Edelweiß-Piraten

 

Die sogenannten Edelweiß-Piraten hatten keine Struktur oder straffe Organisation wie die Kommunisten oder Sozialdemokraten. Der Begriff Edelweiß-Piraten entstand vermutlich durch die Gestapo als Sammelbezeichnung für oppositionelle Jugendgruppen. Im Rheinland trugen nämlich Jugendliche als gegenseitiges Erkennungszeichen entweder ein Edelweiß oder ein rotes Halstuch. Die Bezeichnung Edelweiß-Piraten setzte sich schließlich allgemein für Kinder und Jugendliche durch, die einzeln oder in Gruppen eine oppositionelle Haltung zeigten, in ihrem Widerstand aber keine der bekannten Widerstandsgruppen zugeordnet werden konnten.

Der politische Stand der Jugendlichen in diesen Gruppen war sehr unterschiedlich. Die Basis der Edelweiß-Piraten war die Ablehnung der Zwangsmitgliedschaft bei der HJ, der Hitlerjugend, die 1936 eingeführt wurde. Vor 1933 hatte die HJ wenig Zulauf. Viele Jugendliche wollten nicht in eine von Erwachsenen gegründete Organisation, die nach deren Richtlinien geleitet wurde.  Beeinflusst von der Reformpädagogik und starken Wandervogelbewegung in der Weimarer Republik lehnten sie Einengung, Disziplinierung und Uniformismus entschieden ab. So strebten sie eigene Gruppen oder Bunde an, mit denen sie sich identifizieren konnten. Nach der Ernennung von Baldur von Schirach zum Reichsjugendführer wurden viele Jugendorganisationen in die HJ überführt, aufgelöst und oder verboten.

Den Jugendlichen, die sich mit diesen Maßnahmen nicht abfanden, blieb die innere Emigration  und Isolierung oder der Weg in die Illegalität, indem sie sich heimlich in Gruppen zusammenfanden. Erst durch die Verfolgung dieser Gruppen fand dann bei vielen Jugendlichen eine Politisierung statt. Als ich in der ambulanten Krankenpflege in Berlin - Spandau arbeitete, erfuhr ich vom Schicksal eines Berliner Edelweißpiraten.

Charlotte und Willy H. wurden von mir jahrelang in der Ambulanten Pflege in Berlin betreut. Charlotte war aus medizinischer Sicht gesehen ein Wrack. Ihre Krankengeschichte las sich wie ein Lehrbuch zur Krankheitslehre und sie hatte bereits unzählige Operationen hinter sich.

Sie wurde 1928 bei Berlin geboren. Nach Jahren bestand zwischen uns ein derart intensives Vertrauensverhältnis, dass sie sich traute, von früher zu erzählen. Jetzt erst erfuhr ich, dass Charlotte einen um fünf Jahre älteren Bruder hatte, also kein Einzelkind war. Ihre Mutter beschrieb sie als herzensgute Frau, die sich für ihre Kinder aufopferte. Sie war eine sehr angepasste bürgerliche Frau und streng evangelisch. Für die Politik zeigte sie eigentlich wenig Interesse, reagierte aber auf die Nazis rein gefühlsmäßig mit Unbehagen.

Charlotte kam in Berlin-Spandau in einem Krankenhaus zur Welt. Im Krankenbett neben ihrer Mutter lag eine Frau, die ebenfalls eine Tochter bekommen hatte. Es stellte sich heraus, als der Vater ins Krankenhaus zu Besuch kam, dass er nicht genau wusste, welcher Frau er zuerst zur Tochter gratulieren sollte. Die Frau im Nachbarbett ihrer Mutter war seine Geliebte, von der die Mutter bis dato keine Ahnung hatte. Es war wohl nicht der richtige Zeitpunkt und nicht der richtige Ort, um wieder einmal mit den Seitensprüngen, diesmal mit "Folgen", ihres Mannes konfrontiert zu werden. Auf jeden Fall nahm sie es ihm derart übel, dass sie sich nach der Krankenhausentlassung scheiden ließ. Ihr Vater sei immer ein "Windhund" geblieben, wie es Charlotte ausdrückte, und hätte sich wenig um seine Kinder gekümmert. "Er kam imma nur dann, wenn a in de Schitte saß oda Jeld brochte." Die Familie zog aus einem Vorort nach Spandau um, da die nun alleinerziehende Mutter dort leichter Arbeit bekam.

Die Geschwister gehörten den Pfadfindern an. Nachdem die Pfadfinder der Hitlerjugend einverleibt wurden, traten nicht nur Charlotte und ihr Bruder Fritz aus. Heimlich trafen sich viele der Kinder und Jugendlichen aus der ehemaligen Pfadfindergruppe weiter. Aus ganz unterschiedlichen Gründen wollten sie auf keinen Fall zur Hitlerjugend gehören.

