Gedanken zur Pflegegeschichte

Ein Schwerpunkt der Pflegegeschichte sollte die Zeit des Nationalsozialismus sein, denn diese Zeit prägte die Pflege in Deutschland sehr nachhaltig. Über die Rolle und Verhalten von Juristen, Ärzten, Lehrern oder Offizieren in der NS-Zeit wurde bisher ausführlich gearbeitet. Wie sich Pflegekräfte unter Hitler verhielten, darüber ist bisher wenig bekannt. Es mag daran liegen, dass sie eine Gruppe des "Fußvolkes" waren, also "uninteressant" und "unwichtig", historisch gesehen "wertlos"! Gerade deshalb finde ich diese Personengruppe spannend.

Waren sie Täter?

Betreffs der Euthanasie gab es unter Pflegekräften genug TäterInnen.

Waren sie Opfer?

Man findet sie auch in den Reihen der WiderstandskämpferInnen. (Siehe Virtuelles Denkmal Gerechte der Pflege)

Waren sie Mitläufer?

Wie viele andere Deutsche auch hoben Pflegekräfte den Arm zum Hitlergruß und marschierten mit.

Seit Jahren sammel ich Informationen zu Pflegekräften unter den braunen Machthabern. Warum? Weil ich eine Pflegekraft bin und es nicht in Ordnung finde, dass wir unsere Geschichte bisher nicht wirklich aufgearbeitet haben. Darunter leidet auch massiv unser Berufsverständnis. Außerdem musste ich mit Erschrecken feststellen, dass zu meiner Ausbildungszeit viele TäterInnen unbehelligt weiter gearbeitet hatten und ihre Ideologie ungehindert verbreiten konnten, ohne, dass ich es damals wusste oder ahnte. Die braunen Schatten schwebten noch lange nach 1945 über der Pflege in Deutschland. Im Hinblick auf die heutige Sterbehilfediskussion sollte man stets daran denken. Über den Nationalsozialismus gibt es inzwischen genug gute Bücher. Ich nähere mich der Zeit der Braunen Diktatur aus meiner ganz persönlichen Sicht als Altenpflegerin. Dabei habe ich sehr wohl den Mut zur Lücke. Es geht mir nicht unbedingt um die Wiederholung von hinlänglich bekannten Fakten. Die kann man woanders besser nachlesen. Darum berücksichtige ich historische Daten oder Hintergründe nur dann, wenn es um das Verständnis des Geschehens geht, wo die Pflege meiner Ansicht nach stark involviert war. Einer meiner Schwerpunkte ist die Spurensuche nach Pflegekräften aus dieser Zeit, sei es in bestehender Literatur oder auch aus meiner eigenen Sammlung.

Dabei hilft mir natürlich sehr, dass ich rechtzeitig anfing, Fragen zu stellen. Ich habe den Vorteil gegenüber jüngeren KollegINNen, dass ich noch viele Menschen aus dieser Generation kennenlernte. Eigenartig ist nur, dass gerade auch die jungen Beschäftigten der Pflege in den sechziger, siebziger Jahren sehr selten auf die Idee kamen, ihre "wandelnden Geschichtsbücher", sei es Betreute, sei es Kollegen, zu interviewen. Es mag daran liegen, dass in meiner Altenpflegeausbildung eine biographiegestützte Arbeit oder Therapie noch kein Begriff war. Eine benotete Hausarbeit im Fach Soziologie forderte aber dennoch von uns das Erstellen einer ausführlichen Biographie eines Betreuten. Ich war begeistert, aber bei meinen meisten MitschülerInnen traf dieses Thema auf wenig Gegenliebe. Ich weiß nicht, weshalb, aber viele taten sich damit ungemein schwer. Mit ein Grund dafür war aber sicherlich der Arbeitsalltag. Auch ich lernte die netten Kolleginnen kennen, die mich sofort mit den Worten rügten: "Sag mal, hast du nichts zu tun?", wenn sie mich bei einer Unterhaltung mit einem Patienten oder einem Bewohner erwischten. Unterhaltungen, Gespräche mit Gepflegten galten nicht als Arbeit, sondern als "Zeittotschlagen".

Leider sind auf diese Art viele Erinnerungen und Informationen verschüttet und nicht genutzt worden. Genau aus diesem Grunde lege ich auf die sogenannte wissenschaftliche Objektivität keinen großen Wert. Die Geschichtsbetrachtung durch meine eigenen Augen ist gewollt. Denn so, wie dazumal die Pflegekräfte in ihrer Zeit standen, stehe ich heute in meiner Zeit. Mein Ziel ist eher persönlicher Art: Erkenntnisse zu gewinnen, die mein Pflegeverständnis erweitern. Ich möchte wissen, ob und was ich aus der Geschichte lernen kann und wo meine eigenen Handlungen beeinflußt werden.

Das Bewußtsein, selbst von Pflegekräften geprägt worden zu sein, die im Nationalsozialismus lernten, arbeiteten, lebten zwingt mich förmlich zu einer Reflexion, wenn ich nicht unbewußt Gedankengut und Ideologien aus dieser Zeit weitergeben will. Das ist meine persönliche Verantwortung mir gegenüber, ohne die keine Verantwortung gegenüber PflegeschülerINNEn möglich ist. Außerdem erzieht eine kritische Sicht auf die Vergangenheit zu einem gesunden Kritikbewußtsein in der Gegenwart.

