Geld bestimmt die Welt

 
Die nötige Krankenbehandlung blieb auch bei den Nazis, wie in der Weimarer Republik, eine Frage der Geldbörse. Da die Kinder der wohlhabenden Familien logischerweise ebenfalls vor Krankheiten nicht geschützt waren, heuerten Eltern, die sich Dienstboten leisten konnten, zumeist keine pädagogischen Kräfte für die Kinderbetreuung an, sondern ausgebildete Krankenschwestern. Trudi Birger, die bis zur Machtergreifung mit ihrer Familie in Frankfurt lebte, erzählte in ihrem Buch „Im Angesicht des Feuers“ von ihrer nichtjüdischen Kinderfrau Candy. Sie war eine ausgebildete Krankenschwester und sprach mit den Kindern englisch. Obwohl sie im Privathaushalt arbeitete, trug sie eine Schwesterntracht mit Schwesternhaube, auf dem ein roter Davidsstern war.
 
Als Trudi und ihr Bruder an Scharlach erkrankten, lehnten die Eltern eine Einweisung in ein Krankenhaus ab. Sie hätten es sich ohne weiteres leisten können, die Kinder im Krankenhaus als Privatpatienten behandeln zu lassen und aufgrund des Geldes auch einen Krankenhausplatz bekommen. Grundsätzlich änderte das aber wenig an der Qualität der Krankenhauspflege. So wurde kurzerhand das Kinderzimmer zur Quarantänestation umgerüstet und Schwester Candy pflegte die beiden Kinder im Elternhaus.
 
Bevor Maria R. von Schlesien nach Berlin zog und dort die Leitung eines Mädchenheimes übernahm, verdiente sie zwei Jahre ihren Lebensunterhalt als Krankenschwester auf einem Gut.  Während dieser Zeit gehörte sie weiterhin dem Reichsbund freier Schwestern an und trug auch die blaue Tracht. In erster Linie war sie für die vier Kinder ihres Dienstherren zuständig, verpflegte aber im Krankheitsfalle auch die Kinder der Angestellten und Landarbeiter.
 
Es gab im Hause eine kleine Apotheke, aus der sie Familienangehörige und Beschäftigte versorgte und für deren Bestand und Auffüllung sie zuständig war. Bei Unfällen musste sie die Erstversorgung von Verletzungen übernehmen, da der Arzt sehr weit entfernt wohnte. Neben der Familie des Arbeitgebers nahmen der Hauslehrer, der Verwalter, ein Pferdewirt und sie die Mahlzeiten im Speisezimmer ein. Das restliche Personal und Erntehelfer aßen in der Gesindestube. Sie lernte auch die Schattenseiten des Berufes kennen. Die Hausherrin, krankhaft eifersüchtig, witterte in jeder jungen Frau eine Rivalin. So unterstellte sie auch Maria, dass sie mit ihrem Mann anbändeln wollte und machte ihr deswegen immer wieder mächtige Szenen. An diesen Vorwürfen war nichts dran, aber Maria fürchtete um ihren Ruf und fand die Attacken ihrer Arbeitgeberin zunehmend unerträglich. So kündigte sie und ging nach Berlin.
 
Elfriede F. nahm nach 1945 ebenfalls Tätigkeiten in begüterten Privathaushalten in der Kinderbetreuung an. Sie hatte auf die Zeitungsannonce eines Professors reagiert, der Tuberkuloseprivatpatienten behandelte. Der Professor suchte für seine acht Kinder eine Krankenschwester. Seine bisherige Kinderpflegerin war für längere Zeit in Kur. Elfriede traute sich erst nach Zureden einer Kollegin, auf die Stellenanzeige zu antworten, da sie zu diesem Zeitpunkt sehr abgerissen aussah. Sie hatte ihre gesamte Kleidung und Sachen auf dem Weg von Görlitz nach Köln verloren. Als der Professor gegen ihre Erwartung sie dennoch einstellte, kam sie von einem Tag zum anderen aus bitterster Armut in das „Land, wo Honig fließt“. Als seine Kinderkrankenschwester aus der Kur zurückkam, vermittelte der Professor ihr weitere Privatpflegen in dieser Art.
 
