Pflege im Konzentrationslager

 

In dem Abschnitt über den Lagerarzt in der Lagerverordnung des Konzentrationslagers Esterwegen für das Gefangenen-Barackenlager vom 1.August 1934 hieß es: "Der Lagerarzt ist nur für Kranke, aber nicht für Arbeitsscheue da. Gefangene, welche sich durch eine grundlose oder zimperliche Krankmeldung von der Arbeit zu drücken versuchen, werden der Abtg. "Strafarbeit" zugeteilt. Wer sich zum Arzt meldet, hat am gleichen Tage dort zur Untersuchung zu erscheinen. Wer vom Arzt als arbeitstauglich befunden wird, erhält Strafarbeit. Angehörige der Strafabteilung, die sich grundlos zum Arzt melden, werden nach der Disziplinar- und Strafordnung bestraft."

Die Drohung war überdeutlich. Ein Häftling, der sich krank fühlte und unter massiven Krankheitssymptomen litt, konnte nicht sicher sein, ob der Arzt ihn als krank oder "zimperlich" einstufte. Die Wahrscheinlichkeit, neben der Erkrankung noch zusätzlich mit Strafarbeit belegt zu werden, war also ziemlich hoch und oft tödlich. Wer sich krank meldete, dass heißt, nicht arbeiten konnte, galt als "unnützer Fresser". Hinter einer solchen "medizinischen Versorgung" steckte Methode. Denn die Krankenreviere waren nicht, wie eingangs beschrieben, dazu erdacht, zu heilen oder Leben zu retten.

Die Krankenreviere dienten anfangs nur dem Ziel, möglichst viele Häftlinge schnell zu vernichten. Mit den militärischen Niederlagen änderte sich die Zielsetzung der KZ´s, zumindest in den Führungskreisen der SS. Denn 1942 wurden die Lagerkommandanten dazu angehalten, ihre Sterberate in den Lagern zu senken. Hintergrund für den Sinneswandel war nicht etwa ein Hauch und Anflug von humanistischen Gefühlen, sondern der enorme Bedarf an Arbeitskräften durch die kriegsbedingt hohen Menschenverluste. So war man nun daran interessiert, die Häftlinge als Arbeitssklaven am Leben zu erhalten.

Nach den Zeugenaussagen von Überlebenden ergibt sich daraus in der Art der Rekrutierung von medizinischen und pflegerischen Personal unterschiedliche Verfahrensweisen. Es ergibt kein einheitliches Bild, dass heißt, dass in den verschiedenen Konzentrationslagern unterschiedlich vorgegangen wurde. Bekannt ist, dass das Euthanasiepersonal nach dem offiziellen Euthanasiestop später in Konzentrationslagern eingesetzt und dort ebenfalls an der Ermordung anderer Menschen beteiligt war. Zeugenaussagen belegen aber, dass in verschiedenen KZ´s Pflegekräfte aus den Insassen ausgesucht wurden. Gerade sie waren in einer fürchterlichen Situation: gezwungenermaßen wurden sie oft zu Mittätern gegen die eigenen Leute für den Preis, länger als ihre Mithäftlinge zu leben. Hinzu kam das Hierarchiegefüge, in dem sich Ärzte und Pflegepersonal befanden, aber obendrauf dann noch ihre Abhängigkeit als Insassen.

Vielerorts bedeutete die Einziehung in das Krankenrevier eine weitere Demütigung. Gut ausgebildete Ärzte arbeiteten dort unter inkompetenten Ärzten oder Laien als Hilfskräfte, wie der Professor für Anatomie Dr. Prenant, der im KZ Neuengamme Häftlingspfleger war. Geschulte Pflegekräfte und auch Ärzte mussten oft genug als Leichenträger wirken. Gewissenhafte Menschen, die völlig berufsfremd waren, aber in den Krankenbaracken Dienst verrichteten, litten darunter, dass ihnen jegliche Qualifikation oder Wissen fehlte, um den Kranken zu helfen. Weniger Gewissensbisse besaßen verrohte Häftlinge, die als kriminell oder asozial galten und in einigen KZ´s bevorzugt als Pflegepersonen eingesetzt wurden.

