Das DRK an der "Heimatfront"
 
Die Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes in Deutschland befand sich ebenfalls mächtig in der Grauzone. Besonders nach dem Kriegsausbruch verschlimmerte sich die medizinische und pflegerische Versorgung der Bevölkerung dramatisch. Ärzte und gut ausgebildete Pflegekräfte fehlten überall. Das DRK war ausgesprochen behilflich, über diese katastrophalen Bedingungen hinwegzutäuschen. Da wurden Leute in die Rotkreuzuniform gesteckt, die von der Pflege wenig oder gar keine Ahnung hatten, um den Leuten vorzugaukeln, dass die Krankenversorgung gesichert sei. Berufsfremde konnten nicht ahnen, ob in einer Uniform nun eine gelernte oder eine ungelernte Kraft steckte.
 
Aber auch eine Ausbildung gewährleistete keine Qualifikation mehr. Sie geriet zunehmend zu einer Farce, da die Lehrkräfte fehlten. Es gab Extreme, wo Pflegeschülerinnen länger als fünf Jahre brauchten, die Ausbildung abzuschließen, weil der Unterricht ständig ausfiel. Meistens verringerten sich jedoch die Ausbildungszeiten, je länger der Krieg dauerte. Auf die Einhaltung einer Mindeststundenzahl Unterricht wurde immer weniger geachtet.
 
Walburga berichtete von sogenannten DRK-Schwesternhelferinnen in Lazaretten, die bei ihrem Eintreffen nicht einmal über grundlegendste pflegerische Fertigkeiten verfügten. Dazu erklärten ihr vier Helferinnen, sie hätten in Berlin eine Schulung erhalten, die genau vier Unterrichtsstunden umfasste. Praktisch hatten sie einen einzigen Verband, einen Kopfverband gelernt – fertig! Aber dem Lazarett wurden sie als die lange angeforderten ausgebildeten Krankenschwestern angekündigt. Walburga: „Die standen nur im Wege. Wir waren stocksauer. Die eine war ja ganz willig. Die kriegte auch schnell mit, um was es ging. Aber die anderen Drei kapierten rein nichts. Vielleicht stellten sie sich auch absichtlich auf doof, um schnell wieder wegzukommen. Klappte ja auch. Den nächsten Lazarettzügen wurden sie als Begleitung zugeteilt.“ Wenn man sich dann aber überlegt, dass der Kriegssanitätsdienst Vorrang hatte, dann kann man ungefähr erahnen, was in Deutschland los war.
 
Die Pflegequalität litt zusätzlich darunter, dass viele Rotkreuzschwestern oder -helferinnen, die mit Pflege eigentlich nichts am Hut hatten, erst durch den Krieg in diesen Berufen landeten. Ihre Begeisterung für pflegerische Tätigkeiten läßt sich daran festmachen, dass sie nach dem Zusammenbruch schnellstens in andere Berufe wechselten. Die zur Rotkreuzschwesternhelferin ausgebildete Helene H. legte 1948 ihre Gesellenprüfung als Friseurin ab und machte 1952 die Meisterprüfung.
 
Die knapp zweiundzwanzigjährige Marianne Diepen, eine Büroangestellte, steckte man ebenfalls in die Rotkreuzkluft. Eigentlich sollte sie im Lazarett eingesetzt werden. Zu ihrem Glück erklärte ihr Chef sie als unabkömmlich. Daraufhin musste sie im Büro in der Schwesterntracht erscheinen. Im Falle eines Bombenabwurfes sollte sie sich unverzüglich bei der Polizei melden, um ihren Einsatzort zu erfahren. Bei einem Einsatz zusammen mit einem männlichen DRK-Helfer stand sie sehr nahe an einem brennenden Kesselwagen, der zu explodieren drohte. Erst nachdem ihr DRK-Feldführer und ihre Führerin zufällig vorbeikamen und sie wegschickten, brachte sie sich in Sicherheit. Sie, die „Rotkreuzschwester“, beobachtete entsetzt, wie Männer Leichen auf der Straße einsammelten, die es nicht rechtzeitig in den Luftschutzbunker geschafft hatten. Im Grunde genommen war sie heilfroh, als sie die Tracht ablegen durfte.
 
Manche Frauen betrachteten es auch angesichts der ungeheueren Verluste an den Fronten als ihre vaterländische Pflicht, ins DRK einzutreten. Die Sekretärin Ingeborg Werneken, die im Landratsamt beschäftigt war, übernahm während der Kriegszeit nicht nur Feuerwachen und weitere Pflichten, sondern arbeitete sonntags zusätzlich noch als Schwesternhelferin im Behelfskrankenhaus.
 
