Neuere Pflegegeschichte: Übersicht
 
 
                    
Die Industrialisierung mit den Auswüchsen des Frühkapitalismus, Landflucht und systematisch verelendeter Arbeiterschaft trieben die Pflege tiefer in die Krise, die noch immer als private Wohltätigkeit stattfand oder als zumeist unqualifizierte Lohnarbeit. Völlig im Widerspruch dazu standen die Veränderungen im Ärztestand und stetig vorangetriebenen Forschung in der Medizin. Im 19. Jahrhundert rückte zunehmend die Hygiene in den Mittelpunkt.Louis Pasteur in Frankreich,  Robert Koch in Deutschland oder der Ungar Ignaz Philipp Semmelweis in Österreich waren wohl die bekanntesten Vertreter, die das neue Hochschullehrfach Hygiene vorantrieben.
 
Die Krankenhausarchitektur passte sich mehr und mehr den hygienischen Erkenntnissen an, zum Beispiel durch Pavillonbauweise für die einzelnen Abteilungen anstelle des kompakten Mehrgeschossbaus. Modernisierte Einrichtungen oder Neubauten erhielten elektrisches Licht und zentrale Wasser- und Abwasserversorgung in den Krankensälen. Zunehmend wurde darauf geachtet, dass Wände und Inventar abwaschbar waren.
 
  
Das städtische Kieler Krankenhaus entstand 1864 aus dem Armenhaus und wurde ab 1894 im Pavillonstil erweitert. 
 
Auch machte man sich über das Prinzip Gedanken, die Krankenwärterinnen in den Krankenzimmern schlafen zu lassen, da man die damit verbundene Gesundheitsgefährdung für diese Personengruppe erkannte. Derartige Entwicklungen liefen nicht sofort und überall in diesem Umfang ab, aber die Entwicklung des Krankenhauses in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der Armeneinrichtung zu einem Ort der bestmöglichen medizinischen Versorgung schritt zügig voran. Dieser stürmischen Entwicklung konnte sich die Pflege nicht entziehen, besonders nachdem die alten Wundärzte ausgeschaltet wurden.
 
Etliche Erfindungen im Bereich pflegerischer Utensilien und Hilfsmittel wie zum Beispiel die Krankenhausmetallbetten, Krankenheber, Zylindermatratzen oder die mit Rosshaar gefüllten Fersenringe zur Decubitusprophylaxe, Katheter, Schnabeltassen, Speibüchsen, Luft- und Wasserkissen, Wärmflaschen, Eisbeutel, Bettgalgen, Wärmekästen, Spezialbetten usw. vereinfachten nicht nur die Pflege. Denn die Pflegenden mussten auch Kenntnisse zur Handhabung und Anwendung haben.
 
Von den Pflegenden erwartete man genaue Kenntnisse
  • zur Krankenbeobachtung und zu den Fähigkeiten entsprechender Berichte,
  • über Maßnahmen bei Ereignissen, die eine "Erste Hilfe" erforderten,
  • über Krankenernährung und die Zubereitung der Krankenkost,
  • über das Räuchern gegen unliebsame Gerüche, aber auch als Desinfektionsmethode,
  • über die üblichen Arzneimittel und ihre Anwendung und Verabreichung,
  • über die Zubereitung und das Setzen der Klistiere oder Einspritzungen in natürliche Körperöffnungen,
  • über die Vorbereitung und Durchführung verordneter therapeutischer Bäder,
  • über örtliche Anwendungen wie Eisbeutel, Umschläge, Wickel,
  • über Herstellung und Durchführung der medizinischen Pflaster,
  • über subcutane Injektionen,
  • über Inhalatoren und Inhalationen,
  • über das Ansetzen der Blutegel,
  • über Kenntnisse der Frakturen, Herstellung der Gipsbinden, Abpolsterung der Schienen, Anlegen der Bindenverbände
  • und die Aufgaben und Handreichungen als Assistent bei ärztlichen Eingriffen.
Außerdem erwartete man von den Pflegenden, dass sie in der Lage waren, Schwangere, Gebärende, Wöchnerinnen und Neugeborene bis zum Eintreffen der Hebamme oder des Arztes bei Komplikationen notversorgen zu können. Nachdem in Europa Geisteskranke nicht mehr in Zuchthäusern verwahrt wurden und diese verstärkt in Krankenhäusern, später in speziellen Spitälern, Sanatorien oder Heilanstalten Aufnahme fanden, benötigten Pflegekräfte auch das Grundwissen über die Geisteskrankenpflege. Ferner war es selbstverständlich, dass die Pflegekräfte auch einfache Urinuntersuchungen durchführten. Regelmäßige Puls- und Temperaturkontrollen mittels Puls-Sanduhr bzw. Fieberthermometer gehörten nun zu ihren Aufgaben und auch deren Dokumentation in Kurvenblättern. In der Antisepsis wurde noch mit den unterschiedlichsten Mitteln experimentiert. Das Pflegepersonal war zuständig für die Herstellung der Lösungen und Verdünnungen.
 
Mit der aufstrebenden Chirurgie gelangten Pflegende auch in die Operationsteams zum Narkotisieren und Instrumentieren. Vor- und Nachbereitung der Patienten fielen in ihren Aufgabenbereich, genauso wie Reinigung und Desinfektion des Operationsraumes und des Instrumentariums. Als am Ende des 19. Jahrhunderts die Elektrotherapie dazu kam, führten Pflegekräfte nach Unterweisung auf Anordnung diese praktisch aus. Mit Einzug der Röntgendiagnostik assistierte auch dabei anfangs das Pflegepersonal.
 
Angesichts des sich ständig vergrößernden Aufgabengebietes und den immens gesteigerten Anforderungen an das Pflegepersonal konnte das Verfahren nicht mehr aufrecht erhalten werden, in der Pflege Menschen zu beschäftigen, die über wenig oder gar keine Bildung verfügten und nicht geschult waren. Wie sollte eine Krankenwärterin beispielsweise die Verdünnung eines Desinfektionsmittel errechnen, die nicht einmal die Grundrechenarten sicher beherrschte? In der stürmischen Entwicklung der Medizin wurde die Pflege immer mehr zum "Hinkefuß". Der ständige Mangel an Pflegekräften, die fehlende Qualifikation und das schlechte Image des Pflegeberufes boykottierten in jeder Hinsicht die medizinischen Errungenschaften.
 