Fritz besuchte die Hilfsschule. Nach ihren Berichten lag jedoch keinerlei geistige Behinderung vor. Er war wie andere Kinder in der Lage, zu lernen, war in seiner Auffassungsgabe jedoch etwas langsamer. Dazu kam, dass er sich im Schulalltag mit dem Drill und Disziplinierungen nicht abfinden konnte. Er galt als "aufsässig". Dennoch rechtfertigten seine Noten eine Umschulung  nicht. Vermutlich war der wahre Grund zur Abschiebung auf die Hilfsschule der Umstand, dass er für die Lehrer ein unbequemer Schüler war und dass er sich gegen eine Mitgliedschaft in der HJ wehrte. Charlottes Mutter, alleinerziehend und Alleinverdienerin, wehrte sich erfolglos gegen die Umschulung.

Die Mutter versuchte, auf Fritz einzuwirken, wenigstens pro forma der HJ beizutreten, was er rigoros ablehnte. Seiner Meinung nach war in der HJ alles verboten, was Spaß machte: Swing, Mädchen, zwangloses Zusammensein. Stattdessen bot die HJ vormilitärische Übungen, Massenveranstaltungen und Marschmusik. Also all das, was er hasste. Nachdem Fritz mehrmals von Mitgliedern der HJ grundlos zusammengeschlagen wurde, kam auch für seine Schwester der Beitritt in die HJ, bzw BDM, nicht mehr in Frage.

Die anfänglich knapp ein Dutzend Kinder und Jugendliche der ehemaligen Pfadfindergruppe trafen sich regelmäßig auf einer verwilderten Wiese. Charlottes Bruder zeigte ein erstaunlich großes organisatorisches Talent. Er hielt die Gruppe zusammen. Bald stießen Kinder aus verbotenen konfessionellen, bündischen, kommunistischen oder sozialdemokratischen Jugendorganisationen dazu. Zur Gruppe gehörten schnell über dreißig Kinder. Immer wieder gelang es Fritz, heimlich Fahrten und Treffen zu organisieren. Einmal waren sie beispielsweise zu Fuß, da nicht alle aus der Gruppe ein Fahrrad besaßen, bis an die mecklenburgische Ostseeküste gewandert. Fritz gelang es, bei Fischersfamilien alle Kinder unterzubringen. Als Gegenleistung für Unterkunft und Verpflegung halfen sie im Dorf bei allen möglichen Arbeiten. Die erst skeptischen Mecklenburger waren begeistert von den jungen Berlinern, da sie zeigten, dass sie gut arbeiten konnten und sehr diszipliniert waren. Man lud sie für die kommenden Sommerferien wieder ein. Trotz der Arbeit verlebte die Gruppe unbeschwerte Ferienwochen und freute sich darauf, wieder zu kommen. Daraus wurde allerdings nichts mehr.

In den Sommermonaten radelten sie über das Wochenende ins Berliner Umland zum Baden. Meist hielt ein Fahrrad für drei Kinder her. Ein Größerer radelte und auf Lenkstange und Gepäckträger saßen die kleineren Mitfahrer. Ihre Zelte schlugen sie zumeist etwas entfernt vom See bei gutmütigen Bauern auf. Denn oft mussten sie blitzartig von den Seen verschwinden, da die Ordnungsmacht sich an der fehlenden Badebekleidung der meisten Kinder stieß. Das Nacktbaden gehörte für sie zu ihrem Gefühl der Freiheit dazu und es störte sie keineswegs, die Polizei zu provozieren.

Die größeren Kinder bepinselten nachts oft Wände mit nazifeindlichen Parolen. An einer Brandmauer in der Pichelsdorfer Straße stand regelmäßig der Spruch: "Wer Hitler kennt und dem vertraut, dem hamse den Verstand geklaut". Charlotte meinte, dass in ihrer Wohngegend noch andere Gruppen in ihrer Art bestanden haben müssen, denn auch später verzierte dieser Spruch die kahle Wand. Irgendwann gaben die Nazis es auf, die Wand zu überstreichen oder sich auf die Lauer zu legen, um die Verursacher zu schnappen.
 
