Nationalsozialismus: Übersicht

Das Ende der Weimarer Republik   Gleichschaltung

 

 
Im Frühjahr 1930 wiegte man sich noch in der Sicherheit, dass die Weimarer Republik gefestigt sei: trotz Dolchstoßlegende und polemischen Hetzereien gegen die „Novemberverbrecher“ war es den Rechten, also Nationalen, Nationalsozialisten, reaktionären Monarchieanhängern und zahlreichen Freikorps, nicht gelungen, eine  reaktionäre Massenbewegung auszulösen, die die Weimarer Republik stürzen könnte. Dieses Sicherheitsgefühl trog. Die Mißerfolge der Rechten führte zu einer Radikalisierung und auch zu Zusammenschlüssen. Die Gefahr von rechts wurde krass unterschätzt. Röhms SA (Sturmabteilung) terrorisierte schon weit vor der Machtübernahme am 30.1.1933 Andersdenkende.
 
Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit trieben der SA zu Scharen Neumitglieder zu. 1932 zählte die SA 400 000 Mitglieder und übertraf damit bei weitem die Stärke der Reichswehr. Da wurden Versammlungen linkseingestufter Verbände oder Vereine überfallen, randaliert, Menschen auf brutalste Art zusammengeschlagen. Die Sozialdemokraten versuchten ihre Veranstaltungen mit dem „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ zu schützen und die Kommunisten mit dem „Rotfrontkämpferbund“. Zahlen- und waffenmäßig waren sie jedoch unterlegen. Immer wieder eskalierte zwischen SA und linken Kampfverbänden die Gewalt in Form von Saalschlachten bis zu bürgerkriegsähnlichen Straßenkämpfen.
 
Und mittenmang waren auch Pflegekräfte. Zum einen als Augenzeugen, zum andern als Mitstreiter. Als unbeteiligte Augenzeugen blieben ihnen wie der restlichen Bevölkerung der Terror nicht verborgen. An ihren Arbeitsstellen wurden viele Pflegekräfte mit den Opfern dieser Gewaltwelle konfrontiert. Viele alte Pflegekräfte, aber auch andere Alten berichteten mir, dass es nach großen Schlägereien mit der SA häufig zu sogenannten „Säuberungsaktionen“ kam. Bewaffnete SA-Leute stürmten die naheliegenden Krankenhausambulanzen oder Rettungsstellen auf der Suche nach verletzten politischen Gegnern. Nicht selten wurden dabei Pflegekräfte und Ärzte massiv bedroht. Wenn sie versuchten, die Verletzten zu schützen, mussten sie damit rechnen, selber zusammengeprügelt zu werden. Oft wurden die Patienten verschleppt, manchmal direkt vor Ort weitergeschlagen.
 
Ärzte und Pflegekräfte reagierten unterschiedlich. Teilweise wurden Patienten abgewiesen aus Furcht vor den SA-Razzien. Leichtverletzten riet man oft von einer Behandlung ab mit dem Hinweis auf die Gefahr und schickte sie zu niedergelassenen vertrauenswürdigen Ärzten. Manchmal verzichtete man auf eine sofortige Notbehandlung und verbrachte die Patienten ersteinmal auf Station, wo sie dann versorgt wurden. Fast alle erzählten übereinstimmend, dass das restliche Krankenhaus außerhalb der Notaufnahme von den SA-Horden normalerweise verschont blieb.
 
Allerdings erzählte ein Pfleger, dass bei ihm im Urban-Krankenhaus einmal eine SA-Meute während eines Eingriffes in den Operationssaal stürmte. Der Patient mit üblen Stichwunden wurde vom Tisch geschmissen und mitgeschleppt.
 
Es gab aber auch pflegerisches und ärztliches Personal, das den Nazis nahestand. Zwar lieferten sie nach den mir erzählten Berichten niemanden aus, aber die SA bekam die Personalien von dem Betroffenen, was fast genauso schlimm war. Daher war es üblich, dass Betroffene nicht die richtigen Personalien angaben, aber das Pflegepersonal und Ärzte sollen häufig auch von sich aus erfundene Namen und Anschriften notiert haben. Alfons E. geboren 1903, wurde bei einer Demonstration 1932 schwer verletzt und in ein Berliner Krankenhaus in Tempelhof gebracht. Bei der Aufnahme sprach ihn der Arzt von vornherein mit einem anderen Namen an, der auch auf seinen Krankenpapieren vermerkt wurde. Derartige Erlebnisse erfuhr ich von mehreren linksorientierten alten Mitbürgern.
 
