Die katholische Kirche

 

Der katholischen Kirche standen die Nazis unverhohlen feindselig gegenüber. Die Bischöfe erkannten sehr schnell die Unvereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus und reagierten ihrerseits mit einer ablehnenden Haltung gegen das Naziregime. Anfangs um Verbündete bemüht, erklärte Hitler am 23.3.1933 im Reichstag, dass er die Länderkonkordate respektiere und die Rechte der Kirchen nicht antasten würde. Obwohl die Bischöfe vorher sehr deutlich die kirchenfeindliche Ideologie sahen, arrangierten sie sich augenblicklich mit den neuen Machthabern und forderten nun ihre Gläubigen dazu auf, ihre staatsbürgerlichen Pflichten gegenüber der herrschenden Obrigkeit zu erfüllen. Nach dem Reichskonkordat im Juli 1933 begeisterten sich sogar viele Katholiken für den Nationalsozialismus, trotz deren Weltanschauung.

Im Juli 1935 proklamierte der Reichsinnenminister "die Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens". Viele Nationalsozialisten vertraten jedoch keinen reinen Atheismus, ihre häufig geäußerte "Gottgläubigkeit" bestand aus einem wilden Gemisch von mystischen Anleihen aus dem Heidentum verbunden mit Personenkult und Aberglauben, zugespitzt auf den "Führer" als Heilsbringer. Zwanzig bis dreißig Jahre nach Beendigung des II. Weltkrieges hörte ich von vielen alten Leuten, dass sie nicht konfessionsgebunden, aber gottgläubig seien. Das imponierte zahlreichen Jüngeren, die in dieser Haltung eine Kritik an den etablierten Kirchen erkennen wollten. Ich kannte viele Kolleginnen und Kollegen der Nachkriegsgeneration, die, stolz auf ihre gesellschaftskritische und antifaschistische Haltung das "Kapital" von Marx noch im Schlaf rauf- und runterwiederkauend, jene Alten hofierten, die mit ihrer "Gottgläubigkeit" ihren angeblichen Widerspruchsgeist bewiesen. Nach den Wurzeln dieser Weltanschauung forschten sie nicht. Ein Beispiel am Rande, wie der Nazigeist sein Gift noch in spätere Generationen träufelte.

Die katholische Kirche unter Hitler musste bald erkennen, dass sich die Nazis an keine Vereinbarungen oder Versprechungen hielten. Die katholischen Jugendverbände wurden aufgelöst, etliche kirchliche Einrichtungen geschlossen. Besonders im Bildungsbereich und in der Kindererziehung versuchten die Nazis, den Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen, um ihre Vorstellungen von Kinder- und Jugendarbeit durchzusetzen. Vielerorts mussten katholische Schulen aufgeben. Klösterliche Lehrkräfte verloren ihre Arbeit. In und um Passau herum wurden beispielsweise im Frühjahr 1937 über zwanzig Ordensschwestern, die als Lehrerinnen in Mädchenvolksschulen lehrten, aus dem Schuldienst gedrängt. Viele dieser Ordensschwestern wechselten zwangsweise in die Pflege und arbeiteten bei der Caritas oder leisteten Lazarettdienste, denn pflegerische Aufgaben überließen die Nazis notgedrungen den Christen, weil die eigenen Reserven in der Pflege nicht ausreichten.

Katholische Einrichtungen galten insgesamt als Horte des passiven und aktiven Widerstandes. Und sehr viele Katholiken, auch Ordensschwestern, gingen deutlich in Opposition, wie beispielsweise Margarete Armbruster, Schwester Restituta, Schwester Sebastiana oder Anna Bertha Königsegg (Siehe Virtuelles Denkmal Gerechte der Pflege). Wenn man sich also mit Pflegekräften im Nationalsozialismus und Widerstand beschäftigen möchte, muss man nicht unbedingt katholisch sein, um zu erkennen, dass man an den Ordensschwestern nicht vorbei kommt. Ordensschwestern repräsentierten offen die katholische Kirche und als Teil der Caritas waren sie nach dem DRK in der größten Schwesternorganisation der Nazizeit. Ihre Ausgangsposition deutete folglich daraufhin, dass sie eine eindeutige Haltung gegen Hitler einnehmen müssten, da das klösterliche Leben im Dritten Reich zahlreiche Beeinträchtigungen erfuhr. Dazu dürfte es sich innerhalb der Orden herumgesprochen haben, wie die Nazis gegen Ordensschwestern vorgingen, die aus Überzeugung vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertierten und ins Kloster eintraten, wie Edith Stein, die als Karmelitin Schwester Teresia Benedicta 1942 in Auschwitz ermordet wurde.

