Geistige Behinderung: Übersicht

Geistige Behinderung Ursachen für eine geistige Behinderung
Umgang mit geistiger Behinderung Down-Syndrom

 

 

Geistige Behinderung

 

 

"Auch ich erwarte mir vom Leben Glück, einen sicheren Arbeitsplatz, Arbeit, die mir Spaß macht, Geld und finanzielle Sicherheit, Akzeptanz und Toleranz, … also: denke ich anders???"

 

 Andauernder Zustand deutlich unterdurchschnittlicher kognitiver Fähigkeiten

 Einschränkungen des affektiven (stark emotional) Verhaltens

 

Medizinisch orientierte Definitionen: 

 

 Minderung oder Herabsetzung der maximal erreichbaren Intelligenz

 International Classification of Diseases: Intelligenzminderung

 

Demenz: Alters- oder krankheitsbedingter Verlust besessener Fähigkeiten

 

Ein Intelligenzquotient (IQ) im Bereich von 70 bis 85 gilt als unterdurchschnittlich. Das wäre eine Lernbehinderung. Ein IQ unter 70 wird als geistige Behinderung angesehen.

Nach der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) besteht eine

 

Behinderungs-grad IQ-Bereich Intelligenz-alter  Auswirkung
leichte geistige Behinderung 50 bis 69 bis 12 Jahre arbeitsfähig, oft gute soziale Bezie-hungen, häufig hervorragende Ein-zelfähigkeiten und Spezialisierungen, in der Praxis oftmals überragend und außergewöhnlich talentiert

mittelgradige Intelligenz-minderung

35 bis 49 bis 9 Jahre deutliche Entwicklungsverzögerun-gen in der Kindheit, gewisses Maß an Unabhängigkeit, oft ausreichende Kommunikationsfähigkeit, brauchen in unterschiedlicher Form Unterstüt-zung in der Alltagsbewältigung
schwere geistige Behinderung 20 bis 34 bis 6 Jahre Beschulung in Sonderschule oder integrative Beschulung mit sonder-pädagogischer Förderung, lebens-lange Unterstützung, bei sicherem geschütztem Umfeld bedingt arbeits-fähig und integrierbar
schwerste geistige Behinderung unter 20 bis 3 Jahre eigene Versorgung ist hochgradig beeinträchtigt, benötigen ständige Pflege und Unterstützung, Wahrneh-mungsschwierigkeiten, überwiegend nonverbale Kommunikation 

 

 

Ursachen für eine geistige Behinderung

     Endogene Faktoren (z. B. erblich bedingt wie Down-Syndrom)

     Exogene Faktoren (z. B. erworben wie cerebrale Schädigung durch Unfall, Sauerstoffmangel während der Geburt, Hirnhautentzündung, fetales Alkoholsyndrom, Strahlung)

  • Häufigste genetische Ursache von geistigen Behinderungen ist das Down-Syndrom.
  • Häufigste nicht-genetische Ursache von geistiger Behinderung ist das fetale Alkoholsyndrom.

(Ursache ist Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft, wodurch das Ungeborene eine Alkoholvergiftung erleidet, Folgen können Entwicklungsstörungen, körperliche Schäden, Missbildungen, geistige Behinderung und Verhaltensstörungen sein.)

 
 
 

Allgemeine Regeln im Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung

Pflegepersonal, pädagogisches Personal, Therapeuten und Psychotherapeuten sollten sich bei Betreuung, Aufgaben und Zielen nicht im Weg stehen, sondern sich gegenseitig unterstützen. Eine gemeinsame Basis muss gefunden werden. Fachübergreifendes Arbeiten ist zwingend erforderlich.

 

Prinzipien

  • Selbstbestimmungsrecht
  • Ganzheitlichkeit
  • Subjekt, kein Objekt
  • Soziale Teilhabe statt Pflege 
  • Überlegte Planung statt Barrierenerrichtung 
  • Achtung und Respekt statt Diskriminierung 
  • Altersgemäße Orientierung
  • Eine Behinderung ist keine Krankheit
  • Partnerschaft ohne Zwang
  • Der Weg zur Selbstständigkeit ist das Ziel
  • Lebensnähe und handelndes Lernen

 

            Aussage Heiko-Roberto (8 Jahre, Down-Syndrom): 

                                      "Ich bin nicht behindert, ich werde behindert."

