Braune Schatten

 
Eine holländische Krankenschwester sprach ungefähr 1983 auf einem Fachkongress dem Pflegepersonal der Bundesrepublik Deutschland das Recht ab, über Sterbehilfe zu diskutieren. Wir seien durch die Nazizeit in dieser Frage derart belastet, dass wir dieses Thema nicht mit der angemessenen Unvoreingenommenheit behandeln könnten. Dazu entbrannte unter meinen Kolleginnen meiner damaligen Arbeitsstelle eine heftige Diskussion, die mir bewies, dass diese holländische Kollegin Recht hatte. Denn die Gespräche gipfelten alle in der These, dass man doch nun langsam „die ollen Kamellen“ ruhen lassen müsste. 
 
Und genau das war das Problem, was die holländische Kollegin antippte: eine sachliche Diskussion zu dieser Thematik schien damals unmöglich. Wir hatten es bis dahin weitgehendst vermieden, uns mit der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen oder gar aufzuarbeiten. Andererseits spürte man so etwas wie eine kollektive Schuld aus der Nazizeit, ohne zu wissen, woher und warum dieses Gefühl entstand. Auf der einen Seite stellten Pflegekräfte meines Alters erleichtert fest, dass wir ja erst nach 1945 geboren seien und damit mit dieser Zeit nichts gemeinsam hätten. Andererseits machten wir uns aber darüber wenig Gedanken, woher unsere Lehr- und Pflegekräfte kamen, die uns beispielsweise zwischen 1960 bis 1980 ausbildeten. Die sind ja nicht vom Himmel gefallen. Wir fragten nicht, ob und in welchem Umfang sie durch die Zeit des Nationalsozialismus geprägt wurden.  Also sahen wir auch nicht die braunen Schatten, die noch Jahrzehnte später über uns schwebten. Wir fragten nicht nach Tätern. Die schwiegen. Wir fragten nicht nach Opfern. Sie konnten wir nicht mehr hören. 
 
In einem Punkt irrte diese holländische Krankenschwester jedoch. Diese Drei-Affenpolitik: „Nicht sehen, nicht sprechen, nicht hören!“ pflegten nicht nur jahrzehntelang Pflegekräfte der damaligen BRD. Pflegekräfte der DDR und Österreichs beherrschten diese Affenpolitik nämlich ebenfalls perfekt. Versuche, aus diesen braunen Schatten herauszutreten, wurden hüben, drüben und darüber massiv erschwert oder unmöglich gemacht. Die, die erkannten, fragten, suchten, die bekamen nicht selten den Stempel des Störenfriedes, Unruhestifters oder hohlen Weltverbesserers aufgedrückt und hatten in der Regel ganz schlechte Karten.
 


Wenn aus Schatten Sumpf wird
 
Ich erinnere mich bestens an eine Heimleiterin in einem kleinen privaten Pflegeheim, die eine examinierte Krankenschwester war. Das wunderte mich sehr, denn die Frau hatte von der Grundpflege nicht die geringste Ahnung. Sie schaffte es sogar, Rectal- und Axillartemperatur nicht sicher einordnen zu können. Erstaunlich war allerdings ihr enormes pharmazeutisches Wissen. Ohne irgendwo nachschauen zu müssen, gab sie die genauen Bestandteile eines Medikamentes an und wusste sofort, welches Medikament gleich oder ähnlich beschaffen war und wirkte. Damit verblüffte sie mich immer wieder und wenn ich später in den Waschzetteln der Medikamente nachlas, stellte ich fest, dass sie sich in diesem Bereich niemals irrte.
 
Ich wusste, dass die Frau lange in russischer Gefangenschaft gewesen war. Eine ältere Kollegin, mit der ich früher im Krankenhaus zusammengearbeitet hatte und mit der ich später in Verbindung geblieben war, hatte zum Kriegsende als Rotkreuzschwester in einem Lazarett bei Stettin gearbeitet. Dort geriet sie ebenfalls in russische Gefangenschaft, wurde aber nach einigen Tagen entlassen. Sie meinte, dass das eher die Regel war, dass weibliche Pflegekräfte nur kurz festgehalten wurden.
 