Zwar entschieden seltener, denn die Justiz war dazumal auf dem rechten Auge blind, konnte es auch passieren, dass die Polizei in ähnlicher Manier die Rettungsstellen heimsuchte. Besonders dann, wenn es bei gewalttätigen Auseinandersetzungen Tote gegeben hatte. Daher suchten die SA-Leute, wenn sie selber verletzt wurden, nicht unbedingt gerne ein öffentliches Krankenhaus auf. So pflegten beispielsweise Krankenschwestern des „Deutschen Frauenordens“ in der Berlin-Schöneberger Kurfürstenstraße ihre braunen Straßenkämpfer in einem privat untergebrachten SA-Krankensaal wieder gesund. Auch in der Bärwaldstraße in Schöneberg gab es eine derartige SA-Krankenstation. Etliche Pflegekräfte stellten also von Anfang an ihre Arbeitskraft freiwillig und ungezwungen dem braunen Terror zur Verfügung.
 
 
Eigenartigerweise konnte ich in der gängigen Literatur dazu nichts finden. Für die Richtigkeit dieser Angaben spricht aber, dass sowohl die Nazis, wie auch die Kommunisten eine eigene Notfallversorgung organisierten. Die SA verfügte über Fahrzeuge, mit denen Schwerstverletzte in Rettungsstellen weitab vom Geschehen gebracht werden konnten. Eigene Pflegekräfte und Ärzte versorgten Leichtverwundete selber oder brachten sie zu niedergelassenen Ärzten, die mit ihnen sympathisierten, oder zu ihren fliegenden Ambulanzen. Verwundete SA-Männer erhielten in sogenannten SA-Lazaretten wie in der Kurfürsten- oder Bärwaldstraße ärztliche und pflegerische Hilfe.
 
Die Sanitäter der „Roten Hilfe“ oder des „Proletarischen Gesundheitsdienstes“  begleiteten direkt die kommunistischen Veranstaltungen. Kenntlich waren sie meist durch eine weiße Armbinde mit rotem Kreuz, dass oben in eine stilisierte rote Faust endete und durch ihre mitgeführten Verbandstaschen. Auch sie verfügten über eigene Fahrzeuge, die in der Nähe von Großveranstaltungen parkten. Bei derartigen Veranstaltungen richteten sie Notfallstationen häufig in Privatwohnungen ein, die schnell erreichbar waren, aber versteckt genug lagen, dass die Nazis sie nicht fanden. Dort deponierten sie Verbandsmaterial und medizinische Geräte, die auch kleinere Eingriffe erlaubten. Während solcher Ereignisse waren diese Stationen mit Pflegekräften, und zwar überwiegend Krankenschwestern, und Ärzten besetzt.
 
Eine von ihnen war Paula,  eine überzeugte Kommunistin. Sie arbeitete oft beim Saalschutz für die „Rote Hilfe“ als Sanitäterin. Nachdem die Nazis auf die weiblichen Sanitäter fast noch mehr Hatz machten wie auf die männlichen Kollegen, verblieb sie meist auf diesen Stationen. Die SA stürmte bereits 1932 in ihrer Abwesenheit die Wohnung, sie wurde rechtzeitig gewarnt und emigrierte auf Anraten der Genossen im Februar 1933 nach Prag. Dort fand sie bis zum deutschen Einmarsch Arbeit in einem Krankenhaus. Später schloß sie sich einer kommunistischen Partisanengruppe in Jugoslawien an. Nach dem Krieg kehrte sie nach Berlin zurück und arbeitete wenige Wochen in der Charité. Ein schlecht verheilter Beinbruch, den sie 1942 erlitten hatte und durch den sie hinkte, zwang sie zur Berufsaufgabe. Sie übernahm dann in Berlin-Neukölln einen kleinen Laden, in dem sie noch mit 87 Jahren Zeitungen und Tabak verkaufte.
 
