Fruchtbarer Boden

 

Professor Hoche, der radikale Verfechter der Euthanasie, auf den sich immer wieder die Nazis beriefen, wurde ein entschiedener Gegner der Euthanasie. Die Begründung dieses Sinneswandels war eine Verwandte, die durch den Naziterror umkam. Und genau hier erkennt man eine wichtige Problematik. Die Menschen, auf die er vorher zielte, die er umgebracht wissen wollte, die er selber ausgrenzte, waren eine abstrakte, anonyme Masse. Zu seiner Verwandten hatte er aber eine persönliche Beziehung. Als Psychiatrieprofessor fehlte ihm der intensive Kontakt zu seinen Patienten.

Wer sich schon mal auf einer psychiatrischen Klinik oder eine Einrichtung mit Geistigbehinderten mit eher "schwereren Fällen" beworben hat, kennt die Situation der ersten Hausbesichtigung, wenn er ehrlich genug ist: Schock. Mein Vorstellungsgespräch in einer kleinen Behinderteneinrichtung lief teilweise im Tagesraum meiner zukünftigen Gruppe ab: eine Bewohnerin versuchte mir zweimal einen Büschel Haare auszuziehen, eine zweite sprang ab und zu auf, um mit aller Gewalt gegen einen Stuhl zu treten, ein Mann saß im Rollstuhl und schrie unentwegt und in einer Ecke stand schaukelnderweise jemand und brummte. Blitzschnell tauchte ein Betreuter einer anderen Gruppe auf und entriss mir meine Kaffeetasse, während hinter mir ein Bewohner stand, der mir gerade die Schulter vollsabberte.

Hätte ich nicht bereits früher in ähnlichen Einrichtungen gearbeitet, wäre ich mit Sicherheit geflohen. Nach einigen Tagen kannte man die Namen der Betreuten, ihre Eigenheiten, ihre Geschichte und vor allem auch ihre Stärken.  Man lernte, ihre Gesten, Laute und Schreie einzuordnen und ihre Mitteilungen zu verstehen, auch wenn die Meisten nicht in der Lage waren, sich sprachlich zu artikulieren. Und es dauerte gar nicht lange, dass man sich manchesmal als aufmerksamer Beobachter fragen musste, wer denn nun eigentlich einen "Knall" hat: die drinnen oder die draußen? Aber da hatten die Bewohner ein Gesicht, eine Persönlichkeit, eine Beziehung war geknüpft. Allerdings gehörte zu meiner Gruppe, wenn auch schwerstbehindert, nur neun Menschen.

Wie sah es in der damaligen Zeit aus? Es gab keine Kleingruppen, sondern zumeist riesige Krankensäle. Es ist bekannt, dass sich unruhige Patienten gegenseitig "hochschaukeln". Ein Beispiel aus meiner Kleingruppe: Petra schrie markerschütternd laut prinzipiell beim Duschen, denn das gefiel ihr nicht sonderlich. Ihr Gekreische machte Mecki nervös und er begann zu brummen. Daraufhin wehrte sich entnervt Edward mit seiner durchdringenden Stimme gegen seine Ruhestörung. Irgendwann ertrug Karin nicht mehr diese Lautstärke, riss sich die Haare aus und brüllte nun ihrerseits. Das nervte natürlich wiederum die Anderen und erzeugte Aggressionen. Also fing Nashi heimlich an, Wehrlosere zu kneifen. Wie sollten die schon reagieren: sie machten ihren Unmut mit den Mitteln deutlich, die sie beherrschten und die Geräuschkulisse schnellte in die Höhe wie bei einem Auftritt der Rolling Stones direkt vor dem Lautsprecher. Dazu schlug Karin ihren Kopf auf die Tischplatte, während Nashi ihr den Arm blutig kratzte, Michel schlug sich mit der Faust vor den Kopf, Petra trampelte Etwas um und Rosi riss jemanden einen Haarbüschel aus. Eine völlig alltägliche, harmlose Situation.