 

Egal, um welche geistige Behinderung es sich handelt: Umgang und Förderung darf nicht vom Schubkastendenken geprägt sein: Der Klient hat diese Behinderung, also hat er die und die Schwächen oder Stärken und muss nach dem Schema betreut und gefördert werden. Jeder Klient muss individuell betrachtet werden und Förderung und Hilfsprogramme müssen für jeden Einzelnen individuell erstellt werden.

  • "Den Geistigbehinderten" gibt es nicht. Höchstens in den Vorurteilen der sogenannten Nichtbehinderten.
  • Menschen mit geistiger Behinderung sind genauso unterschiedlich und einzigartig wie Menschen ohne Behinderung.
  • Bei jedem Menschen wirkt sich eine Behinderung verschieden aus.
  • Ausschließlich nach dem IQ einzuteilen ist überholt. Denn der IQ vernachlässigt die soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz. 

 

Soziale Kompetenz

Beschreibt das sozial-kommunikative Handeln eines Individuums, die Fähigkeiten, mit anderen Menschen in soziale Interaktion zu treten. Dazu gehören besonders:

  • Emotionale Intelligenz
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Teamfähigkeit
  • Kooperation
  • Kompromissfähigkeit
  • Engagement (Einstellung, Bereitschaft, Motivation, Haltung, Leistungsbereitschaft)
  • Motivation
  • Konfliktfähigkeit
  • Selbstwertgefühl
  • Selbstvertrauen
  • Wertschätzung
  • Empathie (Einfühlungsvermögen)
 

Emotionale Intelligenz

Eigene Gefühle wahrnehmen und einschätzen können. Wer seine Gefühle nicht einschätzen kann, kann auch sein eigenes Verhalten und Reaktionen nicht verstehen und ist unfähig, seine Emotionen zu steuern. Wer seine Emotionen nicht steuern kann:

  • kann seine Emotionen nicht für seine Ziele nutzen
  • entwickelt keine oder nur ungenügende Copings
  • kann sich nicht ausreichend selber motivieren
  • erleidet leicht Misserfolge

Gefühle anderer Menschen einschätzen können. Wer die Gefühle anderer Menschen nicht erkennt, bekommt auch deren häufig versteckte Signale nicht mit und erfährt nicht rechtzeitig, was sie wollen, brauchen oder wünschen. Ohne die Fähigkeit zur Erkennung der Gefühle der Mitmenschen sind:

  • Beziehungen, Bindungen und Integration in eine Gemeinschaft unmöglich
  • Missverständnisse und Konflikte vorprogrammiert

 

Beachtet werden muss auch, ob es sich bei der geistigen Behinderung um eine Früh- oder Spätbehinderung handelt. Ein Betroffener, der durch einen Unfall oder Krankheit geistig behindert wird, sieht sich defizitär. Ein Betroffener mit einer Frühbehinderung sieht sich als "normal" an, vielleicht etwas anders als die vielen "Unnormalen". Dass er Defizite haben soll, lernt er erst von seiner Umgebung durch die Vorurteile der "Nichtbehinderten". Das wiederum wirkt sich negativ auf seine Entwicklung aus.

 

Identität fördern heißt Selbstbewusstsein fördern!

 

Down-Syndrom

Die Ursache für ein Down-Syndrom ist eine Genommutation. Das gesamte 21. Chromosom oder Teile davon liegen dreifach vor. Daher bezeichnet man das Down-Syndrom auch als „Trisomie 21“. Früher nannte man die Behinderung auch „Mongolismus“ oder „Mongoloismus“. Diese Bezeichnung ist falsch. "Trisonomie 21" ist eine Mutation, im engeren Sinne keine "Erbkrankheit". Ursache ist ein abweichender Verteilungsprozess meist in der Meiose, sehr selten in der Mitose.

Als Risikofaktor gilt das Alter der Eltern, darum wird Schwangeren ab 35 Jahren Vorsorgeuntersuchungen angeboten.

Neun Monate nach dem Super-Gau in Tschernobyl stieg die Anzahl der Kinder, die mit Down-Syndrom geboren wurden, im Einzugsgebiet sprunghaft an.

Ob und wie stark Symptome auftreten ist völlig unterschiedlich. Trotz häufig äußerlich ähnlichem Erscheinungsbild sind Menschen mit Down-Syndrom mit ihren Stärken und Defiziten genauso unterschiedlich wie Individuen ohne Behinderung.

Körperliche Symptome können, müssen aber nicht auftreten    Syndrom!
 