Arbeiteten die Ärzte im 18. Jahrhundert überwiegend nebenamtlich in den Krankenhäusern, so waren viele im 19. Jahrhundert in diesen Einrichtungen fest angestellt. Gerade die Krankenhausärzte gewannen also ein immer größeres Interesse daran, unterrichtetes Personal zu erhalten, dass imstande war, ärztliche Verordnungen und Anweisungen korrekt auszuführen. Befürchtungen einer Konkurrenz traten in den Hintergrund, zumal durch die ständige ärztliche Präsenz in den Häusern und rein medizinischer Vorgaben diese Gefahr ausgeschaltet schien. Daher ergriffen einige Ärzte die Initiative zur Gründung von Hospitalschulen, in denen die Lohnwärter oder -wärterinnen angemessen ausgebildet werden sollten.
 
 
Der französische Chemiker, Biologe, Mediziner und Bakteriologe Louis Pasteur wurde am 27.12.1822 in Dôle im Département Jura geboren. Nach seinem Studium in Dijon, Straßburg und Lille arbeitete er ab 1857 in Paris. Er galt als Pionier auf dem Gebiet der Mikrobiologie und entdeckte die Grundlagen der Stereochemie. In der Überzeugung, daß viele Krankheiten durch Bakterien hervorgerufen werden, entwickelte er die Immunisierung mit abgeschwächten Krankheitskeimen wieder und entwickelte Impfstoffe gegen die Geflügelcholera, den Milzbrand und die Tollwut. Wesentlich war auch seine Entdeckung, dass durch das kurzzeitige Erhitzen von Lebensmitteln ein Großteil der darin enthaltenen Keime abgetötet wird. Dieses Verfahren wird daher auch Pasteurisierung genannt. Am 28.9.1895 starb Louis Pasteur in Villeneuve-L'Etang bei Paris an den Folgen eines Schlaganfalles.
 
Der Mediziner und Mikrobiologe Heinrich Hermann Robert Koch wurde am 11.12.1843 in Clausthal als drittes Kind des Bergmanns Hermann Koch und seiner Frau Mathilde geboren. Er studierte ab 1862 Philologie und ab 1863 Medizin in Göttingen. Bereits vor Ablegung des Staatsexamens promovierte er zum Doktor der Medizin.
 
Anschließend arbeitete er am Allgemeinen Krankenhaus in Hamburg, danach an der Landesheil- und Pflegeanstalt. Später  wurde er Landarzt in Langenhagen, dann in Niemegk in Brandenburg und schließlich Rakwitz in der Nähe von Posen. 1872 erhielt er in Wollstein bei Posen eine Anstellung als Kreisphysikus, was vergleichbar mit einem heutigen Amtsarzt ist. Dort beschäftigte er sich neben seiner eigenen Praxis mit seinen Forschungen über den Milzbranderreger. Vier Jahre später veröffentlichte er die Entdeckung der Sporen der Milzbranderreger und deren Verhalten. Ab 1880 wirkte er am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin. 1882 folgte seine Publikation über die Entdeckung des Lungentuberkuloseerregers. Bei seinen Reisen 1883 nach Ägypten und Indien entdeckte er in Kalkutta 1884 den Choleraerreger, den allerdings Filippo Pacini schon 30 Jahre früher beschrieben hatte.
 
1885 wurde er neben seiner Tätigkeit an der Charité Professor und Leiter des Hygiene-Institutes der Berliner Universität. 1890/91 erlebte er eine große Niederlage. Er hatte Tuberkulin als Heilmittel gegen die Tuberkulose präsentiert. Es erwies sich nicht nur als unwirksam, sondern war sogar gefährlich für die Patienten. Heute dient das Tuberkulin als Diagnostikum für die Krankheit. 1891 übernahm er die Direktion des Königlich Preußischen Institutes für Infektionskrankheiten, das heutige Robert Koch-Institut. Dorthin berief er unter anderem Paul Ehrlich (entwickelte als erster eine medikamentöse Behandlung gegen Syphilis und war beteiligt an der Entwicklung des Serums gegen Diphtherie) und Emil Adolf Behring (Entwicklung der Diphtherieantitoxine).
 
Ab Mitte der 1890er Jahre hielt sich Koch teilweise jahrelang in den Tropen, zumeist in Afrika, auf und forschte an Tropenkrankheiten wie Malaria und Schlafkrankheit. 1904 setzte sich Robert Koch zur Ruhe, 1905 erhielt er den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Am 27.5.1910 verstarb Robert Koch in Baden-Baden.
 
 
Ignaz Philipp Semmelweis wurde am 1.7.1818 in Budapest geboren. Er studierte an den Universitäten Pest und Wien Medizin und promovierte 1844 an der Universität in Wien.
 
Semmelweis wurde Assistenzarzt in der Klinik für Geburtshilfe in Wien. In der Abteilung, in der Ärzte und Medizinstudenten arbeiteten, war die Sterblichkeitsrate durch Kindbettfieber wesentlich höher als in der zweiten Abteilung, in der Hebammenschülerinnen ausgebildet wurden. Semmelweis versuchte, die Ursache dafür zu finden und untersuchte die Mütter noch gründlicher. Doch dadurch stiegen die Todesfälle in seiner Abteilung noch mehr an. Es ging so weit, dass werdende Mütter sich wehrten, in seine Abteilung verlegt zu werden. Nach seinen Tagebuchnotizen starb fast jede fünfte Mutter in der Klinik an Kindbettfieber.
 
Durch den Tod eines Freundes begann Semmelweis Zusammenhänge zu erahnen. Der Gerichtsmediziner Jakob Kolletschka (1803 - 1847) verletzte sich mit einem Skalpell während einer Leichensektion. Wenige Tage später starb er an einer Sepsis. Semmelweis stellte fest, dass diese Sepsis ähnlich verlaufen war wie das Kindbettfieber. Ärzte und Medizinstudenten führten täglich Sektionen durch. Danach untersuchten sie mit ungewaschenen Händen vaginal die Gebärenden. Die Hebammenschülerinnen der zweiten Abteilung kamen  mit Leichen nicht in Kontakt und führten auch keine vaginalen Untersuchungen durch.
 