Auch die Sozialdemokraten und Gewerkschaften organisierten aufgrund leidvoller Erfahrungen ärztliche und pflegerische Unterstützung während ihrer Veranstaltungen. Hier versorgten meist die Pflegekräfte der Arbeiterwohlfahrt und des Arbeiter-Samariter-Bundes eventuelle Opfer von SA-Überfällen. 1932 wurde Deutschland von den Nazi-Schlägertrupps regelrecht überrollt. Wer zu diesem Zeitpunkt dachte, es könne nicht schlimmer kommen, irrte gewaltig. Denn 1933, nachdem Hitler an die Macht gekommen war, richtete sich ihr blinder Haß gegen alle Menschen, die im Verdacht standen, zur Opposition zu gehören.
 
Berlin-Schöneberg: Der Rechtsanwalt und sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Günther Joachim stirbt nach Folterungen der SA in der sogenannten Schutzhaft am 20.3.1933 an den Folgen der Mißhandlungen im Moabiter Krankenhaus. Am 27.3.1933 stirbt Max Bielecki im Urban-Krankenhaus. Dem Leiter des Roten Frontkämpferbundes in Schöneberg wurden in der SA-Kaserne General-Pape-Straße unter anderem beide Nieren zerquetscht. Derartige Berichte ließen sich endlos fortsetzen. Besonders die Krankenhäuser in den traditionellen Arbeiterbezirken von Berlin erlebten in der ersten Häfte des Jahres 1933 eine Flut von schwersten Verletzungen in ihren Notaufnahmen, die den Opfern von SA- und SS-Horden beigebracht wurden.
 
Cilly erzählte von einer Krankenschwester eines Tempelhofer Krankenhauses in Berlin, die einem zusammengeschlagenden Passanten in der Nähe des Krankenhauses zur Hilfe eilte. Ein vorüberfahrender Lastwagen, besetzt mit Nazi-Uniformierten, fuhr vorbei. Die Männer beschimpften sie auf das Übelste und schmissen nach ihr mit einer Eisenkugel, nur weil sie bei dem Mann ´Erste Hilfe´ leistete. Die Kugel in der Größe eines Tennisballes verfehlte knapp den Kopf der Ordensschwester. Cilly wählte durch den Einfluß ihres Ehemannes 1932 die SPD.
 
Elfriede beobachtete ständig das Abholen von Männern in der Umgebung des Stadtkrankenhauses Görlitz. Leise tuschelte man darüber, wer gerade wieder verschwunden war. Angst machte sich breit im Pflegepersonal. Politische Diskussionen mieden die Schwestern untereinander. Die mitteilsame Elfriede wurde auffallend zurückhaltend und vorsichtig. Die Krankenschwestern in Görlitz tendierten eher zur Zentrumspartei.
 
Ilse bekam in dem kleinen Siechenheim am Rande Berlins im Villenviertel wenig mit von den Ausschreitungen. Allerdings demolierten 1933 Nazibanden ein Geschäft, das sie gerade in einer Lichterfelder Einkaufsstraße aufsuchen wollte, und verdroschen den Ladenbesitzer und seine Frau. Mit dem älteren Ehepaar hatte sie bei ihren Besorgungen immer nett geplaudert, sodass sie diesen Laden bevorzugte. Als die Schaufensterscheiben klirrten, rannte sie weg. Sie selber sagte dazu, dass sie zwar einen Schreck bekommen hatte, aber über diese Ereignisse dennoch nie nachdachte.
 
Der „Schreck“ war bemerkenswert, denn ab da ging sie nicht mehr in die Einkaufsstraße, sondern ließ sich das, was sie brauchte, mitbringen, sogar Kleidung und Schuhe. Zu Gottesdiensten suchte sie nur noch die kleine Kapelle im Erdgeschoss des Pflegeheims auf. Frische Luft schnappte sie nun im hauseigenen Garten. Sie war nicht für die Nazis, sie war aber auch nicht gegen sie. Ilse ging nie zur Wahl und wusste auch nicht, wer gerade in der Politik den Ton angab. Sie kaufte keine Zeitung und besaß kein Radio. Nachdem sie ihre Verlobung löste, zog sie sich komplett in das Pflegeheim zurück. „Das da draußen interessierte mich nicht“. Ihre Welt war die Pflegeeinrichtung, wo sie wie unter einer Käseglocke lebte und arbeitete. Die Wochentage schlichen unbemerkt vorüber. Nur die Sonntage registrierte sie: „Da war länger Messe und das Essen besser“.
 