 

Soziale Kompetenzen

"Soziale Kompetenzen entwickeln" ist zur Zeit eine regelrechte Modeparole in der Pflegeausbildung. Die Realität sieht anders aus. Im Pflegeberuf versteht man nachwievor unter einer Kompetenz das handwerkliche Wissen über pflegerische und medizinische Sachverhalte und deren Umsetzung. Kommunikation, Angehörigen- und Beratungsarbeit, Soziologie, Psychologie, Lebensraumgestaltung, Geschichte des Berufes etc sind zwar fester Bestandteil der Ausbildungen, werden aber häufig von Schülern und Schülerinnen der Alten- und Krankenpflege eher als Nebenfach begriffen. Dagegen haben Fächer wie Anatomie, Physiologie oder Krankheitslehre auch aus der Sicht der Lernenden einen immens hohen Stellenwert und werden entsprechend intensiv gepaukt.

 

Im späteren Berufsalltag sind die Kenntnisse über den derzeitigen Standard für eine Wundversorgung auch anscheinend relevanter als die Geschichte der Alten-, Kranken- und Heilerziehungspflege. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die jüngere Geschichte der Krankenpflege, die Zeit von 1933 bis 1945 kaum in der Pflege problematisiert oder diskutiert wird. Ein Blick in Sachbücher über die Geschichte der Pflegeberufe reicht in der Regel, um festzustellen, mit welcher Intensivität diese Zeit behandelt wird. Dort nimmt häufig die Krankenpflege in der Antike oder im Mittelalter einen entschieden größeren Raum ein wie die Pflege während der Braunen Diktatur.

Nichtsdestotrotz werde ich auf den ersten Seiten dieser Homepage als Einstieg zur Pflege in der Nazizeit einen kurzen, allgemeinen Überblick über die Pflegegeschichte geben. Dabei liegt mein Schwerpunkt auf Westeuropa, insbesondere Deutschland, um Entwicklungen nachvollziehbar zu machen.

 

Orientierungslosigkeit

Jahrzehntelang wurde es in der Pflege versäumt, ernsthaft nach der eigenen Vergangenheit zu fragen. Ein Mensch ohne Vergangenheit wird stets nach dieser suchen, um nicht orientierungslos dahinzugleiten. Orientierungslosigkeit ist der schlimmste Zustand für einen Menschen, denn er findet sich in der Realität nicht mehr zurecht.

Wer kennt sie nicht, die Geschichten von Menschen, die als Säuglinge oder Kleinkinder zu anderen Eltern kamen und als Jugendliche oder Erwachsene fieberhaft nach den leiblichen Eltern fahndeten? Sie suchten nicht etwa nach den leiblichen Eltern, weil sie mit ihren Pflege- oder Adoptiveltern nicht glücklich und zufrieden waren oder sie nicht liebten. Ihnen fehlte ein Stück der eigenen Vergangenheit, um ihre Gegenwart wirklich bewältigen zu können. Und auch wenn die Entdeckung der wahren Erzeuger oft einen Schock darstellten, so bestand immer noch die Möglichkeit der Abgrenzung und Reflexion, die Chance zum aktiven Handeln anstatt der hilflosen Orientierungslosigkeit. (Im Übrigen ist das ein wichtiges Argument gegen Babyklappen)

Wem ist es schon mal passiert, dass er nachmittags einschlief und beim Aufwachen nicht mehr wusste, wie lange er geschlafen hatte? Wo der Blick durchs Fenster auch die Tageszeit nicht verriet und die Uhr stehen geblieben war? Panisches Verhalten – und wir setzten alles daran, schnellstens herauszufinden, wie spät es war und wie lange wir wirklich schlummerten – wir kämpften um unsere Orientierung. Dieses Beispiel soll lediglich verdeutlichen, dass auch eine kurzfristige Orientierungslosigkeit etwas mit uns macht, weil es das Gefühl der radikalen Hilflosigkeit auslöst. (Man denke hier an Alzheimerbetroffene)

Die Berufsgeschichte ist die Vergangenheit des Pflegepersonals. Wer seine Geschichte nicht kennt, wird folglich die Gegenwart nicht verstehen. Wer nicht weiß, wie welche Entwicklungen zustande kamen, wird orientierungslos, also hilflos, vor den historischen Ergebnissen stehen. Traditionsberufe pflegen ihre Berufsgeschichte. So sind die Wurzeln ihres Berufes den Berufsangehörigen gegenwärtig und verbinden das Individuum auch emotional mit seinem Berufsstand. Durch die mangelnde Auseinandersetzung mit der Geschichte der Pflege fehlen uns Pflegende nicht nur Leit- und Vorbilder, sondern auch unsere Tradition und Akzeptanz. Auch die Akzeptanz vor uns selber.

Da half es uns in der Vergangenheit auch nicht, fast ungefiltert, wenn überhaupt, die Geschichte der Medizin als unsere Geschichte zu übernehmen. Denn die Medizingeschichte hat im Grunde genommen mit den Pflegenden wenig zu tun. Denn wenn dort Pflegepersonal erwähnt wurde, dann am Rande und als Hilfskräfte oder Handlanger. Florence Nightingale konnte sich vielleicht gerade noch so einschleichen, wurde aber auch zumeist in einem oder wenigen Sätzen abgespeist. "Ach ja - die Dame mit dem Licht im Lazarett." Gut. Und welche Pflegetheorie stellte sie auf? Inwieweit nahm sie Einfluss auf die Pflegeausbildung? ???????????

Die Übernahme der amerikanischen Pflegegeschichte mag anfangs hilfreich als Denkanstoß gewesen sein. Aber spätestens in der jüngsten Vergangenheit hilft uns Pflegegeschichte aus diesem Blickwinkel überhaupt nicht mehr, sondern das Überstülpen einer fremden Geschichte und Kultur vergrößert noch die Orientierungslosigkeit des deutschen Pflegepersonals.