Menschen mit Down-Syndrom weisen häufig typische körperliche Merkmale auf. Zuerst fallen die Augen auf. Sie stehen oft weit voneinander ab mit einer Hautfalte am inneren Augenwinkel. Die Augenlider erscheinen schräg. Häufig ist das Gesicht sehr flach und das Nasenbein unterentwickelt (Stupsnase). Die Ohren sind oft sehr klein, die Hände gedrungen mit einer durchgehenden Handfurche (Vierfingerfurche, früher Affenfurche). Die Oberschenkelknochen und Oberarmknochen können im Vergleich sehr kurz sein. Viele Menschen mit Down-Syndrom haben die Jesuslücke (Sandalenlücke). Das Aussehen des fünften Fingers kann abweichen (beispielsweise unterentwickeltes oder fehlendes Mittelglied, gebogen).
 
Oft sind sie in ihren kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt, aber das muss nicht sein = Syndrom. Down-Syndrom ist nicht gleich Down-Syndrom. 
 
 
 
Bei Kindern mit Down-Syndrom spielt eine intensive Frühförderung eine explizite Rolle, um ein möglichst selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu erreichen.
Normalerweise ist ein Down-Syndrom schnell erkennbar, sodass bereits im ersten Lebensjahr eine viele Bereiche umfassende Frühförderung einsetzen kann. Langzeitstudien (Wales: Woods, Corney, Pryce 1984, Israel: Sharaf, Shlomo 1986, Australien: Berry, Gunn, Andrews 1984, USA: Schnell 1984) belegen, dass Kinder mit Down-Syndrom, die im ersten bis circa sechsten Lebensjahr an der Frühförderung teilnahmen, im ersten bis zweiten Lebensjahr keine oder nur eine leichte bis mäßige intellektuelle Entwicklungsverzögerung zeigten. Eine geistige Behinderung kann, aber muss nicht beim Down-Syndrom auftreten = Syndrom. 
 

Kinder mit Down-Syndrom können einen Herzfehler haben und sehr klein sein, bzw einen kleinen Kopf haben. Es könnte ein erhöhtes Risiko für einen Darmverschluss bestehen. Auch eine auffallende Muskelschwäche kann auftreten. Das Risiko für eine Leukämie ist stark erhöht, für eine Fehlfunktionen der Schilddrüse leicht erhöht. Kinder mit Down-Syndrom sind oft anfälliger für Infektionskrankheiten. Häufig haben sie zusätzlich eine Schwerhörigkeit und oder eine Sehbehinderung.

 

Verhaltensstörungen bei Menschen mit Down-Syndrom sind nicht genetisch bedingt, sondern anerzogen (Z.B. Luxusverwahrlosung).

 

 
 
Die Welt
10.06.09
Jan Marot
 
Europas erster Lehrer mit Downsyndrom
Der 34-jährige Spanier Pablo Pineda ist Europas erster Akademiker mit Downsyndrom. Sein Traumberuf Lehrer ist nur noch vier Prüfungen entfernt. So ungewöhnlich ist das nicht: In Spanien gehen 85 Prozent der Kinder mit Downsyndrom in eine reguläre Schule. WELT ONLINE sprach mit Pineda über Lernen, Behinderung und überbehütete Kinder.
 
Pablo Pineda schloss sein Lehramtsstudium ab und machte in diesem März sein Lehrpraktikum in Córdoba. Pineda bereitet sich zur Zeit auf die Prüfung zur Zulassung in den öffentlichen Dienst vor, zum Abschluss des Psychopädagogik-Studiums fehlen ihm nur noch vier Prüfungen. Beim Filmfestival von Málaga Ende April wurde der vom Leben Pinedas inspirierte Spielfilm "Yo también" ("Ich auch") mit ihm selbst in der Hauptrolle präsentiert: Leben, Lieben, Leid und Freude während der Studienzeit. Mit Pineda sprach Jan Marot.
 
WELT ONLINE : Wie haben Sie selbst vom Downsyndrom erfahren?
 
Pablo Pineda : Es waren nicht meine Eltern, die es mir sagten. Es war mein Lehrer. Ich war etwa sieben Jahre alt, als er mich fragte, ob ich wüsste, was das Downsyndrom sei. Natürlich sagte ich ja. Er durchschaute mich aber, und erklärte mir die Genetik des Downsyndroms. In dem Alter war das eine echt harte Nuss. Für mich klang das wie Aramäisch. Das war schon heavy. Ich hatte nur zwei Fragen: "Bin ich dumm?" Er antwortete: "Nein." "Kann ich weiter in die Schule gehen mit meinen Freunden?" Er sagte: "Kein Problem." Der Rest, der war mir egal.
 