Bestätigt wird ihre Aussage zum Beispiel durch die Berichte des KZ-Arztes Mengele. Mengele flüchtete aus Ausschwitz vor den anrückenden russischen Truppen. Er vergaß nicht die Unterlagen über seine „Experimente“ und schloss sich rückweichenden Wehrmachtseinheiten an. Er entledigte sich seiner SS-Uniform und schlüpfte in eine Wehrmachtsoffiziersuniform.
 
In einem motorisierten deutschen Feldlazarett arbeitete er durch die Vermittlung eines ehemaligen Studienkollegen in der Inneren Medizin. Dort lernte er eine junge Krankenschwester kennen, deren Personalien bisher unbekannt blieben. Mit ihr begann er ein sexuelles Verhältnis. Sie bewahrte für die „Bestie von Auschwitz“ die „Forschungsnotizen“ auf. So riskierte er nicht, bei einer eventuellen Verhaftung das Material bei sich zu haben, was ihn unweigerlich als KZ-Arzt entlarvt und ihm vermutlich den Kopf gekostet hätte. Er wusste, dass Krankenschwestern, die die Alliierten ergriffen, meist nur registriert wurden und bald wieder freikamen. 
 
Seine Rechnung ging auf. Die Krankenschwester geriet zwar wie Mengele in amerikanische Gefangenschaft. Aber sie wurde wenige Stunden später wieder freigelassen. Durch Schlampereien der amerikanischen Militärs erhielt auch Mengele nach einiger Zeit die Entlassungspapiere. Er wagte sich in die sowjetische Zone und holte von der Krankenschwester seine Unterlagen ab, die sie ihm auch „schön brav“ aufgehoben hatte.
 
Diese Krankenschwester war aber von den Amerikanern gefasst worden. Nehmen wir einmal an, dass die russischen Streitkräfte anders verfuhren und meine Heimleiterin als einfache Krankenschwester trotzdem grundlos sehr lange in Haft kam. Dann gab es nach Aussage meiner ehemaligen Kollegin die Möglichkeit, dass Rotkreuzhelferinnen, die jahrelang in der Kriegszeit arbeiteten, auf Antrag nach ihrer Gefangenschaft, quasi als eine Art Wiedergutmachung, das Schwesternexamen ohne weitere fachliche Prüfung zuerkannt bekamen. Man ging davon aus, dass sie sich in den Lazaretten genügend Fachkenntnisse angeeignet hätten und dass sie bedingt durch die Kriegszeit an keiner regulären Ausbildung teilnehmen konnten. Das würde immerhin erklären, dass eine examinierte Krankenschwester von der Grundpflege nichts verstand.
 
Meine Heimleiterin führte die Einrichtung ausgesprochen beliebig. Hatte sie „gute Laune“, war sie für Argumente zugänglich und es herrschte fast ein kumpelhaftes Arbeitsklima. Aber wehe dem, ihr war eine „Laus über die Leber gelaufen“. Dann tobte sie durch das Haus, putzte die Pflege- und Hilfskräfte herunter wie Schulkinder und begegnete den Patienten mit einem bemerkenswerten Zynismus. Und eins war allzeit klar: sie führte nicht das Heim, sie herrschte über das Heim. Ihre Launenhaftigkeit war unberechenbar und ihre Unbeherrschtheit grenzenlos. Ihre Machtansprüche ähnlich eines Feudalherren unterstrich sie mit ihrem Lebensstil, denn sie lebte auf bemerkenswert „großem Fuße“. Verhaltensweisen können sich verselbständigen. Woher kamen die Wurzeln dieses Verhaltens?
 
Ich lernte per Zufall in einer Kneipe eine Frau kennen. Sie trank sich dort reichlich Mut an, weil sie nach Jahren das erste Mal wieder ihre Mutter treffen wollte. Als Jugendliche hatte sie Details aus dem Leben ihrer Eltern während der Nazizeit erfahren. Geschockt verließ sie daraufhin ihr Elternhaus und fand in den Niederlanden eine neue Heimat, wo sie den Beruf der Krankenschwester erlernte und seitdem dort arbeitete. Sie wollte mit ihrem Wohnort und Arbeitsplatz möglichst viele Kilometer zwischen sich und ihrer Mutter bringen, um jegliche Verbindung mit ihr zu vermeiden.
 