Die französische Anklagebehörde sammelte für den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Militärgerichtshof Nürnberg (14.November 1945 bis 1.Oktober 1946) Zeugenaussagen, die als Beweisstück RF-331 und RF-333 (RF = von der französischen Anklagebehörde vorgelegte Beweismittel) zugelassen wurden. Aus dieser Sammlung stammen  die folgenden Berichte von überwiegend Ärzten, die in verschiedenen Konzentrationslagern waren. Ihre Einschätzung betreffs der medizinischen Versorgung läßt auch Schlüsse auf die Pflege zu.

Robert Waitz, Professor an der Medizinischen Fakultät von Straßburg, lernte als Inhaftierter die KZ´s Monowitz und Auschwitz kennen. Er urteilte über die medizinische Versorgung: "Häftlinge. die Ärzte waren, werden nicht als Ärzte verwendet, sondern höchstens als Leichenträger. Diejenigen, die tatsächlich als Ärzte fungierten, waren SS-Leute, die gewöhnlich nur ein ganz begrenztes medizinisches Studium gemacht hatten...... und wir standen unter ihrem Befehl."

Dr. med. Charles Cliquet, der Neuen-Bremme (bei Saarbrücken), Kassel, Buchenwald, Lager "Dora" (bei Nordhausen) und Deutz durchlitt, erzählte: "Die chirurgische Arbeit wurde von einem Deutschen besorgt, der vorgab, Chirurg in Berlin gewesen zu sein. Er war ein gemeiner Sträfling. Er tötete seine Patienten bei jeder Operation aus mangelnder Fachkenntnis."

Das Laientum in den Krankenrevieren bestätigte auch Robert Sussefeld, der in Blechhammer (Oberschlesien) und Auschwitz war. "Das ärztliche Personal bestand aus einem arischen deutschen Lazarettleiter, der im Berufsleben Schlosser gewesen war und alle chirurgischen Operationen selbst vornahm."

Dr. med. Henri Goldstein, Auschwitz: "Ende 1943 und Anfang 1944 wurde ein Operationssaal für große Operationen eingerichtet. Der Arzt T. zwang alle Häftlinge mit einem Bruch, um Übung zu bekommen, sich operieren zu lassen. Nach diesen Operationen unterwarf er seine Patienten der Selektion, erklärte die meisten für arbeitsunfähig und schickte sie in die Gaskammer. Es kam vor, dass Häftlingsärzte einige Kranke zu verstecken suchten. Dieser Arzt bedrohte sie für den Fall der Wiederholung mit dem Tode. Derselbe Arzt T. zwang ebenfalls Frauen, um Übung zu bekommen, sich Fibrome und irgendwelche gynäkologischen Geschwülste operieren zu lassen. Manche deutschen Ärzte operierten gewissenhaft, aber ich sah, wie sie nach Magengeschwüroperationen dem Operierten Fleisch und Kartoffeln brachten. Nach einiger Zeit schickten sie sie zur Vergasung."

Dr. med. Samuel Steinberg, ebenfalls Auschwitz, machte ähnliche Erfahrungen: "Im Block 21 (chirurgischer Block), ,übten sich' die Ärzte. Jeder jüdische Häftling, der über Magenschmerzen klagte, wurde sofort allen nötigen Untersuchungen unterzogen: Blutprobe, Untersuchung des Magensaftes, Suche nach Blut im Stuhl usw. Unabhängig vom Ergebnis dieser Untersuchungen wurde erklärt, dass die Opfer Magengeschwüre hätten, und dann wurden die Billrothschen Operationen Nr. 1 und Nr. 2 vorgenommen. Diese Leute erhielten nach der Operation nicht die ihrem Gesundheitszustand entsprechende Pflege, die Juden erhielten selbst nicht einmal Milchdiät; einige Tage später wurden die Opfer bei Gelegenheit einer Aussonderung in die Gaskammer geschickt. Der Doktor K., der 1943 promoviert hatte, wollte alle Arten von Amputationen lernen; daher schnitt er wegen eines einfachen, lediglich einen kleinen Einschnitt benötigenden Panaritiums, die Finger ab. Wegen einer Phlegmone am Bein, wo ebenfalls ein Einschnitt genügt hätte, nahm K. Amputationen vor, die er nach den chirurgischen Methoden verschieden gestaltete; die Opfer endeten immer im Gas. P. wählte unter den kürzlich im Lager angekommenen Leuten die aus, die Brüche hatten, und operierte sie nach den bekannten, in deutschen Handbüchern angegebenen Methoden."