In den letzten Jahrzehnten ist viel in Deutschland in der Pflege passiert, was sich besonders dadurch bemerkbar macht, dass man heute auch in unserem Land Pflegewissenschaften an Universitäten studieren kann. Und mit der Pflegeforschung begann endlich auch das Interesse an der Geschichte der Pflege zu wachsen. Und auch wenn unsere Berufsgeschichte über weite Strecken eher eine Geschichte des Jammers ist, haben wir die Chance, unsere Wurzeln zu entdecken, uns abzugrenzen, zu reflektieren und Hilflosigkeit im Ansatz zu vermeiden. Wir erfahren von den Schwierigkeiten auf dem Weg zu einem eigenen Berufsbild und können dadurch viel eher verstehen, weshalb es nötig ist, um unsere Unabhängigkeit, um eine eigene Sprache, um eine persönliche Ethik und berufsspezifische Fachlichkeit zu streiten.


Entwicklungen

Die Entwicklungen in der Pflege in den letzten zwei Jahrzehnten sind enorm. Noch während meiner Ausbildungszeit, Krankenpflege (1971-1974) wie auch Altenpflege (1980-1983) gab es weder im Lehrbuch noch im Unterricht selber den geringsten Hinweis auf die Zeit des Nationalsozialismus. Die Geschichte der Medizin in meinem Krankenpflegeunterricht und die Geschichte der Pflege in meiner Altenpflegeausbildung endeten im 1.Weltkrieg und begannen wieder 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland.

Die Zeit von 1933 - 1945 existierte ganz einfach nicht. Während meiner Schulzeit hatte ich bereits sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Mit Mühe erfuhr ich geradeso von meinem braungebrannten Geschichtslehrer, dass es einen Adolf Hitler und einen II. Weltkrieg gab. Danach wurden endlos irgendwelche Schlachten, gespickt mit Statistiken über Verluste der einen oder anderen Seite ausgewalzt, die wir dann Auswendiglernen mussten. Das waren aber nicht die Inhalte, die mich interessierten. Ausgestattet mit einer penetranten Neugier wagte ich es, Fragen zur Innenpolitik und Ideologie der Nazis zu stellen. Prompt flog ich aus der Klasse. So verbrachte ich die Geschichtsstunden überwiegend auf dem Flur statt im Klassenraum. Und dann bekam ich mal einen Geschichtslehrer an der regulären Oberschule, Herr Sommerfeld, der nicht braungebrannt war und meine Fragen nicht nur duldete, sondern sogar begrüßte. Ich hätte es mir eigentlich denken können müssen, dass das nicht die Norm war. Aber in meinem jugendlichen Leichtsinn erkundigte ich mich später in der Krankenpflegeschule bei dem Geschichtsdozenten nach dem Euthanasieprogramm der Nazis. Und? Den Rest der Stunde stand ich wieder einmal draußen.

Wozu sollte es aber auch gut sein, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen? Was hat die Geschichte von 1933 bis 1945 mit uns, den heutigen Pflegekräften, zu tun? Wie konnte die Naziideologie die Pflegeberufe beeinflußen? Wo spürt man vielleicht heute noch mit einem Abstand von über sechs Jahrzehnten die Einflüsse dieser Zeit? Was passierte wirklich? Können wir über eine Zeit urteilen, in der wir nicht lebten? Wäre man vielleicht selber dazumal beeinflussbar gewesen? Hätten wir vielleicht damals auch Dinge getan, die man aus heutiger Sicht nicht verantworten könnte? Beim genaueren Hinschauen drängen sich also sehr schnell etliche Fragen auf, die mit dieser Zeit zusammenhängen. Es geht mir nicht darum, die Zeit von 1933–1945 im Gesamten aufzuarbeiten. Mein Augenmerk liegt ausschließlich auf der Pflege.

  

Zur historischen Fachlichkeit

Bewußt werde ich auf jegliche Fußnote verzichten, auch auf genauere Quellenangaben wie Seitenzahlen, Abschnitte etc. Damit steigt meine Hoffnung, dass vielleicht das eine oder andere Buch aus meiner Literaturliste im Gesamten gelesen wird. Die Bücher habe ich unter dem Gesichtspunkt meines Themas durchgearbeitet. Einige waren mir bereits bekannt, weil ich sie bereits öfters aus anderen Gründen las. Als ich Bernt Engelmanns und Sebastian Haffners Bücher kennenlernte, war das wie eine Befreiung: "Aha! Man kann über Geschichte auch so schreiben, dass das Lesepublikum auch ohne Studium das Gelesene versteht, nicht darüber einschläft und ab und zu sogar schmunzelt."

Und als einer meiner Geschichtslehrer auf dem Abendgymnasium bemängelte, diese beiden wären populistisch und unwissenschaftlich, konnte mich das auch nicht irritieren. Denn ein wissenschaftliches Buch, dass vielleicht objektiver und unparteilicher einen Sachverhalt darstellt, vollgestopft mit Zahlen und Statistiken, in einem abgehobenen Fremdwörterkauderwelsch und Fachchinesisch, sodass man sich den Inhalt nur mit zehn Hilfsbüchern erschließen kann, so ein Buch lese ich doch nicht freiwillig. Haffner und Engelmann schon!

