hartheim und in Niedernhart als Oberschwester und Chefin des Pflegepersonals. Der Pfleger und Pathologie-Gehilfe Hermann Wentzel aus der Nervenklinik Berlin-Buch traf im April 1940 dort ein. Seine Aufgabe bestand darin, den Menschen, die im Aufnahmeraum zur Obduktion bestimmt wurden, nach ihrer Tötung Gehirne oder andere Organe zu entfernen und in Formalin zu konservieren. Eine nächste Gruppe von Pflegepersonal kam im Laufe des Monats Mai 1940 in diese Anstalt. Es waren überwiegend junge Pflegerinnen aus Ybbs in Niederösterreich.

Der Leiter der Ybbser Anstalt war ein überzeugter Nazi und Verfechter der Euthanasie. Seine Pfleglinge wurden bereits 1940 in die Gaskammer nach Hartheim geschickt, um Platz für ein Lazarett zu schaffen. Durch die schnelle Räumung der Anstalt verloren etliche Ybbser Krankenschwestern die Arbeit. Kurzerhand wurde ein knappes Dutzend von ihnen für Hartheim dienstverpflichtet, nämlich Franz Gindl, Hermine Gruber, Margarethe Haider, Anna Grießenberger, Maria Hammelsböck, Maria Lambert, geborene Brandstätter, Hermann Merta, Maria Raab, Anton Schrottmayr, Marie Wittmann und Franz Sitter.

Zu den Aufgaben der Ybbser Schwestern gehörte das Entkleiden der Opfer und die Registrierung der Besitztümer. Sie führten die nackten Menschen in den Aufnahmeraum. Ein Arzt überprüfte letztmalig die Identität der Opfer durch Vergleich der Krankenakten mit den Transportlisten. Nach der Scheinuntersuchung und dem Photographieren brachten Pflegekräfte die Todgeweihten zur Gaskammer. Bei der Erstellung der Photos stützte das Pflegepersonal die Patienten oder hielten sie fest. Mit roher Gewalt trieben sie die Menschen an, um so schnell wie möglich "die nächste Fuhre" los zu sein. Bei Gegenwehr sedierten sie die Patienten und trugen sie in den "Duschraum". Die Krankenschwester Maria Hammelsböck schilderte den Weg ihrer Opfer in den Tod: "Wenn sie ansprechbar waren, sagte man ihnen, sie würden gebadet. Viele freuten sich auf das Baden, auch wenn sie sonst nichts erfassten. Manche wollten sich nicht waschen lassen, man musste sie ins Bad zerren. Das war auch allgemein schon so in Ybbs. Allgemein freuen sich Kranke, wenn sie gebadet werden." Nach der Mordaktion mussten die Pflegekräfte die Autobusse, Entkleidungs- und Aufnahmeraum und die Gaskammer putzen. Solange nicht ausreichend Pflegekräfte frequentiert waren, zog man zu diesen Arbeiten auch die Bürokräfte heran.

Angeblich sollen die zwanzig- bis fünfundzwanzigjährigen Pflegerinnen aus Ybbs nach ihrer Ankunft in Harheim tagelang geweint haben. Tatsache aber ist, dass vielleicht eine Schwester und nur ein Krankenpfleger sich der Arbeit in Hartheim entzogen. Eine Schwester ließ sich angeblich absichtlich schwängern, um der Tötungsfabrik zu entkommen. Diese Aussage muss gefiltert betrachtet werden. Es kann so gewesen sein, muss aber nicht den Tatsachen entsprechen. Alle dort arbeitenden Schwestern hatten nachträglich ein großes Interesse daran, ihre Mitarbeit als erzwungen und sich selbst als Opfer darzustellen. Sie mussten glaubhaft machen, dass sie keine andere Wahl hatten, als beim Morden behilflich zu sein. Die Geschichte mit der vorsätzlichen Schwangerschaft als einziges Mittel, Hartheim zu entkommen, sollte vielleicht lediglich den Zwang vermitteln, unter dem die Frauen standen. Diejenige könnte auch später ebensogut mit der vielleicht unerwünschten Schwangerschaft beweisen wollen, dass ihre bisherige Rolle als Mordgehilfin gegen ihren Willen geschah. Und ihre Kolleginnen würden selbstverständlich ihre These stützen zur eigenen Entlastung.