Gertraud P. aus Charlottenburg, musste ab Sommer 1944, obwohl sie selber kleine Kinder zu Hause hatte, täglich zehn Stunden mit einem freien Tag als DRK-Helferin auf einer Säuglingsstation arbeiten. „Da war ein Gesundheitsmädel, für die die Babies eher ein Puppenersatz waren. Wir hatten ein Kind mit schweren Schluckbeschwerden. Ich war ja auch nicht vom Fach. Da musste ich aber Sachen machen, für die ich gar nicht ausgebildet war. Aber mir half, dass ich durch meine eigenen Vier (Kinder) halt drin war. Die haben das Gesundheitsmädel, Ursula hieß die, die haben sie die Flasche geben lassen (dem Säugling mit den Schluckbeschwerden), als ich frei hatte.
 
Muss die Flasche reingehalten haben und immer rein, was das Zeug hielt. Ich war so froh, dass der Kleine sich gut entwickelte. Und dann ist der kleine Steppke in meinem Armen an einer Aspirationspneumonie gestorben. Ich war so wütend. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Die Ursula hätte ich zuerst umbringen können. Aber die hatte doch gar keine Reife, die hatte nichts. Also direkt die Schuld konnte man ihr ja nicht geben. Wieso haben sie die Göre nur an den Kleinen rangelassen. Der war so putzig.
 
Und dann stand seine Mutter vor mir. Ich habe mich so geschämt, ja, ich habe mich geschämt, aber ich hatte ja keine Schuld. Einfach die Milch reingeschüttet. Was willst du denn da sagen? Und bei der Ursula war doch bekannt, dass die nichts Ernst nahm. Einfach rein, Hauptsache, sie ist schnell fertig und kann sich damit brüsten, wie schnell sie arbeitet. Die war immer eine ganz Fixe. Ich habe oft davon geträumt. Und wenn ich dann wach wurde, bin ich immer zu den Kinderbetten meiner Kinder gerannt, ob sie wirklich in Ordnung sind. Ich habe immer Alpträume gehabt.“ Gertraud litt unter der Verantwortung, die sie mit ihrer Arbeit übernahm, da sie für sich genau einschätzte, dass ihr das fachliche Wissen fehlte. Ständig kämpfte sie mit Gewissensbissen und fragte sich, ob sie vielleicht Fehler machte.
 
Andere hinterfragten aber nicht unbedingt ihre fachliche Eignung. Das DRK machte sich offenbar wenig darüber einen Kopf, ob und wie diese Pflegekräfte wider Willen den Anforderungen gerecht werden konnten. Hier zählte nur der äußere Eindruck, dass genügend Pflegepersonal bereit stand, um in der Bevölkerung keine Unruhe entstehen zu lassen.
 
Für Lonny von Schleicher, die Stieftochter von Kurt von Schleicher, ehemaliger Reichskanzler, und Elisabeth von Schleicher, war dieses Verfahren des DRK eher ein Glücksfall. Sie verlor ihre Eltern, weil Nazihorden diese beim sogenannten Röhm-Putsch in ihrer Villa in Babelsberg am hellichten Tage ermordeten. Sie besuchte das Lyzeum, die Frauenschule Schloss Wieblingen, deren Schulleiterin Elisabeth von Thadden 1944 ebenfalls von den Nazis umgebracht wurde.
 
Das Land konnte Lonny nicht verlassen, da ihr ein Pass verweigert wurde und es an Geld mangelte. Sie hasste abgrundtief das Naziregime, nicht sehr verwunderlich nach ihren Erlebnissen. Sie hätte sich auf jeden Fall dem Widerstand angeschlossen, wenn sie nicht „verbrannt“ gewesen wäre. Das bedeutete, dass sie sich im Visier der Gestapo befand und konspirativ arbeitende Leute nur alleine mit ihrer Anwesenheit gefährdet hätte.
 
Nach Kriegsbeginn kam sie zunächst im Oberkommando der Wehrmacht in der Sanitätsabteilung unter. Nach der Verhaftung ihres Chefs General von Rabenau wegen seiner Kontakte zum Widerstand sollte sie im Führerhauptquartier arbeiten, was sie nachvollziehbarerweise ablehnte. Lieber ging sie dann als Stabshelferin, später DRK-Helferin nach Paris. In Berlin absolvierte sie die Grundausbildung beim DRK. Nach dem Krieg arbeitete sie zwar zunächst als Krankenpflegerin und Arzthelferin weiter, nutzte aber auch die erste Gelegenheit, diesem Beruf den Rücken zuzudrehen. Sie wurde Sekretärin und erreichte später in einem großen Verlag eine leitende Position. Nicht durch ihre „Berufung“ ergriff sie den Pflegeberuf, sondern wegen ihrer bitteren Lebensumstände.
 