Ihre Mutter machte den Wohnort der Tochter ausfindig und bettelte jahrelang um Kontakt. Schließlich ließ sie sich auf einen Besuch ein, da es ja immerhin ihre Mutter war. Aus ihren Erzählungen entnahm ich, daß ihre Mutter eindeutig zu den Nazitätern gehörte, die unter Hitler Horror und Grauen verbreitete. Weiter äußerte sie sich nicht, aber es war spürbar, wie sehr sie unter der Vergangenheit ihrer Erzeugerin litt und wie extrem es sie belastete.
 
Als ich am nächsten Tag auf meiner Arbeitsstelle ahnungslos nach einem Klingeln die Haustür öffnete, rutschte mir fast der Unterkiefer auf Kniehöhe: vor mir stand meine Kneipenbekanntschaft. Es haute mich vor Überraschung bald um. Natürlich war es mir am Vorabend nicht in diesem Zusammenhang eingefallen, dass meine Heimleiterin seit Wochen konstant bester Laune war, ein eher seltenes Ereignis. Die letzten Tage schwebte sie durch das Haus und flötete voller Fröhlichkeit so süß und rein wie eine Nachtigall, sodass auch unsere geistigbehinderten Bewohner sich fragend und besorgt anguckten. Von nichts anderem hatte sie in letzter Zeit erzählt, als dass ihre Tochter sie besuchen würde und ich war anfangs sehr erstaunt, denn bisher hatte sie immer nur von einem Sohn gesprochen. Nachträglich konnte ich mich auch nur über meine Begriffsstutzigkeit wundern, aber wer rechnet denn damit, wie klein die Welt ist. "1+1=" kann manchmal eine ganz schwere Aufgabe sein. 
 
Meiner Heimleiterin war die Klingel ebenfalls nicht entgangen. Als sie zur Tür kam und bemerkte, wie fassungslos ihre Tochter und ich uns anstarrten, fiel ihre Begrüßung für das verlorengeglaubte Kind nach ihrem tagelangen Höhenflug bemerkenswert kühl aus. Die Tochter wich mir ab da aus, auch wenn sich privat noch einige Male unsere Wege durch eine gemeinsame Bekannte kreuzten. Die Heimleitung beeilte sich, eine Intrigengeschichte bei den Kolleginnen gegen mich einzurühren, die mich bald nötigte, in der Einrichtung zu kündigen. Offenbar erachtete sie es als nicht wünschenswert, dass ich über das Gespräch mit ihrer Tochter plaudern könne.
 
Im Übrigen wussten auch ältere Kolleginnen, dass mit dieser Frau etwas nicht stimmte, denn hinter vorgehaltener Hand wurde sehr wohl über ihre Rolle in der Nazizeit, ihre Medikamentenkenntnisse, ihre Kriegsgefangenschaft, ihrem einflussreichen Bekanntenkreis bis zu hohen Politikern und derzeitigem Lebensstandard getuschelt. Und sie schienen erheblich mehr Kenntnisse über das Vorleben dieser Dame zu besitzen als ich. Es hinderte sie aber nicht daran, weiterhin unter ihr zu arbeiten und sie im Vorhaben zu unterstützen, mich so schnell wie möglich loszuwerden. Die Informationen waren für mich leider insgesamt zu dürftig, um eine Rekonstruktion ihrer Vergangenheit zu unternehmen.
 
