Kinder als Zeugen

 

Die meisten der von mir befragten Pflegekräfte hatten nie etwas von Euthanasie bei den Nazis gehört. Eine ältere Kollegin, bei der ich mich als Schülerin 1974 in der Frühstückspause auf Station nach der Euthanasie in der Nazizeit erkundigte, wohlgemerkt, völlig neutral ohne jegliche Schuldzuweisung oder Verdächtigung, kippte mir ohne Vorwarnung als Antwort ihren frischgebrühten Kaffee ins Gesicht. Bevor ich einen weiteren Gesprächsversuch wagen konnte, war ich bereits auf eine andere Station strafversetzt wegen ungebührlichen Verhaltens und fehlender Distanz gegenüber Vorgesetzten. Spätestens da wusste ich, dass die Euthanasie bei älteren KollegINNen ein ganz heißes Thema ist und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Andere Pflegekräfte reagierten nicht so rustikal, zeigten aber deutliche Erinnerungslücken. Wenn ich hartnäckig blieb und immer wieder nachfragte, dämmerten ihnen irgendwelche Gerüchte. Aber natürlich nicht in ihrem Haus, nicht bei den eigenen Arbeitsstellen und nicht im direkten Umfeld. Und sie konnten sich auch nicht vorstellen, was mit abtransportierten Patienten geschah.

Kurt E. Strohmeyer wurde 1933 geboren und verlebte seine Kindheit in Northeim. Er erinnerte sich, dass vor seiner Einschulung ein geistig behinderter Junge aus der Nachbarschaft abgeholt wurde. Das Kind war also nie vorher in einer Anstalt gewesen. Kurze Zeit später kam die Nachricht, dass das Kind angeblich an einer Lungenentzündung gestorben sei. Ein kleiner Junge bekam von einer Sache Wind, von denen viele Erwachsene später nichts erfahren haben wollen. Das ist schon eigenartig.

Herta B., auch 1933 geboren, beobachtete als Kind mit der Mutter Busse, die sie aufgrund der überpinselten Scheiben für Lastwagen hielt. Der Mutter war sofort klar, dass in den Wagen Behinderte wegfuhren und war sehr betroffen. Das Mädchen ahnte, dass sich dort etwas Schreckliches abspielte.

Im Rheingau riefen die Kinder auf der Straße, wenn sie die Busse nach Hadamar fahren sahen: "Da werden wieder welche vergast" oder "Da kommt wieder die Mordkiste". Wenn sich untereinander Kinder stritten, drohten sie den Streitkumpanen mit Sätzen wie: "Pass bloß auf! Sonst kommst du in den grauen Bus!"; "Du bist nicht recht gescheit, du kommst nach Hadamar in den Backofen!".

Alte Leute aus Brandenburg konnten sich an ein sehr makaberes Spiel aus ihrer Kindheit erinnern. In der Stadt Brandenburg, wo die Vernichtungsanstalt mitten in der Stadt lag, spielten die Kinder eine neue Variante von "Hase und Jäger". Der Jäger war in diesem Spiel ein Doktor. Die früheren Hasen waren nun Behinderte.

Vor dem Spiel malten die Kinder in einem größeren Abstand zwei Quadrate auf. In dem einen stellten sich alle Mitspieler bis auf den Doktor vor jedem neuen Spielzug auf, der Doktor startete aus dem anderen Quadrat. Wenn das Kind, dass den Doktor darstellte, schrie: "Alle Doofen" oder "Irre" mussten die Mitspieler Grimassen schneiden und wegrennen. Den Mitspieler, den der Doktor erwischte und abklatschte, musste ihm in sein Quadrat folgen und dort bis Spielende bleiben.

Rief der Doktor: "Alle Einbeinigen", versuchten die Anderen auf einem Bein hüpfend zu entkommen. Bei "Alle Krüppel" krabbelten sie auf allen Vieren weg. Die Wahrscheinlichkeit, einen Mitspieler zu erhaschen, war natürlich bei den "Einbeinigen" und "Krüppeln" am größten, sodass es am häufigsten gerufen wurde. Deswegen hieß das Spiel auch "Einbeiniger Krüppel".

Bei jedem Spielzug leerte sich das erste und füllte sich das zweite Quadrat. Waren in diesem dann alle bis auf einen Mitspieler, hatte der Doktor gewonnen. Das Quadrat des Doktors war die Gaskammer, das geleerte Quadrat die Irrenanstalt. Der siegreiche Doktor durfte nun seine gefangenen Mitspieler "vergasen", der übriggebliebene Mitspieler jubelte und war im nächsten Spiel der Doktor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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