Fritz fand eine Anstellung bei einem größeren Geschäft. Er erledigte Botengänge und lieferte Waren aus. Bei den Kunden war er durch seine hilfsbereite und fröhliche Art sehr beliebt. Er kassierte reichlich Trinkgelder. Sein Chef überlegte sich schon, ob er den Jungen nicht noch effektiver ins Geschäft einbinden könnte. Es gab Überlegungen, ihn als zweiten Verkäufer einzustellen - für Fritz wäre das ein kollossaler Aufstieg gewesen. Seine verbindliche Art hatten den kinderlosen Ladeninhaber überzeugt. Fritz fand in seinem Arbeitgeber eine Art Ersatvater. Und der hatte große Pläne mit ihm. Denn einen Erben gab es nicht.

Durch den Job war zwar leider die freie Zeit etwas beschnitten und keine weiten Touren wie früher in den Sommerferien möglich, aber mit seinem Verdienst ging es der kleinen Familie endlich deutlich besser. Seinen Lohn gab er vollständig seiner Mutter und begnügte sich mit einem kleinen Taschengeld. Von diesem ersparte er sich als erstes Geld für einen Stoff, aus der die Mutter für Charlotte ein Kleid nähte. Er hatte sich darüber geärgert, dass andere Mädchen seine kleine Schwester, sein Prinzesschen, wegen ihrer ärmlichen Kleidung ausgelacht hatten. Die Zeit der ständigen finanziellen Engpässe schien überwunden.

Kurz darauf im Winter griff die Gestapo zu, als sich die Kinder und Jugendlichen in der Laube des Vaters eines Jungen versammelt hatten. In der restlichen Schrebergartensiedlung wohnten weitab Leute. Doch gingen sie zu den Treffen nicht an den Wohnlauben vorbei. Die Schrebergartensiedlung in ihrem Bereich war zu diesem Zeitpunkt wie ausgestorben. Denn auf den angrenzenden Grundstücken befanden sich nur Gerätehäuser mit Sommerlauben. Charlotte vermutete daher hinter dem Gestapoeinsatz eine Denunziation. Sie planten gerade eine Fahrt in den Harz über Neujahr zum Schlitten fahren.

Die Gestapoleute schlugen der zehnjährigen Charlotte und zwei anderen Mädchen in ähnlichem Alter ins Gesicht und schickten sie nach Hause. Charlotte erlitt dabei einen Unterkiefer- und Nasenbeinbruch. Ihren fünfzehnjährigen Bruder und ca zwanzig andere Kinder und Jugendliche prügelte die Gestapo auf einen Lastwagen.

Am nächsten Tag verwüstete die Gestapo ihre Wohnung. Dabei fanden sie im Schrank eine Jazzplatte. Fritz begeisterte sich für amerikanische Musik. Swing oder Jazz  war etwas anderes als die "Dicke-Backen-Musik" der Nazis. Er besaß keinen Plattenspieler. Wie er an die Schallplatte gekommen war, wussten weder Charlotte noch ihre Mutter. Sie vermuteten, dass er sie von einem Freund geliehen oder geschenkt bekommen hatte. Zweimal wurde Charlottes Mutter zu Verhören geladen. Einmal befragte ein Kriminalbeamter Charlotte. Immer wieder wollten sie wissen, woher die Platte stammte. Offensichtlich hatte Fritz zur Herkunft der Platte in Verhören geschwiegen.

Verzweifelt versuchte die Mutter, den Verbleib des Jungen zu erfahren. Hilfesuchend wandte sich die fromme Frau an den evangelischen Pfarrer. Dem fiel nichts anderes ein, als der Mutter vorzurechnen, wie oft Fritz im Sonntagsgottesdienst fehlte, dass sie mit ihrer Ehescheidung schwere Sünde auf sich geladen habe, weil sie dadurch die Familie zerstörte und der Sohn ohne Vater aufwachsen musste. Deshalb würde es den Herrn Pfarrer auch nicht wundern, wenn der Junge auf die schiefe Bahn geräte. Dafür trüge sie alleine die Verantwortung und er könne und wolle ihr nicht helfen. Charlotte war bei dem Gespräch dabei. "Dat war dit letzte Mal, dat ick een Fuß inne Kirche jesetzt hab. Ab da konnte ma dit Pfarrajeschmeiß den Buckel runta rutsch´n."

