Modediagnosen
 
 
Mit Diagnosen verhält es sich ähnlich wie mit Schulnoten. Als Lehrer habe ich eine Note zu machen und damit landet der Schüler in eine Schublade. Ob ich will oder nicht. Und mit dieser Note erzeuge ich ein Urteil, was Voreingenommenheit, Vorurteile und Engagement späterer Lehrer beeinflusst. Eine Note kann die schulische und berufliche Existenz eines Schülers fördern oder vernichten.
 
Der Arzt hat eine Diagnose zu stellen. Ohne Diagnose keine Finanzierung. Mit der Diagnose landet der Patient in eine Schublade. Ob der Arzt nun will oder nicht. Auch die Diagnose ist ein Urteil. Und beeinflusst Voreingenommenheit, Vorurteile und Engagement der Berufkollegen und Pflegekräfte. Die Diagnose kann Therapie, Rehabilitation und Pflege eines Patienten fördern oder bremsen und auch die Existenz des Patienten vernichten.
 
Man sollte also meinen, dass Noten und Diagnosen sehr sorgfältig gemacht werden angesichts der weitreichenden Folgen und Konsequenzen. Hinderlich ist bei den Noten die Subjektivität der Lehrkraft, was nicht abstellbar ist, denn ein Lehrer ist nunmal ein Individuum und kein Computer. Dazu kommt die Notenverteilung und die Struktur der Schüler. In einer lernstarken motivierten Klasse bewegt sich das Leistungsniveau auf einem ganz anderen Level als in einer lernschwachen Klasse. Ein Schüler aus der ersten Klasse mit der Note 3 wäre eventuell in der zweiten Klasse der Überflieger mit der Note 1. Und zwar von den betreffenden Lehrkräften relativ objektiv eingeschätzt. Das nur mal als ein Beispiel zur Notengebung.
 
Was hat es mit Diagnosen zu tun? Die Medizin ist ein naturwissenschaftliches Fach und demnach objektiv. Das trifft bestimmt bei Diagnosen mit feststellbaren anatomischen Veränderungen zu. Ein Carcinom ist ein Carcinom und eine Fraktur eine Fraktur. Fertig. Bei psychischen oder seelischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen sieht es allerdings etwas anders aus. Hier kommt es zum Tragen, dass die Medizin eine praxisorientierte Erfahrungswissenschaft ist, die auf die persönliche Patient - Arzt - Beziehung aufbaut. 
 
Ein Arzt ist ein Individuum. Beispiel: Der eine Arzt stellt bei einem ihm vorgestellten Kind erhebliche Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensstörungen, also eine Krankheit oder Behinderung fest. Das gleiche Kind wird von einem anderen Arzt beurteilt, der wiederum die Meinung vertritt, dass das Kind im Verhalten völlig adäquat auf seine Lebensumstände reagiert, also kerngesund ist. Upps! Wie war das mit der Objektivität? Beide Ärzte sind der Meinung, objektiv diagnostiziert zu haben. Nur: beide Ärzte haben eine eigene Sozialisation, eine eigene Persönlichkeit, eine eigene Sicht, eigenen Charakter, eigene Schwerpunkte in der Ausbildung, eigene Interessen usw usw. Dazu kommen äußere Faktoren wie Zeitmangel, finanzielle Gesichtspunkte, Arbeitsintensität, Ausbildungsqualität, Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung, gesellschaftspolitische Bedingungen usw usw. 
 
Dieses Beispiel ist wertfrei zu sehen. Die Konsequenzen könnten für das Kind auch ganz unterschiedlich sein. Es soll aber verdeutlichen, dass Diagnosen auch subjektiv sein können und das wiederum wäre eine mögliche Erklärung für Modediagnosen. Weitere Erklärungen für Modediagnosen sind Zeitdruck, mangelndes Fachwissen und fertige Raster, auf die man zurückgreifen kann. Ich kann mich daran erinnern, dass in den 60er, 70er Jahren die Modediagnose „Frühkindlicher Hirnschaden“ inflationär gebraucht wurde. 
 