WELT ONLINE : Wie die Mehrzahl der spanischen Kinder mit Downsyndrom. 85 Prozent gehen mittlerweile in eine reguläre Schule …
 
Pineda : Ja, jetzt. Aber früher existierte die Integration nicht. Das ist der aktuelle Höhepunkt einer Entwicklung. Ich war der erste Schüler, der mit Downsyndrom an eine öffentliche Schule ging.
 
WELT ONLINE : Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit?
 
Pineda : In der Schule hatte ich einen Riesenspaß, wie nie zuvor mit meinen Freunden. Es waren wunderschöne, interessante und auch harte Erfahrungen, die ich erlebte. Aber insgesamt war es eine unglaublich bereichernde Phase meines Lebens. Es gab bessere und schlechtere Tage. Besonders die Pubertät war hart. Die ist aber immer sehr schwierig. Ich selbst konnte damals teils nicht in und mit meiner Haut leben.
 
WELT ONLINE : Warum fiel Ihre Wahl auf das Lehramtsstudium?
 
Pineda : Als Kind "pilgerten" die Ideen, wie ich so sage. Ich wollte mal Anwalt werden, dann Journalist. Ein Professor und Mentor riet mir: "Pablo, Studien sind hart. Es herrscht starke Konkurrenz. Studiere doch Lehramt." Das habe mehrere Abschlussvarianten. Ich bereute es keine Sekunde. Ich arbeite sehr gerne mit Kindern. Und ich fühle mich sehr nützlich.
 
WELT ONLINE : Absolvieren Sie ein fixes Tageslernpensum?
 
Pineda : Von nichts kommt nichts. Ich lerne etwa sechs, sieben Stunden am Tag. Die Abende halte ich mir frei. Ich bin tagaktiv (lacht) und kein Nachtschwärmer. Und ich lerne immer mit Musik. Seien wir einmal ehrlich, ein Studium ist nicht einfach, und mit Downsyndrom, das mich etwa um 30 Prozent einschränkt, ist es umso schwerer. Für seine Zukunft muss man kämpfen.
 
WELT ONLINE : Was bringt es mit sich, der erste Uni-Absolvent Europas mit Downsyndrom zu sein?
 
Pineda : Es ist eine große Verantwortung. Ich weiß, dass es viele Eltern gibt, viele Väter und viele Mütter, die Kinder mit Downsyndrom haben. Sie brauchen jemanden, der ihnen zeigt und sagt: "Dein Kind kann es." Dann kommen Medien hinzu, die stets Nachrichtenwertes suchen. Und ich will ja auch einem Teil der Bevölkerung ein Gesicht geben, der so gut wie nie eine Nachricht wert war. Die Medien mögen mich – und sie rufen mich an, bis zu 30 Mal an einem einzigen Tag. Das zehrt schon etwas an mir.
 
WELT ONLINE : Haben Sie bereits Stellenangebote?
 
Pineda : Noch nicht. Bei der Stadtverwaltung von Málaga käme ich mit der Zulassungsprüfung für den öffentlichen Dienst meinem Ziel, ein fixes Einkommen zu haben, näher. Für meinen Film lebte ich mit einem Kollegen in Sevilla beim Dreh zusammen. Das war der Punkt, an dem ich beschloss, meine eben erfahrene Unabhängigkeit fix zu planen. Wo ich schließlich arbeite, werden wir sehen. Das kann in der Ausbildung sein, in der Berufsorientierung, in der Beratung, wer weiß. Ich bin flexibel.
 
WELT ONLINE : Was ist Ihrer Meinung nach eine "Behinderung der Gesellschaft" an sich?
 
Pineda : Das größte Manko der Gesellschaft ist, das Anderssein nicht verstehen zu können. Aus dem Nichtverstehen heraus etikettiert man. Die "Homosexuellen", die "Immigranten", bis hin zu "den Frauen". Man teilt in Kollektive. Das "andere", da wissen viele nicht, wie man es behandeln soll. Sie isolieren es, verkindlichen den Umgang mit ihm, oder sie meiden es schlichtweg. Es entstehen Stereotype, Vorurteile, bis hin zu Wörtern wie "Discapacidad" ("nicht fähig sein"), dem spanischen Wort für Behinderungen.
 