Es gab auch Fälle, wo willige Rotkreuzhelferinnen abgelehnt wurden. Christabel Bielenberg bewarb sich bei der DRK-Stelle Berlin-Dahlem als freiwillige Helferin. Sie hatte gehört, daß das DRK händeringend Leute suchte. Sie lehnte man aber mit dem Hinweis ab, wenn sie Kinder habe, dann solle sie sich um diese kümmern. Frau Bielenberg war Engländerin.
 
Bei deutschen Frauen kümmerte man sich im DRK schon lange nicht mehr um das nationalsozialistische Frauenbild von der deutschen Mutter, die einzig für ihre Kinder da zu sein hatte. Gertraud beispielsweise galt mit vier Kindern nach Nazimaßstäben als kinderreich. Ihre Tochter war 1944 drei Jahre alt, die Buben zwei, fünf und neun Jahre. Sie hätte sogar den Beruf als Krankenschwester erlernen können, was man ihr mehrmals nahe legte. Denn Kinder bedeuteten keinen Hinderungsgrund mehr für die Ausbildung. Mit dem Kriegsverlauf passte das DRK sein Frauenbild an die Gegebenheiten an. So gab es ein Rundschreiben an die DRK-Dienststellen, dass die Wehrmacht wegen der totalen Kriegsführung einen Großteil des männlichen Krankentransportpersonals benötigte. Deshalb müssten unverzüglich Frauen darauf vorbereitet werden, die Krankentransporte zu übernehmen. Und in diesem Rundbrief wurde bereits darauf hingewiesen, dass bereits ein Teil der Kreisstellen befriedigend den Krankentransport mit Frauen aufrecht erhielt.
 
So, wie Hitler und sein Gefolge Jugendliche an der Front als Soldaten verheizten, genauso erbarmungslos sprangen sie mit seiner geliebten Jugend im Heimatland um. Und davor blieben auch die Mädchen nicht verschont. Dass Jungmädel oder BDM-Mädel als Rot-Kreuz-Helferinnen Dienst in Lazaretten und Krankenhäusern taten, war nicht die Ausnahme. Ungenügend ausgebildet und vorbereitet waren sie oft genug nicht in der Lage, den Belastungen im Pflegeberuf standzuhalten. Ohne minimale Kenntnisse in der Hygiene wurden sie sogar auf Infektionsabteilungen eingesetzt.
 
Maria R., die von Schlesien nach Berlin kam, leitete nach ihrer Ausbildung bis zu ihrer Typhuserkrankung als Pflegerin ein Mädchenheim. Ihre Schützlinge stammten überwiegend wie sie aus Schlesien. Die Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren verrichteten „kriegswichtige“ Tätigkeiten und wurden als Straßenbahnschaffnerinnen, in Großküchen, in Rüstungsfabriken und in Krankenhäusern eingesetzt. Eine fünfzehnjährige DRK-Helferin kam wochenlang weinend in das Heim, erzählte aber Maria nicht den Grund für ihren Kummer. Sie vermutete, dass das Mädchen mit den Erlebnissen auf ihrer Station nicht klar kam. Auf der Abteilung lagen Soldaten, die nach Amputationen nachversorgt wurden. Maria versuchte immer wieder, an das Mädchen heranzukommen, aber diese kapselte sich zunehmend ab. Am Heiligabend 1944 nahm sie sich das Leben. Eine andere DRK-Helferin schleppte von der Arbeit den Typhus ins Haus, der dann Marias Berufslaufbahn jäh beendete.
 
Viele Pflegekräfte in Berlin wollten nicht zum DRK, weil sie sehr richtig erkannten, dass es eine reine Naziorganisation war. Sie bemühten sich, bei der Caritas unterzukommen, auch dann, wenn sie selbst nicht katholisch waren. Dort fühlten sie sich noch am sichersten.
 
Cilly stellte eine Annäherung von dem weltlichem Personal und den Ordensschwestern fest. Im Prinzip meinte sie, war man wirklich nirgends vor einer Denunziation sicher. Aber Signale zu den Ordensschwestern, dass man mit dem Regime nicht einverstanden sei, nahmen einige Nonnen in ihrem Hause dankbar auf und sie wurden dann auch etwas deutlicher und offener, sowie man alleine war. „Da entstand Vertrauen und eine regelrechte Dankbarkeit“ erklärte sie. „Vorher wäre so ein Umgang nie möglich gewesen. Dort waren die Ordensschwester, hier waren wir. Persönliche Kontakte waren ein Unding. Das änderte sich unter Hitler. Auch die gegenseitige Akzeptanz.“
 
Obwohl das DRK alles, was sich irgendwie anbot, in die Pflege schmissen, konnten sie dennoch nicht den enormen Bedarf decken, sodass auch Ordensschwestern in Lazaretten eingesetzt werden mussten. Die fehlten dann wiederum mit ihrer beruflichen Erfahrung und Qualifikation an der sogenannten „Heimatfront“.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 


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