Cilly S., die 1932 aufgrund ihrer Eheschließung in einem Berliner Krankenhaus gekündigt wurde, pflegte von 1932 bis 1938 eine alte Dame. Ihre Patientin war durch Rheuma bettlägrig und nur stundenlang dazu in der Lage, im Sessel zu sitzen, wenn man sie vom Bett dorthin trug. Cilly brauchte dort nicht zu wohnen, da der Ehemann in ihrer Abwesenheit seine Frau versorgte. Morgens wusch und kleidete Cilly die Patientin zwischen 8 h und 9 h und trug sie zusammen mit dem alten Herrn in den Sessel. Zwischen 9 h bis 10 h wurde gemeinsam gefrühstückt. Eine Aufwartefrau putzte vormittags die Wohnung, erledigte die Einkäufe und kochte das Mittagessen. Damit hatte also Cilly nichts zu tun. Jeden Freitag kam die Haushaltshilfe früher, um Cilly beim Baden der Frau zu helfen.
 
Da Cilly in der Nähe des Ehepaares wohnte, konnte sie in ein paar Minuten nach Hause laufen und den eigenen Haushalt versorgen. Um 13 h war sie wieder bei der Patientin, brachte sie ins Bett und machte sie frisch. Sie unterhielt sich noch ein wenig mit den alten Leuten und verließ um 15 h das Haus. Gegen 19 h traf sie zum Abendessen ein, zu dem sie die alte Dame wieder an den Tisch holten. Danach machte sie ihre Patientin zur Nacht fertig und verließ gegen 21 h das Haus.
 
Bevor sie diese Pflege antrat, hatte sich der Ehemann der Patientin, ein alter Herr, der früher eine Bankfiliale leitete, bei Cilly nach ihrem Verdienst im Krankenhaus erkundigt. Anstandslos zahlte er ihr die gleiche Summe. Für dieses Geld hatte Cilly im Krankenhaus wenigstens zehn Stunden hart arbeiten müssen. Bei dem alten Ehepaar konnte sie zwar nie einen Tag frei machen, musste aber nur sechs Stunden anwesend sein. „Für Frühstück, Abendbrot und mittags Kaffee und Kuchen brauchte ich nichts zahlen. Die meiste Zeit ging für unsere Plauderstündchen drauf. Für die alten Herrschaften war Geselligkeit ganz wichtig, die haben das richtig genossen und waren dankbar, wenn man sich Zeit nahm. Eigentlich war ich fast so was wie eine Gesellschaftsdame. Und die waren beide nicht dumm. Nachdem man sich vorsichtig angenähert hatte, machten sie aus ihrer Abneigung gegen Hitler keinen Hehl. Da konnte man offen reden, brauchte keine Angst haben. Nix Heil-Hitler und so.
 
Die Lubi (Anmerkung: Die Haushaltshilfe), die hatte so einen langen komischen Namen, darum riefen alle nur Lubi – die Lubi war eigentlich ´ne Polin. War aber eingedeutscht. Musste mal so einen Deutschtest machen. Da hat der Willy (Anmerkung: Der Ehemann der alten Dame) ihr geholfen. Die war vorher in einer Fabrik mit Akkordarbeit und so. War ganz fertig, die Frau, bevor sie zu Z.´s kam. Die hatte vier Kinder. Bei den Z.´s hat sie mehr verdient als in der Fabrik. Und immer haben sie für die Kinder mitgegeben. Mich haben die alten Leute auch immer beschenkt. Zum Geburtstag, zu Weihnachten, zu allen Festtagen bekam ich sehr teure Geschenke. Hätte ich mir nie leisten können. Schmuck, Radio. Du durftest gar nicht aus Versehen sagen, das oder das würde ich mir gerne mal anschaffen.
 