Einerseits bedauerte ich es, andererseits vermittelte mir dieses Erlebnis dennoch eine Erkenntnis: die Nazizeit endete nicht 1945. Die Altlasten schleppten wir noch lange weiter mit und werden sie solange weitertragen, bis wir endlich die Bereitschaft aufbringen, uns unserer Geschichte zu stellen. Viele nationalsozialistische Täter tauchten nach Kriegsende unter und in einer bürgerlichen Existenz wieder auf. So mancher angesehene Arzt der Nachkriegszeit begann seine berufliche Karriere als Hitlers Henker. Etliche Politiker saßen im Bundestag oder Bundesrat und gaben sich nicht einmal sonderlich große Mühe, ihre braune Vergangenheit zu vertuschen. Nazilehrer waren während meiner Schulzeit keine Ausnahme. Und auch die Pflegekräfte wechselten häufig nur die Tracht, nicht aber grundsätzlich ihre Gesinnung. Bei unserer Art der Vergangenheitsbewältigung musste ich der anfangs erwähnten holländischen Krankenschwester zwangsläufig zustimmen, dass uns wirklich die Reife für eine Euthanasiedebatte fehlte und nachwievor fehlt.
 


Sterben als Sport
 
Der Begriff Euthanasie kommt aus dem griechischen und bedeutet „schöner“ oder „guter Tod“. Gemeint ist damit das, was wir unter Sterbehilfe verstehen. Sterbehilfe sollte eigentlich versuchen, Menschen ein „Sterben in Würde“ zu ermöglichen. Dazu gehört, dass sinnlos erscheinende lebensverlängernde Maßnahmen von entscheidungsfähigen Kranken abgelehnt werden können und respektiert werden sollten.
 
Als Schülerin erlebte ich 1974 auf einer Intensivstation in der Nachtwache, dass eine 89 jährige Patientin acht Mal nach Herzstillstand reanimiert wurde. Nachdem der diensthabende Arzt gegen vier Uhr stolz über seine erfolgreichen Reanimationskünste wieder ins Bereitschaftszimmer zurückkehrte, fragte mich diese Patientin leise, aber deutlich, warum man sie nicht in Anstand sterben ließe? Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mir bis zu ihrer Frage keinerlei Gedanken darum machte, dass irgendwie etwas nicht stimmen könnte. Ich war jung und in dem Bewusstsein erzogen, dass man im pflegerischen oder medizinischen Beruf dazu verpflichtet war, Leben um jeden Preis zu retten. Außerdem lehnte ich jegliche Form von Sterbehilfe ab, ohne mir darüber bewusst zu sein, woher diese radikale Ablehnung der Euthanasie stammte.
 
Meine Haltung gegenüber Sterbehilfe hatte sich durch Äußerungen irgendwelcher Mitbürger herausgebildet, wenn sie einen chronisch Kranken oder einen Behinderten mitleidig ansahen und bemerkten, dass es doch für alle, insbesondere für ihn selber, besser sei, wenn er tot wäre. Derartige Erfahrungen machte ich beispielsweise während eines Praktikums 1971 in einer kleinen Behinderteneinrichtung nahe Braunschweig. Die dort lebenden Menschen waren durch ein Down-Syndrom behindert. Ich mochte diese Menschen und war entsetzt, wenn ich bemerkte, dass manche Anwohner der Umgebung hinter der Hand über deren Lebensberechtigung tuschelten. Ein alter Herr, mühselig an Krücken laufend, brachte es auf den Punkt, als er meine Gruppe auf einem Spaziergang erblickte: „Unter Adolf wäre sowas vergast worden“. Ich konnte es mir nicht verkneifen, zurückzufauchen: „Aber sie wären ohne Krücken auf dem Bauch vorausgerutscht“, was mir den strafenden Blick der Gruppenleitung einbrachte. Allerdings gelang es der Diakonisse nicht, sich rechtzeitig abzuwenden, damit ich ihre zuckenden Mundwinkel nicht bemerke.
 
In der beschriebenen Nacht auf der Intensivstation musste ich aber erkennen, dass das extreme Gegenteil ebenfalls eine glatte Menschenverachtung darstellte. Denn dem Arzt war es in keinem Augenblick um die alte Dame gegangen. Er nahm die Reanimationen als eine rein sportliche Herausforderung, um mit seiner medizinischen Macht dem „Sensenmann“ eine Niederlage zu verpassen. Mit Entsetzen registrierte ich diesen ärztlichen Zynismus und mit noch größerem Schrecken begriff ich, dass ich selber bei diesem makabren Spiel auf Kosten der Patientin mitgemacht hatte. Denn ich informierte ihn vorschriftsmäßig jedesmal über den erneuten Herzstillstand.
 