Fakt ist, dass die Ybbser Schwestern nach glaubhaften Berichten in ihrer Hartheimer Zeit sittlich und moralisch völlig heruntergekommen waren. Die Hartheimer Sauf- und Sexorgien beim Personal waren bekannt. Sie waren als Flittchen verschrien, die sich mit jedem SS-Mann, Euthanasiearzt, Brenner, Fahrer und sonstwem einließen und offenbar bestand zwischen ihnen und den Prostituierten, die sie gewissenlos ins Gas schickten, nur ein kleiner Unterschied: die Prostituierten, entschieden schlauer, nahmen für das Huren Geld. Deshalb brauchten sie sich auch nicht an Verbrechen gegen die Menschheit, Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist wohl sehr untertrieben, beteiligen. Sie verkauften ihren Körper, jedoch selten ihre Seele an die braunen Teufel, während Hitlers Nutten ihre "Pflicht" erfüllten.

Die Oberpflegerin Änne H. aus Grafeneck wird auch als getarnte Widerständlerin gehandelt. Zu ihrem gewaltsamen Tod hieß es am 4.Juni 1940 als offizielle Darstellung: in der Anstalt Grafeneck soll sich ein Todgeweihter losgerissen und das Personal bedroht haben. Dr. Baumhardt schoss auf den Mann, dabei traf er versehentlich die Oberpflegerin und verletzte sie tödlich. Die Pflegekräfte gaben dazu aber an, dass inoffiziell nie Gerüchte verstummten, dass er die Pflegerin vorsätzlich erschossen hatte, weil sie aus der Euthanasie aussteigen wollte.

Auch auf die Gefahr, dass ich der Getöteten Unrecht tue: die Aussagen ihrer Kollegen geschahen in der Phase der Rechtfertigung. Als sie vor Gericht ihre aktive Beihilfe zum Massenmord erklären mussten. Vielleicht hat Baumhardt sie wirklich unabsichtlich erschossen, vielleicht auch vorsätzlich, aber nicht aufgrund ihres Widerstandes, sondern wegen eines persönlichen Disputes, was ja bei dem Lebenswandel in den Tötungsanstalten leicht möglich war. Tatsache ist, dass sie als Oberpflegerin in der Hierarchie der Pflegekräfte ganz oben stand und da kam sie nicht grundlos hin. Aber mit der Mordversion ihrer Untergebenen konnten diese glaubhaft darstellen, in welcher Gefahr sie selber schwebten, wenn sie sich gegen das Mordgeschäft gewehrt hätten. Und urplötzlich handelten "die Armen" nur aus Selbstschutz, gewissermaßen aus Notwehr.

Dagegen spricht aber, dass das Morden sie anscheinend nicht weiter störte, denn wenn sie murrten, dann nur, weil ihnen die anderen Pflegekräfte aus dem Reich (also Deutschland) stets die unangenehmsten Arbeiten aufhalsten. Wenn sie schon mit den "Vollariern" durch die Betten hopsten, dann sollten doch wenigstens die Frauen aus dem Reich ihnen Respekt zollen. Grundsätzlich aber wehrten sie sich inhaltlich nie gegen ihre Arbeit. Genausowenig zollten sie auch den zum Schluss ständig rauchendem Schornstein Beachtung. Der Krankenpfleger Schluch erzählte darüber: "Die Leichen wurden laufend nachgeschoben, der Ofen war dauernd in Betrieb." Sein Kollege Unverhau betonte in späteren Gesprächen, dass an seinen Händen kein Blut klebe. Womit er wohl andeuten wollte, dass er den Opfern keine blutenden Wunden beibrachte, bevor er sie ins Gas jagte.