De Gombert, inhaftiert in Dachau, Allach und Auschwitz: "Der Saal der septischen Chirurgie wurde stets deutschen Häftlingsärzten anvertraut, die keinerlei berufliche Fähigkeiten hatten. Diese Menschen sind infolge unangebrachter chirurgischer Eingriffe, die an den Kranken lediglich zum Zweck medizinischer Experimente vorgenommen wurden, für den Tod einer ungeheuren Menge von Häftlingen verantwortlich."

Aber nicht nur Ärzte entschieden über die Arbeitsfähigkeit der Gefangenen. Dr. med.Marcel Renet berichtete als Buchenwalder Häftling: "Ich stand unter dem Befehl eines deutschen Sanitäters, der Unteroffizier war......; er kam mit einem Stock in der Hand zur Konsultation und schlug die Kameraden. Eines Tages fragte er mich, ob ich nicht Teerspritzen geben wollte, um bestimmte Häftlinge umzubringen; nach seiner Ansicht gab es nicht genug Tote im Lager. Der Ärztedienst wurde von deutschen Häftlingen besorgt und geleitet, von denen keiner eine berufliche Ausbildung besaß und niemals Arzt oder Krankenpfleger gewesen war. Der Oberkapo war ein früherer deutscher Häftling und die anderen waren Schreiner, Metzger, Schuster. Sie aber waren es, die über Aufnahme oder Zurückweisung der Kranken entschieden. Ich möchte z. B. den Fall eines Professors Richet anführen, der eine Abteilung leitete, aber von einem früheren deutschen Tischler beaufsichtigt war. All das geschah mit Wissen von allen, einschließlich der SS, und mit Zustimmung des SS-Chefarztes des Lagers."

Ebenfalls von Buchenwald beschrieb Edouard-José Laval "die Pflegekräfte": "Die Leitung des Blocks lag in den Händen von zwei Deutschen, die die Rolle von Krankenwärtern versahen. Skrupellose Leute, die die chirurgischen Operationen an Ort und Stelle mit einem gewissen H., Maurer von Beruf, vornahmen. Letzterer machte große Operationen an Ort und Stelle und schnitt ein Bein wegen der kleinsten Phlegmone tief auf."

Was aus diesen Berichten deutlich wird, ist, dass Opfer und Täter gerade in der KZ-Medizin und der KZ-Pflege eng beieinander standen. Auch die, die den Mithäftlingen helfen wollten, bekamen selten dazu eine Möglichkeit. Ob die Pflegenden wollten oder nicht: sie wurden ein Rädchen in dem Grauen, das half, den Terror aufrechtzuerhalten

Der katholische Priester Joseph Tyl, der in seiner Häftlingszeit in Auschwitz als Pfleger arbeitete, beschreibt nicht nur sehr detailliert die Verhältnisse im Krankenrevier. Aus seinem Bericht geht auch hervor, dass er kaum eine Chance hatte, sinnvoll zu arbeiten. Hilflos stand er zwischen den abartigen SS-Bestien und seinen schutzlosen Mithäftlingen. Auch er funktionierte innerhalb dieser grausamen Gewaltspirale.

"Wir legten einen jungen Mann auf eine Bahre, er hatte eine Nabelentzündung, und der junge SS-Arzt, der noch nie operiert hatte, wollte sich an ihm üben. Ich brachte ihn in den Operationssaal und erfuhr durch die Leichenträger, die ihn forttrugen. dass er noch am gleichen Abend gestorben war.

Die Häftlinge starben fast alle an Durchfall oder, infolge ihrer ungeheuren Schwäche, an dessen Folgen. Ich musste entsetzliche, hauptsächlich durch Schläge hervorgerufene Wunden verbinden. Der unterernährte Organismus war zu schwach, um der Infektion zu widerstehen, und die Wundgeschwüre und Abszesse waren sehr schwer zu pflegen, vor allem bei den Juden. Die Geschwüre waren entsetzlich anzusehen, die Streptokokken und Staphylokokken fraßen die Muskeln und selbst die Knochen auf. Aus den Muskeln quoll Eiter, was entsetzlich roch.