Aber auch bei den Ordensschwestern war die ablehnende Haltung gegen die Nazis nicht durchgängig und oft genug beugten sich viele entgegen ihrer eigenen Überzeugung dem Terror und der Gewalt. Zum Beispiel war Schwester Godefrieda (Anna Lindner) nicht ganz so überzeugend in ihrer Haltung gegen die Nationalsozialisten. Die Barmherzige Schwester war Oberschwester in Niedernhart. Auch sie widersetzte sich standhaft gegen Tötungsaufträge des Euthanasiemörders Dr. Lonauer. Ihr in diesem Punkt eindeutiges Verhalten wurde dadurch beschädigt, dass sie die Transportlisten für die Patienten übernahm, die nach Hartheim in die Gaskammer geschickt werden sollten.

Auch die Rolle der Ordensschwestern in Hutthurm bei Passau war zweifelhaft. Für eine gläubige Katholikin müsste die Ansicht zur Abtreibung klar sein. Dazu kam, dass Abtreibungen oder Sterilisierungen für Reichsdeutsche strengstens verboten waren. Aber am 11. März 1943 ordnete der Reichsärzteführer Schwangerschaftsabbrüche für "Ostarbeiterinnen" und Ukrainerinnen an, wenn "die Frauen damit einverstanden seien". Nur sind ganz allgemein diese Frauen nie nach ihrer Meinung gefragt worden, auch nicht, als man sie zwangsverschleppte. Dieser Erlass wurde im September bekannt und die deutsche Bischofskonferenz erhob dagegen Einspruch. Als Reaktion auf diesen Protest setzte die Reichsärztekammer noch einen drauf und genehmigte auch Abtreibungen an Polinnen. Der Einspruch der Bischofskonferenz müsste sich auch bis Hutthurm herumgesprochen haben. Das Krankenhaus in Hutthurm erlangte nämlich traurige Berühmtheit, weil dort etwa 220 Zwangsabtreibungen an diesen sogenannten Ostarbeiterinnen durchgeführt wurden.

Wieweit diese Frauen mit der Ermordung ihrer Kinder einverstanden waren, lässt sich am Sallacher Säuglingsheim verdeutlichen. Etwa 120 Polinnen, Ukrainerinnen und Weißrussinnen zwang man, dort zu entbinden. Die Kinder nahm man ihnen weg. Angeblich kamen sie zur besseren Betreuung in ein Säuglingsheim, damit die Frauen ungestörter arbeiten könnten. Die Mütter wussten genau, dass sie ihre Kinder nie wiedersahen. Verzweifelt bettelten und weinten sie um ihre Kinder. Manche Bauern setzten sich für ihre Zwangsarbeiterinnen ein, indem sie beantragten, dass das Kind bei ihnen aufwachsen dürfe. Es wurde nicht genehmigt. Die Neugeborenen wurden mit verdorbener Milch gefüttert und starben meist nach wenigen Tagen. Man kann also davon ausgehen, dass die Frauen nicht freiwillig zur Abtreibung kamen.

Verantwortlich für die Schwangerschaftsabbrüche in Hutthurm waren Dr. Clarenz und Dr. Max Hartmann. Ihre Opfer kamen aus dem gesamten Regierungsbezirk Niederbayern und benachbarten Regierungsbezirken. Natürlich fühlten sich die Ärzte später für ihre Verbrechen nicht schuldig, weil sie ja "nur" den Anweisungen des Reichsärzteführers folgten und "die Vorschriften einhielten". Neben den Abtreibungen, die Hartmann teilweise selbst befahl, terrorisierte er noch zusätzlich seine Umgebung, indem er für drei Mitbürger Schutzhaft anordnete und vier ins KZ brachte. Man verurteilte ihn zwar zu acht Jahren Arbeitslager, danach durfte er aber wieder selbstverständlich als Arzt praktizieren. 

