Das Deutsche Rote Kreuz im Dritten Reich
 
 
Über die Rolle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Nazizeit beschränke ich mich nur auf die wichtigsten Hintergrundinformationen und betrachte das Thema aus meinem Blickwinkel. Wer sich weitgehender für diese Hilfsorganisation interessiert, sollte sich unbedingt das Buch von Bernd Biege „Helfer unter Hitler: Das Rote Kreuz im Dritten Reich“ besorgen. Wer die ersten etwas langatmigen Seiten übersteht, findet dann eine sehr kompakte, gut dargestellte und anschaulich erzählte Zusammenfassung der Ereignisse. Biege verleugnet in diesem Buch nicht seine Parteilichkeit für die Opfer der Nazis, bemüht sich aber dennoch um Objektivität.
 
Walter Gruber behauptete in einer Chronik des DRK-Landesverbandes Baden-Württemberg rückblickend, dass das DRK in der Nazizeit ein Ort gewesen sei, wo sich praktizierende Humanisten zurückziehen konnten, wenn sie zwangsläufig einer Organisation angehören mussten. Natürlich fühlte sich das Deutsche Rote Kreuz stets dem Geiste von Henri Dunant verpflichtet.
 
Dieser Henri Dunant gründete 1863 das Internationale Rote Kreuz, dass nach der Genfer Konvention 1864 als humanitäre und absolut neutrale Organisation anerkannt wurde mit den Aufgaben, Kriegsgefangenen, Verwundeten und Kranken Pflege, Betreuung und menschenwürdige Behandlung zukommen zu lassen gleich welcher Rasse, Religion oder politischer Gesinnung.
 
Das Deutsche Rote Kreuz erhielt gerade nach dem I.Weltkrieg einen enormen Zulauf. Mit 1.433.169 Mitgliedern im Jahre 1933 in 7943 Vereinen war diese Organisation zahlenmäßig der Reichswehr überlegen. Ins DRK traten bevorzugt Männer aus dem Kleinbürgertum und Frauen aus allen bürgerlichen Schichten ein. Also jene Leute, die überwiegend von der Schmach des Versaillers Vertrag und der Dolchstoßlegende lamentierten.
 
Eine Gleichschaltung des Vereins war nicht nötig. Das DRK ließ sich überaus bereitwillig in das neue Staatsgefüge eingliedern. Gerade die alten Kriegsveteranen wünschten eine Änderung der Vereinssatzung betreffs des Kriegssanitätsdienstes. Bereits im November 1933 wurde die Satzung dahingehend geändert, dass der Kriegssanitätsdienst Vorrang hatte, was eine enge Zusammenarbeit mit dem Heeressanitätsdienst ermöglichte.
 
Als nächstes passte man die Struktur des DRK an die Strukturen des Dritten Reiches an. Statt demokratisch gewählter Gremien wurden Führungskräfte berufen. Der Staat kontrollierte nun auch das Vermögen des Vereins. Nachdem der Präsident des DRK´s von Winterfeldt-Menkin sein Amt niederlegte, setzte noch der Reichspräsident Paul von Hindenburg den Herzog Carl-Eduard, einen Nationalsozialisten, als neuen Präsidenten ein.
 
Damit hatten sich die Grundsätze des Internationalen Roten Kreuzes betreffs Unabhängigkeit und Neutralität für das Deutsche Rote Kreuz bereits 1933 erledigt. Nach Hindenburgs Tod 1934 erfuhr das DRK „eine besonders große Ehre“, denn der Führer höchstpersönlich übernahm die Schirmherrschaft für das Deutsche Rote Kreuz. Im Dezember 1937 wurden die Einzelvereine per Gesetz zusammengefasst. Als einheitliche Organisation ohne Eintrag in das Vereinsregister nahm das DRK also eine Stellung als öffentliche Einrichtung unter Aufsicht des Reichsinnenministeriums des Nazistaates ein.
 
Den letzten „Schliff“ erhielt das DRK, als es im Dezember 1937 eine neue Satzung verabschiedete, die vorher vom Innenministerium, Kriegsministerium und vom Stellvertreter des Führers genehmigt werden musste. Diese Satzung beinhaltete die unbedingte Treue zum Führer. Der DRK-Eid wurde eingeführt: „Ich schwöre Treue dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler. Ich gelobe Gehorsam und Pflichterfüllung in der Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes nach den Befehlen meiner Vorgesetzten. So wahr mir Gott helfe.“
 
Wieweit das Nazigift bei dem Rotkreuzpersonal wirkte, macht der tragische Fall der Diakonissin Ehrengard Frank-Schultz deutlich. Eine unbekannt gebliebene Schwester des DRK erfüllte ihren Eid übereifrig. Ehrengard Frank-Schultz bedauerte ihr gegenüber das missglückte Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944.
 
Es war der Tag, an dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg in der „Wolfsschanze“ bei Rastenburg eine Aktentasche mit einer Bombe deponierte. Stauffenberg gehörte zu einer Gruppe hoher Offiziere, die jahrelang Hitler zujubelten und ihn unterstützten, als die militärische Lage aber immer brisanter wurde, den Umsturz planten. Man versuchte, zu retten, was es zu retten gab, vor allem die eigenen Pfründe und Privilegien. Das Attentat überlebte Hitler nur leicht verletzt. Eine Verhaftungswelle setzte ein und Stauffenberg wurde erschossen. Er war ein Offizier und darum kennt fast jedes Kind in Deutschland seinen Namen als Widerstandskämpfer. Ehrengard Frank-Schultz war eine Diakonisse und taucht selten namentlich als Widerstandskämpferin auf. So ist das eben mit der deutschen Geschichte. Jedenfalls wagte sie es, aus der schweigenden Mehrheit auszubrechen und überdeutlich das Attentat zu kommentieren. Die Rotkreuzschwester zeigte die Berufskollegin an und brachte sie damit vor den Volksgerichtshof. Resultat dieser Denunziation war: 
 
Todesurteil gegen Ehrengard Frank-Schultz v. 6.11.1944 L427/44 J 1906/44
Im Namen des Deutschen Volkes!
 
