Braune Ärzte

 
Nach 1945 versuchte man immer wieder darzustellen, dass die Nazis überwiegend ihren Zulauf aus der Unterschicht bekamen, dass Leute mit geringer Bildung eher die NSDAP wählten. Solche Darstellungen sind eine glatte Geschichtsverfälschung. Derartige Verzerrungen entstanden hauptsächlich durch den Umstand, dass die Unterschicht selten die Möglichkeit bekam, die Geschichte aus ihrer Sicht zu beschreiben. Ärzte gehörten eindeutig zu den Akademikern, verfügten also durch ihr Studium über einen sehr hohen Bildungsgrad.
 
Die Medizinstudenten wie beispielsweise Hans Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst oder Willi Graf der Weißen Rose waren in Widerstandsgruppen stark vertreten. Doch täuscht es über die Tatsache hinweg, dass gerade deutsche Ärzte in der Überzahl willfährige Helfer Hitlers waren. Die Ärzteschaft stellte eine sehr große Gruppe der Stiefelknechte, die Adolf in den Sattel hoben. Sie erleichterten und förderten maßgeblich die versuchte Gleichschaltung der staatlichen Pflege. Nur zu bereitwillig schlossen sie sich mehrheitlich dem braunen Diktator an und profitierten anfangs am meisten vom Dritten Reich. In der Weimarer Republik herrschte noch ein Überschuss an Medizinern und viele verdienten als Akademiker verhältnismäßig schlecht. Dazu kam, dass sich die studierten Ärzte nicht deutlich genug von Quacksalbern, „Laien-Heilern“ oder Naturheilkundlern absetzen konnten. Die Herausnahme der Ärzte aus der Reichsgewerbeordnung, Schutz der Berufsbezeichnung „Arzt“ oder die Reichsärzteordnung vom Dezember 1935 stärkten den Ärztestand enorm.
 
Das Elend ihrer jüdischen Kollegen, aber auch das anfängliche Hinausdrängen der Medizinerinnen schaffte den „arischen“ Ärzten unliebsame Konkurrenz vom Hals. Bereits in der SA marschierten Ärzte mit, unterstellten sich dann wie selbstverständlich der SS. In der NSDAP war ihre Berufsangehörigheit überproportional vertreten. Hitler dankte. In kurzer Zeit gehörten sie zu der am besten verdienenden Berufsgruppe mit höchstem Ansehen.
 
Die ihnen unterstellten oder von ihnen abhängigen Pflegekräfte konnten es sich selten leisten, eine opposionelle Gesinnung zu zeigen. Fast alle Pflegekräfte, mit denen ich mich unterhielt, erzählten von Ärzten, die „stramme Parteigenossen“ waren und aus ihrer Sympathie für die braune Diktatur keinen Hehl machten.
 
Der zackig vorgetragene Hitlergruß bei den Visiten war keine Seltenheit. Häufig „schmückte“ das Parteiabzeichen den Arztkittel. Mehrere ältere Kollegen berichteten von Naziärzten, die bereits 1933 unter dem Arztkittel die SS-Uniform trugen und mit ihren Stiefeln über die Station polterten. Darüber regte sich sogar Walburga auf. Obwohl sie selbst NSDAP-Anhängerin war und etliche Patienten mit ihrem Hitlergruß nervte, empfand sie es als absolut unpassend, wenn die Ärzte in ihren Stiefeln in die Krankenzimmer marschierten. Sogar im Operationssaal sollen sie mit dieser Fußbekleidung erschienen sein.
 
Hitlers Ärzte hatten Macht und sie nutzten ungehemmt diese Macht. Die Kluft zwischen den „Göttern in Weiß“ und dem Fußvolk der Pflegenden vergrößerte sich und vertiefte das Hierarchiedenken. Genau das lag im Interesse der Herrschenden, die das medizinische und pflegerische System zentralistisch organisieren wollten. Die Spitze der Rangordnung stellte der Reichsgesundheitsführer dar. Darunter platzierten sich die Ärzte. Jeder Arzt sollte die Rolle wiederums eines Miniführers einnehmen. Am Boden der Hierarchiepyramide standen die Pflegeberufe. Adolf Hitler erwartete absoluten Gehorsam vom Reichsgesundheitsführer, der von den Ärzten, die wiederum von ihren Untergebenen. Die unbedingte Willfährigkeit, Disziplin Pflichterfüllung und Gefolgschaftstreue zählten bald mehr als pflegerische Kompetenzen.
 
