Braune Karriere in Schwesterntracht
 
 
Eine bedeutende Karriere machte unter den Nationalsozialisten Eleonore Mayer, die am 7.9.1885 in Kirchdorf bei Bad Aibling geboren wurde. Nach einer schwierigen Kindheit und dem Beginn der beruflichen Laufbahn als Putzfrau gelang es ihr sehr schnell, Aufmerksamkeit zu erregen. Mit sechzehn Jahren mußte sie sich bereits wegen einer Geschlechtskrankheit behandeln lassen, einige Jahre später wurde sie wegen Prostitution verurteilt und mit zwanzig Jahren bekam sie ihren unehelichen Sohn Wilhelm.
 
Ihren Sohn brachte sie bei der Stiefmutter unter und ging mit einer befreundeten Krankenschwester Ende 1905 nach Ägypten. Nun nutzte sie die Verwirrungen betreffs Ausbildung und Status der Krankenpflege und nahm eine Arbeit im Kairoer Hospital als Krankenpflegerin an. Nebenher erledigte sie noch private Pflegen. Knapp zwei Jahre später begleitete sie einen Patienten nach Deutschland und ließ sich in München nieder.
 
Ohne Schwesternexamen fand sie keine Aufnahme in einer anerkannten Schwesternorganisation. Daher trat sie dem „Gelben Kreuz“, einer Vereinigung freier Schwestern, bei. Um sich als sogenannte „wilde Schwester“ einen seriösen Anstrich zu geben, legte sie sich den Namen Schwester Pia zu, eine ziemlich dummdreiste Anlehnung an den Papstnamen. Sie arbeitete dann als Hauskrankenpflegerin, ihre Patienten fand sie über Privatanzeigen in der Zeitung.
 
1909 mit vierundzwanzig Jahren wurde aus ihr Eleonore Baur, nachdem sie den Maschinenbauingenieur Ludwig Baur ehelichte, der auch ihren Sohn durch Adoption „legalisierte“. Die „Versorgungsehe“ wurde vier Jahre später geschieden. Nach der Scheidung versuchte sie sich mühsam, durch Privatpflegen, Entbindungshilfen in ihrer Wohnung und dergleichen wirtschaftlich über Wasser zu halten.
 
Mit der Konterrevolution schlug nun ihre Stunde. Sie arbeitete 1919 in den fliegenden Sanitätsstationen der rechtsradikalen Freikorps. An Kämpfen im Rahmen des Kapp-Putsches nahm sie als Sanitätsangehörige und „Sturmtruppenschwester“ aktiv teil, erlitt dabei angeblich bei Annaberg eine Schußverletzung am rechten Oberschenkel. Durch mehrere Orden für „Tapferkeit und Treue“ von den Freischärlern erfuhr sie die Anerkennung, nach der sie schon lange lechzte. Der Kapp-Putsch brach durch einen Generalstreik zusammen.
 
Im Januar 1920 trat sie der DAP bei, dem Vorläufer der NSDAP.  Von 1920 bis 1923 beschränkte sie ihre Tätigkeit nicht nur auf das pflegerische, sondern verteilte für die DAP Flugblätter, klebte Plakate, agitierte gegen die Juden, unterstützte die Parteiversammlungen und schreckte auch vor Prügeleien in den Versammlungen nicht zurück. 1920 wurde sie im Rahmen der Parteiarbeit beim Landgericht München I aktenkundig wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Die Justiz, damals auf dem rechten Auge blind, sprach sie frei. Ihre extremen Auftritte waren sogar ihren Parteigenossen, die selber zu massiven Gewalttätigkeiten und Hetzreden neigten, zuviel. So wurde 1920 bei der DAP vermerkt: „Pia soll sich zurückhalten“.
 
1923 heiratete sie den zehn Jahre jüngeren Parteigenossen Sponseil. Die Ehe hielt bis 1935.  Nach der Scheidung nahm sie wieder den Namen Baur an. Hitler unternahm 1923 einen ersten Versuch, die Macht an sich zu reißen. Als er und die SA am 8.11.1923 im Münchner Bürgerbräukeller einfielen, durfte natürlich Schwester Pia  nicht fehlen. Und einen Tag später marschierte sie in der vierten Reihe in Richtung Kriegsministerium mit. Vor der Feldherrnhalle beendete ein Polizeiaufgebot den Spuk, wobei es Tote und Verletzte gab, die nun von Schwester Pia versorgt wurden. Als Dank erhielt sie später als einzige Frau mit der Nummer 61 von Hitler den „Blutorden“.
 
