Das DRK an der Front
 
Die Sanitätssoldaten versorgten die Verwundeten direkt an der Front. Überall, wo deutsches Militär einmarschierte, folgten die Pflegekräfte des DRK´s hinter den Frontlinien nach. Sanitätssoldaten waren offizielle Wehrmachtsangehörige, doch auch das Deutsche Rote Kreuz unterstand der Wehrmacht. Es war also keineswegs neutral. Die Pflegekräfte leisteten nur dann Hilfe für die Zivilbevölkerung oder gegnerische Soldaten, wenn befehlsberechtigte Wehrmachtsangehörige es anordneten.
 
Das DRK war an den Verbrechen gegen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter durch Verweigerung der pflegerischen Versorgung maßgeblich beteiligt. Die Pflegekräfte, die ich darauf ansprach, lenkten sehr schnell das Gespräch auf eigene Verluste. Lediglich Walburga sagte, dass sie so vernagelt war durch die ständige Gehirnwäsche, dass es sich bei den Russen um „Untermenschen“ handelte, dass sie überhaupt nicht auf die Idee kam, dass sie als Rotkreuzschwester im Sinne von Henri Dunant verpflichtet war, auch gegnerische Soldaten zu pflegen. Für sie ergab sich allerdings da auch keine Situation, weil ausschließlich Landser zu ihrem Lazarett gebracht wurden. „Bei uns wurden keine Gefangenen gemacht.“ Diese Aussage spricht Bände.
 
Die DRK-Schwesternhelferin Fridoline Kessler verdeutlichte ihre Zugehörigkeit zur Wehrmacht mit ihren Erlebnissen 1942 in Frankreich. Sie empörte sich darüber, dass sie im Lazarett auf einer Frauenstation arbeiten sollte. Schließlich hatte sie sich freiwillig zum Lazarettdienst gemeldet, um an der Ostfront Landsern zu helfen. Ihr Antrieb für die Tätigkeit in der Krankenpflege entsprang der Motivation, als Bestandteil der kämpfenden Truppe einen Beitrag zum Endsieg zu leisten. Fridoline, die nach der Frauenstation auf eine Station für Kriegsgefangene versetzt wurde, pflegte dort nach ihren Angaben ohne Ansehen der Hautfarbe, des Ranges oder Dienstgrades Soldaten aus Amerika, England, Frankreich, Polen und Afrika. Vielleicht erkannte sie über ihre Arbeit hinweg, dass sie es mit Menschen zu tun hatte.
 
Jedenfalls organisierte sie für ihre Patienten klammheimlich zusätzliche Lebensmittelrationen. Ein Arzt, der sie dabei ertappte, empfahl ihr die Tötung einiger Patienten, wenn sie für Deutschland wirklich etwas tun wolle. Immerhin hatte sie es nicht mit einem 250 %igen zu tun, sonst wäre sie wegen Feindbegünstigung in den Bunker gewandert. Die Schwesternhelferin dachte aber nicht darüber nach, warum die Kriegsgefangenen in der oberen Etage untergebracht waren. Ihre Patienten dienten der Wehrmacht als lebendes Schutzschild.
 
Entgegen späterer Behauptungen vom DRK, sie hätten angeblich mit dem entsprechenden Organisationen des Roten Kreuzes in den besetzten Gebieten zusammengearbeitet, bezeugen Pflegekräfte etwas anderes. Sophie Bettermann meinte dazu, sie hätten keine Kontakte zu Polen geknüpft. Und die Pflegekräfte des polnischen Roten Kreuzes bestätigten ihre Aussage. Die deutschen DRKler hätten nur Deutsche versorgt, ihnen oblag die Fürsorge ihrer Landsleute.
 
Nun ist es ja normalerweise so, dass eher Funktionären geglaubt wird, als kleinen unbedeutenden Pflegekräften. Auch dann, wenn diese Funktionäre offensichtlich versuchen, sich mit solchen Behauptungen jeglicher Schuldanerkennung zu entziehen.
 
Der Fall Maria Bortnowska dürfte hilfreich sein bei der Wahrheitsfindung. Sie war die Leiterin des Suchdienstes des Polnischen Roten Kreuzes und wurde 1940 von der Gestapo grundlos verhaftet und ins Berliner Polizeigefängnis verschleppt. Das davon unterrichtete DRK schwieg. Von dort kam sie in das KZ Ravensbrück. Dort lernte sie auch Dr. Karl Gebhardt kennen, die Bestie von Ravensbrück, der sich für seine sadistischen Menschenversuche mit Vorliebe junge Polinnen aussuchte. Auch gegen ihre Einweisung in das Frauenlager protestierte das DRK nicht. So sah also die gerühmte Zusammenarbeit vom DRK mit anderen örtlichen Hilfsverbänden aus.
 
