Schafott Psychiatrie

 

Psychiatrien spielten im Zusammenhang mit dem Euthanasieprogramm oft eine schändliche Rolle. Ein weiteres dunkles Kapitel der Psychiatrien war aber auch, dass sich das dortige Personal an der Beseitigung von Menschen beteiligte, die sich dem Naziregime gegenüber im Widerstand befanden. In den psychiatrischen Anstalten wurden diese Menschen gefoltert, übermäßig sediert, oft durch Zwangssterilisation seelisch und körperlich verstümmelt und auch über das Euthanasieprogramm in die Gaskammern geschickt.

Diese Opfer hatten keine Chance auf eine Gerichtsverhandlung. Mit der Einweisung in die Psychiatrie waren sie bereits sozial getötet. Im Gegensatz zu ihren Leidensgenossen in den Zuchthäusern und Lagern waren sie in den Anstalten völlig isoliert. Die, die den Wahnsinn überlebten, trugen zeitlebens den Stempel "Irre" mit sich herum und waren später den Vorurteilen der Gesellschaft ausgesetzt. In der Regel wurden sie nie rehabilitiert wie die Widerstandskämpfer, die offiziell verurteilt und hingerichtet wurden. Meistens gingen die Täter, Ärzte wie Pflegekräfte, straffrei aus und arbeiteten nach dem zweiten Weltkrieg in ihren Berufen unangefochten weiter.

 

Käte Larsch

 

Ein Beispiel dafür ist das Schicksal der Käte Larsch. In ihrem Haus fanden Versammlungen der verbotenen KPD, Kommunistische Partei Deutschlands, statt. Die Gestapo erhielt einen Tip und durchsuchte am 18.5.1935 die Wohnung. Dabei stellten sie ein Abziehgerät sicher. Käte Larsch gab bei den anschließenden Verhören mit sadistischen Folterungen nicht die Namen ihrer Genossen preis. Daraufhin wies man sie als "geistesgestört" in die psychiatrische Abteilung des städtischen Krankenhauses ein. Dort verstarb sie am 29.5.1935.

Als Mitglied der KPD war sie eine organisierte Widerstandskämpferin. Von daher erfuhr sie nachträglich durch ihre Parteigenossen insoweit eine Rehabilitation, dass diese später klarstellten, dass Käte Larsch keine "Verrückte" war, sondern wegen der Widerstandsarbeit in die Psychiatrie gekommen war.

 



Kein Einzelfall


Käte Larsch und Fritz waren kein Einzelfall. Überall wurden politische Gegner in Psychiatrien eingewiesen und etliche Menschen kamen dort unter dubiosen Umständen ums Leben. Gerade Kinder oder Jugendliche, die als "aufmüpfig" oder als "widerspenstig" galten, drohte in erster Linie die Psychiatrie. Es gab zwar auch Konzentrationslager für Jugendliche, aber anscheinend verschwand der größere Teil von ihnen in die "Irrenanstalten".

In Wuppertal fand ich in Gesprächen mit Zeitzeugen heraus, dass etwa zwanzig Jugendliche aufgrund ihrer politischen Haltung in Psychiatrien verschwanden und nie wieder gesehen wurden. Außerdem berichteten dort alte Leute, dass zwei Edelweiß-Piraten, Jungen im Alter von etwa vierzehn und sechzehn Jahren, in Wuppertal-Elberfeld zur Abschreckung öffentlich erhängt wurden. Die Jungen hatten Hitlerfeindliche Parolen an Hauswände gemalt. Schwester Sebastiana, eine Ordensschwester aus dem St. Petrus-Krankenhaus in Wuppertal, bestätigte diesen Vorfall. Sie kannte beide Jungen und deren Familien persönlich.

Auch Arthur, ein Berliner Krankenpfleger, der unter anderem auch in Berlin-Spandau in der Psychiatrie gearbeitet hatte, wusste von Patienten, die aufgrund ihrer politischen Gesinnung als "verrückt" erklärt weggeschlossen wurden. Nach seinen Aussagen waren diese "Patienten" regelrechtes Freiwild für braune Ärzte und Pflegekräfte, die keine Gelegenheit ausließen, sie zu schikanieren, zu demütigen, zu verhöhnen, zu entwürdigen, zu quälen. Die Unglücklichen wurden übermäßig sediert, geschlagen, festgebunden, in Besenkammern eingeschlossen. Er berichtete, dass den Opfern solange zugesetzt wurde, bis diese ihren Lebenswillen verloren hatten. Dann eröffnete man ihnen Möglichkeiten und Mittel, ihr Leben selber zu beenden. Die Suizidrate in seinem Haus sei erschreckend hoch gewesen. Er beschrieb, dass Pflegekräfte in unbeobachteten Momenten auch Solidarität zeigten, sich aber im Beisein des Nazimobs häufig an Übergriffen beteiligten, um nicht Gefahr zu laufen, selber als politische Gegner geoutet zu werden.

Natürlich fragte ich ihn auch, warum das Pflegepersonal nach 1945 weiterhin zu den Vorfällen schwieg. Wieso er zum Beispiel derartige Ereignisse nicht publik gemacht hatte. Seine Antworten waren nicht sehr beruhigend: Niemand wollte etwas davon hören, wer nicht schwieg, wurde als Nestbeschmutzer gebrandmarkt und gemobbt, die Naziärzte und -pflegekräfte arbeiteten nach dem Zusammenbruch in den alten Positionen weiter, er sei nur froh gewesen, diese  Zeit überlebt zu haben, sodass er keinen Wert darauf legte, nun mutwillig sein Leben zu riskieren. Arthur, Opfer der Zwangssterilisierung, wobei er sich über die Hintergründe ausschwieg, sagte damit eins sehr deutlich: die Nazizeit endete in den Psychiatrien 1945 keinesfalls.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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