Eine Tatsache, die mich bis heute belastet. Zu meiner Entschuldigung könnte ich anführen, dass ich diese alte Dame nie vergessen habe, mir viele unbequeme Fragen gestellt habe, nach dieser Nacht ein "Pflegerisches Gewissen" entwickelte, auch wenn ich dadurch in meiner Berufslaufbahn Schwierigkeiten bekam. Es ist keine Entschuldigung. Fakt ist, dass die alte Dame an meiner Selbstgefälligkeit kratzte, mir meine Autoritätshörigkeit deutlichst vor Augen führte und mich beschämte. Es ist fast vier Jahrzehnte her, aber wenn ich jetzt an diese Nacht denke, treibt es mir nachwievor die Tränen in die Augen und ich schäme mich abgrundtief. Fakt ist, dass ich diese Nacht nicht ungeschehen machen kann. Egal was ich tue. In der Täter - Opfer - Diskussion lehrte mich diese Nacht, nicht nur Schwarzweiß, sondern auch die Grautöne zu beachten. Es lehrte mich, das Denken nicht Anderen zu überlassen. Und es brachte mir bei, für meine Fehler gerade zu stehen. Demut - ein großes Wort - wenn es ein Leben nach dem Tode gibt, dann bitte ich sie um Verzeihung. Nie wieder will ich die Einzigartigkeit eines Patienten oder Bewohners übersehen, nie wieder gegen die Würde und Grundrechte eines Menschen verstoßen. Und ich weiß, ich werde wieder Fehler machen - sie werden wieder weh tun - und meine ganze Hoffnung zielt auf die neue Generation der Pflegenden, dass sie einen Teil unserer Fehler vermeiden. 
 
Zum Kummer des Arztes verstarb die alte Dame gegen sieben Uhr morgens. Eine ältere erfahrene Kollegin hatte mich um sechs Uhr abgelöst. Sie kannte den Herren und benachrichtigte ihn „versehentlich“ zu spät vom erneuten Herzstillstand. So verlor er sein „Spielzeug“. Ich war dieser Kollegin zutiefst dankbar und wurde streitsüchtiger. Ich erkannte meine Verpflichtung, mich mit dem Euthanasiethema qualifizierter auseinander setzen zu müssen. "Ich bin dagegen" - nein - das reichte nicht. Nie mehr schluckte ich kritiklos eine Anordnung der damaligen „Götter in Weiß“. Später stritt ich häufig gerade in Alteneinrichtungen oder der ambulanten Pflege mit Vertretern der Ärztezunft erbittert um Schmerztherapien. So mancher Herr Doktor hatte die Stirn, die Verschreibung schmerzlindernder Medikamente mit dem Argument abzulehnen, dass sie lebensverkürzend wirken könnte. Dass sie damit ihren Patienten zu einer Restlebenszeit ohne jegliche Lebensqualität verurteilten, störte sie wenig. Ihre Spareinsichten betreffs Arzneimittelverordnungen entdeckten sie immer bei den wehrlosesten Kranken.
 


 
Kostenfaktor Sterben
 
In Berlin-Schöneberg betreute ich 1989 in der Hauskrankenpflege Herrn J., einen Mann mit Lungenkrebs im Endstadium. Die Pflegekräfte, die ihn vor mir aufsuchten, schmiss er nach kürzester Zeit heraus. Nicht, weil er keine Einsicht in sein Krankheitsbild hatte oder nicht wusste, dass er Pflege benötigte. Er ertrug die Anwesenheit anderer Menschen nicht mehr, weil er fast rasend vor Schmerzen war. Sein behandelnder Arzt verweigerte die Schmerztherapie mit dem Hinweis, dass dadurch seine Nieren geschädigt oder er süchtig werden könnte. Daraufhin erhob ich mein „zartes Stimmchen“ und gab dem Hausarzt deutlichst zu verstehen, dass er „nicht alle Tassen im Schrank“ hätte.
 
