Anna Maria

 

Anna Maria, geboren 1927, wuchs bei ihren Eltern in Frankfurt auf. Die drei jüngeren Geschwister lebten bei den Großeltern. Ihr Verhältnis zur Mutter war gespannt, da Anna Maria als aufmüpfig galt. Nach dem Besuch der Volksschule kam sie in ein Mädchenlager im Sauerland, von dort in das Monika-Haus in Frankfurt. Ihr gefiel es nicht in dem von Nonnen geführten Haus und sie riss aus, um nach Hause zurückzukehren. Daraufhin brachte man sie in den Kalmenhof, eine Heil- und Pflegeanstalt im Taunus. Hier wurden innerhalb der T4 Aktion Menschen ermordet.

Anna Maria berichtete in dem Interview auf der CD "Erinnern für Gegenwart und Zukunft" vom Kalmenhof im Jahre 1942: "Und ich war nicht lange in dem Aufnahmeheim, und dann bin ich in das Gelände des Kalmenhofes gekommen, auf das Gelände, ja, das Mädchenheim. War ein Mädchenhaus, ein Bubenhaus, ein Altenheim, das Verwaltungsgebäude. Und wenn man einen Weg hinaufgegangen ist, war oben das, sie nannten es "Krankenhaus", und das war dann das Haus, in dem gemordet wurde.

Ja, der Kalmenhof. Es waren normale Kinder dort. Es waren auch, also ich möchte heute sagen, es waren auch Kinder da, Jugendliche da, deren Geist in der Wiege liegengebleiben ist. Aber es waren überwiegend normale Kinder. Es war ein Junge da, der immer von der Arbeitsstelle weggeblieben ist, und er muss sehr anfällig für Krankheiten gewesen sein, für Ohrentzündungen und so. Und dann ist er als "Nichttragbarer" oder wie sie's damals bezeichnet haben, ist er zuhause abgeholt worden und in den Kalmenhof gebracht worden. Und der wurde, wie ich später erfahren habe, ganz grausam umgebracht. Ein Pfleger hat den mit dem Ochsenziemer solang geschlagen, bis er tot war, und es war der Herr Kirch.

Da sind manchmal Kinder weggelaufen, die von der Bevölkerung des Ortes eingefangen wurden. Und da kam ein Junge mal zurück, und der hat gesagt: "Die Tante..." (die ihn zurückgebracht hat) "die hat gesagt, ich werd jetzt ein Engelchen.'' Dacht ich, das darf doch wohl nicht wahr sein. Das heißt soviel wie: die Frau wusste es."

Wieder konnte die Jugendliche fliehen. Sie wurde in die Einrichtung zurückgebracht und kam in das sogenannte Krankenhaus des Kalmenhofs.

"Ich hab nur an eins gedacht: Ich muss hier raus, ich muss raus, aber ich muss versuchen, nachts rauszukommen. Und da auf dem Gelände war ein Nachtwächter, also übers Gelände konnte man nicht. Da hab ich mir gedacht, ich muss irgendwie muss ich hier raus, aber wohin? Ich wusste ja nicht, wohin.

Ich mein, ich wusste, dass ich, wenn ich nach Hause gehe, wieder abgeholt werde. Ja, und dann bin ich, nachdem ich tatsächlich weggelaufen war, bin ich in das ... gleich in das Krankenhaus dann raufgekommen, Kopf kahlgeschoren und bin gleich dann raufgebracht worden, in den Keller. Und da hab ich ... da gab's Wasser und Brot und jeden Tag Tabletten, morgens eine und abends eine.

Und ich habe mich einmal mit einem Professor darüber unterhalten, und da sagt er "Wie sahen die aus, die Tabletten? War'n sie klein, groß?" Hab ich gesagt, das waren große Tabletten. Sagt er: "Ja, das war Nominal." Und da hab ich einmal gesehen, wie die Ärztin einem Mädchen eine Spritze gegeben hat. Es war eine große Kanüle, und es war nichts drin. Und da hab ich noch gedacht, das Kind denkt jetzt, jetzt hab ich ne Spritze gekriegt, und jetzt werd ich gesund. Später hab ich dann erfahren, dass es Luftspritzen gewesen sind und dass man damit eben die Kinder und die Jugendlichen ermordet hat.

Ich habe einmal gesehen, wie ein Mädchen, ein blondes Mädchen, vielleicht war sie drei, vier Jahre alt, ganz grausam gestorben ist. Der ist der Schaum aus'm Mund gekommen. Und ich weiß noch, ich hab die Schwester gerufen und hab ich gesagt: "Kommen Sie schnell, schnell, das Kind liegt auf der Erde." "Ja, ja", hat sie gesagt, "wir holen die gleich raus." Und dann tat sie so.