Schwester Pia zog sich nach ihren eigenen Angaben nach dem Prozeß gegen Hitler von der aktiven Politik zurück. Allerdings stand sie 1928 unter dem Verdacht, an Sprengstoffversuchen der Nazis beteiligt gewesen zu sein und 1932 prügelte sie sich als „Parteischwester“ mit der fliegenden Sanitätsstation der SA mit Reichsbannerleuten, dem Kampfverband der Sozialdemokraten, herum.
 
Der Rückzug aus der direkten Öffentlichkeit war wohl eher nicht ganz so freiwillig. Die Nazis versuchten nach Hitlers Festungshaft sich einen legalen Anstrich zu geben und „salonfähig“ zu werden. Da störte eine Eleonore Baur, die mit ihrer Primitivität, dumpfen Judenhetze, schriller Agitation, Dummheit und rüpligem Verhalten auch in den eigenen Reihen auf Ablehnung stieß.
 
Nach der Machtergreifung trat sie wieder verstärkt in die Öffentlichkeit. Sie mußte überall dabeisein, überall mitmischen. Ausschlaggebend für ihre Akzeptanz war der Nimbus der alteingeschworenen, unzertrennlichen Treue der Weggefährten und Kampfgenossen der ersten Stunde, mit denen sich Hitler und sein Gefolge umgaben. Zu diesem Bilde hätte es nicht gepasst, eine Parteiangehörige der Gründungszeit abzuschieben.
 
 
Da es ihr wirtschaftlich immer noch nicht gut ging, verschaffte ihr Heinrich Himmler, obwohl sie auch ihn anwiderte, zum 1.4.1934 einen Job als Zivilangestellte bei der SS. Dort verdiente sie als „Fürsorgeschwester“ monatlich 320 Reichsmark. Zusätzlich erhielt sie einen Dienstwagen mit Chauffeur. Die damit erfolgte finanzielle Unabhängigkeit beschleunigte vermutlich auch das Ende ihrer Ehe. 1936 wurde sie die Ehrenoberin der „Braunen Schwestern“.
 
Als „Fürsorgeschwester“ betreute sie fortan die SS-Männer, vor allem die in den Konzentrationslagern. Sie trug stets die Schwesterntracht mit Haube, obwohl ihre Arbeit bei der SS nichts mit Krankenpflege zu tun hatte, denn in erster Linie organisierte sie für die SS-Leute Feste, die sehr schnell ausuferten. Sehr häufig war sie im KZ Dachau. Als „Blutordensträgerin“, dem höchsten Parteiorden, und Gründungsmitglied der NSDAP verlangte sie die gleichen Ehrenbezeugungen, die bei den hohen Parteifunktionären üblich waren. Wehe dem, die Häftlinge erkannten nicht sofort ihre Begleitmannschaft und grüßten. Dann setzte es 25 Stockschläge auf dem „Bock“.
 
Ab 1934 mußten Häftlinge aus dem KZ Dachau als „Kommando Pia“ Zwangsarbeit in ihrer Wohnung und späterem Haus verrichten. Dem „Kommando Pia“ unterstanden bis zu vierzehn Gefangene, die unter anderem ihre Villa in Unterhaching bei München umbauten und zahlreiche Nebengebäude errichteten. Das Material für diese Arbeiten organisierte sie, korrupt wie die meisten SS-Angehörigen, aus dem KZ Dachau. KZ-Häftlinge beschrieben sie später als hemmungslos, hysterisch, triebhaft und sadistisch.
 
Karl Röder gehörte auch einige Male dem Kommando an. Der Dachauer Häftling mußte bei der Frau in der Schwesterntracht schmiedeeiserne Lampen für Haus und Garten herstellen. Er berichtete, wie sie damit herumprotzte, daß sie „eine intime Freundin des Führers“ sei.
 