Nach den Berichten von betroffenen Pflegekräften gab es in In Hartheim außer dem Alltag mit Transporten, Vergasung und der Reinigung der Gaskammer wenig andersweitige Beschäftigung, da sie im Todesschloss wohnen mussten. Deshalb seien die Alkoholekzesse und zahlreichen Liebschaften für sie ein Ventil gewesen, mit den Grausamkeiten ihrer Arbeit fertig zu werden und somit verständlich. Eigenartig dabei ist nur, dass das Verständnis immer nur für die Täter rausgekramt wird. Bei den Opfern wird dagegen geforscht, wodurch sie ihr Schicksal mitverursacht haben. Opfer bekommen kein Verständnis, im Gegenteil. Irgendwie schafft man es immer, sie als Mittäter zu brandmarken, während die Täter zu Opfern werden. Für solche Logik fehlt mir leider das nötige wissenschaftliche Verständnis und die gesellschaftssoziale Reife.

Aber in den Schilderungen der Pflegekräfte fehlten die abendlichen Feste, die gemeinsamen Ausflüge auf Kosten der Verwaltung, was hieß, dass die Ermordeten diese Ausflüge bezahlten. In den Autobussen der Gekrat, in denen tagsüber die todgeweihten Patienten herangekarrt wurden, kutschierte abends das Personal zu gemeinsamen Kinobesuchen nach Linz. Für die Ferien der gestressten Euthanasiemitarbeiter hatten die Nazis 1940 die "Villa Schoberstein" in Weißenbach am Attersee beschlagnahmt. Dort konnten sie ihren Urlaub Marke "Alles inklusive" verbringen. Obwohl es nicht gerne gesehen wurde, saßen die Mörder der Vernichtungsanstalt abends in nahe am Schloss gelegenen Kneipen. Maria Lambert, geborene Brandstätter, berichtete von einem bunten Abend, den die SS-Mörder des KZ´s Mauthausen veranstalteten und wozu sie die Hartheimer Mörder einluden.

Darum stößt mich das vorgetragene Geplänkel der Pflegekräfte untereinander auch massiv ab. So beklagten sich viele junge Pflegerinnen aus Österreich über die Arroganz der Frauen aus dem Reich ihnen gegenüber als "Ostmärkerinnen". Die Arbeitsbedingungen wurden kritisiert, nicht die Toten. Hatten die keine anderen Probleme angesichts der tausenden Ermordeten?

Nach den Berichten von anderem Pflegepersonal waren die "Kollegen" aus der Mordfabrik Hartheim kräftige, große, junge Männer und Frauen in weißer Spitalstracht. Sie gingen zumeist rüde mit den Patienten um und es interessierte sie nur eine schnelle Verladung der Patienten. Die Menschen, die sie in die Busse trieben, sahen sie als eine Art Schlachtvieh an, die stanken und lästig waren. Ihre rüpelhafte, menschenverachtende Art gegenüber Patienten, auch körperlicher Art, wurde mehrmals unabhängig voneinander bezeugt.Die Hartheimer Pfleger sollen unter ihren Jacken Pistolen getragen haben und verfügten über Handschellen für unruhige Patienten. Auch wurden Patienten durch Injektionen sediert, um sie für den Transport ruhig zu stellen.

Die Pfleglinge wurden natürlich nicht darüber informiert, was ihnen passieren sollte. Meist wurde ihnen erzählt, dass sie eine Urlaubsfahrt in ein ganz tolles Heim machen, sodass viele sich über die Fahrt freuten. Ein Augenzeuge in Hartheim berichtete von einem Kindertransport, der dort ankam. Eine Pflegerin, eine stattliche Person, versprach den Kleinen, dass man nun die Pferdchen anschauen werde. Als die behinderten Kinder in der Gaskammer waren und in dem gefliesten Raum Angst bekamen und anfingen zu schreien, hätte sie triumphierend gekreischt: "Da kommt niemand mehr heraus!"