Vom Weltgeschehen erfuhr sie genau soviel, was ihr die alten Damen mitteilten. Die katholischen Schwestern nahmen die Mahlzeiten miteinander ein. Ilse als freie Schwester aß alleine in der Küche der Station und musste gleichzeitig die Klingeln versorgen, damit die Kongregationsschwestern zu einer ungestörten Pause kamen. Selten erörterten die Schwestern mit ihr politische Tagesthemen. Als sie sich irgendwann einmal über das schlechte Essen beklagte, sagte ihr die Oberin, dass das nun mal im Krieg so sei. Für Ilse begann der Krieg also erst 1942.
 
Das sollte aber nicht den Eindruck erwecken, dass die Frau geistig beschränkt war. Sie hörte aufmerksam zu und war ausgesprochen anteilnehmend und mitfühlend. Doch man spürte dabei eine Distanz. Sie ließ nicht wirklich etwas an sich heran. Obwohl sie mir fasziniert zuhörte und begierig darauf war, etwas aus meiner Lebenswelt zu erfahren. Man hatte ein wenig das Gefühl, dass ihr das eigene Leben gleichgültig war. Es machte ihr große Probleme, sich an Erlebnisse zu erinnern und über sich selbst zu berichten. Sie lebte in einer eigenen Welt, die der Realität nicht ähnelte und die sie aber auch nicht mitteilen konnte. So beobachtete sie ihre direkte Umwelt mit den Augen eines Theaterbesuchers. Das Geschehen auf der Bühne war spannend, hatte aber mit ihr persönlich nichts zu tun. Ilse war es nicht einmal bewusst, dass sie sich der braunen Gegenwart verweigerte, indem sie das Grundstück nicht mehr verließ.Der Schock vor dem jüdischen Geschäft hatte bei ihr eine tiefe PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) ausgelöst.  
 
Arthur wurde aufgrund seines lockeren Mundwerkes und wegen seiner bekannten Neigung zu den „Sozis“ in die Pathologie versetzt. Er sah nicht nur die Gewalt auf der Straße. Grenzenlos war sein Entsetzen über zugerichtete Nazikritiker, die er auf den Seziertisch bekam. Er fing an zu schweigen. Bis dahin schilderte er sich selber als ein „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“, der überall mitmischen musste. Die Frauenherzen flogen ihm zu und er führte ein „Bienchendasein“.   Durch die politischen Verhältnisse suchte er zunehmend Sicherheit. Er heiratete einer seiner „Blumen“, die unter normalen Verhältnissen nicht unbedingt seine erste Wahl gewesen wäre. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit im Herbst 1935 wechselte er in die Psychiatrie. Auch dort wurde er mit Naziopfern konfrontiert, die durch Übergriffe oder Folter den Verstand verloren hatten, verkrüppelt worden waren oder die man einfach als verrückt erklärte, weil sie die Meinung der neuen Machthaber nicht teilten. Klammheimlich versuchte Arthur zu helfen. Auf sein „Blümchen“ konnte er sich verlassen. Daheim sorgte sie für ein Stück Normalität. Dort konnte er offen reden und erhielt jede Unterstützung. Es wurde doch noch Liebe draus. Auf der Arbeit stellte er sich als Spaßvogel dar, der nichts besonders ernst nahm und den man nicht ernst nehmen musste. Er, der eigentlich ein Sozialdemokrat war, wählte zuletzt die KPD. Seine Genossen beschrieb er um 1930 herum als Radieschen: außen rot und innen weiß.
 
