Menschen mit Down - Syndrom

 

Von 1979 bis 1981 arbeite ich in einem privaten kleinen Pflegeheim in Berlin. Dort lernte ich Klaus und Kurt kennen. Beide hatten ein Down - Syndrom und waren sehr anhängliche liebenswerte Menschen. Klaus war ein wenig eigenwillig. Stundenlang beschrieb er alles, was er erwischen konnte und irgendwie beschreibbar war. Akurat hielt er auch auf unliniertem Papier die Linien ein. Er bastelte sich aus Papier Briefumschläge und zeichnete fein säuberlich Briefmarke und Adresse herauf. Aus einer gewissen Distanz heraus sah es so aus, als würde sein Geschriebenes eine richtige Schrift sein, was beim näheren Hinsehen allerdings nicht stimmte. Die Pflegekräfte in dem Heim, die Klaus mochte, schenkte er dann seine Briefe. Ich verwahre bis zum heutigen Tage unzählige seiner Liebeserklärungen an mich in brieflicher Form in einer Mappe. Immer wieder stellte Klaus unter Beweis, dass er über ein gehöriges Maß an "Bauernschläue" verfügte. In der heutigen Zeit hätte er mit Sicherheit bei entsprechender Förderung die sogenannten Kulturtechniken erlernt.

Aber er erhielt nie eine Förderung, denn er kam zu Beginn der Nazizeit zur Welt. Klaus überlebte die braune Diktatur in der Speisekammer der elterlichen Wohnung. Ständig lebten die Eltern unter dem Druck, Klaus bloß ruhig zu stellen und zu halten, damit niemand das Kind bemerkte, was sie in der Kammer versteckten. Einige unbekannt gebliebene Nachbarn bekamen es dennoch mit und schoben heimlich Lebensmittelkarten unter der Wohnungstür der Familie durch. Sonst wäre es vermutlich bei den kargen Lebensmittelzuweisungen nicht gelungen, den Jungen durchzubekommen.

Bei den Bombenangriffen suchte Klaus´ Mutter den Luftschuzbunker auf, um kein Aufsehen zu erregen. Er blieb alleine in seinem Bett in der Kammer. Einmal waren durch die Druckwelle einer Bombe sämtliche Fensterscheiben des Hauses zerborsten. Als die Mutter zurückkehrte, saß Klaus in seinem Gitterbett inmitten von Glasscherben. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Eine größere Verwundung oder eine schlimme Erkrankung wären für ihn tödlich gewesen. Seine Mutter hätte niemals einen Arzt konsultiert aus Angst um das Leben ihres Sohnes. Erst in den letzten Kriegstagen, als niemand mehr an den Endsieg glaubte und "das Dritte Reich" dabei war, sich aufzulösen, wagte es die Mutter, Klaus in den Luftschutzbunker mitzunehmen.

Wann sollte Klaus laufen lernen, wo er doch jahrein, jahraus in seinem Gitterbett in der Speisekammer zubrachte? Wie sollte er in dieser Kammer den Umgang mit Menschen erlernen? Klaus lernte nach dem Krieg dennoch laufen. Er lernte, sich in der fremden Welt außerhalb seiner Kammer zurechtzufinden. In unserem Heim gelang ihm nach einer Weile die Eingewöhnung. In dieser Einrichtung gab es kein Personal, dass eine heilpädagogische Ausbildung besaß. Dennoch machte Klaus trotz seines Alters unentwegt Fortschritte in seiner Entwicklung. In dem Mann steckte ganz viel Potential, Kreativität und Lebensfreude.

Auch Kurt wurde bis Kriegsende vor den Nazis verborgen gehalten. Sein "Kinderzimmer" war zunächst ein Kellerverschlag, später ein Zwischenboden im Bad. Er war eher der, der Unterstützung und Hilfe in unserem Heim benötigte, besonders durch seine Inkontinenz. Andererseits besaß er eine starke Persönlichkeit. Kurt fiel durch seine außergewöhnliche Sensibilität auf. Er witterte jedes Problem, spürte sofort, wenn etwas nicht in Ordnung war. Manchmal nahm er Schwierigkeiten wahr, die man selbst noch nicht erkannte. Er drängte sich nie auf, aber er war da, tröstend und ermunternd. Auf eine sehr eigene Art. Man lernte, wenn man sich auf ihn einließ, zu sehen. Nicht das große Ganze. Er hatte ein Auge für die alltäglichen Details, die man selber gar nicht beachtete. Oft fragte ich mich in seiner Gegenwart, ob ich blind sei.

Gerhard, der Cousin meiner Freundin, ebenfalls behindert durch ein Down - Syndrom, hatte mehr Glück als Kurt und Klaus. Seine wohlhabende Familie verfügte über bessere Möglichkeiten, ihn zu schützen. Dazu kam, dass sein Behinderungsbild nicht so sehr auffallend war.