Jemandem mit solchen Argumenten abzuspeisen, dem die Metastasen bereits fast aus den Ohren kamen und der aus medizinischer Sicht eigentlich schon tot sein müsste, war wirklich das Letzte. Bei meinem gut ausgebildeten Stimmorgan brauchte sich im Wartezimmer kein Patient groß bemühen, meinen Ausführungen zu folgen. Kurz darauf traf ich einige seiner Patienten im Wartezimmer der Ärztin wieder, zu der Herr J. auf mein Anraten danach wechselte. Die letzten Wochen erlebte Herr J. schmerzfrei und starb, wie gewünscht, friedlich rund um die Uhr betreut in seiner eigenen Wohnung, obwohl der alleinstehende Mann in Berlin keinerlei Angehörige oder Bekannte besaß, die sich an der Pflege in irgendeiner Form beteiligten und ihm auch die finanziellen Mittel für einen „privilegierten Tod“ fehlten.
 
Denn die Krankenkasse zahlte damals nur sechzehn Betreuungsstunden für die Sterbewache in der ambulanten Betreuung. Der Kollegin aus der Nachtschicht trat ich so zwangsweise acht Stunden ab mit der Folge, selber täglich acht Stunden „ehrenamtlich“ arbeiten zu dürfen. Auch die Ärztin verbrachte einen Großteil ihrer „Freizeit“ bei dem alten Herrn, um eine angemessene Sterbepflege zu ermöglichen. Aus Sicht der Krankenkasse wäre anscheinend eine aktive Sterbehilfe günstiger gewesen, denn sonst wären die Ärztin und ich ja angemessen entlohnt worden. Aber wenn Sterbehilfe aus Kostengründen erwogen wird, dann nähern wir uns doch bedenklich dem nationalsozialistischen Menschenbild.
 


 
Sterben in Würde oder Mord?
 
Denn die Nazigesellschaft sah Krankheit und Behinderung nicht vor. Die finanziellen Mittel waren für die gesunden, kraftstrotzenden arischen Kämpfer und deren Eroberungszüge verplant und notfalls für die Wiederherstellung ihrer Kampfeskraft. Wenn Tod, dann überhaupt nur auf dem „Feld der Ehre“, kurz und knackig mit absehbaren Kosten in Form einer Benachrichtigung der Angehörigen und einer Namensnennung in den umrandeten Anzeigen in der Zeitung: „Bla, bla, Heldentod, bla, bla, Vaterland, bla, bla, Führer, bla, bla, bla“. Ab einer gewissen Auflage konnte man schließlich noch Mengenrabatte herausholen. Sterbewache mit Pflegekosten - was für ein Luxus, was für eine Verschwendung!
 
Und bevor sich jetzt einige Mitbürger gemütlich zurücklehnen, weil sie ja die Naziideologie nichts angeht: „Wann haben Sie sich das letzte Mal mit Krankheit, Behinderung und Sterben auseinandergesetzt? Nein, nein: nicht mit Kranken, Behinderten und Sterbenden, für die man sich einsetzen, mit denen man mitfühlen und für die man sich stark machen sollte. Ich meine Krankheit, Behinderung und Tod, was einen selber betrifft. Die eigene mögliche Erkrankung, die eigene mögliche Behinderung und den eigenen mit Sicherheit irgendwann auftretenden Tod. Oh Entschuldigung! Ich vergaß, dass das ja immer nur ein Problem der Anderen ist, man selber davon aber nicht betroffen werden kann. Mit dieser Einstellung leben Sie nicht alleine. Solche Überzeugungen finden sich auch bei Pflegekräften und die müssten es eigentlich berufsmäßig besser wissen.“
 
Diese Provokation soll lediglich verdeutlichen, dass eine ehrliche Diskussion um Euthanasie schwierig ist, weil es auch die eigene Existenz betrifft und in Frage stellt. Noch unverdaulicher wird das Thema, wenn man im Hinterkopf ein braunes Gespenst zu sitzen hat, dass einem verbietet, das Wort „Euthanasie“ auszusprechen. Nichts gegen die deutsche Sprache. Und „Sterbehilfe“ klingt ja auch sehr nett und human, denn „Hilfe“ ist immer gut. Aber mit dem Wort „Euthanasie“ geht es uns wie den Mitstreitern von Harry Potter und Lord ...- Pardon - dem „Du-weißt-schon-wer“.
 