Jedem, auch den Gefangenen, erzählte sie ständig von ihrem ersten Treffen mit dem „Führer“, was angeblich in einer Straßenbahn stattfand. Dort will sie eine große Hetzrede gegen die Juden gehalten haben. Nachdem andere Mitfahrenden sie wegen ihrer Rede angriffen, hätte ein anderer Fahrgast sie verteidigt und das wäre Adolf Hitler gewesen. Ihrer Geschichte nach wäre sie auf seine Einladung hin zu einer Versammlung gekommen und am selben Abend der NSDAP als Mitglied Nummer 9 in die Partei eingetreten. Natürlich versäumte sie es nicht, ihre Geschichtchen im Zusammenhang mit dem „Führer“ und ihrer Person mit „Rührseligkeiten“ zu würzen.
 
Röder wusste vermutlich damals nicht, dass ihre, wie sie meinte, rührselige Story von vorne bis hinten erlogen war. Sie war schon viel früher bei der DAP Hitlers Anhängerin. Und Mitglied Nummer 9 war sie nie, denn sie kam erst durch ihre Einstellung  bei der SS in die NSDAP. Die „Blutordensträgerin“ hatte sich eingebildet, dass sie automatisch ohne Mitgliedsbeiträge der Partei angehören würde.
 
Auch trötete sie herum, daß Hitler selber ihr die Villa geschenkt habe. Diese Darstellung muss angezweifelt werden, denn sie stand nicht einmal auf seiner Weihnachtsliste. Auf dieser Liste war genauestens vermerkt, wen Hitler mit was zu Weihnachten beschenken wollte. Besonders „die Weggefährten aus der Kampfzeit“ und überwiegend Frauen standen auf der Liste, aber Schwester Pia fehlte.
 
 
Kein Wunder! „Der Führer“ stand eher auf hübsche und sehr junge Frauen mit der Bereitschaft, sich bedingungslos unterzuorden. Für ihren Charme einer Jauchegrube konnte er sich wohl kaum begeistern. Außerdem war Hitler eher knauserig. Eva Braun bekam 1935 von ihm ein Radio und Tassen geschenkt, 1936 eine Uhr. Ihre Schwester, mit der er ebenfalls befreundet war, ging leer aus. Zwar hatte Hitler seiner Lebensgefährtin ein Haus gekauft, aber auch nur über einen Stohmann. Wieso sollte also Hitler plötzlich bei Eleonore Baur die Spendierhöschen anziehen? 
 
Allein durch ihre Spinnereien hätte sich diese Frau nicht in Karl Röders Erinnerungen eingegraben. Sie war bei den Dachauer Insassen verhasst. Ungerührt schaute sie im KZ bei Misshandlungen der Gefangenen zu und besaß so großen Einfluss auf die Lagerleitung, dass sie sogar bei den Liquidationstransporten mitreden konnte. Sie war kein Mitglied der „Forschungsgruppe“, die sich mit sogenannten medizinischen Versuchen beschäftigte und hatte dort auch keinerlei Funktion oder Aufgabe. Aus reinem Vergnügen wohnte sie im Versuchsblock 5 Experimenten an Menschen bei, die zahlreiche Todesopfer forderten.
 
Besonders die Unterkühlungsexperimente ab dem 15.8.1942 hatten es ihr angetan. Man wollte herausfinden, wenn Flugzeugpiloten ins Meer abstürzten, wie eine lebensbedrohende Unterkühlung durch das Meerwasser verhindert werden könnte. Gleichzeitig sollten unterschiedliche Aufwärmmethoden getestet werden. Der wissenschaftliche Wert dieser Untersuchungen ist bereits dadurch in Zweifel gezogen, dass der Leiter der Versuche, Dr. S. Rascher, Stabsarzt der Luftwaffe, ohne jegliche Überprüfung als eine Aufwärmmethode seine sexuellen Phantastereien erprobte.
 
Er stellte sich den unterkühlten Schiffbrüchigen der Nordsee vor, der von seiner Frau im Bett lebensrettend erwärmt wird und favorisierte deshalb das „animalische Aufwärmen“. Rascher war nach seiner ersten Versuchsreihe zum Thema Unterdruck in den eigenen Reihen heftig umstritten. In der Luftwaffe diskutierte man seine menschenverachtenden und sadistischen Versuche sogar damals bereits kritisch.
 