Seine Mutter setzte alles daran, ihren Sohn so intensiv wie möglich zu fördern. Alles trat in den Hintergrund, auch die Bedürfnisse seines Bruder, um Gerhard an den Leistungsstand der gleichaltrigen Kinder heranzuführen. Sein Bruder wurde, selber ein Kind, sehr schnell in die Verantwortung für den jüngeren eingebunden. Nur deshalb konnte Gerhard bis zur vierten Klasse unauffällig die Volksschule besuchen. Dann machte sich seine Behinderung doch langsam intellektuell bemerkbar.

Die Mutter zog daraufhin mit den Jungen von Berlin auf das Land, um ihn so den neugierigen Blicken zu entziehen. Die finanziellen Mittel der Familie gestatteten zwar Gerhard ein fast kindgerechtes Aufwachsen, dennoch spürte er jahrelang in seiner Kindheit die Angst und das bedrückende Gefühl der Bedrohung. Auch sein Bruder, ein späterer Universitätsprofessor, entkam dem Schatten dieser Zeit nie, was sich später besonders durch seine Überbesorgtheit gegenüber Gerhard äußerte.

Nach dem Tod seines Bruders erbte Gerhard eine große Stadtvilla in Berlin. In dem Haus sicherten die verschiedenen Mietparteien seinen Lebensunterhalt. Gerhard wohnte dort jahrelang selbständig. Er versorgte sich und seine Wohnung alleine. Dank der Hilfe einer Nachbarin, die ihn bei bürokratischen Dingen unterstützte, benötigte er keine Betreuung.

Erstaunlich war sein historisches Wissen. Mühelos konnte er Jahreszahlen zu geschichtlichen Ereignissen zuordnen. Außerdem beschäftigte er sich mit Fremdsprachen. Erst im Alter war er auf Pflege angewiesen. Er kam nach dem Tode seines Bruders in ein Pflegeheim, was er selber finanzierte.

Das dortige Personal nahm den Mann trotzdem nicht für voll aufgrund seiner Behinderung und besaß im Umgang mit Geistigbehinderten keinerlei Qualifikation. Gerhard, der bei seinem Eintritt in das Pflegeheim körperlich noch absolut fit war, wurde regelrecht zum körperlichen Pflegefall "gepflegt". Bevor er noch zu Tode "gepflegt" werden würde, holte ihn schließlich meine Freundin aus dem Heim heraus und übernahm selber seine Pflege mit Unterstützung einer Sozialstation. Auch da war Gerhard Selbstzahler.

Seine Vermögensverhältnisse gestatteten ihm überwiegend ein selbstbestimmtes Leben. Er fiel nie dem Staat zur "Last". Nie musste ein einziger "Steuergroschen" für ihn aufgewendet werden.

Klaus, Kurt und Gerhard hatten außer der Behinderung noch etwas gemeinsam: sie konnten überleben, weil die Frauen, die ihnen in die Welt halfen, der Meldepflicht nicht nachkamen. Vermutlich begünstigt durch die Anonymität der Großstadt wagten sie es, stattdessen die Eltern zu warnen. Es gab also Pflegekräfte, die Kinder dem mörderischen Zugriff der Nazis entzogen, weil sie sich den Anordnungen widersetzten. Eine Ehrung erfuhren diese Hebammen für ihren persönlichen Widerstand aber nie.

Und die Menschen mit Down Syndrom wurden auch nicht als Naziopfer oder Verfolgte des Naziregimes anerkannt. Dementsprechend erhielten sie auch keinen Pfennig Entschädigung. In der Zeit ihrer Heimaufenthalte in der aufgeklärten, fortschrittlichen und humanen Bundesrepublik Deutschland bestand ihre Pflege in der "Verwahrung" durch nicht ausreichend geschultes Pflegepersonal. Sie erhielten keine Förderung oder Wiedergutmachung. Oft genug waren sie später Diskriminierungen als Geistigbehinderte ausgesetzt, auch von Seiten einiger nicht aufgeklärter Personen aus Pflegeberufen. Ein fairer Umgang miteinander war keine Selbstverständlichkeit. Der beschränkte sich auf verantwortungsvolle Angehörige, verständnisvolle Mitbürger oder einzelner engagierter Pflegekräfte.
 
Den Verwandten, denen es irgendwie gelungen war, ihre Kinder vor der Vernichtung zu bewahren, die jahrelang mit der Angst im Nacken lebten, die über sich selbst hinauswuchsen, erfuhren zu keiner Zeit in irgendeiner Form eine Anerkennung für ihre Bemühungen. Eher kämpften sie auch nach der Nazizeit mit Vorurteilen und Stigmatisierung. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, zeigt bis heute eine deutliche Lernbehinderung betreffs Menschen, die "der Norm" nicht entsprechen. Wir Pflegenden müssen nun nicht unbedingt anfangen, zu dichten. Aber die Sache mit dem Denken sollten wir schon ausprobieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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