Eine ähnliche Erfahrung machte ich später an der Humboldt-Universität in Berlin. Da gab es viele mächtig schlaue Professoren. Und artig absovierte ich zwangsweise bei mancher Geschichtskoryphäe die Pflichtveranstaltungen, machte gerade soviel, dass ich meinen Schein kriegte und unterdrückte mühselig etliche Gähner. Aber wenn ein Seminar oder eine Vorlesung von Prof. Demps angeboten wurde, flog auch mal eine dringend erforderliche Pflichtveranstaltung aus meinem Semesterplan heraus. Der Mann hatte nämlich nicht nur ein immenses Wissen, er konnte auch erzählen und mitreißen. Da lebte Geschichte, da war Geschichte greifbar. Er jagte uns durch Bibliotheken, Archive, so manche Nacht brütete ich über seinen Hausaufgaben, strengte mich mehr an wie in jeder anderen Veranstaltung und das ganz freiwillig für einen Schein, den ich nicht brauchte. Denn "dummerweise" hängte dieser Prof seine Trauben für uns Studenten verdammt hoch, da gab es keine Chance auf einen "geschenkten" Schein. Dafür stand er mit seiner gesamten Persönlichkeit hinter seiner Lehre und er vermittelte komplizierteste Zusammenhänge in einer Sprache, die auch der Busfahrer, die Verkäuferin oder der Klempner verstand.

Engelmann, Haffner oder Demps hatten mir besonders eins vermittelt: Geschichte – das sind wir! Das bist du! Das bin ich! Man kann nicht einfach Geschichte von sich abstreifen wie ein mottiges Kleid. Man kann nicht die historische Verantwortung anderen in die Schuhe schieben. Für seine eigene Zeit, die sehr schnell Geschichte ist, hat man selber gerade zu stehen. Auch als "kleine Frau" oder "kleiner Mann".

Und deshalb bemühe ich mich in der Bearbeitung des Themas "Pflegekräfte im Nationalsozialismus" auch nicht um Objektivität in dem Sinne, dass ich meine Parteilichkeit oder Persönlichkeit nicht einbringe. Beim Anlegen eines Verbandes kann ich objektiv feststellen, ob er gut oder schlecht gewickelt ist. Aber zum verbundenen Bein gehört ein Mensch, der nicht von einem Roboter, sondern von einem Menschen gepflegt werden möchte. Und wenn ich den Sozialabbau der letzten Jahre beobachte und sehe, was er mit den Alten, Behinderten und chronisch Kranken veranstaltet, dann darf es mich einfach als Altenpflegerin nicht kalt lassen.

Nehmen wir Elfriede F.: 1913 geboren bekam sie gleich zur Geburt die Hungerjahre des I. Weltkrieges ab. Ihr Vater fiel im Krieg, die Mutter, nun Alleinverdienerin, konnte sie nicht als Haushaltsgehilfin ernähren, sodass sie das Kind zu kinderlosen Verwandten gab. Elfriede F. bezeichnet sich selbst als das "verschenkte Kind", was ihr noch im hohen Alter zu schaffen macht. Ein Leben lang hatte sie als Krankenschwester gearbeitet, im Durchschnitt zwölf Stunden täglich, einen Tag pro Woche frei, zwei Wochen Urlaub im Jahr. Erst im Alter fiel ihr auf, dass sie nie Zeit hatte, jemanden kennen zu lernen, eine Familie zu gründen. "Das war damals für eine Krankenschwester unmöglich. Ich habe doch immer nur gearbeitet." Dabei hätte sie sehr gerne Kinder gehabt.

Und heute, mit 91 Jahren, reicht ihre Rente nicht, um den Platz im Pflegeheim zu bezahlen. Kurzerhand kassierte das Sozialamt ihre Ersparnisse zur Abdeckung der Kosten. Das Geld, was man ihr auf dem Konto stehen ließ, "reicht nicht einmal, um anständig unter die Erde zu kommen". Der Fernseher in ihrem Zimmer stammt von einer verstorbenen Mitbewohnerin. Der unendliche Luxus eines eigenen Telefons finanzieren die Kinder ihres ehemaligen Arbeitgebers, damit sie so mit ihr im Kontakt bleiben können. Und dann kam obendrauf das Eintrittsgeld von 10 Euro für den Arzt und die Medikamentenzuzuzahlung.

Es tat richtig weh, als sie mir zu Weihnachten ein Pfund Kaffee schenkte und traurig sagte, dass es angesichts der Arzneikosten wohl das letzte Mal sei, dass sie uns Schwestern eine Aufmerksamkeit zu Weihnachten als Anerkennung schenken könne. Das Pfund Kaffee ist es nicht. Ein Pfund Kaffee kann ich mir auch alleine kaufen. Aber es macht mich grenzenlos wütend, wie mit unseren Alten umgesprungen wird. Und erst recht, wenn eine Kollegin betroffen ist, die mit einem Wahnsinnseinsatz die Trümmer der Pflege und sich selbst aus dem braunen Schutt zog.

Abgesehen davon, dass es auch ziemlich besorgt macht angesichts der eigenen Zukunft. Sitzen wir vielleicht auch nach einem harten Berufsleben im Alter da nach dem Motto: kaputt gearbeitet, du dumme Kuh – und wozu? Während andere Leute Subventionen abgreifen, Arbeitsplätze vernichten oder ins Ausland verschieben, moralisch verwerfliche Abfindungen in schwindelerregenden Höhen straffrei kassieren und sich von ihrem anstrengenden "Managerdasein" im Alter im Geld sühlen. Wo Politiker sich in Maßanzügen, die mein Jahresgehalt als Alleinverdienerin mit drei Kindern kosten, vor uns hinstellen und verkünden: "Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen". Das einzige, was ich Frau Elfriede F. in ihrem Kummer bieten kann, ist meine Parteilichkeit.