Dennoch erhielt er die Genehmigung zur nächsten Versuchsreihe über Unterkühlung. Aus dem KZ Ravensbrück wurden Frauen für das KZ Dachau als „Bordellmädchen“ angefordert. „Versuchspersonen“, die in kaltes Wasser verbracht wurden, holte man im Stadium der Bewusstlosigkeit heraus.
 
Die Bewusstlosen legte man in ein Bett zwischen zwei nackte „Bordellmädchen“ und deckte die Personen mit einer Decke zu. Solche Versuche gefielen Schwester Pia, wenn  die Unterkühlten anfingen, das Bewusstsein zu erlangen und sie lustvoll kreischend versuchte, mit obzönen Bemerkungen oder Drohungen die Häftlinge in dieser Situation zum Geschlechtsverkehr „aufzufordern“.
 
Dass sie immer wieder derartige Versuche einforderte und veranlasste, bestritt sie später. Allerdings spricht sehr viel für die Richtigkeit der Vorwürfe, weil immer wieder Dachauer Insassen besonders auf ihre sexuelle Triebhaftigkeit hinwiesen und fürchteten.
 
Auch ein Häftling im KZ Auschwitz erinnerte sich an Eleonore Baur und beschrieb sie als eine alte, hässliche Frau, die in ihrer Schwesterntracht durch das Lager schritt. Von einem Mithäftling, der aus Dachau dorthin verlegt war, erfuhr er, dass es Schwester Pia sei. Im KZ Sachsenhausen tauchte sie ebenfalls auf, obwohl Frauen der Zutritt in die Konzentrationslager für Männer eigentlich verboten war. Die Not und das Elend in den KZ´s, die sie besuchte, ließen sie völlig kalt.
 
Eleonore Baur kam am 5.5.1945 kurz in Gewahrsam. Erst am 13.7.1945 verhaftete man sie endgültig. Ein Gutachten bescheinigte ihr für den anstehenden Prozess eine minderbegabte Persönlichkeit, erhebliches Geltungsbedürfnis, sexuelle Triebhaftigkeit, Primitivität. Es wurde keine Geisteskrankheit oder Geistesschwäche festgestellt, sodass sie als voll schuldfähig galt. Im August 1949 verurteilte man sie zu zehn Jahren Arbeitslager unter Anrechnung der halben Vorhaft aus politischen Gründen.
 
Ein Prozess zu ihren direkten Verbrechen in den Konzentrationslagern verlief im Sande. Kein Häftling erhielt durch diesen Prozess zumindest im Ansatz Gerechtigkeit für die Demütigungen und Verletzungen, die er durch sie erlitten hatte. Niemanden erstattete sie die Kosten für die erpresste Zwangsarbeit in ihrem eigenen Haus. Im späteren Berufungsverfahren verminderte sich noch einmal das Strafmaß.
 
Aber bereits am 23.6.1950 wurde sie aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen. Auch wenn der Haftbefehl bestehen blieb, lebte sie fortan auf freiem Fuß. Diese gesundheitlichen Gründe erscheinen etwas eigenartig angesichts der Tatsache, daß die Frau 95 Jahre alt wurde und erst am 18.5.1981 in München starb.
 
 
1945 endete ihre bemerkenswerte Karriere von der Hure zur Ehrenoberin der „Braunen Schwestern“. Gerade einmal fünf Jahre büßte sie ihre Teufeleien in der Schwesterntracht, bevor sie unangefochten 31 lange Jahre einen friedlichen Lebensabend unter den Münchner Bürgern verbringen konnte. Bis zum Schluss zeigte sie keinerlei Reue. Man muss sich schon manchmal über die deutsche Justiz wundern.
 
Ich hätte zu gerne mich mal mit einer Braunen Schwester über ihre Ehrenoberin unterhalten, hätte sie danach gefragt, ob ihr nicht Zweifel kamen angesichts so einer Type an der Spitze ihrer Schwesternorganisation. Leider konnte ich keine für ein persönliches Gespräch ausfindig machen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!