Nach dem, was mir ein Spezialist gesagt hat, war die Zusammensetzung des Bodens selbst, auf dem das Lager erbaut war, besonders dazu angetan, Streptokokken- und Staphylokokkenbazillen anzuziehen und zu konzentrieren. Viele neu ankommende Häftlinge konnten sich nicht schnell genug akklimatisieren und starben an Sepsis. Ein Beispiel dafür sind 1800 dänische Polizisten, die doch vom dänischen Roten Kreuz gut versorgt und nicht zu schweren Arbeiten gezwungen wurden. Sie akklimatisierten sich schwer, und nach drei Monaten im Lager waren 56 an Blutvergiftung gestorben.

Es gab zahlreiche Fälle von Hämorrhoiden, normale Folge der Transporte, während derer die Häftlinge viele Stunden lang auf Holzböden oder auf der kalten Erde lagerten. Es gab einen beträchtlichen Prozentsatz von hauptsächlich durch Hunger oder Nahrungsmangel verursachten Geschwülsten. Das Krankenblatt des vom SS-Arzt als unheilbar Betrachteten oder des tödlich Erkrankten wurde von ihm zurückbehalten: das bedeutete, dass der betreffende Häftling am Abend oder Nachmittag mit einer Herzspritze getötet wurde. Häufig waren Kastrationen von Priestern; sie zogen unfehlbar den Tod nach sich, denn sie wurden von Nicht-Ärzten vorgenommen, die keine Ahnung von den Regeln der Chirurgie hatten. In Block 21 kastrierten sie die Zigeuner.

Mein Chef, der zehn Jahre vorher Schmied gewesen war, war Leiter der Sektionsabteilung geworden. Die Aufgabe dieses Schmiedes wurde übrigens dadurch vereinfacht, dass er offizielle, wohlverfasste Diagnosen besaß, die er abschrieb und nach Berlin schickte. Um das Übrige kümmerte er sich nicht. Es gab so etwa acht, von vornherein vorbereitete pathologische Diagnosen, die immer wieder abgeschrieben und je nach Zufall einer Leiche zugeordnet wurden.

Ich konnte an den Leichen zahlreiche Krankheiten feststellen. Bei ungefähr 70 Prozent der untersuchten Leichen war das Brustfell infolge von Lungenentzündung oder Rippenfellentzündung am Brustkasten festgewachsen. Fast ebensoviele Leichen trugen am Herzen die Spuren einer Herzbeutelentzündung. 80 bis 90 Prozent der Leichen zeigten eine Verkümmerung der Herzmuskeln infolge der schlechten Ernährung und des zu geringen Blutdruckes. Viele hatten auch Verwachsungen der Nierenhäute und der anderen Nierenorgane, hervorgerufen durch Entzündungen und Blutungen - übrigens die direkte Folge der Schläge, die von den SS-Leuten mit Vorliebe auf diese Körpergegend und insbesondere auf die Gegend der Lendenwirbel verabreicht wurden. Der Magen der Leichen war besonders charakteristisch. Er hatte ein beträchtliches Volumen, und seine Schleimhaut war infolge der wässrigen Nahrung glatt wie eine Glasscheibe.

Ende Oktober 1943 bekommt unsere pathologische Abteilung den Befehl, möglichst rasch sehr schöne anatomische Präparate an die wichtigsten deutschen Universitäten zu schicken. Zur gleichen Zeit gründete man eine Spezialstation für die Tuberkulösen sowie die Station ,Histologie', die den Befehl erhielt, unverzüglich alle Formen von Tuberkulose auf Grund von histologischen Präparaten zu studieren. Gleichzeitig musste eine vollständige Sammlung von Präparaten gesunder Organe, die mehr als 2000 Präparate umfasste, an die Universität Innsbruck geschickt werden. Diese Präparate waren kostbar, weil sie von absolut gesunden Leuten stammten, die man später entweder gehängt oder in den Verbrennungsofen geschickt hat."