Ich habe von Engelmann, Haffner und Demps gelernt, das gründliche Recherchen in der Geschichte absolut nötig sind. Aber wenn man Geschichte nicht nur verstehen, sondern auch begreifen will, dann muss man sie auch an sich heranlassen.

  

Unsere Zukunft

Wenn wir uns im eigenen Alter nicht als "Dumme Kühe" fühlen wollen, wird es höchste Zeit, etwas zu tun. Anstatt uns in unseren Dienstzimmern im Verborgenen über Bemerkungen von dummdreisten Politikern wie

"Jede Frau kann pflegen"

aufzuregen, sollten wir ein berufliches Selbstbewusstsein aufbauen, um entsprechende politische Antworten zu geben. Wir werden erkennen, wer unsere wahren Partner sind. Nämlich nicht die übriggebliebenen fossilen Überreste von Ärzten, die mit dem Überstreifen eines weißen Kittels erwarten, dass das Pflegepersonal um sie herumschleimt, sie hofiert und kritiklos sämtliche Anordnungen befolgt, egal, wie schwachsinnig sie auch sind. Die letzten "weißen Götter" werden nicht mehr von uns belächelt werden, sondern sie werden in ihrer Arroganz und Dummheit radikal angeprangert und ausgemustert. Denn sie stellen eine ernste Gefahr dar für unsere wichtigsten Partner. Und das sind unsere Mitmenschen, deren Gesundheit geschützt und gefördert werden muss oder die sich im Alter unserer Fachlichkeit anvertrauen. Ich freue mich auf die "APO-Opa"-Generation und hoffe, dass sie noch soweit rege sein wird, eine passende Antwort auf

"Wer einen Säugling wickeln kann, der kann auch alte Menschen versorgen."

zu geben, wenn sie also auf eine Stufe mit Säuglingen gestellt und einzig über ihre Ausscheidungen definiert werden. Wenn die "APO-OPAS" nur annähernd das halten, was ich mir verspreche, dann werden wir Pflegende ganz schön was zu schlucken bekommen und mächtig dazu lernen müssen. Denn dann können wir den "dankbaren" Betreuten oder Patienten vergessen. Dann haben wir den emanzipierten Betreuten oder Patienten, der uns lehrt, dass es in der Pflege keine Abhängigkeiten sondern nur Partnerschaften mit gegenseitiger Akzeptanz und Achtung geben darf. Und erst durch diese Partnerschaft wird es uns gelingen, uns selbst zu emanzipieren, das Helfersyndrom ad acta zu legen und die braunen Ideologien endgültig abzustreifen. Nehmen wir den Patienten oder Betreuten als Partner an, enden die Missstände in der Pflege und unsere misslichen Arbeitsbedingungen.


Übersicht zur Pflegegeschichte

Meine Ansprüche habe ich gleich mit einer Übersicht zur Pflegegeschichte verbunden, weil es leider zu wenige geeignete Bücher zur Pflegegeschichte gibt.

  •  In Büchern mit Schwerpunkt alte Pflegegeschichte kommt die jüngere Pflegegeschichte zu kurz.
  • In Büchern mit Schwerpunkt jüngere Pflegegeschichte kommt die alte Pflegegeschichte zu kurz.

  • Vergleicht man die Bücher, stellt man sehr schnell fest, dass etliche Autoren zur Pflege im Nationalsozialismus kritiklos von Hilde Steppe abgeschrieben haben, oft genug passagenweise ohne deren Wortlaut zu verändern.

  • Als spezielle Fachliteratur sind die Bücher sehr teuer.

  • In vielen Büchern zur Pflegegeschichte wird mehr Medizingeschichte als die Pflege behandelt.

  • Es fehlt immer der Praxistransfer oder die Bedeutung für die heutige Pflege.

Aus diesem Grunde habe ich mir die Mühe gemacht, eine Übersicht der Pflegegeschichte zu erstellen, die nur dann die Geschichte der Medizin berücksichtigt, wenn es unvermeidbar ist.

 

Geschichte als Lehrmeister?

Immer wieder wird behauptet, dass sich Geschichte wiederholt. Die meisten Historiker bestreiten dies. Es gibt geschichtliche Ähnlichkeiten, Zeiten, die auf vorangegangene Zeiten zurückgreifen oder sich an früheren Epochen oder Moden orientieren. Aber Geschichte wird letztendlich von Menschen gemacht.

Jeder Zeitabschnitt wird von Individualisten geprägt. Und diese haben stets unterschiedliche Vorrausetzungen, einen abweichenden Zeitgeist, Moral, Wertvorstellungen, veränderte Traditionen. Als 1954 die Fußballweltmeisterschaft stattfand, investierten clevere Gaststättenbesitzer in einen Fernsehapparat. Die Kosten kamen dicke wieder herein. Die Leute buchten schon weit vor den Spielen einen Sitz- oder Stehplatz, zahlten häufig Eintritt und machten fleißig Umsatz. Diese Gastwirte machten das Geschäft ihres Lebens.

Inzwischen fürchten Gastronome solche Sportveranstaltungen, weil dann die Gäste wegbleiben. Sie gucken sich lieber die Übertragung ungestört im Familien- oder Freundeskreis an. Denn ein Fernsehgerät besitzt heute jeder. Und wenn ich noch so ein gewiefter Kneipenbesitzer bin, werde ich die Leute allein durch ein Fernsehgerät nicht mehr in meine Pinte locken können, es sei denn, es ist ein Vereinslokal oder ich besitze eine Großleinwand. Dieses Beispiel zeigt, dass gleiche Anlässe nicht zu gleichen Resutaten führen müssen.