Margot war begeisterte Monarchistin. Ihre Mutter hatte bei einer Jubelparade für den Kaiser bei den Zuschauern in vorderster Reihe gestanden und Margot als Baby der Kaiserin entgegengestreckt. Diese hatte ihr die Hände geküßt. Die Begebenheit war Margots bestimmendes Erlebnis bis ins hohe Alter. Der Vater kehrte als Offizier aus dem I. Weltkrieg hochdekoriert zurück und schimpfte auf das „Rote Lumpenpack“ der Republik, die den Kaiser und das deutsche Volk verraten hätten. Die Inflation 1923 fraß der bis dahin wohlhabenden Familie die Ersparnisse weg und verhinderte ihren Besuch eines Lyzeums. Eine Schande in ihren Kreisen. Nur deshalb entschied sie sich auch für den Schwesternberuf, in dem sie keinesfalls alt werden wollte. Die Kommunisten und das Berliner Scheunenviertel waren ihr zuwider. Wenn die Nazis die othodoxen Juden verjagen würden, wäre es ihr nur recht gewesen. Sie begrüßte Hitler als „Bollwerk gegen den Kommunismus“ und übersah geflissentlich die Blutspur der Nazis, die sie eigentlich als Rotkreuzschwester nicht übersehen konnte. Noch hielt sie den braunen Terror für Anfangsschwierigkeiten, legitimiert durch die „Rote Gefahr“. Sie glaubte, dass Hitler, wäre er erstmal an der Macht, danach für Recht und Ordnung sorgen könnte. Ihre Fehleinschätzung sollte sich rächen. Sie, die sich deutscher als „Siegfried“ fühlte, war konvertiert, eine sogenannte assimilierte Jüdin. Im Jahre 1933 dachte sie nicht im Entferntesten daran, dass von den Nazis eine Gefahr ausginge, die sie selbst bedrohen könnte. Vor der Machtübernahme wählte aber ihre Familie nicht die NSDAP, sondern die DNVP, die Deutschnationale Volkspartei.
 
Walburgas Familie aus Wuppertal hingegen wählte schon sehr früh die NSDAP.  Die Familie war circa ab 1930 begeisterte Anhänger Hitlers und Parteimitglieder. 1933 begann Walburga ihre Ausbildung als Krankenschwester. Die Gewalt auf der Straße empfand sie als abstoßend. Aber: „Die Rotfrontkämpfer machten genauso Bambule wie die SA. Da konnte man doch nie unterscheiden, wer wirklich angefangen hat“. Ihrer Meinung nach verhielt sich die SA gegen Hitlers Weisung. Schuld an den Krawallen wäre, wenn überhaupt, Röhm gewesen. Die Schutzstaffel (SS) hätte sich angeblich immer korrekt verhalten. Sie glaubte an die Sache und hoffte, dass es mit Deutschland durch Hitler aufwärts gehen würde. Es störte sie keineswegs, dass Patienten oder Kollegen auf ihren „Heil Hitler“ - Gruß nicht durchweg freudig reagierten. 1933 wagte es bereits niemand, ihr diese Grußformel zu verbieten.
 
Auch Maria S. und Martha B. in Berlin gaben zunächst ihre Stimme der NSDAP. Maria S., die im Moabiter Krankenhaus arbeitete, nahm aber bald Abstand von den Nazis. Sie hatte Verhaftungswellen miterlebt von Nachbarn, die zwar völlig entgegengesetzter politischer Meinung waren, aber dessen Behandlung sie durch die Nazi-Schergen doch nicht akzeptieren konnte. Außerdem missfiel ihr, dass bald nach der Machtergreifung viele Kollegen und Kolleginnen gekündigt wurden, die sie fachlich als ausgesprochen kompetent einstufte, im Nazijargon aber als politisch unzuverlässig galten. Martha aus Berlin-Mitte schwärmte für einen jungen gutaussehenden Arzt. Restlos verliebt unternahm sie alles, ihn irgendwo auf der Station rein „zufällig“ zu treffen. Nachdem sie den Mann eine Weile nicht mehr sah, erkundigte sie sich nach ihm. Er war Jude und bereits im Sommer 1933 ausgewandert. Daraufhin sah sie die Nationalsozialisten erheblich kritischer. Beide meinten, man hätte gegen die Nazis nichts unternehmen können. Sie wichen politischen Diskussionen aus, schwiegen und sahen bewusst weg.
 
Doch erzählten diese beiden Frauen voller Stolz, dass sie beim Volksentscheid und Wahl 1933 mit „Nein“ gestimmt hatten. Für sie war das ein Akt von Widerstand. Leicht fiel es ihnen nicht, das „Nein“ anzukreuzen. Sie befürchteten, dass man sie beobachtete und Repressalien. Übereinstimmend stellten sie Jahrzehnte später für sich selber fest, dass sie in der Nazizeit viel zu angepasst und feige waren. Das hätte erheblich ihrem Selbstbewusstsein geschadet.
 