Hartheimer Pflegepersonal sagte bei späteren Verhören aus, dass manche Patienten glaubten, es ginge wirklich zum Duschen und wollten Seife und Waschlappen mitnehmen. Andere ahnten, was man mit ihnen vorhatte. Sie schrieen und bettelten um Gnade. Das Pflegepersonal spritzte sie mit Morphium nieder und trug sie in die Gaskammer, in denen vierzig bis achtzig Patienten eingepfercht waren. Dann verschlossen die Pflegekräfte die Tür.

Wieweit sie der Massenmord wirklich belastete, wird daran ersichtlich, dass einige ab 1942 in den reinen Vernichtungslagern der "Aktion Reinhard" mitwirkten. Die Ybbser Schwestern waren keine Opfer. Sie waren verroht, entmenschlicht, ausschließlich auf ihren Vorteil bedacht, geld- und sexgierig. Im Linzer Strafverfahren gegen sie hätte man ihnen als erstes ihr Examen entziehen und ein Berufsverbot aussprechen müssen, um die Schande aller Pflegekräfte ein für alle Male aus der Pflege zu entfernen. Denn unglaublicherweise arbeiteten einige nach ihrer Haftzeit wieder als Krankenschwestern oder Krankenpfleger. Zum Beispiel die ehemalige Stationsschwester vom "Spiegelgrund", der man im Nachkriegsprozess den Mord von wenigstens 24 Kindern nachwies. Nach ihrer Haft findet sich ihre Spur im Wiener St. Anna Kinderspital. Dort arbeitete sie ab 1951 als diplomierte Krankenschwester, so, als wäre nie etwas geschehen.

Und es war auch nicht so, dass die Pflegekräfte nicht wussten, dass sie an einem Massenmord beteiligt waren. Eine Aussage einer Grafenecker Pflegerin machte deutlich, dass die Nazis nichts anderes waren als gemeine Mörder, die nicht einmal ihre eigenen Kriterien einhielten: "Als die ersten Transporte eintrafen, waren sowohl die Ärzte als auch das Pflegepersonal entsetzt, dass Menschen ankamen, die nach unserer Auffassung nicht in das Euthanasieprogramm fallen sollten, da sie zu einem großen Teil - man kann etwa 25 Prozent sagen - körperlich noch in gutem Zustand, reinlich und auch noch ansprechbar waren. Ich habe erlebt, dass zum Beispiel Dr. Baumhardt in solchen Fällen einfach den Federhalter hinlegte und in seiner Wut nach Stuttgart ins Innenministerium fuhr. Anderntags setzte er allerdings den Betrieb fort, wobei mitunter auch einige Kranke zurückgestellt wurden. Geäußert hat sich Dr. Baumhardt allerdings nie, sodass ich nicht weiß, was in Stuttgart gesprochen und entschieden wurde. Wir, das heißt das Pflegepersonal, waren immer wie vor den Kopf geschlagen, wenn dann anderntags die Vergasung fortgesetzt wurde, ohne dass uns Dr. Baumhardt irgendeine Erklärung über die Zusammenhänge abgab." Hatten sie nach einer Erklärung gefragt?

Eine Augenzeugin, die zufällig einen Transport beobachtete, berichtete, dass die Opfer aus dem Bus laut "Mörder, Mörder!" geschrieen hätten. So verhalten sich aber nicht angeblich schwer geisteserkrankte Menschen, die ihre Außenwelt nicht mehr realisieren.