Und genauso sind auch die Angaben einzuschätzen, dass man zur Zivilbevölkerung die besten Verbindungen hatte. Hilfsschwester Meta Altemeier schwärmte von den Russen, die mal ein Huhn brachten oder Wäsche für sie wuschen. Das war aber nicht die russische Bevölkerung. Es waren Kollaborateure oder zwangsweise verpflichtete russische Hilfsarbeiter, die für ein Stück Brot den Deutschen dienen mussten. Wenn die Lazarette rückwärts verlegt wurden, nahm man die Russen nicht mit und überließ sie ihrem Schicksal. Und ihr Schicksal war, dass die anrückende Rote Armee sich nicht die Mühe machte, herauszufinden, warum sie für die Deutschen gearbeitet hatten. Alle, die den Deutschen halfen, galten in den Augen der russischen Armee als Kollaborateure. Und Kollaborateure wurden erschossen. Das wussten auch die Pflegekräfte, denn die Nazipropaganda berichtete über jede Gräueltat der Gegner ausführlichst.
 
Dennoch muss man auch feststellen, dass viele Rotkreuzkräfte zumindest für die eigenen Soldaten weit über die eigene Leistungsgrenze gingen, um zu helfen. Da kann man getrost solche Berichte wie den von der Hilfsschwester Meta außer Acht lassen, die fünf Jahrzehnte später fröhlich über die erste Amputation schwätzte, der sie im Funzellicht einer Petroleumlampe beiwohnte. Die Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte in den Lazaretten waren oft hanebüchend. Da wurde rund um die Uhr operiert, Krankensäle bis zum Anschlag mit Verwundeten vollgestopft, elementare hygienische Vorraussetzungen notgedrungen außer Acht gelassen, durch Versorgungsprobleme mit den Unzulänglichkeiten beim Material gekämpft.
 
In den Lazaretten schufteten Pflegekräfte bis zur totalen Erschöpfung, um an Leben zu retten, was zu retten war. Um oft genug hilflos mit anzusehen, dass sie das Sterben nicht aufhalten konnten oder dass ein geretteter Soldat Zeit seines Leben ein Krüppel bleiben würde. Die physische und psychische Belastung war für das Personal unmenschlich und so manche Pflegekraft zerbrach daran oder bekam nie wieder die grauenhaften Bilder aus dem Kopf.
 
Elfriede Bartkoviak verfolgten die Erlebnisse über Jahrzehnte. Sie war für das DRK unter anderem auch bei Stalingrad. In dem Lazarett erblickte sie Dutzende von Leichen. Vor diesem Anblick kapitulierten ihre Nerven und sie verkroch sich im Keller. Ihr Pflichtbewusstsein zwang sie schließlich doch zur Arbeit. Auf der einen Seite befriedigte sie schließlich der Lazarettdienst, weil sie helfen konnte. Andererseits klagte sie lange über Schlafstörungen, weil die Bilder sie nicht losließen. Mit ihren ehemaligen Patienten blieb sie nach deren Entlassung in Briefkontakt. Von etwa 1500 ehemaligen Patienten überlebten nach ihren Kenntnissen nur zwei diesen Krieg.
 
Auch Walburga gingen an der Ostfront die Nerven durch. Mehrmals hintereinander rückte die russische Front bedrohlich näher und die Ärzte und DRKler befürchteten, überrollt zu werden. In Tag- und Nachtschichten operierten sie rund um die Uhr. Dazu vor dem Lazarett im Todeskampf schreiende und stöhnende Soldaten, die zugunsten leichter Verletzter unversorgt blieben. Direkt neben diesen noch lebenden Soldaten ein fast zwei Meter hoher Leichenberg. Man kam mit dem Begraben nicht mehr nach. Und ständig schleppten Sanitätssoldaten neues Elend an.
 
Maximal kamen die Pflegekräfte im Stück zu vier Stunden Schlaf. Literweise kippten sie Kaffee im Wechsel mit schwarzen Tee, versetzt mit Alkohol, in sich hinein, um wach zu bleiben. Sie erzählte, dass sie damals zu müde war, sich zu waschen oder umzuziehen, wenn sie aus dem OP kam. Wochenlang schlief sie in den gleichen Klamotten, in denen sie auch arbeitete. Trocken meinte sie, dass das Gefühl, schmutzig zu sein, unzutreffend war. Sie war dazumal nicht schmutzig, sie starrte vor Dreck und stank abartig. Außerdem hatte sie Läuse und die Krätze trat auch immer wieder auf. Jahre später schüttelte sie noch darüber den Kopf: Läuse im OP, Läuse beim Personal, Läuse bei den Operierten, Läuse in den Wunden.
 
