Gewusst haben es Alle

 

Inge G., geboren 1922, kam 1940, also mitten in der Euthanasiewelle, durch den Arbeitsdienst in die jetzige psychiatrische Landesklinik in Weinsberg. Dadurch wurde sie als Jugendliche mit Geisteskranken konfrontiert. Später erinnerte sie sich an ihr Entsetzen über die Insassen. Als sie sich mit Pflegekräften unterhielt und die ihr berichteten, dass die ganz "Schlimmen" bereits abgeholt waren, fand sie es völlig in Ordnung. Denn damals war sie der Ansicht, dass man den Opfern etwas Gutes tat, wenn man sie "einschläferte".

Immerhin hatte diese Frau den Mut, später ehrlich zuzugeben, dass sie nicht nur von der T4-Aktion wusste, sondern seinerzeit die Euthanasie akzeptierte. Angesichts der Propaganda, der sie während ihrer Schulzeit ausgesetzt war und dem Erlebten wird ihre Reaktion verständlich und nachvollziehbar. Auf jeden Fall ist so eine ehrliche Aussage mehr wert als das tausendfache: "ich habe von Nichts nichts gewusst." Denn ihr Bericht erlaubt eine Auseinandersetzung und ein Nachdenken.

Nichts gewusst zu haben, war außerdem bereits im Vorfeld fast unmöglich. Aus seinen Ansichten, Vorhaben und Zielen hatte Adolf Hitler nie ein Geheimnis gemacht. In seinem Buch "Mein Kampf" stand alles drin. Die Verbrechen waren angekündigt. Von daher ist es sehr erstaunlich, dass die meisten Leute erzählten, dass sie in die Zeit reingeschlittert seien und nicht wussten, was auf sie zukam. "Mein Kampf" war ein Bestseller und so ziemlich jede Familie müsste ein Exemplar gehabt haben. Woran lag es?

An erstaunlich vielen Analphabeten in Deutschland, die gerade noch so den Buchtitel beim Kauf entziffern konnten? An den vielen Möchtegernintellektuellen, die sich ein Buch kauften, um es ins Regal zu stellen als Beweis für ihre Bildung? Im Frühjahr 1941 wurde der NS-Propagandafilm "Dasein ohne Leben" gezeigt. Hatten sämtliche Zuschauer bei der Vorstellung tief und fest geschlafen? Es ist richtig, dass unter der Naziherrschaft ein großer Leistungsabfall bei den Schülern stattfand. Aber gleich so, dass sie nicht einmal mehr in ihre Schulbücher sahen?

Die Fortbildungsmaßnahmen zur Euthanasie begannen in der Psychiatrie 1937 weit vor den Massentötungen. Im Oktober 1939 nahmen die Oberpflegerinnen Alice Grabowski, Anna Hagedorn, Helene Kirchhoff, Hedwig Lange, Elise Müller, Amanda Reinke, Klara Riedel, Bertha Wels und die Oberpfleger Oskar Hecht, Otto Schulz, Richard Stindt, Paul Süssbier, Walter Ulbricht, Friedrich Weber, Johannes Zimmer der Berlin-Bucher Anstalt an einer Schulung zu den Meldebögen teil. Hatten die etwa auch nichts gewusst?

Bei Gesprächen zwischen Margarete Dörr und Zeitzeuginnen stellte es sich heraus, dass von diesen Frauen fast alle Bescheid wussten. Bald jede Frau kannte einen Menschen im Verwandten- oder Freundeskreis, der in einer Anstalt plötzlich verstarb. Ihnen war auch damals bewusst, dass diese Menschen "gestorben worden sind". Es wurde von Familien berichtet, die ihre Angehörigen nach Hause holten, um sie zu retten. Auch die Lastwagen wurden von vielen beobachtet, die die Behinderten in die Tötungsanstalten fuhren.

Franz-Josef Müller berichtete auf der CD "Erinnern für Gegenwart und Zukunft" vom Februar 1940: "Von unserm Hof ist drei Kilometer weg eine Anstalt für geistig behinderte Leute. Die haben zum Teil bei uns auf'm Hof, also im Dorf gearbeitet. Die waren beschränkt arbeitsfähig, aber die hat man eigentlich so, wie soll ich's nennen, so wie ein Kind, ein größeres Kind behandelt. Die konnten mitarbeiten, aber man hat keine volle Arbeitskraft erwartet. Die bekamen auch nichts bezahlt, außer Essen und Trinken und dann vielleicht mal zu Weihnachten oder Ostern fünf Mark, oder so. Aber dann hatten die die dann aus der Anstalt weg. Und die verschwanden, die verschwanden.

Und ein Bekannter im Dorf, der dort arbeitete, wurde von, ich weiß nicht, ich glaub von meiner Mutter gefragt, warum der denn nicht mehr käme oder die nicht mehr käme. Der sagte: ´Der kann nicht kommen.´ ´Ja wieso?´ ´Der ist weg.´ ´Was heißt weg? Was ist der weg?´ Und da machte der, (im Interview machte Hr. Müller den Bekannten von damals nach und fuhr sich mit dem Finger über den Hals, um anzudeuten, dass man sie umbrachte) er sagte: ´lch darf darüber nichts sagen ...´ und beim zweiten ´weg´ sagte er und meine Mutter hat das verstanden, und sie hat gesagt: ´Was ist denn los?´ In so einem Dorf, drei Kilometer weg, erfährt man alles. Nicht ein Einziger war mehr da und hat gearbeitet. Also die sind auf der Schwäbischen Alb umgebracht worden. Das wusste ich nach sechs Wochen. Grafeneck hieß das Ding, bekannt, viel publiziert worden jetzt drüber. Da wurden Tausende durch Spritzen umgebracht."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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