Semmelweis reagierte und wies die Studenten an, sich nach Leichensektionen die Hände mit Chlorkalk zu desinfizieren. Ruckartig sank die Sterblichkeitsrate. Doch plötzlich erkrankten 12 Wöchnerinnen auf einen Schlag am Kindbettfieber. Semmelweis machte dafür das infizierte Uteruskarzinom einer Mitpatientin verantwortlich und erkannte, dass die Ansteckung nicht nur von Leichen sondern auch von lebenden Personen ausgehen konnte. So verlangte er die Desinfektion der Hände vor jeder Untersuchung. Abermals sank die Sterblichkeitsrate und lag 1848 bei 1,3 % und war damit sogar geringfügig unter der der zweiten Krankenhausabteilung mit den Hebammen.
 
Einige Kollegen von Semmelweis litten unter der Erkenntnis, als Arzt schuldig am Tod vieler Mütter zu sein. Doch viele Ärzte feindeten ihn offen an, weil sie eine Schuld nicht akzeptieren wollten oder konnten. Sie ignorierten seine Arbeitsergebnisse und machten ihn lächerlich. Durch eine Intrige seines Chefs wurde Semmelweis diskreditiert und musste 1849 die Klinik verlassen. Ab 1855 war Semmelweis Professor für Geburtshilfe an der Universität in Pest (Diese Universität wurde später nach ihm benannt). 1861 erschien sein Buch „Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers“. Doch die Einstellung der meisten Ärzte änderte sich nicht. Hygiene hielten sie für Zeitverschwendung.
 
Die Umstände seines Todes wurden nie eindeutig geklärt. Angeblich soll er psychisch erkrankt gewesen sein. Jedenfalls kam er im Juli 1865 in die Irrenanstalt Döbling bei Wien. Für diese Einweisung sollen drei Ärztekollegen verantwortlich gewesen sein, die ihn dort ohne Diagnose einlieferten. Es wird aber auch behauptet, dass er aufgrund einer Intrige dort landete, weil er 1862 in einem offenen Brief an die Ärzteschaft gedroht hatte, die geburtshelfenden Ärzte öffentlich als Mörder anzuprangern, wenn sie seine Hygienevorschriften  nicht endlich anwenden würden.
 
Sicher ist, dass er am 13.8.1865 zwei Wochen nach seiner Einweisung zynischerweise an einer Sepsis starb. Wie er zu dieser Blutvergiftung kam, blieb im Dunklen. Von einer kleinen Verletzung war die Rede, die ihm in einem Kampf mit Anstaltspersonal zugefügt wurde. Es wurde aber auch gemunkelt, dass ihn Pfleger der Anstalt auf dem Hof eiskalt erschlagen haben sollen.
 
1867 führte der schottische Chirurg Joseph Lister (1827-1912) das Besprühen des Operationsfeldes mit desinfizierendem Karbol in der Chirurgie ein und senkte dadurch die Mortalität im Operationssaal. Im Zuge dieses Fortschrittes setzte sich dann auch die Hygiene im Kindbett durch und man erkannte die Richtigkeit und den Wert der Erkenntnisse von Semmelweis, was ihm freilich nichts mehr nutzte. Die Ärztekollegen, die Semmelweis anfeindeten, verleumdeten, boykottierten, lächerlich machten, Anerkennung verweigerten, bedrohten und vermutlich auch zu seinem tragischen Tod beitrugen, kennt heute keiner mehr. Ignaz Philipp Semmelweis setzte sich selbst ein Denkmal als „der Retter der Mütter“.
 
 
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Pflegepersonal nicht zu den Medizinalpersonen gerechnet. Die Pflege unterstand damit nicht der Aufsicht der Gesundheitsbehörden, außer beim Auftritt von Seuchen, wo ein Amtsarzt eingreifen konnte. Die Pflege befand sich also in einer Art rechtsfreien Raum. Aufgrund von Bestrebungen und Einzelinitiativen engagierter Ärzte gab es immer wieder Ansätze zu einer Pflegeausbildung. Doch sowie sie ihr persönliches Engagement nicht mehr aufrecht erhalten konnten, endeten abrupt die Bestrebungen zur Bildung der Krankenwärter.
 
Bereits 1728 nahm die erste Hebammenschule in Straßburg den Ausbildungsbetrieb auf, der bald weitere Lehranstalten in anderen Städten und Ländern folgten. Franz Anton Mai, der als Arzt ab 1766 als zweiter Lehrer an der neu eingerichteten Hebammenschule in Mannheim arbeitete, dessen Schulleiter er später wurde, erhielt 1781 die Erlaubnis, in Mannheim eine Krankenwärter-Schule zu eröffnen. Die Idee zu einer solchen Schule stieß bei zahlreichen Medizinern auf heftige Ablehnung. Ihrer Meinung nach könne eine derartige Ausbildung dazu dienen, "Kurpfuscher" heranzuziehen. Hinter diesen Widerständen stand anscheinend die Befürchtung, dass Krankenwärter als Heilkundige ihrem Berufsstand gefährlich werden könnte. Denn der Großteil der ärmeren Bevölkerung ließ sich nach wie vor von Heilkundigen, Heilpraktikern, Wundärzten etc behandeln, also von mehr oder minder medizinisch Geschulten ohne universitäre Ausbildung. Trotz der Misere der überwiegend völlig unqualifizierten Lohnpflegekräfte überwogen bei den Ärzten also Ängste vor zu geschultem Pflegepersonal als unliebsame vermeintliche Konkurrenz.
 
 
Derartige Befürchtungen waren unbegründet, denn Franz Mai erklärte die Absicht der Schule darin, "gute hippokratische Beobachter ans Krankenbett" zu bringen und begriff sich als "Schulmeister für die Warteweiber und Krankenwärter". Der Eid, den seine Schüler am Ende der Ausbildung leisten mussten, verdeutlichte noch einmal ihre Rolle als reine Gehilfen des Arztes. 1784 endete allerdings schon wieder das Abenteuer Krankenwärterschule, da Franz Mai nach Heidelberg berufen wurde und sich kein Nachfolger für diese Lehranstalt fand. Zaghafte Versuche, seine Idee aufzugreifen, scheiterten ebenfalls nach kürzester Zeit. Immerhin diente seine Lehranstalt als Denkanstoß.
 
Dr. Maximilian Florian Schmidt (1784-1846) bemühte sich ab 1812 in Österreich um die Ausbildung der KrankenwärterInnen. Er hielt an der Universität Wien an Sonn- und Feiertagen Vorlesungen zum "Krankenwärterdienst". Diese Vorlesungen wurden mit praktischen Unterweisungen im großen Wiener Allgemeinen Krankenhaus verknüpft.
 
