Das DRK und Antisemitismus
 
Die antisemitische Haltung des Rotkreuzpersonals entsprach genau der NS - Ideologie. Schnell wurden die eigenen Reihen von Juden gesäubert. Ein Opfer war Margot S., die vorher beim DRK sogar ihre Ausbildung als Krankenschwester absolvierte. Es fand sich keine Kollegin, die sich mit ihr solidarisierte oder in irgendeiner Form Mitgefühl bekundete. Margot reagierte auf ihren Rauswurf mit absoluter Fassungslosigkeit, denn sie fühlte sich keineswegs als Jüdin, sondern identifizierte sich völlig mit dem deutschen Volk, genauer gesagt, mit dem deutschen Volk rechtsnationaler Gesinnung.
 
Da hatte sie aber fies Pech gehabt, denn eben diese mochten die große blonde Frau mit ihren wasserblauen Augen und dem fehlerhaften Ariernachweis nicht mehr. Sie hätte problemlos als Krankenschwester weiterarbeiten können, beispielsweise im jüdischen Krankenhaus oder Altenheim. Doch das konnte sie mit ihrer Weltanschauung nicht vereinbaren. Fanden andere assimilierte Juden durch die Verfolgung den Weg zurück zu ihrem Glauben, sperrte sich Margot weiterhin gegen die „zerlumpten Kaftanträger“, die sie nun für ihr Elend verantwortlich machte und nicht etwa die Nazis. Sie glaubte fest daran, dass sich der Irrtum um ihre Person zu ihrem Wohlgefallen aufklären würde. Soviel Sturheit war schon bemerkenswert.
 
Zumal diese Frau keineswegs dumm war. Sie sprach beispielsweise fließend mehrere Sprachen. Daher verdiente sie nun ihre Brötchen durch Schreibarbeiten und Übersetzungen. Gerade nach dem Krieg ein lukratives Geschäft, sodass sie in den Pflegeberuf nicht zurückkehrte. Und was machte sie nach 1945 in ihrer Freizeit? Man glaubt es kaum: sie versah als Ehrenamtliche in der DRK-Tracht bei Großveranstaltungen Sanitätsdienste. Mahlzeit!
 
Auch die Jüdin Sara Nußbaum legte ihr Examen als Rot-Kreuz-Schwester ab. Anders als Margot ließ sie sich aber nicht aus dem Beruf drängen und arbeitete als Krankenschwester in der Jüdischen Gemeinde Kassel. Bereits 1934 kam sie in Konflikt mit Hitlers Schergen wegen angeblicher regimefeindlicher Äußerungen. Ihr Mann Rudolf Nußbaum versuchte seine Frau bei der Verhaftung vor der SA-Horde zu schützen. Durch die erlittenen Misshandlungen überlebte er den Überfall nicht. Nach vierzehn Tagen entließ man sie aus der Haft. Acht Jahre später deportierten die Nazis die Vierundsiebzigjährige ins Altersghetto Theresienstadt.
 
Trotz ihres fortgeschrittenen Alters bemühte sie sich um die Versorgung der Mithäftlinge im Deportationszug und arbeitete in Theresienstadt bei Typhuskranken im Krankenrevier unter verhehrenden Arbeitsbedingungen, verschärft noch dadurch, dass Medikamente fehlten. Immer wieder verhinderte sie den Abtransport von Mitgefangenen in die Gaskammern von Auschwitz, indem sie diese als Typhus-Kranke führte.
 
Im März 1945 wurde ein Transport für eine Erholungskur in die Schweiz zusammengestellt. Sara kannte die Märchen der Nazis und war sich sicher, dass das Ziel Auschwitz hieß. Sie war durch die Arbeit im Revier ausgebrannt und erschöpft. So meldete sie sich für den Transport, auch mit dem Hintergedanken, eine Jüngere vor der Vernichtung zu bewahren. Doch die Reise endete wirklich in der Schweiz. Die Gruppe der Theresienstädter hatte ihre Rettung einer Vereinbarung zwischen dem Schweizer Bundespräsidenten und SS-Führer Himmler zu verdanken, womit der Nazi seine humane Haltung gegenüber den Juden demonstrieren wollte. Der Kriegsverlauf ermöglichte plötzlich derartige Gesten von denen, die beabsichtigten, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Ein halbes Jahr benötigte Sara, um sich zu erholen. Dann kehrte sie zu Fuß nach Kassel zurück. 1956 erklärte ihre Heimatstadt sie übrigens zur Ehrenbürgerin. Mit 88 Jahren starb sie. Ob sie wie Margot bereit gewesen wäre, noch einmal freiwillig die Rotkreuztracht anzuziehen, wage ich zu bezweifeln.
 