Unter diese Diagnose fiel beispielsweise ein Mädchen, dass ich 1970 im Alter von acht Jahren kennenlernte. Es hatte drei Schwestern, zu diesem Zeitpunkt fünfzehn, dreizehn und fünf Jahre alt. Die Mutter hatte wegen einem neuen Lebensgefährten etwa ein Jahr nach der Geburt der jüngsten Tochter die Familie verlassen und kümmerte sich nicht mehr um die Kinder. Das älteste Mädchen zeigte etwa ab dem zwölften Lebensjahr Verhaltensänderungen, war in der Schule jedoch relativ unauffällig. Die zweite Schwester wurde verhaltensmäßig in der dritten Klasse derart auffällig, dass sie einem Arzt vorgestellt wurde, der zu dieser Diagnose kam. Bei dem Mädchen, dass ich kannte, wurde in der ersten Klasse „Frühkindlicher Hirnschaden“ diagnostiziert. Sie hatte Lernstörungen, Leistungsschwäche, Konzentrationsmängel, eine motorische Verlangsamung, passive Grundstimmung, emotionale Retardierung, geringes Selbstwertgefühl und ein extrem sexualisiertes Verhalten. Die Jüngste kam mit sechs Jahren in die Kinderpsychiatrie mit der Diagnose „Frühkindlicher Hirnschaden“. Aggressionen mit akuter Eigen- und Fremdgefährdung im Wechsel mit Apathie, Kontakt- und Wahrnehmungsstörungen, massive Angstzustände, große geistige und mentale Retardierung, motorische Verlangsamung, extrem sexualisiertes Verhalten. In keinem der drei Fälle wurde die Diagnose „Frühkindlicher Hirnschaden“ begründet. Sexuelle Gewalt gegen Kinder war dazumal ein Tabuthema, obwohl es in den geschilderten Fällen offensichtlich und gynäkologisch abklärbar war, der Täter blieb straffrei und seine Opfer waren mit dieser Diagnose „abgestempelt“. 
 
Eine heutige Modediagnose ist die Aufmerksamkeitsdefizit-, Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Natürlich gibt es ohne Frage ADHS und muss entsprechend behandelt werden, um die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten bzw zu steigern. Der wirklich Betroffenen wohlgemerkt. Überspitzt bemerkt: Heute sollte man in einer neuen Klasse nicht die Frage stellen, bei wem ist ADHS diagnostiziert, sondern, bei wem ist es nicht diagnostiziert. Lässt sich leichter zählen. Wenn man dann nachfragt, wie wurde dieses Krankheitsbild diagnostiziert, kann man nur den Kopf schütteln.
 
Mami zum Hausarzt: „Nein, nein - mein Kind wächst völlig kindgerecht auf. Und die Fernsehzeit ist auf eine Stunde täglich begrenzt. Aber er kann sich in der Schule nicht konzentrieren, ist zapplig, die Lehrer klagen über seine Unruhe, Leistungsschwäche, Lernstörungen.“ Wartezimmer ist brechend voll und endlich was Schnelles. Leichtes, Einfaches: Rezeptblock und gut ist es. Und ein paar Minuten später verlassen Mami und Sprössling stolz mit dem Päckchen Ritalin die Apotheke.
 
Was Mami vergessen hat zu erzählen oder nicht erzählen konnte: Sie kann sich nicht durchsetzen und ihr Filius sieht meistens zwei Stunden fern, davor und danach sitzt er stundenlang in seinem Zimmer am PC und die Lernsoftware läuft nur dann, wenn sie gerade im Raum ist. Wenn er den Freund besucht, spielen sie nicht wie behauptet Playmobil, sondern Playstation und versuchen, in kürzester Zeit möglichst viele Gegner abzuknallen. Sind sie unterwegs, beispielsweise zum Einkauf, darf der Game Player nicht fehlen. Ach ja - und wenn Mami schläft, kann man den PC ganz leise stellen und noch paar Queste im Browser Game machen oder chatten. Das ist kein Witz, sondern die Realität in Kinderzimmern. Und Mami ist noch so stolz, dass Filius schon mit 5 Jahren das höchste Level beim Snake-Spiel auf seinem eigenen Handy schaffte. Nicht zu vergessen die ständig getragenen Ohrenstöpsel vom MP3-Player. Und dass Mami natürlich eine ganz andere Erwartungshaltung betreffs schulischer Leistungen wie er hat. Kein Wunder, dass Sohnemann in der Schule zapplig ist, irgendwo und irgendwann muss er sich ja mal bewegen und auf die ununterbrochene Reizüberflutung reagieren .
 