Im Dezember 1943 informierte der Pfarrer von Hutthurrn das Bischöfliche Ordinariat in Passau über die Abtreibungen in dem Krankenhaus. Dr. Clarenz hätte das Kind einer polnischen ledigen Mutter im Mutterleib zerstückelt. Die Frau wäre angeblich mit dem Eingriff einverstanden gewesen. Weitere Abtreibungen sollten folgen, wobei die Vorgehensweise bei verheirateten Zwangsarbeiterinnen noch unklar sei. Und der Pfarrer wies darauf hin, dass Ordensschwestern der Barmherzigen Schwestern bei den Abtreibungen halfen. Bei drei Abtreibungen erteilte die Oberin die Narkose bei den polnischen Frauen, eine andere Ordensschwester assistierte. Nachdem diese bei einer Abtreibung in Tränen ausbrach, nahm Dr. Clarenz "Rücksicht auf die Nonne". Er zerstückelte nicht wie geplant den sieben Monate alten Embryo, sondern entfernte das Kind im Ganzen aus dem Mutterleib. Das Kind lebte noch eine halbe Stunde, sodass die Ordensschwestern noch eine Nottaufe vornehmen konnten. Der Tod des Kindes stand nie in Frage.

Der Generalvikar in Passau wies die Oberin daraufhin, dass es sich bei einem derartigen Eingriff um Mord handle und sprach ein eindeutiges Verbot aus, zukünftig an solchen Eingriffen teilzunehmen. Eine Hebamme sollte dafür herangezogen werden. Die Oberin sollte darüber den Arzt in Kenntnis setzen. Das tat sie auch, als Dr. Clarenz am nächsten Tag ihre Beteiligung an einer erneuten Abtreibung forderte. Daraufhin drohte ihr dieser mit der Gestapo und schlimmen Folgen für den Orden. Bei der fünfzehnten Abtreibung war die inzwischen angeforderte Hebamme verhindert, woraufhin der Arzt die Ordensschwestern auf übelste Art beschimpfte, da er aufgrund ihrer Weigerung die Abtreibung alleine vornehmen musste. Im April 1944 berichtete die Oberin von drei bis fünf Abtreibungen täglich in ihrem Haus. Sogar im achten Monat würden voll lebensfähige Kinder "abgetrieben". Inzwischen assistierte ein Ukrainer bei den Operationen, der eventuell Medizin studiert hatte. Inzwischen stellte es sich auch heraus, dass die Zwangsarbeiterinnen sich nicht freiwillig dem Eingriff unterzogen. Streng katholische Arbeitgeber, überwiegend Bäuerinnen, zeigten in der Regel die Schwangerschaften der Ostarbeiterinnen an, nicht diese selber.

Später wusste Niemand Nichts von diesem ungeheuerlichen Skandal. Angeblich gab es 1983 in dem Gemeindearchiv keinerlei Unterlagen, 1985 konnte die Krankenhausverwaltung von Hutthurm nicht überzeugend darstellen, wohin ihre Unterlagen verschwunden waren. Und auch die katholische Kirche litt unter massivem Gedächtnisverlust betreffs der Kindermorde in Hutthurm. Dass erst ein Generalvikar Ordensschwestern über das fünfte Gebot aufklären musste, um nach dem dritten Kindesmord deren weitere Teilnahme an Abtreibungen zu unterbinden, lasse ich lieber unkommentiert. Diese Beispiele zeigen, dass auch die katholische Kirche einen historischen Klärungsbedarf hat und es an der Zeit wäre, die Vergangenheit offen und ungeschönt aufzuarbeiten. Der evangelischen Kirche stünde es natürlich auch gut zu Gesicht.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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