Auch so ein armes Rädchen in der Tötungsmaschinerie wurde Ernest Michael. Er arbeitete ebenfalls als Pfleger im Krankenblock von Auschwitz. Er führte nacheinander acht Frauen einzeln in ein Versuchszimmer zu Mengele (SS-Arzt in Auschwitz, bezeichnet als "die Bestie von Auschwitz" wegen seiner sogenannten "medizinischen Experimente"). Da waren elektrische Geräte, die er nicht identifizieren konnte. Er sagte aus, dass er sich schnellstens entfernte, weil er nicht zu lange in Mengeles Nähe bleiben wollte. Ein Offizier schnallte die Frauen fest. Nach einer Weile hörte drinnen das Schreien auf. Als er die Frauen wieder herausholen sollte, waren zwei tot, fünf im Koma und eine lag angeschnallt auf der Liege, neben der Mengele stand und ungerührt diskutierte. (nach einem Interview für das Magazin "People" 1985, S. 68)

Der französische Arzt, Dr. med. Henri Goldstein, in Auschwitz interniert, sagte aus: "Die von ihrem Aufseher geschlagenen oder von den Hunden gebissenen Häftlinge durften keinerlei Verband und keine Art von Pflege bekommen. Wenn ein Jude verunglückte, machte man ihm, wenn nötig, einen Verband. Die, die gepflegt wurden, kamen, sobald sie geheilt waren, ja doch in die Gaskammer."

In einem amerikanischen Bericht zu den Verhältnissen in "Dora" (Nordhausen) heißt es: "Die Entscheidungen des französischen Arztes, der die Möglichkeit hatte, den Arbeitsunfähigen Ruhe zu verordnen, wurden von irgendeinem deutschen Krankenpfleger, der ihm übergeordnet war, aufgehoben; er schickte automatisch jeweils 200 bis 300 Mann zur Arbeit, die zu schwach waren, um sie zu ertragen."


"Andere Krankheiten zeigten sich, wie die Malaria, die angeblich durch die Griechen eingeschleppt worden war. Um zu versuchen, diese Epidemie zu bekämpfen, schickte man ganz einfach alle griechischen Frauen des Blockes unter dem Vorwand in die Gaskammer, sie seien Trägerinnen der Krankheit. In der Folgezeit wurden alle Malariakranken unbarmherzig vergast, ich bin dem wirklich durch ein Wunder entgangen. Ich hatte die Malaria, aber bei der Blutprobe wurde zweimal das Blut meiner Nachbarin untersucht; ich konnte daher gerettet werden und der Gaskammer entgehen." (Claude Bloch berichtete aus den KZ´s  Auschwitz und Birkenau)

Irmgard Konrad berichtet auf der CD: "Erinnern für Gegenwart und Zukunft" von ihrer Zeit 1943 in Auschwitz-Birkenau. In dem Interview verdeutlicht sie, dass mit der Befreiung aus dem KZ nicht alles vorbei war. Es blieben Wunden. Wunden, die keiner sieht oder als Beweismittel fotografiert werden können. Und die schlimmsten Wunden entstanden dann, wenn die Opfer sich selber nicht mehr eindeutig von den Tätern abgrenzen konnten.

Irmgard erkrankte an Typhus und kam in die Krankenbaracken. Die slowakische Häftlingsärztin Margita Schwalbova rettete sie mehrmals vor dem Tod. Irmgard durfte dann im Krankenrevier weiterarbeiten, nachdem sie sich etwas erholt hatte. Täglich starben Häftlinge. Heimlich verteilte Irmgard die Brotrationen der Verstorbenen an die noch Lebenden. Ein Lichtblick in der Trostlosigkeit der Baracken. Sie hatte zumindest das Gefühl, etwas helfen zu können.

Doch dann erlebte sie etwas, was ihr eine dieser unheilbaren Wunden schlug: "Gleich einige Tage, wie ich dort war, habe ich ... war eigentlich mit eines der schlimmsten Erlebnisse. Bekommt eine ... eine Mutti ihr Kindchen, ........................... - aber diese Clara hat diese Geburt eingeleitet. Sie kam mit dem kleinen ... kleinen Säugling kam sie in die Blockstube. Wir hatten ja eine Blockstube, wo wir auch ganz primitiv da unsere Pritsche stehen hatten. Und sie nahm dieses Baby, und für mich ... insofern ... ich hab noch nie ein neugeborenes Kind gesehen bis dato, es war das erste Mal ein neugeborenes Kind.

Und sie nimmt das Baby, legt es auf den Tisch, holt´n Wassereimer und ertränkt das Kind. Und ich steh da. Sicher habe ich sie angeschrien. Aber ich hör jetzt noch, wie sie sagt: "Wie, soll ich für diesen Judenbalg ins Gas gehen? Neugeborene Kinder von Juden dürfen nicht am Leben bleiben, müssen als tot gemeldet werden."