Selten werden wirklich fundierte Testreihen durchgeführt, Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder Fachärzte für ADHS (die Mangelware sind) zugezogen. Oft wird sogar auf ein EEG (Elektroenzephalografie) verzichtet, in Verbindung mit Ritalingabe sträflich, da so nicht eine Epilepsie ausgeschlossen werden kann. Die MRT (Magnetresonanztomographie) wird aus Kostengründen nur in den seltensten Fällen durchgeführt. Ich kenne mehrere Fälle, wo ADHS bei Kindern durch den Hausarzt ohne weitere Untersuchung oder Überweisung diagnostiziert wurde. Und ganz abgesehen davon: Wäre ich heute Kind, wäre bei mir mit Sicherheit auch ADHS diagnostiziert worden. Schule und Lehrer fand ich langweilig, die ständigen Wiederholungen des Unterrichtsstoffes nervten, mir fehlte die Einsicht, ohne ersichtlichen Grund stille zu sitzen, obwohl draußen schönes Wetter war und wieso man sich melden musste, obwohl man die Antwort wusste und der gerade gepiesackte Mitschüler nicht leuchtete mir auch nicht ein. Bei uns hieß es noch Rügen und Tadel anstatt Verweise und die sammelte ich auf dem ersten Bildungsweg wie andere Briefmarken oder Tauschbilder. Nur zwei Lehrern gelang es, mich ruhig zu stellen: mit Zusatzangeboten über den Unterrichtsstoff hinaus, Referaten, Zusatzaufgaben und ganz ohne Ritalin. Und bei diesen beiden Lehrern zeigte ich keine Leistungsverweigerung.
 
Ritalin ist natürlich besser: Wenn es anschlägt, verbessern sich die Leistungen vom Filius und vor allem sind Mami und Filius raus. Man braucht nichts mehr hinterfragen oder verändern - die ADHS ist an allem Schuld. Nun sind alle enttäuschten Erwartungen und Verhaltensstörungen erklärt. Es würde eher erstaunen, wenn ADHS keine Modediagnose wäre.
 
Eine weitere Modediagnose ist Demenz mit Blick auf Morbus Alzheimer. Morbus Alzheimer gehört zu den degenrativen Demenzen und ist eine neurodegenerative Erkrankung. Sie gilt als häufigste aller Demenzerkrankungen. Die zweithäufigste neurodegenerative Demenz ist die Lewy-Körperchen-Demenz. Sie kann als eigenständige Erkrankung auftreten, aber auch sekundär im Rahmen einer bereits bestehenden Parkinson-Krankheit. Die Frontotemporale Demenz oder Morbus Pick gehört auch zu den degenartiven Demenzen, ist aber selten. Die vaskulären Demenzen werden durch Durchblutungsstörungen im Gehirn, zum Beispiel Arteriosklerose, ausgelöst. Beängstigend ist die Zunahme der Demenzerkrankungen. Das wird darauf zurückgeführt, dass immer mehr Menschen immer älter werden, also die gestiegene Lebenserwartung.
 
Eine sichere Diagnostik bei den degenerativen Demenzen ist erst nach dem Tod der Betroffenen möglich. Drastisch formuliert, man kann ihnen ja schlecht zu Lebzeiten am Gehirn herumschnippeln. Was passiert? Weil schlecht bei Lebzeiten feststellbar ist Alzheimer eine richtig praktische Diagnose. Ein bisserl verwirrt? Etwas orientierungslos? Warum lange bei den knappen Budgets herumsuchen? Sind doch nur "Kostenfaktor Alte". Zack - Alzheimer - das war´s. Ein englischer Forscher (Leider ist mir in meiner Unordnung Name und Interview verloren gegangen) bemerkte mal, dass man mühelos die Zahlen zu Alzheimererkrankungen halbieren könnte. Man bräuchte nur Betroffene und ihre Diagnosen gründlich überprüfen. Seiner Meinung nach würden 50% Alzheimerpatienten als PTBS-Patienten aus der Statistik herausfallen. Dazu Depressive, Mobbingopfer, BurnOut- und Stresspatienten - und schon müssten sich die Medien neue Schlagzeilen suchen. Alzheimererkrankungen wiesen dann nämlich nicht mehr den krassen Anstieg auf. 
 
Naomi Feil bekäme in der Pflege wieder einen ganz anderen Stellenwert. Nämlich den, der ihr zusteht. Pflege als direkter Interaktionspartner der Betroffenen würde auch anders dastehen. Ärzte könnten daraus nicht unbedingt profitieren - richtig. Pflege würde sich logischerweise verteuern - denn man könnte nicht mehr achselzuckend dastehen und sagen, "Da kann man nichts machen". Man kann. Will man? Die Videos lass ich lieber unkommentiert.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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