Der Weg ins Grauen

 

Die Euthanasiediskussion war keinesfalls neu und auch nicht die Erfindung der Nazis. Es gab immer wieder Kulturen in der Menschheitsgeschichte, die in der einen oder anderen Form Euthanasie betrieben. Da gab es beispielsweise die Spartaner, wo der Ätestenrat alle Neugeborenen begutachtete. Erfüllten die Babys nicht die "Norm" durch eine Missbildung, Behinderung, Krankheit oder geringe Körpergröße, schmiss man sie in eine Schlucht. Auch der große Philosoph Aristoteles forderte die Aussetzung behinderter Kinder. Für Martin Luther waren missgebildete Kinder ein Werk des Teufels. Und in vielen Kulturkreisen setzte man die arbeitsunfähigen Greise aus oder jagte sie davon.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden Menschen zunehmend nach ihrem "Produktionswert" eingestuft. Gleichzeitig bezeichnete man Menschen mit Behinderung vermehrt als "minderwertig". In den USA diskutierte man das individuelle "Recht zum Sterben", als ein Adolf Jost 1895 in Göttingen eine Studie "Das Recht auf den Tod" in Deutschland herausgab, was das Recht des Staates zur Tötung Minderwertiger einforderte. Die Zeitschrift "Umschau" veranstaltet 1911 ein Preisausschreiben. Die Leser sollten erraten, was "die minderwertigen Elemente" den Staat und die Gesellschaft kosten. Derartige Vorstöße gegen chronisch Kranke oder Behinderte sollten in der Gesamtsituation der damaligen Verhältnisse gesehen werden, denn nicht nur dieser Personenkreis war Angriffen ausgesetzt.

Allgemein war die Krankenversorgung ein Desaster. Bereits im Deutschen Reich hatte 1903 die "Deutsche Krankenhauszeitung" Missstände veröffentlicht. Die Krankenanstalten waren in einem unglaublichen Maße überfüllt. Die Aufnahme von Patienten trotz einer Dringlichkeitsbescheinigung ihres Arztes wegen einer akuten lebensgefährlichen Erkrankung wurde regelmäßig wegen Überbelegung abgelehnt. Ein Krankenbett zu erhaschen, war fast so etwas wie ein Lotteriegewinn. Als das Berliner Virchow-Krankenhaus einen Antrag auf Anbauten, z. B. für ein Kinderkrankenhaus, und Erweiterungen stellte, erhielt die Krankenhausleitung 1905 als Antwort: "....dass die Stadt nicht verpflichtet sei, jeden Einwohner in einem Krankenhaus zu verpflegen, der den Wunsch nach Krankenhausbehandlung hat oder für den der Arzt diesen Wunsch ausspricht."

Die Verelendung der unteren Bevölkerungsschichten im Deutschen Reich trieb viele Frauen aus sozialer Not in die Hände von "Engelmacherinnen". Aber auch eine unerwünschte Schwangerschaft in den höheren Kreisen konnte durch die bestehende Gesellschaftsordnung eine existentielle Bedrohung darstellen. Der § 218 bedrohte die Frauen mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus, wenn man sie bei einer Abtreibung erwischte. Hebammen und Ärzten drohte der Ruin bei einer Strafanzeige. Für viele "Wilden Schwestern", Hebammen und Kurpfuscherinnen eröffnete sich ein lukratives, wenn auch gefährliches Betätigungsfeld. Ein Arzt des Berliner Virchow-Krankenhauses ermittelte, dass in seinem Krankenhaus zwischen 1907 und 1912 wenigstens 200 Frauen an den Folgen eines kriminellen Abortes starben.

Doch nicht alle Pflegerinnen nahmen die Zustände widerspruchslos hin. Schwester Henriette Arendt, ehemalige Stuttgarter Polizeiassistentin, die nun im Berliner Norden lebte, wagte es 1911, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Krankenschwester nutzte ihre Kenntnisse aus der früheren Polizeiarbeit und sammelte Material und Informationen über illegale Schwangerschaftsabbrüche. Und ihr Material war brisant, nicht nur wegen der Abtreibungen. Es klagte die Kirche und den Staat auch nicht nur betreffs der verlogenen Politik gegenüber den Frauen an, sondern deckte einen ungeheueren Skandal auf.

Die Polizei duldete sogenannte "Adoptionszentralen", die gegen eine Zahlung von 700 Mark unerwünschte Kinder übernahmen. Aber die Kinder fanden keine Adoptionseltern.

Die polizeilich nicht gemeldeten Babys kamen beispielsweise in ein Dorf bei Tegel, wo Bauern neben der Viehwirtschaft mit ihnen ein einträgliches Nebengeschäft betrieben. Dort starben die Kinder schnell eines "natürlichen Todes". Betroffen waren völlig gesunde Kinder ohne jegliche Behinderung. So berichtete Schwester Henriette von einer Hebamme, die angab, nur "besseres Material", hauptsächlich Offizierskinder zu vermitteln. Eine verlogene Gesellschaftsordung zeigte hinter der biederen Maske eine grenzenlose Verrohung. Das Geschäft mit der wilden Euthanasie blühte also, als es noch gar keine NSDAP gab. Und Herr Hitler saß zu diesem Zeitpunkt noch in Wien und malte Kitschpostkarten.

Nach den Enthüllungen war Henriette Arendt gewaltigen Anpöbeleien vom Landtag ausgesetzt und benötigte deshalb sogar mehrmals Personenschutz. Die mutige Frau wich von ihren Aussagen keinen Deut ab. Alle darauf erfolgten amtlichen "Richtigstellungen" waren zwecklos. Ihre Recherchen erwiesen sich als unangreifbar und ihre Beweise als hieb- und stichfest. Angesichts dieser Zustände verwundert es also nicht, dass Menschen mit Handicap keine Gnade fanden. Die Frage war nur die, wann die letzten Skrupel mit dem kläglichen Rest an Moral schwanden.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 


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