Wenn mein Mann mal was in der Wohnung reparierte, also, der wollte dafür nichts haben, also kein Geld. War doch normal, mal zu helfen. Die waren dann so dankbar. Das war richtig peinlich. Man konnte das nicht ausreden. Dann haben sie ihm Zigarren mitgeschickt, mal einen Cognak. Aber richtig teuer. Das war uns peinlich, das wollten wir nicht. Aber Willy lachte nur immer und sagte, dass er auf einen Handwerker länger gewartet hätte, der dann viel Dreck macht und noch mehr kassiert. Aber es war uns doch peinlich. Aber sie haben immer gesagt, wir haben keine Kinder. Ihr seid unsere Kinder. (Anmerkung: Cilly und Lubi )
 
Der Willi ging mir immer zur Hand. Für die Pflege hatte ich immer das Beste und Teuerste. Also – wenn die Helene (Anmerkung: Die Patientin ) nicht gestorben wäre, wäre ich niemals ins Krankenhaus zurückgegangen. Da musste man für das Geld richtig ranklotzen. Und die Beiden waren so dankbar, dass Helene nicht weg musste, in ein Siechenheim oder so. Und dann wäre der Willy alleine gewesen. Das hätte nicht geklappt. Als dann Helene ganz plötzlich tot war, ist er gleich ein paar Wochen später hinterhergegangen.
 
Das war gut so. Haben immer Angst vor einem neuen Krieg gehabt. Haben immer gesagt, der braune Lump steckt Deutschland in Brand. Hatten schlimme Erfahrungen vom ersten Krieg. Helenes Brüder kamen im Gas um. (Anmerkung: sie starben in Frankreich an der Front durch einen Giftgasangriff ) Wollten nur Frieden. Haben einem Ernst (Anmerkung: sie hatte nur ungenaue Kenntnisse der Ereignisse. Nach meinen Recherchen könnte nur Ernst Friedrich gemeint sein, ein überzeugter Pazifist, der in Berlin das Internationale Anti-Kriegsmuseum gründete und verschiedene Bücher gegen den Krieg veröffentlichte.) vor Hitler viel Geld für sein Museum gegen den Krieg gespendet. Das haben die (Anmerkung: vermutlich meinte sie durch die SA) 33 (Anmerkung: 1933 ) gleich platt gemacht. Da haben Helene und Willy gesagt, wer sowas macht, der steckt auch Deutschland in Brand. Und der nächste Krieg wird noch viel schlimmer.
 
Für die beiden Alten war es besser so, dass sie den Krieg nicht mehr erleben mussten. Dass ihnen das erspart blieb. Aber die wussten immer, dass er kommt. Das ging ganz schnell. Innerhalb fünf Wochen beide tot. Für sie war es besser. Für Lubi und mich natürlich nicht. Waren ja sowas wie ´ne Familie. Da macht´s das Geld dann auch nicht.“ (Anmerkung: Lubi und Cilly erfuhren nach dem Tod des alten Herrn, dass sie beide von den alten Leuten  als Erben eingesetzt waren. Mit ihrem Erbteil und Ersparnissen konnten Cilly und ihr Mann in Tempelhof ein Einfamilienhaus erwerben.)
 
Natürlich hatten nicht alle Krankenschwestern wie Cilly mit ihren Privatpflegen derartiges Glück. Solche Anstellungen litten oft durch die Abhängigkeit von den privaten Brötchengebern wie bei Maria oder weil man den Pflegenden zusätzlich berufsfremde Arbeiten wie Putzen, Kochen usw aufhalste. Doch in Krankenhäusern, Altenheimen usw bestanden auch Abhängigkeiten. In dem Hierarchiegefüge des Krankenhauses erfuhren Krankenschwestern nicht immer eine entsprechende Anerkennung, hingegen sie in der Regel in den wohlhabenden Familien ein hohes Ansehen genossen. Das äußerte sich auch daran, dass sie meistens die Mahlzeiten mit der Familie einnahmen und nicht beim anderen Gesinde gesondert aßen. Qualifizierte Pflegekräfte, die noch dazu ein gutes Verhältnis zu den Kindern oder anderen Betreuten fanden, hatten oft erheblich bessere und leichtere Arbeitsbedingungen und erhielten häufig mehr Lohn als die Kolleginnen in der stationären Pflege.
 
Begüterte Leute wirkten den allgemeinen Missständen in der Pflege dadurch vor, daß sie kurzerhand eine Krankenschwester für sich und ihre Familie einstellten. Nur dem Großteil der Bevölkerung fehlten dazu die finanziellen Mittel. Wer über das nötige Geld verfügte, brauchte sich auch keine Gedanken darüber zu machen, ob der Arzt im Notfall zum Hausbesuch käme.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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