Nichtwiederholbarkeit der Geschichte heißt aber nicht, dass wir nicht von der Geschichte lernen können. Nur dazu müssen wir sie kennen. Und dabei sollte man nicht nur mit einem Auge hinsehen. Gründliche Recherchen lohnen, auch um beispielsweise mit irgendwelchen Mythen aufzuräumen.

Da wird heutzutage oft von der guten alten Zeit mit ihren Großfamilien geschwärmt, wo die Altenpflege doch innerhalb des Familienverbandes viel besser war. Schließlich ehrte und liebte man zu dieser Zeit noch die Alten und zollte ihnen Respekt. Dass es aber im Mittelalter und in der frühen Neuzeit extrem viele Bettler gab, darüber machen sich die Schwärmer keine Gedanken. Es waren die geliebten, hochverehrten Alten, die ganz respektlos von ihren Höfen weggejagt wurden oder auch von alleine gingen, sowie sie für den Lebensunterhalt der Familie durch ihre Arbeitskraft nichts mehr beitragen konnten. „Unnütze Fresser“ auf einem Hof konnte man sich dazumal nicht leisten.

Dummerweise ist es nicht mehr möglich, die Alten zu befragen, wie denn nun wirklich damals ihre Lebenssituation aussah. Beginnt man darüber zu forschen, sind die historischen Quellen ausgesprochen dünn und dürftig. Die wenigen Informationen muss man mühselig zusammenpuzzeln. Wer macht sich schon solche Arbeit? Und genau da ist es dann möglich, den „Mythos Großfamilie“ zu propagieren.

Wer hat Interesse an so einer Geschichtsverzerrung, an der Glorifizierung der Großfamilien? Auch die Großfamilien des Adels, der hauchdünnen Oberschicht, nahmen es mit der Achtung und Pflege ihrer eigenen Alten nicht immer so genau, vor allem, wenn die Greise noch dazu verwirrt waren. Obwohl die sich doch eine angebrachte Behandlung ihrer Alten hätten leisten können.

Liest man aufmerksam alte Geschichten und Märchen, findet man immer wieder "sabbernde" Greise hinter den Ofenbänken, deren Anwesenheit bei Tisch  zu den Mahlzeiten nicht geduldet wurde. In der überlieferten Volksliteratur kamen die Alten in der Regel nicht gut weg. Alter und Bösartigkeit sind häufig miteinander gleichgesetzt. Der Begriff „Gnadenbrot“ war ursprünglich nicht für Tiere gedacht. Die Geschichte der Altenpflege ist eher eine Geschichte des Jammers und Elends. Darüber hinwegzutäuschen oder an einem solchen Mythos zu stricken, dürfte also einen Hintergrund haben.

Ein Interesse daran hatten zum Beispiel spätere Staatsgefüge, die für die Alten in ihrer „Volksgemeinschaft“ möglichst nichts bezahlen wollten. Die die Versorgung dieser Personengruppe am liebsten auf die Kinder und Kindeskinder abgewälzt sahen. Genau genommen auf die Frauen und Mädchen, denn für die Männer und Jungen dachte man an andere Verwendungen. Und wenn man über diese Angelegenheit ganz genau nachdenkt, stellt man plötzlich fest, dass man ahnt, wer am Meisten an diesem Mythos Großfamilie strickte. Und ehrlich mal: jeder von uns überlegte sich doch schon mal, wie toll es wäre, wenn die alten Menschen behütet in ihrer Großfamilie leben könnten. Und bedauerte es, dass das in der heutigen Gesellschaft kaum noch umsetzbar wäre. Und wieviele haben sich bei diesen Gedanken ernsthaft überlegt, gerade die Früchte der Nazipropaganda in ihrem Kopf auszubrüten?

Es genügt eben einfach nicht, sich ein paar Jahreszahlen oder Fakten zu merken. Zusammenhänge sollten schon erkannt werden. Hintergründe müssten analysiert werden, um auch feststellen zu können, wo wir in unseren Werten und Prinzipien geschichtlich beeinflusst werden. Was die Zeit des Nationalsozialismus betrifft, scheinen wir gute Karten zu haben. Denn kramt man in der jüngeren Geschichte herum, zu der es ja sogar jetzt noch Zeitzeugen gibt, findet man reichlich Quellen und Informationen abgesehen davon, dass nachwievor nicht alle Archive geöffnet sind und viele Quellen vorsätzlich vernichtet wurden. 

Dank meines Alters und frühem Interesse an Geschichte hatte ich eine riesige Auswahl an Zeitzeugen. Und stellte fest, dass man bei den meisten erstmal auf eine Wand des Schweigens traf. Und sehr viele, die ihr Schweigen brachen, schilderten Ereignisse nicht nur aus ihrer subjektiven Sicht. Etliche dieser Zeitzeugen vertuschten, beschönigten, rechtfertigten und logen, dass sich die Balken bogen. Ich erfuhr hauptsächlich drei Sachen: 

  1. Hitler baute die Autobahn. Das war gut.

  2. Hitler löste den Weltkrieg aus. Das war nicht so gut.

  3. Hitler verlor den Krieg. Das war schlecht.

Ganz schön viel, was da ein einziger Mann geschafft hatte. Und danach wurde ich dann sofort mit drei angenehmen Nachrichten überrascht: 

  1. Wir waren dagegen.

  2. Wir haben nichts gewusst.

  3. Wir hätten natürlich etwas dagegen getan, wenn wir es gewusst hätten.

Es gehörte schon ein gehöriges Maß an Penetranz dazu, etwas mehr aus den Leuten herauszukitzeln, in Widersprüche zu verwickeln und sie auf diese aufmerksam zu machen, um vielleicht doch ein paar Informationen mehr zu erhaschen. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, über die Nazizeit „Gras wachsen zu lassen“. 