Der Besuch seiner Veranstaltungen von künftigen oder praktizierenden Pflegenden blieb weit hinter seinen Erwartungen zurück. Daher stellte er an die Landesregierung Anträge, die Teilnahme an den Lehrveranstaltungen für die Krankenwärter sämtlicher Spitäler und in privaten Diensten verpflichtend vorzuschreiben.
 
Im Jahre 1831 verkündete Schmidt die Erfolgsmeldung, dass 475 Personen sich für seine Veranstaltungen eingeschrieben hätten, wovon 159 bereits die Prüfung abgelegt hatten und für etwa 100 noch die Prüfung anstand. Vorausgegangen war eine in Europa tobende Choleraepidemie, die in der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitete und schonungslos den Mangel an geschultem Pflegepersonal offenlegte. Die Mediziner, Chirurgen und Hebammen als Lehrgangsteilnehmer waren noch nachvollziehbar. Schmidt erwähnte aber auch die Teilnahme von Privatbeamten, Lehrern, Juwelieren, Maklern, Webern, Schneidern und Schustern. Vermutlich waren diese aus der Motivation heraus erschienen, nicht in die berufliche Pflege ein- oder umzusteigen, sondern sich und die eigene Familie angesichts des eklatanten Pflegemangels zu schützen. Auch Bedienstete erschienen zahlreich zu den Veranstaltungen, sodass man annehmen kann, dass sie dorthin von ihren Arbeitgebern geschickt wurden, um im Notfall von pflegekundigem Hauspersonal versorgt zu werden. Unter dem Eindruck der Choleraepidemie hatten also anscheinend weite Kreise der Bevölkerung begriffen, dass qualifizierte Pflegekräfte Mangelware waren.
 
In Magdeburg bemühte sich der Arzt Johann Christian Ferdinand Laue (1789-1843) um eine Pflegeausbildung. Die von ihm ab 1822 geschulten Frauen wurden sogar in der Lokalpresse durch die Polizeibehörde als Krankenwärterinnen ausdrücklich empfohlen.
 
 
Solange KrankenwärterInnen als Lohnarbeiter aus den unteren sozialen Schichten mit einem geringen Bildungsniveau stammten und dieser Beruf gesellschaftlich wenig Anerkennung fand, konnte eine Aufwertung der Krankenpflege auch nicht stattfinden. In dieser Hinsicht war die "Evangelische Lehranstalt für unabhängige Krankenpflegerinnen ´La Source´" in Lausanne bedeutsam. Dieses Institut entstand 1859 durch eine Stiftung.
 
Jährlich wurden dort 16 Schülerinnen ausgebildet, die aber nicht organisatorisch gebunden waren, keine einheitliche Tracht trugen, sich nicht als Schwestern bezeichneten, nach Verheiratung ihren Beruf weiter ausüben konnten und sich ihre Dienstleistungen bezahlen ließen. Direkt nach der Jahrhundertwende schloss sich diese Schule dem Schweizer Roten Kreuz an.
 
(Diese Schule existiert heute noch. Über diesen link gelangt Ihr zu der Schule, Schulgeschichte und Fotos: ´La Source´
 
Die Absolventinnen dieser Lehranstalt stammten aus dem bürgerlichen Milieu, verfügten über eine gute Vorbildung und die Ausbildung befand sich auf einem wesentlich gehobeneren Niveau, besonders betreffs der berufsethischen Erziehung. Damit deutete sich eine Wende an, was den sozialen Status der Pflege gegen Bezahlung betraf. Auch in Baden wurden ab 1860 freie Pflegerinnen ausgebildet. Die Initiative ging von einem Frauenverein aus, den die Landesherrin Luise von Baden (1838-1923) gründete. 
 
Nach der zwei- bis fünfmonatigen Ausbildung erhielten die Absolventinnen ein Zeugnis der Großherzogin. Die Ausbildung unter einer adligen Schirmherrschaft wertete ebenfalls den Pflegeberuf auf. Nach Anerkennung dieses Frauenvereins als Nationaler Rot-Kreuz-Verein des Großherzogtums Baden wurden aus diesen Pflegerinnen Rot-Kreuz-Schwestern.
 
 
 
Die Anstrengungen in der Pflegeausbildung der Lohnwärterinnen reichten besonders in den evangelischen Ländern nicht aus, die nicht wie die katholischen Länder auf die caritative Krankenpflege durch Schwesternschaften zurückgreifen konnten. Es bildeten sich regionale kleinere Frauenvereine, die in der Pflege tätig wurden.
 
1836 gründete der Pfarrer Theodor Fliedner (1800-1864)  den "Evangelischen Verein für christliche Krankenpflege in der Rheinprovinz und Westfalen". Dieser Verein bildete Pflegerinnen nach dem Vorbild der Diakonissen der frühchristlichen Gemeinden aus. Von den katholischen Schwesternschaften übernahm man das Mutterhausprinzip. In Kaiserswerth wurde extra ein Krankenhaus für Ausbildungszwecke eingerichtet. Die Ausbildung fand theoretisch und praktisch statt, wobei für den praktischen Teil die Vorsteherin der Diakonissenanstalt, als Mutter Oberin bezeichnet, zuständig war.
 
Die erste Vorsteherin war Friederike Fliedner (1800-1842) , Theodor Fliedners Ehefrau. Sie trat für eine Trennung von Krankenpflege und kirchlichem Diakonissenamt in der Praxis ein, um eine qualifizierte Krankenpflege als Beruf zu fördern. Hätte sie sich mit ihren Ansichten durchsetzen können, wäre es vermutlich in den folgenden Jahrzehnten nicht zu der krassen Abwertung der weltlichen Pflegerinnen gekommen. Durch ihren frühen Tod setzten sich dann aber Theodor Fliedners Vorstellungen durch, die pflegerische und theologische Ansichten miteinander vermengten.
 
Aufnahmevorrausetzung für die Kaiserwerther Einrichtung war das vollendete 21. Lebensjahr. Die ersten sechs Monate waren eine Probezeit. Nach dieser Probezeit wurde über die Eignung der Bewerberin entschieden. Fiel sie zugunsten der Bewerberin aus, verpflichtete sie sich für fünf Jahre zur Diakonissenarbeit, was anschließend verlängert werden konnte. Zu den Ausbildungsinhalten gehörte neben Religion, Sittlichkeit, Hauswirtschaft und Handarbeiten auch der Unterricht in der elementaren Schul- und Allgemeinbildung, wodurch das Bildungsniveau der Diakonissen im Vergleich zu den LohnwärterInnen erheblich gesteigert wurde. Als Grundlage des pflegerischen Unterrichtes in Kaiserswerth diente das Lehrbuch der Charité. Diesen Unterricht erteilten meistens Ärzte.
 