Immer wieder machte sie sich Mut mit ihren Durchhalteparolen, glaubte an den Endsieg und an die Wunderwaffe. Nach einer Operation verfiel sie wieder in den Singsang, den man ihr eingeimpft hatte: an all dem Unglück sind nur die Juden Schuld. Ein Chirurg, ein überzeugter Nazi wie sie, verpasste ihr eine Ohrfeige und schrie sie an: „Welche Juden? Die haben wir doch alle umgebracht. Den Krieg verlieren wir ganz alleine!“
 
Wenige Wochen vorher hätte sie nach eigener Aussage jeden für so eine ungeheuerliche Aussage ans Messer geliefert und wenn es ihr eigener Vater gewesen wäre. In dem Moment aber brach ihr gesamtes Weltbild zusammen, vor allem, weil dieser Chirurg ihr immer ein politisches Vorbild war. Sie zeigte ihn nicht an. Stattdessen brach sie körperlich und seelisch völlig zusammen. Mit dem nächsten Verwundetentransport sorgte der Arzt dafür, dass ihn Walburga begleitete und nach Hause kam. Von den Kollegen und den Ärzten traf sie nach dem Krieg keinen wieder. Von einem Sanitätssoldaten aus ihrer Heimatstadt wusste sie, dass das Lazarett wenige Stunden nach ihrer Abreise zwischen die Fronten geraten war. Nach den Berichten des Soldaten konnte Walburga nicht ausschließen, dass versehentlich die eigenen Granaten das Lazarett niedermachten. Eigentlich hatte Walburga ursprünglich die Krankenpflegeausbildung absolviert, um im OP zu arbeiten. Nach ihrer Lazaretterfahrung entschied sie sich für die Innere. Auch läusefreie Operationssäle konnten sie nicht mehr reizen.
 
Doch man sollte auch nicht die fanatischen DRKler vergessen, die noch „Heil-Hitler“ schrieen, als jeder vernünftige Mensch bereits einsah, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte. Wo es nur noch darum ging, so schnell wie möglich alle Kampfhandlungen einzustellen, um das sinnlose Abschlachten zu beenden. So berichtete ein Wehrmachtsarzt in Russland, dass sich die Krankenschwestern seines Lazarettes weigerten, sich nach Halle zu ihrem Mutterhaus ausfliegen zu lassen. Eine Schwester Ottilie wollte sich sogar die Haare abschneiden und als Landser verkleidet weiterkämpfen. Man verfrachtete trotzdem diese Damen in den Flieger.
 
Charlotte H., Jahrgang 1928, erinnerte sich an eine Rotkreuz-Schwester aus Berlin-Spandau. Sie verriet zwei sechzehnjährige Jungen als Deserteure, die in ihrem Luftschutzkeller Zuflucht suchten. Die russische Armee hatte bereits die Spandauer Stadtgrenze erreicht, als die Halbwüchsigen an Laternenmasten aufgehangen wurden. Diese Pflegekraft kannte die Konsequenz ihres Handelns für die Jugendlichen, denn an anderen Laternen hingen bereits andere Opfer. Als die russische Armee das Spandauer Stadtgebiet erreichte, versuchte sie mit anderen Unverbesserlichen, die Kampfhandlungen fortzusetzen. Sie wurde von Mitbürgern gewaltsam entwaffnet, die etwas dagegen hatten, dass weiter völlig sinnlos Blut vergossen wird. Einen Tag später soll sie mit einer Pistole aus einem Kellerfenster heraus auf russische Soldaten geschossen haben. Die Russen griffen daraufhin das Wohnhaus mit dem Keller an, in den sich zahllose Frauen und Kinder geflüchtet hatten. In dem überfüllten Keller überlebte nur ein Kleinkind.
 
Nicht zu vergessen auch die beiden Krankenschwestern ,die in der Nacht vom 29. zum 30. April 1945 Adolf Hitler zwölf Stunden vor seinem Selbstmord im Führerbunker sahen. Anlass war ihr Lazaretteinsatz, für den der „Führer“ ihnen persönlich danken wollte. Dem mit ihnen anwesenden Arzt fiel auf, dass Hitler im letzten Jahr sichtlich gealtert war und massiv abbaute. Er wirkte zusammengefallen und litt augenscheinlich unter Parkinsonismus, denn linke Hand und Bein zitterten rhythmisch und Hitler konnte es nicht kontrollieren oder vertuschen. Dieser vergreiste Mann in seinem jämmerlichen Zustand erinnerte kaum noch an die Bilder, die überall vom „Führer“ aushingen.
 
Schwester Erna, die eine Besucherin, reagierte auf seinen Händedruck, indem sie fast hysterisch schreiend anfing, die allgemeinen Durchhalteparolen zu wiederholen, wie: Mein Führer; Glaube an den Endsieg; Feinde schließlich vernichten; ein Volk, ein Reich, ein Glaube; ewige Treue; wir folgen; Heil usw. Erst nachdem der Arzt sie am Arm zurückzog, brach sie ab.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 


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