So hat man die kleinen Neugeborenen in Auschwitz im Wassereimer ertränkt. Später, wie ich aus Auschwitz rauskam ... ich bin ich lange mit der Frage nicht fertig geworden. Selbst, wie ich selbst Mutti wurde. Ich glaube, es hat auch beeinflusst die Geburt von meiner Monika. Ich lag lange in den Wehen. Dann hat der Doktor sich entschieden, Zangengeburt zu machen, weil ich einfach die Monika nicht rausbekam. Sicher hat das mit veranlagt ... mit beeindruckt. Und ... heute fragen ... ich ... ich würde es gar nicht verübeln, wenn man mir heut die Frage stellt: `Und du hast einfach dabeigestanden, du hast dich gar nicht gewehrt?´ Es gab nichts zu wehren. Bei diesem Mechanismus, bei diesem Morden gab es n... ich konnte ich höchstens sagen: ´Na, dann t... mach mich gleich mit tot!´ Das wär das Einzige, was ich hätte sagen können. Es war unmöglich, ihr das Kindchen ... das Kindchen am Leben zu erhalten."

Im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück wurden anfangs ebenfalls Säuglinge ertränkt. Später ließ man die Kinder am Leben. Es bedeutete nach wenigen Tagen Siechtum den sicheren Tod, da Hygiene und Ernährung vorsätzlich nicht gewährleistet wurden. Aus dem Hamburger Prozess 1946, bei dem Zdenka Nedvedova, inhaftiert von 1943 - 1945 in Ravensbrück, durch den Hauptmann Da Cuhna vernommen wurde:

 

Frage: Wollen Sie dem Gerichtshof sagen, wann Sie nach Ravensbrück gekommen sind?

Antwort: Am 19. August 1943

Frage: Als Sie ins Lager kamen, was geschah da mit Ihnen? Wohin sandte man Sie?

Antwort: Zunächst kamen wir in den Quarantäne-Block 13 an, weil wir aus Auschwitz kamen, wo eine Thyphus-Epedemie herrschte.

Frage: Wie lange blieben Sie in der Quarantäne?

Antwort: Einen Monat.

Frage: Und dann?

Antwort: Dann wurde ich als Ärztin in die Abteilung für ansteckende Krankheiten im Revier 12 geschickt.

Frage: Das wäre im September 1943 gewesen, stimmt das?

Antwort: Das stimmt.

Frage: Während Ihres Aufenthaltes in Ravensbrück: in welchem anderen Block arbeiteten Sie als Ärztin außer im Hauptrevier?

Antwort: Dann arbeitete ich im Revier 1, Block 11, Block 32 und am Ende im Block 5...

Frage: Haben Sie als Häftlings-Ärztin jemals eine Patientin behandelt, die sterilisiert wurde?

Antwort: Ich sah im Stübchen zwei Zigeunermädchen, etwa 10 Jahre alt, die höchstwahrscheinlich von Dr. Treite operiert wurden. Diese Kinder wurden ursprünglich mit der Injektions-Methode sterilisiert, von einem mir nicht bekannten Arzt, wahrscheinlich in Auschwitz.

Frage: Sie sagten, dass diese Kinder sterilisiert wurden, war es notwendig, sie nochmals zu sterilisieren?

Antwort: Das entschied der Arzt in Auschwitz, wahrscheinlich aufgrund von Röntgenaufnahmen; der Eingriff wurde wohl als ein Fehlschlag beurteilt.

Frage: Haben Sie selbst diese Röntgenaufnahme gesehen?

Antwort: Ja, das habe ich...

Frage: Sie haben dem Gerichtshof mitgeteilt, dass Sie eine Kinderärztin waren. Waren Sie jemals im Lager für die Betreuung von Kindern verantwortlich?

Antwort: Unglücklicherweise war ich im Lager für Babys verantwortlich.

Frage: In welchem Block war das?

Antwort: Zu Beginn, als es nur wenige Kinder gab, blieben sie im Revier 1. Die Kinder wurden in Wäschereikörbe zu zweit oder zu dritt gelegt. Später wurden sie alle in einem Raum untergebracht.

Frage: Wurde jemals ein ganzer Block für sie zur Benützung verwendet?