Gerade das Pflegepersonal bekam sehr hautnah mit, was die Machtübernahme der Nazis bedeutete. Sie waren an vorderster Front, egal, ob gewollt oder nicht gewollt. Ihre Rolle war nicht einheitlich. Die Bannbreite reichte von denen, die Hitler verherrlichten über die, die schwiegen, zu jenen, die ihn radikal ablehnten. Den Berichten meiner älteren Kollegen nach zog die Mehrheit der Pflegekräfte sich aber eher tendentiell zurück. In den Krankenhäusern wurde im Personal eine deutliche Einschüchterung bemerkbar. Die Mehrzahl begriff, dass politische Diskussionen gefährlich waren und sie machten sich in solchen drohenden Situationen lieber „aus dem Staub“, wie es Elfriede bemerkte. Dieses Verhalten entsprach dem Großteil der Bevölkerung. Daraus lässt sich also keine Besonderheit zum restlichen deutschen Volk erkennen.
 
 
Der Terror der Nationalsozialisten hatte Methode. Er diente zum einen der Ausschaltung der Opposition, zum anderen der massiven Einschüchterung der Bevölkerung. In der später nicht nur von Pflegekräften häufig zitierten Aussage: „Man konnte doch nichts dagegen machen“ verbirgt sich, oberflächlich betrachtet, ersteinmal Gleichgültigkeit. Aber auch eine immense Hilflosigkeit und das Gefühl der Ohnmacht stecken in dem Satz. Diese Gefühle des Ausgeliefertsein verstärkten die Nazis sehr gekonnt durch die Gleichschaltung. 
 
Die Gleichschaltung bedeutete die weitgehende Zerschlagung des politischen und gesellschaftlichen Pluralismus der Weimarer Republik zugunsten der NS-Ideologie. Mit der Notverordnung „Zum Schutz von Volk und Staat“ am 27.2.1933 nach dem Reichstagsbrand und dem Ermächtigungsgesetz am 23.3.1933 befreite sich Hitler von den Fesseln der Verfassung und jeglicher Kontrolle durch das Parlament. Nach dem Tode Hindenburgs im August 1934 vereinigte Hitler die innenpolitische Führung auf seine Person: er war nun gleichzeitig Reichspräsident, Reichskanzler und Führer der Staatspartei. Die bundesstaatliche Ordnung wich dem zentralistischen Einheitsstaat. Parteien, Verwaltung, Justiz, Presse, Künste, Wissenschaften, Jugendarbeit, Berufsorganisationen usw wurden zerstört oder vereinnahmt und auf den Nationalsozialismus ausgerichtet.
 
Die Zerschlagung der freien Gewerkschaften betrafen die gewerkschaftlich organisierten Pflegekräfte ganz direkt. Schon 1933 wurde die Schwesternschaft der Reichssektion Gesundheitswesen verboten. Die Pflegekräfte kamen in die Einheitsgewerkschaft DAF, die „Deutsche Arbeitsfront“. Dieser Pflichtorganisation gehörten nicht nur die Arbeitnehmer an, sondern auch die Arbeitgeber. Damit ist bereits deutlich, daß die DAF eine Farce war als arbeitsrechtliche und tarifpolitische Vertretung. Dafür trat sie für die Pflegekräfte hauptsächlich durch politische Schulungen im Sinne der Nationalsozialisten in Erscheinung. Ihre „Fortbildungsveranstaltungen“ dienten einzig dem Zweck, das Pflegepersonal auf Hitler einzuschwören. Gleichzeitig sollten die Pflegekräfte für die Euthanasie gewonnen werden.
 
Anfangs begrüßten viele Pflegende die angebotenen Fortbildungen. Schon lange wurden Weiterbildungsangebote für Pflegekräfte gefordert. Doch sehr schnell erkannten sie, dass hinter den medizinischen oder pflegerischen Titeln der Fortbildungen reine Propagandaveranstaltungen steckten.
 
Inge B., eine Hebamme aus Berlin-Kreuzberg, zahlte im Januar 1934 zwei Mark für eine Lehrveranstaltung zum Thema „Verbesserung der Hygiene bei Hausgeburten“. Empört stellte sie fest, dass man ihr zwei Mark abluchste für eine üble Veranstaltung zur „Rassenhygiene“. Unter Protest verließen sie und zwei ihrer Kolleginnen diese sogenannte Weiterbildung. Bis auf eine mündliche Maßregelung erfuhr Inge B. zunächst keine Nachteile, musste später aber zwangsweise mehrere Veranstaltungen über sich ergehen lassen, die sich schwerpunktmäßig mit der Euthanasie beschäftigten.
 