Im Pflegeprozess sind wir Pflegekräfte sehr eng mit den Gepflegten verbunden. Ärzte nehmen überwiegend die pathologischen Befunde wahr, hingegen wir durch die Nähe eher die Gesamtheit des Individuums sehen. Gerade für die nicht entscheidungsfähigen Patienten sind wir „die Anwälte“. Daher können wir uns gar nicht der Verantwortung betreffs der indirekten Euthanasie, also der Unterlassung lebensverlängernden Maßnahmen, entziehen. Und da wir genau wissen, dass die Grenzen der passiven und aktiven Sterbehilfe stets fließend sind, sollte man auch zur eigenen Entlastung Entscheidungen im Pflegeteam unter Einbeziehung möglichst des Betroffenen, der Angehörigen und kooperativen Ärzten nach vorher festgelegten Kriterien rein individuell versuchen zu finden.  Was uns aber nicht von unserer rein persönlichen Verantwortung entbindet. Jedes Abschieben dieser persönlichen Verantwortung, jeglicher Versuch zu pauschalen Regelungen ohne Sicht auf den Einzelnen und verbindlich festgelegten ethischen Grundsätzen bringt uns in ein ganz, ganz gefährliches Fahrwasser, weswegen ja auch viele Pflegekräfte bei dem Wort „Euthanasie“ zurückschrecken. Und darum ist es absolut unabdingbar, die heutige Sterbediskussion von der Realität der Euthanasieaktionen im Dritten Reich klar abzutrennen.
 
Ein Leben ist immer etwas Einmaliges und der Tod endgültig und unumkehrbar. Allerdings tun Gegner der aktiven Sterbehilfe wie beispielsweise Tötung auf Verlangen, auch als Mitleidstötung bezeichnet, oder Beihilfe bzw. Anleitung zum Suizid, gut daran, ihre Argumente nicht mit dem Hinweis auf die Naziverbrechen untermauern zu wollen. Damit beweisen sie lediglich ihre Inkompetenz. Bei Befürwortern der aktiven Sterbehilfe prüfe ich in erster Linie ihre Motivation. Ziehen sie für ein Leben alle medizinischen und pflegerischen Register, um dieses Leben vorrangig lebenswert zu erhalten? Wie leicht machen sie sich die letzte, unumkehrbare Entscheidung und daraus resultierende Handlung? Wer wurde in die Entscheidungsfindung einbezogen? Steht das Individuum oder „Sachzwänge“ im Mittelpunkt?  Einen Julius Hackethal mit einem Nazi zu vergleichen, ist reine Polemik und bringt uns in der Sache keinen Schritt weiter.
 
Auf der Seite zur Euthanasie in der Nazizeit werde ich deutlich machen, dass diese "Euthanasie" nichts, aber auch gar nichts mit dem Selbstbestimmungsrecht eines Patienten auf ein Sterben in Würde zu tun hatte. Vielmehr fand in dem faschistischen Regime ein Massenmord aus niederen Beweggründen statt. Sogar die eigenen Kriterien für Euthanasie verletzten die Nazis ununterbrochen, was den kriminellen Charakter ihrer Handlungen unterstreicht. Ermöglicht wurden ihre Verbrechen durch pauschale Richtlinien und finanzielle Erwägungen. Ermöglicht aber auch durch die Mehrheit der Bevölkerung, die sich um eine Auseinandersetzung mit ihrer sterblichen Existenz, Alter, Siechtum, Behinderung drückten, weil es angeblich sie persönlich ja nicht erwischen könnte. Die plötzlich Freunde oder Bekannte mieden, weil diese schwer erkrankten und sie deren Gegenwart als belastend empfanden. Die mit ihrer eigenen Hilflosigkeit, Vergänglichkeit nicht klar kamen und daher große Teile des menschlichen Daseins tabuisierten. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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