Lydia R. beschrieb es zynisch damit, dass sie bei zahlreichen Kolleginnen dieser Zeit das Gefühl hatte, dass sie mit dem Anziehen der Tracht ihr Gehirn ablegten. Viele Pflegekräfte, eigentlich selbstbewusste junge Menschen, leckten fast den Assistenzärzten die Füße, obwohl diese weniger praktische Erfahrungen hatten wie sie selbst. Lydia erwähnte einmal: „Da gab es Assis, die zu dämlich waren, einen Laborzettel auszufüllen. Aber die Schwestern sprangen geflissentlich herbei und bedankten sich eintausendmal dafür, wenn sie deren Fehler beseitigen durften. Sie fühlten sich geehrt und geschmeichelt, wenn diese fachlichen Idioten ihnen die Ehre zukommen ließen, die Laborzettel zu berichtigen, ohne dass diese natürlich zugeben mussten, wie blöde sie im Grunde genommen waren.“
 
Cilly regte sich darüber auf, dass es für einige Ärzte eine Selbstverständlichkeit war, dass sie „wie eine Büromieze“ ihnen Kaffee kochen musste, während dringende pflegerische Arbeiten auf der Station liegen blieben. Logischerweise protegierten die Ärzte eher die Pflegekräfte, die sie als Seelenverwandte erkannten. Besonders verhehrend war auch, dass solche Ärzte an Pflegeschulen unterrichteten. Zumal viele unterrichtserfahrene und fachlich versierte Lehrkräfte aus den Pflegeschulen aus rassischen, religiösen oder politischen Gründen entfernt waren. So übernahmen sie bereits sehr früh Einfluss auf die Pflegenden.
 
Elfriede F. konnte sich noch gut an ihre Prüfung in Anatomie erinnern. Sie hatte fleißig gelernt und konnte in der mündlichen Examensprüfung alle Fragen über den Kopf, also Schädelknochen und Aufbau des Gehirns, richtig beantworten. Ihre Prüfung verlief also bestens und so freute sie sich berechtigterweise auf eine gute Zensur, als der Prüfer sich plötzlich zum Abschluss nach dem Geburtsdatum des Führers erkundigte. Den wusste sie nicht. Sie ärgerte sich noch Jahrzehnte später maßlos darüber, dass sie daraufhin eine schlechte Examensnote erhielt. Angesichts dessen, was in dieser Zeit geschah, ein überaus harmloser Vorfall, aber doch ein Hinweis darauf, wie auch im ganz Kleinen der Machtmissbrauch willkürlich funktionierte.
 
Wenn wir uns heute an Naziärzte erinnern, dann sind es zumeist solche Bestien, die in KZ´s und Euthanasieanstalten tausende Menschen quälten und mordeten. Aber das ist die Spitze des Eisberges. Vergessen wurde, dass die meisten deutschen Ärzte die Unterversorgung der Bevölkerung klaglos hinnahmen und sich damit aktiv an Hitlers Verbrechen beteiligten. Und dieses Verhalten richtete sich nicht nur  gegen die "fremdvölkischen" Opfer, Regimegegner oder Behinderte, sondern auch gegen die allgemeine Bevölkerung, die zunehmend schlechter medizinisch versorgt wurde. Vergessen wurde auch, dass sie schuldig wurden durch fehlende Solidarität gegenüber "nichtarischen" KollegINNen und den weiblichen Medizinern, wie das Beispiel von Lilli Jahn zeigt. (Ihr Lebensweg wird im virtuellen Denkmal nachvollzogen)
 
Die, die den Eid des Hippokrates schworen, vergaßen zahlreich überaus schnell die Vorstellungen der Antike nach der Einheit von Medizin und Pflege. Sie manifestierten ein Hierarchiegefälle zum Schaden der Patienten. Die Errungenschaft der Medizin in der Antike, nämlich die ganzheitliche und individuelle Sicht des Patienten opferten sie für ihre egozentrischen Ziele, Machtansprüche, Selbstgefälligkeit und persönlichem Wohlergehen. Viele Ärzte dieser Zeit versenkten ihre Bildung, Kultur und Humanismus in die braune Kloake von Wahnsinnigen.
 
Angesichts dessen ist es unbegreiflich, mit welcher Bereitschaft das deutsche Pflegepersonal sich wieder freiwillig und kritiklos den Wendehälsen von 1945 unterstellte und eine Hierarchie duldete, an deren Spitze wieder Ärzte saßen, die mit den Nationalsozialisten kurz vorher mitmarschiert waren. Und das passierte nicht nur in der BRD, sondern genauso in der ehemaligen DDR und Österreich. Schlimm genug, dass sich das Pflegepersonal in der Nazizeit unter dem immensen Druck nicht einte und geschlossen aufstand. Nach 1945, wo niemand mehr behaupten konnte, dass er sein Leben riskieren würde, wurde überwiegend weiter geschwiegen und Pflegekräfte halfen den Tätern von gestern bereitwillig zurück in den Sattel. Bevor ein Arzt aufgrund seiner braunen Vergangenheit zur Rede gestellt wurde, wurden lieber kritische KollegINNen als Brandstifter, idiotische Weltverbesserer oder Spinner gebrandmarkt und aus dem Beruf gekippt.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 


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