Denn die DRK-Schwestern, die mit ihrem Ariernachweis mehr Glück hatten, formulierten auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches unbefangen weiter ihren Antisemitismus, ohne es häufig selber zu bemerken. Da betonte die Krankenschwester Irma R., sie stehe Juden völlig neutral gegenüber, obwohl sie wusste, dass die Bauern die Juden für betrügerische Viehhändler hielten. Beim Roten Kreuz unterrichtete sie Rassenlehre. Ein interessantes Thema für so eine neutrale Person. Ganz ungeniert wurden alte Vorurteile aufgewärmt, wie von der DRK-Helferin Sophie Bettermann, die aus dem Ghetto Przemysl berichtete und sich über einen elegant gekleideten jüdischen Kaufmann aus Wien ausließ, den angeblich das Elend der anderen Juden nicht rührte.
 
Gerade die in den Ostgebieten weilenden DRK-Pflegekräfte erlebten die Ghettos und Deportationen hautnah mit. Im Zweifel für den Angeklagten kann man ihnen aber nicht unterstellen, dass sie über die Vernichtungsmaschinerie informiert waren. Viele der Pflegerinnen versuchten im Nachhinein ihren fehlenden Antisemitismus damit zu beweisen, dass sie die Ghettos aufsuchten und die dortige jüdische Bevölkerung auch mit Lebensmitteln versorgten. So erzählte Sophie, dass sie ins Ghetto ihre Schuhe zur Reparatur brachte oder Näharbeiten in Auftrag gab. Auch Meta Altemeier ließ sich ihre Schuhe im Ghetto besohlen und zwar in Warschau. Solche Berichte haben nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die Damen suchten nicht aus reiner Menschenliebe die Ghettos auf. Nein, nein! Die großzügig „gespendeten“ Nahrungsmittel bedeuteten die Bezahlung für Dienstleistungen, für die sie woanders teuer hätten bezahlen müssen. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Akte der puren Nächstenliebe als reine Tauschgeschäfte, bei denen die DRK-Schwestern nicht schlecht abschnitten.
 
Bezeichnend ist auch, dass Meta bemerkte, dass sie selbstverständlich in das Ghetto gegangen wäre um zu helfen, wenn „man“ ihr dazu einen Befehl gegeben hätte. Ohne eine direkte Anweisung existierte also für sie offenbar kein Handlungsbedarf. Der Hunger der Ghettobewohner war unübersehbar. Teilweise brachen die abgemagerten Leidensgestalten vor Schwäche auf offener Straße zusammen, verreckten unversorgt auf den Bürgersteigen. Aber Meta brauchte einen Befehl! Außerdem nahm sie an, dass die Juden dort von Sanitätern versorgt wurden. Auch dieser spätere Rechtfertigungsversuch zeigt Makel: Sie muss ziemlich sehbehindert gewesen sein, denn sonst wäre es ihr aufgefallen, dass keine Sanitäter vor Ort waren. Die Krankenpflege geschah in den Ghettos, wenn überhaupt, in Eigenregie, in der Regel ohne medizinische oder pflegerische Mittel.
 
Interessanter ist da schon Walburgas Bericht, die ebenfalls eine Weile in Warschau war. Sie reagierte stinksauer auf ihre Kolleginnen, die ins Ghetto gingen. Als überzeugte Nationalsozialistin waren für sie die Juden Abschaum. Von daher war es unter ihrer Ehre, sich mit ihnen in irgendeiner Beziehung einzulassen. Sie erklärte, dass sie lieber den zehnfachen Preis für Etwas zahlte, als die Dienste eines Juden in Anspruch zu nehmen. Empört reagierte sie auf die Tauschgeschäfte ihrer Kolleginnen, als sie davon erfuhr. Das empfand sie als Schmach und Verrat an der Sache und machte deshalb ihren Kolleginnen heftige Vorwürfe. Die Deportationen begrüßte sie ausdrücklich, damit ihre arischen Mitschwestern nicht weiterhin vom „jüdischen Geschacher“ infiziert werden konnten. Hart, klar, deutlich: aber entschieden gehaltvoller, als die heuchlerisch, herumeiernden Erklärungen der menschenfreundlichen DRK-Schwestern unterm Hakenkreuz. Walburga hätte nie einem Juden geholfen, aber auch kein Jude hätte von ihr Hilfe erwartet.
 
Auch die Juden von Miedzyrzecz zogen keinen Vorteil daraus, dass eine Gruppe deutscher DRK-Schwestern Zeuginnen einer Razzia wurden. Ein Polizeibataillon trieb im August 1942 die jüdische Bevölkerung auf dem Marktplatz zusammen und ließ sie in der prallen Sonne ungeschützt stundenlang sitzen. Wer aufstand, wurde ohne jegliche Vorwarnung erschossen. Welches Kind kann lange Zeit unter normalen Bedingungen stille sitzen? Etwa tausend Menschen starben an diesem Tag. Und nur eine einzige Schwester mokierte sich über diese sadistische Tat. Ihr Mitgefühl beschränkte sich aber ausschließlich auf die ermordeten Kinder, nicht auf die getöteten Männer, Frauen und Greise.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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