Arzthelferinnen
 
 
Krankenschwestern arbeiteten häufig auch in den Praxen der Ärzte. Dort erlebten sie hautnah den Alltag unter den braunen Machthabern mit. Rosalinde H., die ich in einem Berliner Krankenhaus als Patientin kennenlernte, arbeitete bei einem jüdischen Zahnarzt in Berlin-Neukölln. „Doktor R., der konnte ´Danke´ und ´Bitte´ sajen. Dat war ´ne Selbstverständlichkeit. Mittags packte er uns Mädel (Anmerkung: es arbeiteten dort außer ihr noch zwei Assistentinnen und eine Bürokraft ) ein un jing mit uns in eenem kleenen Lokal essen. Wir hatten imma viel Spaß. Wir ham och Betriebsausflüge jemacht. Da warn sene Frau und de beeden Kleenen (Anmerkung: seine Kinder ) dabei. Dampfafahrt un so.“
 
Rosalinde schwärmte von ihrer damaligen Arbeitsstelle und betonte das gute Arbeitsklima. Nach ihren Angaben begann der Naziterror aber bereits vor 1933. Sie erinnerte sich daran, dass schon vor der Machtergreifung gepöbelt und beleidigt wurde. Am 1.4.1933 ging sie zur Arbeit, obwohl ihre Mutter dringend davon abriet. Sie kam unbehelligt in der Praxis an. Zwei ihrer Kolleginnen, die Bürokraft und eine Assistentin, erschienen nicht und kamen auch nie wieder. An dem Mietshaus, wo sich die Praxis befand, fehlten Hakenkreuzschmierereien. Die SA hatte den Zahnarzt anscheinend vergessen.
 
„Keen Wunda“ meinte sie dazu, „da warn och Erznazis unta uns´re Patienten. Bevor die sich dat Maul vom arischen Kurpfuscha um de Ecke ruinieren ließ´n, kam´se lieba weitahin zum Juden. Wussten doch alle, dat der Doktor N. nischt taugt. Schrieb uff sein Schild: ´arischer Zahnarzt´. Davon issa och nich bessa jeworn.“
 
Die akute Gefahr schien nach dem 1.April gebannt, als ungefähr zwei Wochen später überraschend Kinder und Jugendliche im Alter von etwa acht bis sechzehn Jahren nachmittags in die Praxis eindrangen. Sie trugen keine HJ-Uniform, waren normal gekleidet.
 
„Die war´n nich von hier. Andere hatten beobachtet, dat die mit nem Lastwajen anjekarrt wurden.“
 
Ohne Vorwarnung schlugen die circa dreißig Jungen mit Knüppeln auf Arzt, die zwei nichtjüdischen Angestellten und nichtjüdischen Patienten ein und demolierten die Einrichtung. Die verständigte Polizei benötigte auffallend viel Zeit, um zu kommen. Obwohl sie auch von Nachbarn angefordert wurden, erschienen sie erst zwei volle Stunden nach dem Überfall. Da waren die Täter natürlich bereits verschwunden. Rosalinde war sich völlig sicher, dass der „arische“ Zahnarzt als Auftraggeber den Überfall inszenierte, um die Konkurrenz loszuwerden. Seine Praxis lief schlecht, die ihres Chefs gut. Bei dem Angriff erlitt Rosalinde eine Kopfplatzwunde und eine Gehirnerschütterung. Schlimmer war jedoch, dass sie durch den Vorfall traumatisiert war. „Ick brochte nur dat Haus seh´n (Anmerkung: wo sich die Praxis befand ), da hatte ick feuchte Hände und Koppweh. Da habe ick dann jekündicht.“
 
Bei der Sache war ihr nicht wohl. Sie hatte das Gefühl, ihren Arbeitgeber, mit dem sie sich jahrelang glänzend verstand, im Stich zu lassen, auch bei den Aufräumarbeiten. Es widerstrebte ihr auch, sich dem blanken Terror einiger Halbwüchsiger so bereitwillig zu beugen. Ihre Kollegin beschrieb sie als sehr mutig. Sie soll auch weiterhin in der Praxis gearbeitet haben. Rosalinde bedauerte für sich, nicht ähnlich couragiert gewesen zu sein. „Ick war halt een Feichling.“
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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