Erst nach einem halben Jahr brachte die Mutter heraus, dass ihr Sohn in einer Anstalt am Rande Berlins untergebracht worden war. Zuerst reagierte sie mit Erleichterung, dass der Junge nicht im Gefängnis oder in einem Lager saß. Wochenlang bemühte sie sich nun um einen Besuchstermin. Fritz hatte vor der Ergreifung durch die Gestapo keinen Sprachfehler. Als sie das erste Mal den Jungen, völlig abgemagert, in der Anstalt sah, stotterte er so schlimm, dass er kaum einen ganzen Satz herausbekam. Seine Schwester durfte überhaupt nicht zu ihm. Sie wartete auf der Straße auf die Mutter. Manchesmal gelang es Fritz, ihr durch ein vergittertes Anstaltsfenster zuzuwinken. Die Mutter war alarmiert und versuchte nun alles Menschenmögliche, ihren Sohn aus der Anstalt herauszubekommen - ohne Erfolg. Die Einweisung in die Anstalt kam zustande, weil er die Hilfsschule besucht hatte, weil seine ehemaligen Lehrer dem unangepassten Schüler eine entsprechende Beurteilung gaben und weil ein Richter der Meinung war, wer eine solche "Negermusik" gut fände, könne nicht "normal" sein. Der Arbeitgeber des Jungen, ein bis zur Machtergreifung überzeugter Sozialdemokrat, der nie in die NSDAP eintrat, wurde nicht gehört. Er schrieb an das Gericht, wie zufrieden er mit dem Jungen war und wie gut Fritz anpacken konnte - umsonst.

Anfang 1940 wurde Charlottes Bruder "verlegt", kurz darauf kam die Todesnachricht. Er war angeblich an einer Lungenentzündung gestorben. Er, der mit seinen Freunden zu Fuß oder mit dem Rad weite Touren unternahm. Der bei jedem Wetter zeltete. Der im Frühjahr als Erster und im Herbst als Letzter in der Havel badete. Der es nie lange in einem geschlossenen Raum aushielt und bei Wind und Wetter in der Natur unterwegs war.

Ihre Mutter reagierte wie gelähmt. Monatelang bewegte sie sich wie eine Marionette, war unfähig zum Weinen und zum Sprechen. Ab da wurde Charlotte zur Stubenhockerin und Mutter und Tochter klammerten sich aneinander. Stundenlang saßen sie beide tagsüber schweigend am Küchentisch. Nachts schlief Charlotte mit in ihrem Bett. Kam eine der Beiden nicht pünktlich nach Hause, stand die Andere erstarrt vor Angst im Flur. Charlotte erreichte in der Schule zwar immer Bestnoten, fehlte aber unverhältnismäßig oft. Deswegen durfte sie auch trotz Bestnoten keine höhere Schule besuchen.

Was aus den anderen Kindern und Jugendlichen wurde, wusste sie nicht. Sie hat von der Gruppe, bis auf die zwei Mädchen, die mit ihr laufengelassen wurden, niemanden mehr gesehen. Obwohl alle drei Mädchen die gleiche Schule besuchten, wagten sie es nicht, miteinander zu sprechen oder sich zu treffen. In unbeobachteten Momenten tauschten sie lediglich auf dem Pausenhof miteinander Blicke aus.

Ihr Bruder brachte ihr von klein auf bei, die Mutter nicht mit Problemen zu belasten. Sie hätte es auch so schwer genug. Daran hielt sich Charlotte. Er war aber nicht mehr da, um sich geduldig ihre Sorgen anzuhören, sie zu beraten, sie zu trösten. Sie begann, jeglichen Kummer in sich unausgesprochen hineinzufressen. Da gab es keinen großen Bruder mehr, der sie vor Hänseleien oder Neckereien anderer Kinder schützte. Was sollte sie nun spielen? Was unternehmen?

Fritz hatte immer die mitreißendsten Ideen. Wandern, Schwimmen, Musik  - ganz egal, was sie tat, jedesmal schoss es ihr durch den Kopf, dass sie mit ihrem Bruder das Gleiche getan hatte, dass es aber mit ihm viel schöner war. Kein flapsiger Spruch mehr, niemand, der sie auch mal veräppelte, zu den Feiertagen nicht die liebevollen Geschenke mit ihrer neugierigen Vorfreude, was er sich diesmal einfallen gelassen, diesmal für sie gebastelt hatte. In der Wohnung herrschte Stille ohne unbeschwertes Toben oder Gekicher. Charlotte hörte ihre Mutter vor Fritz´ Festnahme das letzte Mal lachen. Kurz darauf endete ihre Kindheit schlagartig. Mühsam versuchte sie, sich nicht vorzustellen, wie Fritz starb. Sie fraß weiter in sich hinein.

Sie, Fritz´s rotwangiges Prinzesschen, kränkelte nun ständig, was sich nie mehr änderte. Sie benötigte fast einen Monat, um mir die Geschichte ihres Bruders zu erzählen. Fünf Jahrzehnte nach seiner Ermordung wurden ihre Berichte immer wieder durch Weinkrämpfe unterbrochen. Das Schlimmste für sie war, dass ihr Bruder den Stempel "irre" aufgedrückt bekommen hatte und nie rehabilitiert wurde. Seine Ehre, seine Würde bekam er nie zurück.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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