Etwas Ähnliches berichtete eine Bürokraft aus der Tötungsanstalt Bernburg. Sie habe einen Tötungsvorgang durch die Scheibe an der Gaskammertür beobachtet, worauf eine Frau in der Kammer sie erblickte und ihr noch "Ihr Mörder, ihr Mörder, das wird sich rächen!" zurufen konnte. Als sie und ihre Kollegin, ebenfalls in dieser Anstalt Bürokraft, Ende 1942 die Vergasungsanstalt verlassen mussten, seien die Beiden nach Aussagen anderer Beschäftigten todunglücklich gewesen. Muss ein gutes Arbeitsklima gewesen sein. Immerhin wurden die Beiden nach 1945 mit guten Jobs entschädigt: Eine arbeitete in der Verwaltung des deutschen Bundestages, die Andere als Angestellte unter dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke im Bundespräsidialamt, dem sie auch ihre Erlebnisse in Bernburg berichtete. Herr Lübke schmiss sie aber anscheinend nicht entsetzt raus. Offensichtlich fehlte es ihm nicht nur an englischen Sprachkenntnissen.

Nachweisbar wurden nicht nur behinderte Menschen in den Euthanasieanstalten umgebracht. Schwer erkrankte Tuberkulosekranke, Zwangsarbeiter, Homosexuelle, "Gewohnheitsverbrecher", "Asoziale", Kriegsgefangene, Prostituierte, politische Gegner, Greise, Juden oder zum Beispiel Kinder aus sogenannten Mischlingsehen kamen dort um. Als Mischehe galt, wenn Angehörige des jüdischen Glaubens mit Nichtjuden oder konvertierte Juden mit Nichtjuden verheiratet waren. Menschen, wo ein Eltern-, Großeltern- oder Urgroßelternteil jüdisch war, bezeichneten die Nazis als Halb-, Viertel- oder Achteljuden. Eine eidesstattliche Erklärung einer Oberschwester aus der Anstalt von Hadamar belegt, dass im Mai 1943 etwa dreißig gesunde Kinder, die als Mischlinge galten, durch Injektionen umgebracht wurden. Das Pflegepersonal stammte überwiegend aus strenggläubigen Familien. Diese frommen Schwestern widersetzten sich dem Morden nicht. Pflegeschwester Margarete Borkowski sagte Ende 1947 vor Gericht aus: "Es war schrecklich für mich, aber ich habe es als einen Auftrag betrachtet, den ich zu erfüllen hatte."

Nachträgliche Aussagen von Pflegekräften erzählen vielfach von enormen psychischen Belastungen. Auch weil eine ihrer Aufgaben darin bestand, die Gaskammer nach der Ermordung der Menschen von Urin, Kot und Erbrochenem zu reinigen. Weil ja die Menschen, laut Aussagen der Euthanasiemörder nach dem Krieg, in den Gaskammern alle friedlichst in den Tod hinübergeschlummert waren.

Es hinderte das Personal, auch die Pflegekräfte, jedenfalls nicht daran, sich an den Nachlässen der Ermordeten zu bereichern. Das Pflegepersonal sortierte die Kleider und persönlichen Habseligkeiten der Opfer. Schwestern und Pfleger bedienten sich derart unverfroren an Kleider- und Lebensmittelkarten, Zahngold oder Wertsachen, dass die Nazis deshalb mehrmals Untersuchungen durchführten. In Hartheim "beschenkte" Christian Wirth, der Herr Kriminaloberkommissar, die Beschäftigten. Später spielte man in den Euthanasieprozessen den Wert dieser "Geschenke" zur Bedeutungslosigkeit herunter. Maria Wittmann behauptete: "Da wir keine Dienstkleidung hatten, hat mir Polizeihauptmann Wirth aus dem Nachlass von Patienten alte Schürzen und einmal Schuhe gegeben." (Was eine glatte Falschaussage war, da das Hartheimer Personal in Anstalten, wo sie Patienten abholten, in weißer Spitaltracht erschienen) Pfleger Hermann Merta meinte dazu: "Vom Hauptmann Wirth habe ich 2 Anzüge und einige Taschentücher aus dem Besitz der getöteten Patienten bekommen." Karl Harrer konnte sich daran erinnern, "einige Male von Hauptmann Wirth Effekten von den Beständen der Geisteskranken wie z.B. einen Mantel, einen Anzug und dergleichen" bekommen zu haben. Und Anna Griessenberger vermachte der großzügige Polizist ab und zu mal Paar Schuhe. Sie betonte aber gleichzeitig, "Heimgebracht habe ich aber von solchen Sachen nichts.".