Nur damit hätten wir uns um die Chance gebracht, aus diesem dunklen Geschichtskapitel Lehren zu ziehen und Naziideologien nicht weiterzutragen. Nicht, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern, sondern, um aus diesen braunen Ruinen herauszukristallisieren, was wir in unserem Beruf der Pflege zukünftig ändern wollen, was verbesserungswürdig ist und was abgeschafft werden müsste.

Um sich die Zeit des dritten Reiches inhaltlich zu erschließen, kann man die Jahrzehnte davor nicht unberücksichtigt lassen. Ein undemokratischer Umgang, Militarismus, Nationalismus, Annexionismus, Antisemitismus, faschistische Strömungen, Euthanasiebestrebungen – all das gab es bereits früher und schlug nicht völlig unerwartet und urplötzlich wie ein Blitz ein, was jedoch viele Zeitzeugen so darstellen. Die Absicht, die dahinter steht, ist klar: Derartig überrascht bekam man keine Möglichkeit, sich der überrollenden braunen Welle zu entziehen. Diese plötzlichen und unerwarteten Ereignisse konnte man gar nicht so schnell erfassen und darauf reagieren. Nur deshalb verhielt man sich anfangs passiv und dann war es zu spät, weil die Nazis schon zu fest im Sattel saßen. Doch was in der Nazizeit passierte, war das Resultat einer langen Entwicklung, war vorhersehbar und abschätzbar.

Pflegepersonal machte mit. Der Großteil duldete die Nationalsozialisten durch Wegsehen und Schweigen. Viele Pflegende flüchteten in die innere Emigration. Ein Teil der Pflegekräfte unterstützte die braune Diktatur aktiv und es waren leider mehr, wie man auf den ersten Blick annehmen könnte. Da marschierten Krankenschwestern zackigen Schrittes unter dem Roten Kreuz bei Parteigroßveranstaltungen der NSDAP und leisteten auf den Führer einen Eid. Da traten Krankenpfleger ungezwungen in die SS ein, um sich persönlich Vorteile zu verschaffen. Da mordeten Schwestern und Pfleger mit oder ohne Auftrag verbrecherischer Ärzte eigenständig tausende von Menschen. Immerhin gab es auch die Nein-Sager. Und selten wurden sie für ihre Verdienste geehrt. Wir Pflegekräfte versäumten es bisher, diesen aufrechten KollegINNen ein Denkmal zu schaffen. Das Virtuelle Denkmal "Gerechte der Pflege" war mein zaghafter Versuch, korrigierend innerhalb meiner Möglichkeiten einzugreifen. Das größte überzeugendste Denkmal wäre allerdings, von der Geschichte zu lernen. Die Pflege vor politischen und wirtschaftlichen Vergewaltigungen zu schützen. Der Pflege ein humanes Gesicht, sowohl für die Gepflegten wie auch für die Pflegenden zu geben. Nicht auf dem derzeitigen Stand stehen zu bleiben, sondern für eine stetige qualitative Weiterentwicklung zu sorgen.

Dazu fielen mir so aus dem Stehgreif schon einige Kleinigkeiten ein, die man angesichts der braunen Vergangenheit an die Politik, an die Gesellschaft und an uns fordern könnte:

  • Jede Pflegekraft kennt und verpflichtet sich schriftlich zur Einhaltung der Menschenrechte.

  • Jede Pflegekraft kennt und verpflichtet sich schriftlich zur Einhaltung der Genfer Konvention.

  • Eine Festlegung im Krankenpflegegesetz zur Entziehung des Examens und Berufsverbot bei Verstößen gegen die Menschenrechte oder der Genfer Konvention.

  • Der theoretische Unterricht findet an Fachhochschulen statt.

  • Bestehende Pflegeschulen müssen insoweit einer staatlichen Kontrolle unterliegen, dass sie die Anerkennung als Fachhochschule bekommen können. Die Schließung kleinerer Pflegeschulen ist aufgrund der Intensität zwischen Praxis, Ausbildern und Schülern nicht erwünscht, weil genau da ein sozialer Umgang miteinander besser gefördert werden kann. Da, wo kleinere Pflegeschulen Fachgebiete nicht abdecken können, muss ein Netzwerk geschaffen werden.

  • Die Fachhochschulen gehören in die Landesförderung.

  • Bundesgesetze verpflichten die Länder zu einer Quote der Ausbildungsplätze.

  • Kein Pflegeschüler darf von einer Institution, sprich Altersheim, Krankenhaus, etc. abhängig sein.

  • Pflegeschüler erhalten eine staatliche Förderung, also Bafög.

  • Im Pflegeunterricht muss ein Schwerpunkt auf die politische und historische Bildung der Pflegekräfte gelegt werden.

  • Im Unterricht muß die Geschichte der Pflege unter besonderer Berücksichtigung der Nazizeit eigenes Prüfungsfach der Ausbildung sein. Berufskunde und Pflegegeschichte gehören getrennt.

  • Staatliche Fördergelder für die historische Erforschung der Pflege.

  • Pflegende dürfen im Beruf nur überparteilich agieren. Die Pflegekraft ist zuerst Mensch, dann Pflegekraft und dann die politisch Interessierte. Im Falle einer Parteizugehörigkeit stehen die Anvertrauten und die Vertrauenden immer an erster Stelle und im Mittelpunkt.