WELT ONLINE : Was wäre für Sie eine sprachliche Alternative? Denn auch das spanische "Minusvalido" ("minderwertig") ist keineswegs adäquat …
 
Pineda : Es ist eine Beleidigung, jemanden "nicht fähig" oder "behindert" zu nennen. Warum nicht schlicht und einfach "anders", "andere Menschen"?
 
WELT ONLINE : Was denken Sie über Abtreibungen von Embryonen mit einer pränatal diagnostizierten Behinderung, wie sie auch aktuell in Deutschland debattiert werden?
 
Pineda : Ich bin gegen die Abtreibung. Aber nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Gründen der Erfahrung. Es sind harte Erfahrungen, aber extrem bereichernde, die man durch eine Abtreibung eines behinderten Kindes niemals erleben würde. Eltern mit Kindern, die "anders" sind, verbessern sich auch als Eltern. Sie werden toleranter und solidarischer. Das ist doch eine Chance, die man nützen sollte. Die Auswahl des Kindes à la carte ist nicht gut. Denn schlussendlich wählen wir das Perfekte. Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer. Auch Blumen sind verschieden, und alle sind schön. Der Drang zur sozialen Homogenisierung ist ein Übel der Gesellschaft. Wenn alle gleich denken, gleich aussehen, alle "uniform" sind, dann ist das Faschismus.
 
WELT ONLINE : Der durch ihr Leben inspirierte Film hat auch romantische Züge. Träumen Sie von einer eigenen Familie?
 
Pineda : Das ist schwer. Die Literatur über Downsyndrom dreht sich zumeist um Genetik, kognitive Wahrnehmung oder etwa das Verhalten. Nie wird Zuneigung unter Menschen mit Downsyndrom diskutiert. Hier schlägt die Moral mit voller Wucht zu. In Spanien, nach 40 Jahren Franco-Diktatur und mit einer ständig demonstrierenden katholischen Kirche, ist das ein Tabu. Es ist schwer, über Sex zu reden. Man muss endlich die Moral vom Realen trennen. Manche Medien haben eine fast krankhafte Sensationsgier. Ich lehnte etwa eine Einladung von einer Talkshow, die "La Noria" heißt, ab, wo es um Sex und Behinderung gehen sollte. Da konnte ich nicht hingehen, das ist einfach zu sensationalistisch. Es ist ein privates, heikles Thema, und auch Freunde rieten mir ab, teilzunehmen. Sie wirkten dann bei dem Fernsehsender auch etwas ratlos nach meiner Absage.
 
WELT ONLINE : In Österreich und Deutschland wurden unzählige Menschen mit Downsyndrom während des Nationalsozialismus ermordet. Durch Nachkriegsstudien wurde lange der Glaube verbreitet, dass das Downsyndrom mit einer Lebenserwartung von 30 Jahren einhergeht?…
 
Pineda : Das sind die Mythen, die aufgrund der Geschichte von Staaten und der Wissenschaft entstehen. Die Situation ist heute eine ganz andere. Wir werden alt. Es hängt davon ab, wie wir uns körperlich und geistig fit halten. Wie viele junge Menschen mit Downsyndrom war ich übergewichtig. Mit Training und einem Ernährungsplan verlor ich zwölf Kilo. Und ich hatte das Glück, dass ich in einer kulturbegeisterten Familie heranwuchs. Mit Tageszeitungen und einer Bibliothek. Das weckte sehr früh meine Neugier. Wenn man jemandem Kultur verbietet, dann tötet man ihn auf eine gewisse Weise.
 
WELT ONLINE : Was ist Ihrer Meinung nach essenziell in der Erziehung von Kindern mit Downsyndrom?
 
Pineda : Österreich, die Schweiz und Deutschland sind kulturell anders als Spanien, vielleicht versteht man mich dort besser. Erstens: Dass sie ihr Kind wie ihr Kind behandeln und nicht wie einen "Behinderten". Sie müssen es erziehen und ausbilden. Sie sollten mit ihrem Kind reden, denn der schlimmste Feind von Kindern mit Downsyndrom ist die Stille. Sie sollen keine Komplexe haben. Raus ins Freie mit ihnen. Sie sollen zeigen, dass es ihr Kind ist. Sie sollen es niemals überbehüten, nie. Sie sollen es psychisch und physisch stimulieren und so Autonomie lehren. Denn was geschieht, wenn sie als Eltern einmal nicht mehr da sind?
 
 

 

Aline Fávaro Tomaz

 


Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!