Nach dem Vorbild des Kaiserwerthers Mutterhaus entstanden schnell zahlreiche Diakonissen-Mutterhäuser in anderen Regionen. Allerdings verfügten die Diakonissenhäuser nicht über einheitliche Richtlinien der Ausbildung, sodass das Ausbildungsniveau erheblich schwankte. Nur wenige Häuser führten Abschlussprüfungen durch und es gab keine Zeugnisse, die die Ausbildung bescheinigten.
 
Die Diakonissen besaßen in der Regel ein höheres Ansehen als die Lohnwärterinnen, weil sie durch die disziplinierende Mutterhausbindung eine geringere Fluktuation aufwiesen und als Pflegerinnen die christlichen Werte der Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Zuwendung gegenüber Schwachen und Kranken verkörperten.
 
Doch es gab an der Diakonie auch Kritik. Rudolf Virchow (1821-1902) war mit Sicherheit kein Liebhaber der neuen Diakoniebewegung. Er forderte eine Versachlichung der Pflege und lehnte jegliche klerikalen Fesseln daher gänzlich ab. Problematisch war auch, dass die Diakonieanstalten oft nur Frauen für geeignete Pflegekräfte hielten. Außerdem vertiefte sich die Kluft zwischen weltlichen und geistlichen Pflegenden.
 
Besonders kritikwürdig war aber auch der Umgang der Mutterhäuser mit ihren Diakonissen. Die Kaiserwerther Diakonie war wie ein patriachalisches Familiensystem organisiert. Theodor Fliedner als Pfarrer und Vorsteher war quasi das Familienoberhaupt, der die Diakonissenanstalt nach außen vertrat, die Richtlinien vorgab und das letzte Wort sprach. Seine Frau war die Gehilfin des uneingeschränkten Patriarchs, die seine Vorgaben ausführte und vor ihm rechtfertigte. Demnach nahmen die Diakonissen gleich welchen Alters die Rolle der ewigen Töchter an, die Erziehung bedurften und nicht wissen konnten, was gut für sie wäre.
 
So wurden von Frau Fliedner und anderen Vorsteherinnen nicht grundlos erwachsene Diakonissen als "Mädchen" bezeichnet. Die Vorsteherinnen der Diakonie nannten sich selbst auch häufig "Mutter". Den "Mädchen" wurde aufgetragen, sich mit ihren Sorgen, auch persönlicher Art, an den "Vater", Vorsteher und Seelsorger zu wenden. Sie wurden wie Kinder geduzt, ermahnt, getadelt und hatten zu gehorchen. Über die Sittlichkeit der "Mädchen" wachte das "Mutter"haus und handelte mit auswärtigen Einsatzorten den Schutz "ihrer Mädchen" vor eventuellen sexuellen Belästigungen aus.
 
Dieser heute eigenartig anmutende Umgang förderte enge familiäre Bindungen zwischen Diakonissen und ihren Mutterhäusern, die auch bei auswärtigen Einsätzen bestehen blieb. Dieses familiäre Klima war für Frauen reizvoll, die nur ein schwaches Selbstbewusstsein und geringe Selbständigkeit hatten und eine Eigenverantwortung gerne abgaben. Sie wechselten von der Ursprungsfamilie in die Ersatzfamilie Diakonie und brauchten sich von ihrer bekannten Rolle als unmündiges Kind nicht trennen. Für sie war die Umwandlung der ursprünglich gedachten Gehaltszahlungen in ein Taschengeld bedeutungslos. Denn in den meisten Fällen blieben die Diakonissen durch den familiären Druck ihrem Mutterhaus treu und erneuerten regelmäßig alle fünf Jahre ihre Bereitschaft zur weiteren Diakonissentätigkeit, wodurch sie sich bei Krankheit oder im Alter versorgt wussten.
 
Außerdem war für viele Frauen ihre Tätigkeit bei der Diakonie mit einem gesellschaftlichen Aufstieg von der Magd zu einem der Bürgersfrau vergleichbaren Stand verbunden. Hinzu kam die materielle Absicherung und die Situation, dass die Beschäftigungsangebote für Frauen der gehobenen Schichten außerhalb von Familie und Kloster rar waren. Abgesehen von einzelnen Frauen, die sich gegen die gängige Frauenrolle auflehnten, gab es noch keine organisierte Frauenbewegung, sodass das Kaiserwerther Modell gesellschaftlich akzeptiert war. So lässt sich erklären, dass Kaiserswerth und andere Diakonieanstalten einen regen Zulauf hatten.
 
Historisch gesehen beeinflusste Fliedners Diakonie durch die Abhängigkeit und der Bevormundung negativ die Krankenpflege auf ihrem Weg zu einem beruflichen Verständnis. Die guten Ansätze seiner Frau verhinderte er durch sein patriachalisches Gehabe, an dem letztendlich Friederike Fliedner zerbrach. Er bot zwar auf breiter Ebene eine Frauenbildung an, aber ausschließlich nach seinen Vorstellungen, sodass es unsinnig ist, ihn deshalb als Wegbereiter der modernen Frauenbewegung zu sehen. Während der Revolution 1848 bekannte er eindeutig Stellung: Als konservativer Monarchist stellte er sich gegen die Ideen der Revolutionäre. Ein Beleg dafür waren seine scharfen Anfeindungen gegen den Pädagogen Friedrich Fröbel (1782-1852). Fliedner war also alles Andere als fortschrittlich.
 
Bei aller Kritik muss ihm aber zugestanden werden, dass es ihm gelang, im evangelischen Bereich eine organisierte Pflegegemeinschaft mit einer christlichen Berufsethik zu schaffen, wovon die Pflegebedürftigen erstmal profitierten. Die Art und Weise des Unterrichtes bereitete zumindest moderne Schwesternschulen im Ansatz vor.
 