  • In der Freizeit steht der Pflegekraft jegliche politische Betätigung zu, solange sie mit dem Grundgesetz vereinbar ist.

  • Pflegekräfte dürfen an einer gewerkschaftlichen Organisierung nicht gehindert werden.

  • Pflegekräfte dürfen niemals abhängig sein. Der eigene Berufsstand und ein dafür geschaffenes Bewusstsein schaffen ein nötiges Selbstbewusstsein. Ohne Berufsstolz entsteht leicht eine Überangepasstheit.

  • In der Euthanasiedebatte bin ich als Pflegekraft nur mir alleine gegenüber verantwortlich; Entscheidungen lasse ich mir nicht abnehmen. Wenn ein Gericht das Abstellen von lebensverlängernden Maßnahmen beschließt, habe ich ein Recht, mich zu wehren.

  • Pflegekräfte brauchen breite Unterstützung und ihre Berufsverbände müssen in Ethikausschüssen in der Regierung vertreten sein.

  • Pflegekräften stehen in einer akuten aktuellen Euthanasiediskussion betreffs eines Patienten Teamsitzungen zu neben externen Beratern, Supervision, psychologische Betreuung und gegebenenfalls konfessionellen Seelsorgern.

  • Ziviler Ungehorsam zugunsten Gepflegter ist für Pflegekräfte Pflicht.

  • Hierarchie in der Pflege ist tödlich. Gremien an praktischen Einsatzorten werden beauftragt, derartige Strukturen aufzulösen.

  • Jede Pflegekraft hat Anspruch auf Supervision.

  • Pflege und Medizin arbeiten in entsprechenden Situationen fächerübergreifend zusammen, sind ansonsten aber fein säuberlich getrennt. Die Aufgabengebiete der Mediziner und Pflegekräfte müssen eindeutig und klar formuliert werden. Mediziner und Pflegende sind insoweit gleichberechtigt, dass sie gegenseitige Einspruchsmöglichkeiten haben.

  • Kein Arzt darf eine schwerwiegende Entscheidung über einen Patienten alleine fällen. Jede Entscheidung, die für einen Patienten eine einschneidende Bedeutung hat, muss mit dem Patienten, Pflegeteam, den Angehörigen und gegebenenfalls Betreuer zusammen getroffen werden. Sollte es zwischen diesen Personen keine Einigkeit geben, muss ein Gericht eingeschaltet werden.

  • Bürokratismus hat in der Pflege nichts zu suchen. Hinter dem haben sich auch die Nazis versteckt, um ihre Verbrechen als legal zu tarnen. Jeglicher Schreibkram muss darauf geprüft werden, ob er wirklich vonnöten ist.

  • Der längst überfällige Versuch, die Opfer der Euthanasie mit staatlicher Unterstützung zu ermitteln. Für jedes Opfer soll mitten in Deutschland in einem festgelegten Gebiet als Mahnmal ein Baum gepflanzt werden.

  • Finanzielle Unterstützung der Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderungen in Belzec, Treblinka, Sobibor, Triest und anderen Schreckensorten, wo Behinderte massenweise ermordet wurden. Den Opfern des deutschen Terrors kann man nicht mehr helfen, dann sollte man zumindest die jetzt lebenden Behinderten als Wiedergutmachung unterstützen.

  • Öffentliche Anerkennung aller Euthanasieopfer als Verfolgte des Naziregimes.

  • Eine offizielle Entschuldigung der Bundesrepublik Deutschland vor den Euthanasieopfern und ihrer Angehörigen für fortgesetztes Unrecht durch Nichtanerkennung als politisch Verfolgte und Verweigerung von berechtigten Entschädigungen.

 

Das wäre ungefähr, was mir so auf der Stelle aus dem Stegreif einfällt. Bei längerem Nachdenken würde sich die Liste der Forderungen vermutlich endlos steigern. Meine Forderungen sind nicht neu und werden im Ansatz bereits in vielen Häusern praktiziert. Wenn ich aber im Fernsehen zufällig eine alte Dame höre, die dem Reporter erklärt, dass es mit den Alten nur das eine Problem gäbe, dass sie einfach zu alt werden, dann bin ich spätestens alarmiert.

Die alten Leute in der Nazizeit waren nicht hysterisch, wenn sie sich weigerten, in ein Krankenhaus zu gehen. Sie schätzten die Lage sehr richtig ein, dass der Faschismus sie als Nächste in die Gaskammern getrieben hätte.

Heute haben wir in der BRD Millionen Arbeitslose und eine unterschätzte neofaschistische Bewegung. Arbeitgeber stellen zur Zeit nicht unbedingt Pflegekräfte nach ihrer Qualifikation ein, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Wer bereit ist, weit unter Tarif zu arbeiten, kriegt den Job. Unselige Zeitarbeitsverträge erlauben Arbeitgebern, Pflegekräfte wie Schachfiguren nach Bedarf hin und her zu schieben. Und manchmal gerät man doch massiv ins Grübeln, wenn man beobachtet, wer sich da alles für einen Pflegeberuf angesichts der Massenarbeitslosigkeit entscheidet.

Und dann ist es unsere Pflicht, hinzusehen und aufzupassen. Weil wir aus der Geschichte lernen. Und dann ist es unsere Pflicht, Solidargemeinschaft und Erfolge der Demokratie zu schützen. Weil wir aus der Geschichte lernen. Und dann ist es unsere Pflicht, auch mal unangenehm aufzufallen, uns nicht anzupassen und im Notfall den Mächtigen in die Suppe zu spucken. Aber das können wir nur gemeinsam. Das wissen wir. Weil wir aus der Geschichte lernen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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