Einzeln genommen waren alle neun Menschen liebe und angenehme Zeitgenossen mit einem ausgeprägten Ruhe- und Sicherheitsbedürfnis. Würde die heutige Gesellschaft verständnisvoller und toleranter mit Behinderten umgehen und entsprechende finanzielle und räumliche Vorraussetzungen schaffen, hätte ich ohne weiteres einen, egal welchen, dieser Menschen mit nach Hause als "Heimarbeit" genommen. Doch dann muss auch meine finanzielle Sicherheit gegeben sein. In diesem Falle einer Einzelpflege im familiären Rahmen mit fachmännischer Unterstützung wären die "Ausrutscher" gering gewesen. Etliche Familien behielten ihre schwerstbehinderten Angehörigen zu Hause, wenn staatlicherseits behindertenfreundlicher Wohnraum, materielle Unabhängigkeit und Unterstützung von Fachpersonal gewährleistet werden würde. Denn nicht Menschen mit Behinderung sind das Problem, sondern ihre Kasernierung. Behinderteneinrichtungen gehören zugunsten Familienpflegen restlos abgeschafft.

Da das aber nicht der Fall ist, saß ich bei aller Wertschätzung gegenüber meinen Bewohnern auch des öfteren abgeschottet in der Gruppenküche und bastelte bis Hundert zählend an meinem lädierten Nervenkostüm und den strapazierten Trommelfellen. Ich würde glatt lügen, wenn ich behaupte, dass mir eine solche Gruppendynamik nicht zu schaffen machte. Obwohl ich jeden Einzelnen kannte und mit ihm auch sehr gute Erlebnisse hatte. Da waren die kleinen Fortschritte, über die ich mich freute, das Vertrauen, was ich genoss. Es gab harmonische Stunden, diese uneingeschränkte Freude, wenn sie mich erblickten, und liebevolle Annäherungen. Doch diese Erfahrungen bleiben denen verschlossen, die nur selten in eine derartige Einrichtung kommen. Ihr Erscheinen löst häufig Unruhe aus, weil sie als Eindringlinge keine vertrauten Bezugspersonen sind. Besucher erhalten also so oft ein schräges Bild.

Ein Professor Hoche erschien in seiner Zeit bei den Visiten mit Sicherheit im üblichen Arztkittel, das Symbol für schmerzhafte Untersuchungen und unangenehme Therapien. Krankensäle, in denen manchmal bis zu achtzig Personen zusammengepfercht waren, erlaubten kaum eine individuelle Sicht. Und bei den Visiten damals zog der Herr Professor einen ganzen Tross Pflegekräfte und Ärzte hinter sich her. Da brauche ich nicht viel Phantasie, um zu begreifen, was in diesen Momenten abging. Mich hätten keine zehn Pferde in so einen Saal des Elends hereinbekommen und freiwillig wäre ich nie bereit gewesen, dort zu arbeiten. Dazu kommt die Versorgungslage der als Pfleglinge bezeichneten Patienten. Die Verpflegungssätze erlaubten nur eine knappe Ernährung. Die hygienischen Verhältnisse waren schon so oft genug bedenklich, auch ohne die ständigen Überfüllungen. Die Pfleger in den Psychiatrien hießen Wärter. Sie waren meistens nicht als Pflegekräfte ausgebildet In der Regel lebten sie in den Anstalten selber unter misslichen Verhältnissen. Nicht selten schliefen sie sogar in den Krankensälen. Also auch die Rahmenbedingungen stimmten nicht, um einem Außenstehenden einen positiven Eindruck von den Insassen zu vermitteln.

Genau diese Umstände erklären, wodurch Hoche seine Einstellung zur Euthanasie gewann. Er hinterfragte nicht die Lebenssituation seiner Patienten, denn die war die Norm. Er betrachtete nur als Außenstehender eine Szene, die Abscheu und Entsetzen über solch ein "Menschenmaterial" hervorrief. Seine Patienten trugen kein Gesicht. Als es aber seine Verwandte erwischte, da begriff er die individuelle Katastrophe. Zu ihr besaß er eine menschliche Bindung, sie hatte die Chance, ihm ihr Gesicht zeigen zu können. Nur so kann erklärt werden, warum der eiserne Verfechter der Euthanasie ein entschiedener Gegner wurde, der Kollegen zum Boykott und Sabotage gegen die T4-Aktion ermunterte.

 

 

 

 

 

 

 

 


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