(Bekannte Diakonissen siehe auch Virtuelles Denkmal Gerechte der Pflege)
 
 
 
 
Es war wieder ein Krieg, der größten Einfluss auf die Pflege nehmen sollte. Im Sardinischen Krieg zwischen dem Kaisertum Österreich und dem Königreich Sardinien und dessen Verbündetem Frankreich unter Napoléon III. kam es bei Solferino am 24.6.1859 zur entscheidenden Schlacht. Beteiligt an dieser Schlacht waren etwa 230.000 italienische, französische und österreichische Soldaten. Die Schlacht begann gegen 3:00 Uhr morgens, als die Heere unerwartet aufeinander trafen. Die Soldaten waren bereits da durch lange Märsche restlos erschöpft und ähnlich schlecht versorgt wie die Soldaten im Krimkrieg. Die Schlacht tobte den ganzen Tag, zunächst bei extremer Hitze, später bei Sturm und Regen. Circa 60000 Soldaten wurden an diesem Tage getötet oder verwundet, etwa 20000 Soldaten galten als vermisst. Weitere 40000 Soldaten erkrankten nach der Schlacht durch Nahrungsmangel, Überanstrengung und katastrophale hygienische Zustände.
 
Der Schweizer Bankier Jean Henri Dunant (1828-1910) wurde Zeuge dieses Massakers. Er stellte fest, dass der Militärsanitätsdienst nicht in der Lage war, die Soldaten ausreichend zu betreuen. Die Soldaten blieben verwundet auf dem Schlachtfeld ohne jegliche medizinische und pflegerische Versorgung liegen. Die wenigen Militärsanitäter betreuten auch nur Soldaten des eigenen Heeres. Dunant organisierte Freiwillige aus umliegenden Ortschaften zur Bergung der Verwundeten. Doch die unvorbereiteten Hospitäler und Privathäuser waren mit der Masse der Verwundeten und Kranken heillos überfordert. Dunant berichtete 1862 in der Broschüre "Un souvenir de Solferino" von dem Elend der verwundeten Soldaten bei dieser Schlacht und schlug vor, in allen Ländern Freiwilligen-Verbände zu gründen, die im Kriegsfalle den Militärsanitätsdienst unterstützen könnten. 
 
Henri Dunants Vorschläge wurden aufgegriffen, was zur Gründung des Roten Kreuzes und zur 1. Genfer Konvention führte, die bis 1906 galt. Nach und nach unterzeichneten 44 Staaten diese Konvention und in zahlreichen Ländern gründeten sich Hilfsvereine, auch in Deutschland. Anfangs trugen diese Vereine noch unterschiedliche Namen wie beispielsweise der "Preußische Verein zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger". In der Regel waren diese Vereine reine Männervereine, die freiwillige Sanitätskolonnen für den Kriegsfall bildeten.
 
Die Deutsche Kaiserin und Preußische Königin Auguste Viktoria (* 22.10.1858, †11.04.1921) förderte den "Preußischen Verein zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger" und setzte sich für die Neugründung des Vaterländischen Frauenvereins Ende 1866 ein. Der Vaterländische Frauenverein sollte weibliche Hilfeleistungen in Katastrophenfällen organisieren und die Ausbildung von Krankenpflegerinnen und Helferinnen im Sinne des Roten Kreuzes ermöglichen.
 
Nachdem sich in Deutschland schließlich die Vereine zum "Zentralkomitee der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz" zusammenschlossen, wurde auch für die Pflege dieser neue Verband interessant, da sich der erste gesamtdeutsche Vereinstag 1870 unter anderem auch mit der Werbung und Ausbildung von Krankenpflegerinnen beschäftigte. Bereits im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 beteiligten sich Frauen der "Vaterländischen Frauenvereine", Diakonie und anderer Institutionen an der Besetzung der Lazarette. 
 
Auf Initiative des badischen Frauenvereins entstanden in Deutschland Rot-Kreuz-Schwesternschaften. Auch sie übernahmen das Mutterhausprinzip und verstanden die Pflege als caritative Tätigkeit, allerdings ohne konfessionelle Bindung. Rot-Kreuz-Schwesternschaften im Ausland dagegen organisierten sich nicht nach dem Mutterhausprinzip. In 25 Städten entstanden bis zur Jahrhundertwende Ausbildungskrankenhäuser mit angegliederten Wohn- und Schulhäusern für die Pflegeschülerinnen nach den Vorschlägen des Arztes und Vorsitzenden des Altonaer Rot-Kreuz-Vereins Heinrich Christoph Niese (1810-1887). Er forderte auch "Asyle" oder "Mutterhäuser" für Rot-Kreuz-Schwestern ohne eigene Wohnung oder als Zufluchtstätte für die nicht mehr berufsfähigen Schwestern.
 
Rudolf Virchows Kritik an der fehlenden Sachlichkeit in der Pflege durch die klerikalen Fesseln traf zunächst auch auf die Rot-Kreuz-Schwesternschaften zu, obwohl sie ja nicht an einer Konfession direkt gebunden waren. Die christlich-religiöse Erziehung rangierte vor der fachlichen Ausbildung. Und in der fachlichen Ausbildung lag der Schwerpunkt auf kriegschirurgische Assistenzleistungen.
 
 
 

 
Florence Nightingale gilt als Begründerin der modernen Krankenpflege und als Krankenschwester wird sie als erste Pflegetheoretikerin und Pflegewissenschaftlerin bezeichnet.
 
Viele geschichtliche Darstellungen verweisen darauf, dass Florence Nightingale (1820-1910) in Kaiserswerth ihre erste praktische Pflegeausbildung erhielt und bis heute brüsten sich Darstellungen der Diakonie damit, die "Begründerin der modernen Krankenpflege" hervorgebracht zu haben. Als Tochter einer wohlhabenden Familie genoss sie eine höhere Schulbildung und verfügte durch zahlreiche Auslandsaufenthalte über exzellente Sprachkenntnisse. Als Dame der Oberschicht war es ihr nicht gestattet, öffentlich beruflich tätig zu werden, obwohl sie sich früh zur Krankenpflege hingezogen fühlte. So beschäftigte sie sich theoretisch mit der Krankenpflege und dem Krankenhauswesen durch in- und ausländische Publikationen.
 