Pflegepersonal, die sich der Zwangsmitgliedschaft in der DAF widersetzten oder bekannte Gewerkschaftler der früheren Gewerkschaften waren, mussten mit ihrer Verhaftung rechnen. Einigen gelang die Flucht ins Ausland, Andere tauchten unter in die Illegalität, Etliche wurden verhaftet, in KZ´s oder Zuchthäuser verschleppt und oft genug umgebracht.
 
Zur Gleichschaltung der Pflege gehörte auch die Beseitigung oder Einvernahme der Berufsorganisationen. Als Erstes mussten natürlich die Rote Hilfe und der Proletarische Gesundheitsdienst dran glauben. Die Rote Hilfe war aber keine reine Berufsorganisation der Pflegeberufe. In erster Linie kümmerte sie sich um politisch Verfolgte und ihre Angehörigen, denen sie Rechtsanwälte zur Verfügung stellte, sowie materielle und moralische Unterstützung anbot. Außerdem betrieb sie zwei Kinderheime, wo sich die Kinder von inhaftierten oder ermordeten Arbeitern erholen konnten. Pflegerische Tätigkeiten wie beispielsweise Saalschutz und in der Kinder- und Familienpflege waren nur ein Bereich, der meist unbeachtet blieb. Entgegen gängigen Behauptungen war die Rote Hilfe überparteilich. Da ihr sehr viele Kommunisten angehörten, wurde sie oft fälschlicherweise als KPD-Organisation gehandelt, was aber nicht den Tatsachen entsprach.
 
Der Roten Hilfe und dem Proletarischem Gesundheitsdienst blieb nur der Weg in den Untergrund, wo sie weiterwirkten. Gerade in den Jahren 1933/34 waren diese untergetauchten Pflegekräfte für viele Arbeiterkinder in der großen Diphterieepidemie überlebenswichtig. Sie versuchten den betroffenen Kindern dadurch zu helfen, indem sie vor Apothekeneinbrüchen nicht zurückschreckten, um an die lebensrettenden Medikamente zu kommen.
 
Die AWO wurde verboten, der ASB vom Deutschen Roten Kreuz geschluckt. Die B.O.K.D. ging 1938 in dem NS-Reichsbund auf. Die Funktionärinnen konnten es durch Pöstchen in der RAG, der Reichsarbeitsgemeinschaft der Berufe im ärztlichen und sozialen Dienst e.V., locker verkraften. Sie waren und blieben nicht die Einzigen, die sich korrumpieren ließen. Zum Schluß war die RAG der Dachverband für Katholische Schwestern, Diakoniegemeinschaften, DRK-Schwesternschaften und den Reichsbund freier Schwestern, zu denen auch die NS-Schwesternschaften gehörten. Die RAG unterstand direkt dem Reichsinnenministerium. Das Ringen um berufliche Eigenständigkeit, um Autonomie, aber auch um die Berufsehre und Ethik war gründlichst vorerst beendet.
 
Und dennoch gelang den Nazis die restlose Gleichschaltung der Pflegekräfte nicht. Letztendlich entschieden nicht die Berufsorganisationen über die Einstellung der Pflegeberufe gegenüber den braunen Machthabern, sondern oftmals die direkten Bedingungen am Arbeitsplatz. Gerade die leitenden Pflegekräfte beeinflussten die Pflege und Pflegenden vor Ort massiv. Sie entschieden oft maßgeblich darüber mit, ob und inwieweit die Naziideologie Einfluss bei Pflegekräften gewinnen konnte oder auch nicht. So fanden sich nach den Berichten der von mir befragten Zeitzeugen in der Pflege immer wieder Nischen, wo Pflegekräfte relativ offen und sicher vor Denunziationen ihre Ansichten vertreten konnten.
 
Gerade diese Erkenntnisse sollten förderlich sein, Führungskräfte in der Pflege umfassend historisch zu schulen. Doch anscheinend sind Buchhaltung und Organisation des Pflegealltags für entsprechende Weiterbildungen abrechenbarer und wichtiger.
 

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