Lebensschicksale unterm Hakenkreuz

 

Im täglichen Arbeitsalltag ist es für Pflegekräfte unmöglich, gleichgültig zu sein. Wir kennen unsere Patienten, unsere Bewohner, unsere Betreuten. So mancher "schräge Vogel", über den wir am Anfang eher entsetzt sind, gewinnt mit der Zeit unsere Sympathien, trotz aller Macken. Da amüsieren wir uns plötzlich über Dinge, die wir einem anderen Menschen unter Umständen sehr übel nehmen würden. Irgendwie ist in der Pflege immer, unwissenschaftlich ausgedrückt, das Herz dabei. Es ist zwar ein ständiger Kampf mit der nötigen Distanz, um auch abschalten zu können, aber ohne die Nähe zu den betreuten Menschen könnten wir pflegerisch eigentlich einpacken.

Es sind gerade die persönlichen Bindungen, die den Beruf interessant, spannend und liebenswürdig gestalten, denn an der Bezahlung, Prestige oder den Arbeitsbedingungen kann es wirklich nicht liegen, wenn wir immer wieder den Dienst antreten. Da gibt es wahrlich bessere Verdienstmöglichkeiten, ohne Schichtarbeit, ohne drückende Verantwortung und vor allem ohne den blindwütigen Bürokratismus, der in den letzten Jahrzehnten auf uns vermehrt einprasselte. Es ist doch wirklich eine Verhohnepipelung, wenn ich täglich in einer Dokumentation abzeichnen muss, dass ich einen Patienten nicht in seinem Malheur liegen gelassen habe. Sollte das der Fall sein, wäre es nämlich eine Körperverletzung. Das ist also eine Selbstverständlichkeit, egal mit oder ohne Abhakung der erbrachten Leistung. Aber ich werde gezwungen, für einen selbstverständlichen Inkontinenzmaterialwechsel ein Kürzel bei A 5 zu machen.

Unsere schlauen Bürokraten merken aber nicht, dass Patienten mit irgendwelchen Leistungskürzeln zu Buchstaben und Nummern werden. Irgendwann wird ihnen noch ein codiertes Etikett auf den Allerwertesten geklebt, damit ich wie die Kassiererin bei Aldi mit einem Lesegerät drüber fahren kann, um die erbrachte Pflegeleistung abzurechnen. Die bürokratische Entwicklung in der Pflege ist gefährlich. Nicht der ist unbedingt eine gute Pflegekraft, der sich zu dem Patienten setzt und den Menschen wahrnimmt, sondern der, der die Dokumentationen am schnellsten und besten führen kann. Und Papier ist geduldig. Was zählt schon "psychosoziale Betreuung"? Eine Injektion, die ist handfest, die darf man unter Inj. 1 abrechnen.

Für das Personal der Tötungsanstalten waren Patienten nur die Nummern zwischen den Schulterblättern, die mit den Listen übereinstimmen mussten. Für manche abgebende Anstalten waren es Menschen mit Gefühlen, mit Marotten, mit einer Persönlichkeit. Der heutige Bürokratismus in der Pflege behagt mir nicht. Wer lange mit Menschen mit geistigen oder psychischen Handicaps gearbeitet hat, weiß genau, wie die Gesellschaft auch heute noch auf diese Menschen reagiert. Sie sind die Personengruppe, die die geringste Lobby hat. Wir, die Pflegekräfte, kennen die Einzelschicksale dahinter. Wir, die Pflegekräfte, reagieren persönlich. Wir, die Pflegekräfte, sollten ihre Anwälte sein. Und keine Bürokraten! Ich kenne kaum eine Pflegekraft, die sich nicht über den Schreibkram, der von der Pflegezeit abgeht, aufregt. Aber alle machen mit. Mensch - woher kenne ich das?

Nähert man sich der Geschichte und beschäftigt sich auch noch mit der Euthanasie, nutzen Statistiken oder Fakten manchmal wenig, wenn man die betroffenen Personen dazu nicht vor Augen hat. Es bleibt abstrakt. So gilt dann für viele das Ammenmärchen, was die Nazis in die Welt setzten, dass "nur" schwerstbehinderte Menschen getötet wurden, ohne jegliche Lebensqualität, ohne eine Möglichkeit, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Und genau das ist eine glatte Lüge. Die Pflegekräfte, die an den Nazimorden beteiligt waren, wussten das sehr genau. Auch mussten sie klar erkennen, dass die "Auslesekriterien" niemals eingehalten wurden.  Somit erübrigten sich jegliche Verteidigungsversuche, dass sie nicht die Möglichkeit hatten, den Massenmord deutlichst als solchen zu begreifen.

In dem Moment, wo ein Mensch vor einem steht, beginnen normalerweise die grauen Zellen zu rattern. Da beginnt man schon aus eigenem Antrieb, hinter die Kulisse zu gucken. Darum fahndete ich nach Menschen, die von der Euthanasie betroffen waren. Um zu verdeutlichen, mit welchen Menschen es die Mordschwestern und Mordpfleger zu tun hatten. Neben bereits veröffentlichten Lebenserinnerungen erzähle ich hier auch von Schicksalen, die mich persönlich sehr bewegten. Weil ich diese Menschen kannte und mochte. Und weil sie keine Zahlen sind, mit denen man als mögliche Opferzahlen herumjongliert, um die Verbrechen zu beweisen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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