Als 30jährige lernte sie auf der Durchreise die Kaiserswerther Diakonissenanstalt kennen. Im folgenden Jahr gelang es ihr, die Zustimmung ihrer Eltern zu erringen, in Kaiserswerth an einer dreimonatigen praktischen Ausbildung teilzunehmen. Anfänglich war sie sehr angetan von dem Geist in Kaiserswerth und von der Möglichkeit der praktischen Frauenbildung außerhalb der Familie. Später wurde sie jedoch eine heftige Kritikerin der Fliednerschen Anstalt, was in deutschen Pflegegeschichtsbüchern gerne unterschlagen wird. So wies sie entrüstet zurück, dass sie in Kaiserswerth wirklich ausgebildet worden sei. Theoretisch pflegerisch bestens vorgebildet empfand sie die dort praktizierte Pflege als mangelhaft und unhygienisch, sodass sie zwei Jahre später noch einmal für einige Wochen bei den katholischen Barmherzigen Schwestern in Paris am Maison de la Providence hospitierte , deren Pflege sie in der Praxis als wesentlich besser einstufte. 1853 übernahm sie in London die Leitung eines Pflegeheimes für invalide Gouvernanten.
 
Ein Jahr später enthüllte die "Times", bei der erstmals eine professionelle Kriegsberichterstattung durch Telegraf und Fotografie zum Einsatz kam, Skandale über die medizinische und pflegerische Versorgung der britischen Soldaten im Krimkrieg. William Howard Russell schickte Berichte von der Front, die sein Verleger nicht insgesamt wagte, zu veröffentlichen. Russell stellte fest, dass nicht das gegnerische Heer der Russen die größte Gefahr sei, sondern die Ausrüstung, Verpflegung und die Krankenversorgung der Soldaten. Erfrierungen, Fleckfieber, Pocken, Ruhr, Typhus, Skorbut und vor allem die Cholera rafften zu Tausenden die Männer dahin. Die Lazarette waren nicht nur überfüllt, sondern starrten vor Dreck. Die veröffentlichten Berichte in der "Times" empörte die britische Öffentlichkeit, die nicht veröffentlichten Depeschen gingen im Parlament von Hand zu Hand und lösten eine Regierungskrise aus, die schließlich im Januar 1855 zum Sturz dieser führten.
 
Unter diesem massiven Druck entschloss sich der britische Kriegsminister, der mit der Familie Nightingale befreundet war, Florence Nightingale ins Krisengebiet zu entsenden. Er hoffte, dass sie aufgrund ihres gesellschaftlichen Ranges soweit von den verantwortlichen Militärärzten respektiert werden würde, dass sich die Zustände im Hauptlazarett schnellstens ändern.
 
Als Leiterin des Pflegedienstes im Range eines Brigadegenerals erreichte Nightingale am 4.11.1854 mit 18 Barmherzigen Schwestern und 20 Nurses im Gefolge Scuteri, einen Teil von Istanbul. Sie setzte sich schnell durch, nachdem die Militärärzte die angekommenen Schwestern zuerst ablehnten. Bis zum 7.8.1856 verblieb sie im dortigen Hauptlazarett. Sie beschränkte sich nicht nur auf die Pflege, sondern organisierte das Militärsanitätswesen und Organisation des Lazarettbetriebes neu.
 
Diese Veränderungen gelangen ihr aufgrund ihrer Neigung zur Mathematik und damit zu Statistiken. Sie sammelte und verarbeitete jegliche Informationen, um die Wirksamkeit ihrer Pflege beweisen und belegen zu können. Ihre Aufzeichnungen belegten, dass auf jeden gefallenen Soldaten sieben Soldaten kamen, die durch Krankheiten weggerafft wurden, die ihre Entstehung hauptsächlich in der mangelnden Hygiene hatten. Nach ihrer Rückkehr nach England beschäftigte sie sich weiter mit Statistiken der militärischen Kranken- und Verwundetenversorgung. Außerdem begann sie vergleichende Krankenhausstatistiken zur zivilen Krankenversorgung zu erstellen. Für wie wertvoll ihre Statistikarbeit eingeschätzt wurde, zeigte sich daran, dass sie 1860 als erste Frau zum Mitglied der englischen Statistischen Gesellschaft gewählt wurde.
 
Aus ihren Erkenntnissen im Krimkrieg leitete sie auch Theorien für das zivile Krankenhauswesen ab. Ihre darüber verfassten Werke entfachten in Europa und Amerika umfangreiche Diskussionen zu weiteren Verbesserungen in Pflege und Hygiene. Für Florence Nightingale kam der Umwelt eine wesentliche Rolle zur Gesundheitserhaltung und guten Pflege zu. Zur Umwelt zählte sie saubere Luft, sauberes Wasser, funktionierende Kanalisation, Sauberkeit und Licht. Die Umwelt wäre gesund oder ungesund je nach Fehlen dieser Faktoren. Auch verwies sie darauf, dass Wärme, Ruhe und Diät gesundheitsfördernd seien. Nightingale definierte Gesundheit als Wohlbefinden und Gesundheitspflege als eine Verhinderung von Krankheit durch ökologische Faktoren. Krankheit war nach ihrer Auffassung ein reparativer Prozess und Krankenpflege das Mittel, die aktuelle Lebenssituation des Betroffenen zu verbessern. Die Aufgabe der Krankenschwester bestand darin, diesen reparativen Prozess zu erhalten und zu fördern, indem sie für eine gesunde Umwelt sorge.
 
Kritiker warfen Nightingale später vor, dass in ihrer Theorie der Patient reines Objekt der Umwelt und Krankenschwester war, der in den Heilungsprozess nicht aktiv eingebunden wurde. Außerdem lehnte sie die Keimtheorie ab. Man hielt ihr auch vor, dass sie die persönliche Beobachtung über die Aneignung umfassenden Wissens stellte. Zur ersten Kritik muss der Zeitgeist gesehen werden. Ihre Ablehnung der Bakteriologie war vielleicht auch eine Abwehr gegen die naturwissenschaftliche Überfrachtung der Pflege. Die Krankenbeobachtung ist bis heute ein wesentliches Merkmal der Pflege. Die Überbetonung der Beobachtung vor Wissensaneignung oder Erfahrung vor systematischer Forschung widerspricht aber ihrer eigenen Praxis, was gründliche Studien und genaue empirische Untersuchungen betraf. Nightingales Pflegetheorie richtete sich nicht nur an die professionelle Krankenschwester, sondern an alle Frauen als potentielle Pflegerinnen. Von daher mussten ihre Theorien bei diesem Adressaten auch entsprechend allgemein gehalten sein.
 
Ihre Arbeit in Scuteri bestätigten in der Praxis in den damaligen Verhältnissen auf jeden Fall ihre Ansichten. Zu ihrer Rückkehr bereiteten ihr nicht nur Offiziere und Soldaten einen begeisterten Empfang, sondern spendeten aus Dankbarkeit eine für die damalige Zeit immense Summe in einen Nightingale-Fond, den sie nach eigenem Ermessen zur Gründung einer Krankenpflegeschule verwenden konnte.
 