Antwort: Als die Zahl der Kinder zunahm, wurden sie alle nach Block 11 gebracht und später, als ihre Zahl weiter wuchs, wurden sie mit ihren Müttern in einen Teil von Block 32 geschickt.

Frage: Können Sie dem Gerichtshof ungefähr das Datum sagen, wann sie in den Block 32 geschickt wurden?

Antwort: Das geschah im Jänner 1945.

Frage: Wie viele Babys hatten Sie im Jänner 1945 zu betreuen?

Antwort: Ungefähr hundert.

Frage: Können Sie dem Gerichtshof sagen, wie das Durchschnittsalter war?

Antwort: Kaum eines der brustgefütterten Kinder überlebte im Lager vier Wochen.

Frage: Warum war das so?

Antwort: Die Lebensbedingungen waren derart, dass sie sterben mussten. Die Mütter erhielten keine Zusatzration und konnten daher ihre Kinder nicht stillen. Sie wurden von ihren Kindern weg zur Arbeit getrieben. Uns wurde von der Oberschwester Marschall nicht erlaubt, Windeln und Wäsche für die Kinder beizustellen. Marschall machte zwei deutsche Asoziale in Block 11 zu Babyschwestern, obwohl wir im Lager erfahrene Kinder-Schwestern hatten.

Frage: Haben Sie jemals Oberschwester Marschall um zusätzliche Lebensmittel für diese Kinder ersucht?

Antwort: Ja, diese Kinder mussten Zusatznahrung bekommen, da ihre Mütter sie nicht ernähren konnten.

Frage: Wie oft haben Sie Oberschwester Marschall ersucht?

Antwort: Ich ersuchte sie jeden Tag, entweder selbst oder durch Dr. Treite.

Frage: Hat er das auch getan?

Antwort: Das kann ich nicht sagen, aber es gab kein Ergebnis.

Frage: Wieso wissen Sie, dass die Oberschwester oder Dr. Treite in der Lage gewesen wären, zusätzliche Lebensmittel zu verschaffen?

Antwort: Im Jahre 1944 nahmen wir es als gegeben an, dass es keine Milch gab, aber 1945 kamen so viele Pakete vom Roten Kreuz im Lager an, dass es soviel Milchpulver, Haferflocken und Zucker gab, dass wir zwei- bis dreimal so viele Babys, als es im Lager gab, hätten ernähren können.

Frage: Wieso wissen Sie das, haben Sie diese Lebensmittel selbst gesehen?

Antwort: Ich sah diese Lebensmittel zunächst in einem Fach von Oberschwester Marschall, später in einer Stube und noch später, als diese Lieferungen weiter zunahmen, wurde im Revier 1 ein eigenes Lager errichtet.

Frage: Und Sie haben persönlich den Inhalt dieser Pakete gesehen?

Antwort: Es waren keine Pakete, sondern Schachteln und Kisten, die aus den Paketen des Roten Kreuzes herausgenommen worden waren.

Frage: Und sahen Sie, was diese Schachteln und Kisten enthielten?

Antwort: Ja, ich wandte mich regelmäßig an Marschall um eine Ration an Haferflocken, Milch und Zucker, aber sie gab mir so wenig, dass es niemals ausreichte.

Frage: Hat Dr. Teite als leitender Lagerarzt diese Kinder jemals besucht?

Antwort: So weit ich mich erinnern kann, war er niemals in Block 32; er war in Block 11 und Block 5.

Frage: Und wie stellte er sich zu diesen Kindern?

Antwort: Zu Beginn, als es nur zwei oder drei von ihnen gab, waren sie für ihn ein Spielzeug. Später als sich ihre Zahl vermehrte, verlor er alles Interesse an ihrem Leben.

Frage: Können Sie mit Sicherheit sagen, dass er die Lebensbedingungen dieser Kinder kannte?

Antwort: Er war mit diesen Umständen vertraut, da ich täglich zu ihm ging und ihm sagte, dass die Lage unhaltbar geworden sei.

Frage: Als Sie befreit wurden, hatten Sie da die Möglichkeit die Vorräte zu sehen, die es im Lager gab?

Antwort: Als die Deutschen das Lager verließen, stand uns im Revier 1 ein Vorratslager zur Verfügung. Außerdem fanden wir hinter dem Lager einen Block mit der SS-Apotheke, die voll mit Medikamenten war, während man uns sogar die wichtigsten verweigert hatte...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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