In der Strafsache gegen Frau Ehrengard Frank-Schultz geborene Besser aus Berlin Wilmersdorf, geboren am 23. März 1885 in Magdeburg, zur Zeit in dieser Sache in gerichtlicher Untersuchungshaft wegen Wehrkraftzersetzung, hat der Volksgerichtshof, 1. Senat, auf die am 2. November 1944 eingegangene Anklage des Herrn Oberreichsanwalts, in der Hauptverhandlung vom 6. November 1944, an welcher teilgenommen haben als Richter: Präsident des Volksgerichtshofs Dr. Freisler, Vorsitzer Landgerichtsdirektor Stier, SS-Brigadeführer Generalmajor der Waffen-SS Tscharmann, SA-Brigadeführer Hauer, Stadtrat Kaiser, als Vertreter des Oberreichsanwalts: Erster Staatsanwalt Jaager, für Recht erkannt:
Frau Frank-Schultz bedauerte einer Rote-Kreuz-Schwester gegenüber, daß der Mordanschlag auf unseren Führer mißglückte und erfrechte sich zu der Behauptung, einige Jahre unter angelsächsischer Herrschaft seien besser als die „gegenwärtige Gewaltherrschaft“ Sie hat also gemeinsame Sache mit den Verrätern vom 20. Juli gemacht. Dadurch ist sie für immer ehrlos geworden. Sie wird mit dem Tode bestraft.
 
(Ouelle: Bundesarchiv Koblenz R 60111/74) Siehe auch Virtuelles Denkmal Gerechte der Pflege
 
Ehrengard Frank-Schultz wurde am 8. Dezember 1944 in Berlin-Plötzensee im Alter von 59 Jahren hingerichtet. Natürlich stellt sich einem die Frage, wie eine Pflegekraft zu einer solchen unentschuldbaren Denunzierung fähig war, jemand, der durch seinen Beruf eigentlich eine humane Grundeinstellung haben müsste. Die Basis für ein derartig abartiges Verhalten, die einem Menschen das Leben kostete, wurde eindeutig im Deutschen Roten Kreuz geschaffen. Natürlich arbeiteten auch andere Organisationen wie die Innere Mission oder der Caritasverband örtlich mit der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) in Arbeitsgemeinschaften zusammen oder beschlossen Vereinbarungen.
 
Aber dem DRK genügte das nicht. Es wollte dazugehören. Rotkreuzschwestern waren stolz darauf, in einer Organisation des nationalsozialistischen Staates arbeiten zu dürfen. Sie fühlten sich als Elite in dem Nazireich. Und ganz gezielt traten Frauen mit entsprechender Gesinnung dem DRK bei als die Institution, wo sie ihrem Führer auch als Frauen in soldatischer Manier dienen konnten.
 
Das waren auch die Beweggründe für die Wuppertaler Walburga und die Berliner Margot. Diese beiden Schwestern gaben es auch später in ihren Lebenserinnerungen zu, während andere Rotkreuzschwestern mir nachträglich versuchten klarzumachen, dass sie ja keine Nazis gewesen seien, weil sie dem DRK angehörten. Sie hatten echt die Stirn, nie etwas vom DRK-Eid gehört, geschweige ihn geleistet zu haben.
 
 
Bei 03:13 Vereidigung im Berliner Sportpallast
 
Auch konnten sie sich an keine Aufmärsche erinnern, an keine Massenveranstaltungen unter dem Hakenkreuz und faselten mir rührselige Stories von ihrem aufopferungsvollen Dienste im Sinne von Henri Dunant vor. Bewies man ihnen das Gegenteil, beharrten sie auf das eigene unpolitische Verhalten und erklärten dazu, dass es wohl so in anderen Rotkreuzvereinen zuging, aber nicht in ihrem Verein. Muss wohl an schlechten Informationswegen gelegen haben, dass sie nicht mitbekamen, dass ihr Einzelverein spätestens 1937 aufgelöst war. Vielleicht bemerkten sie deshalb auch nicht, dass bemerkenswert schnell sämtliche Führungsposten von der SS besetzt waren.
 
Ihre Behauptungen, von den Konzentrationslagern nichts gewusst zu haben, war schlicht und ergreifend eine lügnerische Rechtfertigung. Eine Beteiligung des DRK direkt an den Verbrechen in den Konzentrationslagern konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Auch Zeugenaussagen von Überlebenden, dass das Gift für die Gaskammern mit Rotkreuzwagen angeliefert worden waren, sind kein Beweis einer Mittäterschaft, solange nicht erwiesen wird, daß diese Wagen wirklich dem DRK gehörten und von DRKlern benutzt wurden.
 
Allerdings vermutet man, dass die Führungsriege des DRK sehr wohl an den Planungen der Vernichtung von Millionen Menschen beteiligt war, offiziell trat sie aber in dieser Verbindung nicht an die Öffentlichkeit. Dafür waren die SS-Mannschaften zuständig. Aber die Naziorganisation DRK dachte gar nicht daran, irgendetwas gegen die Verfolgung und Vernichtung Andersdenkender zu unternehmen. Von daher konnten die Inhaftierten in den Konzentrationslagern vom DRK auch keine Hilfe erwarten. Übrigens auch nicht auf dem Weg dorthin.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 


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