Gerade auch durch ihre Kaiserswerther Erfahrungen setzte sie in den Nightingalepflegeschulen um, dass die Leitung und der Unterricht an ausgebildete und erfahrene Krankenschwestern übertragen wurde. Damit entzog sie den Theologen die Verantwortung für die Pflegeausbildung, wie es in den deutschen Diakonieeinrichtungen üblich war. Stattdessen übernahmen Expertinnen der Krankenpflege Ausbildung und Anleitung der Pflegeschülerinnen. Nightingale sah zwar auch die Pflege als religiösen Auftrag an, strebte aber wie Friederike Fliedner eine Professionalisierung des Berufes an. Dazu gehörte auch, dass die Bewerberinnen eine ausreichende Schulbildung besaßen. Die Schulen waren für praktische Einsätze an Krankenhäuser angegliedert, aber nicht in Ihrer Abhängigkeit.
 
Nach der britischen Tradition bildeten die Fachschulen von Nightingale zwei Gruppen von Schülerinnen aus. Frauen aus den höheren Schichten zahlten ihre dreijährige Ausbildung selber und übernahmen nach Abschluss leitende Positionen. Die anderen Schülerinnen studierten vier Jahre lang kostenlos. Beide Ausbildungsgänge umfassten zwölf Monate Theorie nach medizinisch-wissenschaftlichen Richtlinien. Allerdings vertiefte dieses Verfahren die Kluft der Krankenschwestern aus dem bürgerlichen und proletarischen Milieu.
 
Die Fachschulen von Florence Nightingale hatten Vorbildcharakter für Pflegeschulen weltweit, außer in dem Land, in dem sie ihre praktische Pflegetätigkeit begonnen hatte: Deutschland. Die einzige Ausnahme bildeten die Viktoriaschwestern in Berlin. Diese städtische Schwesternschaft entstand unter der Schirmherrschaft von Kronprinzessin Viktoria (1840-1901). Kronprinzessin Viktoria (Victoria Adelaide Marie Luise Princess Royal of the United Kingdom of Great Britain and Ireland) stammte aus England und war die Tochter der englischen Königin. Der 1882 gegründete Viktoria-Verein für Krankenpflege orientierte sich stark an den Nightingale-schools.
 
Für Interessierte ein Link zum Londoner Nightingale-Museum: Florence Nightingale Museum
 

Die Krankenwärter-Schule am Königlichen Charité-Krankenhaus

Die Krankenwärter-Schule am Königlichen Charité-Krankenhaus in Berlin nahm ab 1832 den Lehrbetrieb auf. Idee und Planung bestanden bereits um 1800, die Choleraepidemie wirkte insoweit fördernd, dass die Öffentlichkeit die Misstände in der Pflege deutlich sah. Die Krankenwärterkurse dauerten anfangs vier Monate, wurden aber bald auf sechs Monate verlängert. Immer wieder bereitete die praktische Ausbildung Probleme, weil die leitenden Ärzte die praktischen Unterweisungen vernachlässigten.

Johann Friedrich Dieffenbach (1792-1847), Schulmitbegründer und erster Schulleiter, kritisierte sehr offen, dass sich in der Pflege Menschen ansammelten, die er als nicht geeignet erachtete. So wies er darauf hin, dass als KrankenwärterInnen "Alte, Versoffene, Triefäugige, Blinde, Taube, Lahme, Krumme und Abgelebte" eingestellt werden würden, kurzum all diejenigen, die in der Welt zu nichts mehr taugten. 
In der Charité etablierte sich die Pflegeausbildung und wurde nach dem Ausscheiden von Dieffenbach, im Gegensatz zu anderen Hospitalschulen im deutschsprachigen Raum, fortgeführt. Grundlage des Unterrichtes war ein Lehrbuch, dass zuerst Dieffenbach verfasste und von späteren Schulleitern regelmäßig überarbeitet wurde. 1837 wurde vom ministeriellen Kuratorium empfohlen, dieses Lehrbuch allen Krankenhäusern und Kliniken des Landes mit der Empfehlung zur Ausbildung von KrankenpflegerInnen zu schicken. Zum ersten Male wurde also staatlicherseits der Versuch unternommen, auf Pflege und Ausbildung direkt Einfluss zu nehmen. Ende des 19. Jahrhunderts beteiligte sich der damalige Schulleiter Professor Rudolf Salzwedel (1854-1929) maßgeblich an der Vorbereitung einer staatlichen Regelung der Krankenpflegeausbildung in Preußen.
 
Neben der Pflegeausbildung organisierte ab 1881 der Kieler Chirurgieprofessor Johann Friedrich August von Esmarch (1823-1908) nach dem Vorbild der englischen "Ambulance-Classes" in Deutschland sogenannte Samariterschulen, in denen Männer der unterschiedlichsten Berufe das Wissen zur "Ersten Hilfe" vermittelt bekamen, um im Notfall auch die Zivilbevölkerung versorgen zu können.
 
Zur Grundausstattung der Samariter gehörten dazumal bereits Verbandpäckchen und Dreiecktuch. Im Kriegsfall unterstellten sich auch die Samariter dem Roten Kreuz.

Hilfe zur Selbsthilfe der Arbeiterschaft 

 
          
 
Albine Pecha (1877-1898), eine 22-jährige Krankenschwester, starb im Oktober 1898 im Wiener Kaiser Franz Josef-Spital an der Lungenpest. Infiziert hatte sie sich im Allgemeinen Krankenhaus. Sie hatte den Institutsdiener des Pathologischen Instituts, Franz Barisch, gepflegt, der sich aus Schlamperei an Pestkulturen im Labor ansteckte.
 
Sie war neben dem Arzt Hermann Franz Müller die letzte Pesttote Wiens. An den Arzt, der bei Barisch eine Fehldiagnose stellte, nämlich Lungenentzündung statt Lungenpest, und damit sein Leben und das Leben zweier Krankenschwestern riskierte, erinnert eine Poträtbüste.
 
Die Krankenschwester bekam kein Denkmal. Dafür wird sie in einem "historischen Roman" (Der Pestarzt, Barbara Büchner, Brendow-Verlag 2005) als junges, hübsches, eitles Ding beschrieben. (Ich verkneife mir jeden weiteren Kommentar!!!!!!! Das Buch steht nicht auf meiner Wunschliste!) 
 
 

Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!