Einige österreichische Pfleger und Pflegerinnen stellten sich auch insoweit als Opfer dar, da sie ja von den Deutschen besetzt wurden. Natürlich war der Anschluss von Österreich ein Gewaltakt, aber er wurde von zahlreichen Österreichern toleriert und sehr viele waren selbst überzeugte Nazis. Nur so kann erklärt werden, dass im Wiener "Steingrund" unter aktiver Mitwirkung des Pflegepersonals Kinder umgebracht wurden. Oder dass in der Außenstelle Gschwendt der Anstalt Niedernhart reichlich "Wilde Euthanasie" betrieben wurde. Die dortige Heimleiterin war dafür berüchtigt, dass sie aus eigenem Antrieb mit den Pfleglingen ausgesprochen brutal umging.

 



 

Mörder im weißen Kittel

 

Viele Ärzte begriffen eine Mitarbeit bei der Euthanasie als Karrieresprungbrett. Dr. Georg Renno, der Euthanasiearzt von Hartheim in Österreich, damals als Ostmark bezeichnet, war der stellvertretende medizinische Leiter in Hartheim. Vorher wirkte er als einer der Gutachter, die vom Schreibtisch aus das "unwerte Leben" aus dem "gesunden Volksganzen" herausfilterten. Renno weigerte sich, der Anordnung Hitlers Folge zu leisten, selbst den Gashahn aufzudrehen mit dem Argument: " ....habe nicht Medizin studiert, um einen Gashahn aufzudrehen...." Für ihn öffnete dann ein Brenner auf seine Anordnung das Gasventil.

Aussagen der Ärzte, dass der Gastod friedlich vonstatten ging und die Patienten friedlich eingeschlafen seien, waren eine glatte Lüge. Nach Zeugenaussagen klammerten sich die verängstigten Pfleglinge derart aneinander, dass es später schwerfiel, die in Todesangst aneinandergeklammerten Körper zu trennen. In einzelnen Fällen gelang es sogar Patienten, an den glattgefliesten Wänden bis zu den Fenstern hochzuklettern, was ihnen freilich letztendlich doch nichts nützte. Die Gesichter der Toten zeigten die Spuren eines entsetztlichen Todeskampfes. Viele erbrachen, bevor sie starben.

Etliche Euthanasieärzte versteckten sich hinter einer Überkorrektheit, um für sich und Andere den Anschein der Legalität zu wahren. Als Beispiel: ein Pfleger aus einer Anstalt, der beim Abtransport von Pfleglingen beobachtet, dass die Begleitpersonen grob und rüde mit ihnen umgehen, beschwerte sich bei dem Euthanasiearzt Dr. Lonauer, dass so eine rohe Behandlung der Geisteskranken beim Verladen von Transporten nicht notwendig sei. Der Euthanasiearzt gab dem Pfleger Recht und ließ dem Hartheimer Personal ausrichten, dass er, Dr. Lonauer, derartige Behandlungen und Vorkommnisse in seinem Hause nicht dulde. Was ihn aber nicht daran hinderte, die Pfleglinge in die Gaskammern zu schicken.

Nur die wenigsten Euthanasieärzte sind nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen worden. Sie setzten sich ab, flüchteten ins Ausland wie Dr. Mengele, verpassten sich eine neue Identität,  täuschten Erkrankungen vor, durch die sie als verhandlungsunfähig galten wie Dr. Renno, machten Selbstmord wie Dr. Lonauer oder praktizierten ganz seelenruhig weiter.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!