Und da war ich, ich muss so ungefähr, schätze ich heute, zehn Tage in dem Keller gewesen sein, es stand nichts drin als eine Bank. Und da hab's ich einmal mitbekommen ... so, hier war die Tür, da stand die Bank, da oben war das Fensterchen, und links in der Ecke auf dem Betonboden, es war kein Bett drin, hab ich nachts geschlafen, zusammengerollt wie'n Wurm. Und da hab ich einmal gehört, wie ... Es ging, ich hab die Bank hochgestellt, und da waren ja zwischendurch so unten diese Stäbe, zum Stehenbleiben, und diese Stäbe bin ich hoch und hab an dem Fensterchen geguckt, und da ging eine männliche Person mit einem weißen Bündel in den angrenzenden Baumbestand. Und als er ein Stück weg war, da hat er zurückgerufen: "Der lebt ja noch!" Und da hat von der Tür her ne Frauenstimme geantwortet: "Wirf den nur rein, das dauert nicht mehr lange." Und von dem Moment an hatt ich Angst. Und da wusst ich, dass ich also fertig war zum Ermorden."

Von ihrer erneuten Flucht aus dem Kalmenhof erzählte sie: "Und da hab ich mir vorgenommen, hab ich gedacht, du bist zwei Treppen hochgegangen, Fenster waren nicht vergittert, die hatten nur so'n Fensterdrücker gehabt: Heute Nacht springst du aus'm Fenster raus und mit'm Kopf zuerst runter, dann bist du tot, hab ich gedacht, und dann können sie dich vergraben. Und da war da noch eine ganz ... da war´ne Frau, eine Insassin, die geputzt hat, und die kam abends bevor sie weggegangen ist, vielleicht war´s sechs oder sieben, und da kam die zu mir ans Bett und hat die Kopfkissen rumgeschüttelt.

Und da hab ich gesagt: "Du brauchst das nicht zu machen." Und nachts fiel mir dann ... denk ich, was hat die an meinem Bett gemacht? Ich mach das Kopfkissen weg, und da lag der Drücker vom Fenster, der lag unterm Kopfkissen. Später hab ich erfahren, dass die Schwester eine Liste hatte, auf´m Schreibtisch liegen, und da sind alle rot abgehakt worden, und die muss das gesehen haben und hat mir den Drücker unters Kopfkissen geschoben.

Naja, und da wollt ich, wie gesagt, mit dem Kopf zuerst runterspringen, und da hab ich aber vorher, ich hat halt so´n Kittelchen und hat nen Glatzkopf und da hab ich vorher vor dem Fenster gekniet und hab gebetet. Es war schlimm. Und hab gebetet und hab immer gesagt, lieber Gott, lass mich bloß tot sein, lass mich ja tot sein. Und dann hab ich´s Fenster aufgemacht und runtergeguckt, und da hab ich gesehen, dass ums Haus herum, unter dem Fenster war ein Sims. Und ich war in einem Eckzimmer, und an dieser Ecke, auf dieser Seite, wo der Sims dann, bevor der Sims dann um die Ecke rumging, war eine Dachrinne.

Dacht ich, Mensch, hier kommst du raus. Und da bin ich aus´m Fenster raus, hab mich an der Dach... an dem Fenster und dann an dem Sims festgehalten und wollte nach links, hab nach links gegriffen, um an die Dachrinne zu kommen, und da, mehr weiß ich nicht, und da muss ich abgerutscht sein, und bin zu mir gekommen und da lag ich unten.

Und ich wollte sofort hoch, und da hab ich gedacht, da hab ich gefühlt, mein Arm, der liegt neben mir. Es hat nichts weh getan, es hat schrecklich geblutet, der Arm war total verdreht, und den hab ich dann erstmal richtig gedreht, und hab den so gehalten und hab den hier festgehalten mit dem anderen Arm, und da dacht ich, du musst hier fort, ganz leise. Bin ich dann erst auf den Knien gerutscht, und dann bin ich am Haus entlanggegangen, und der Weg, den ich hinaufgegangen bin, bin ich runter und da hab ich gesehn, dass man links rumgehen konnte und da kam man auf die Straße."

Nach diesem Fluchtversuch versuchte die Verletzte vergeblich im nahen Dorf Hilfe von Anwohnern zu bekommen. Immerhin verrieten sie die Jugendliche nicht. In der Universitätsklinik wurde dann der Arm mehrfach operiert und Anna Maria etwa ein Dreivierteljahr versteckt. Durch eine Bombardierung der Klinik wurde sie verschüttet, aber rechtzeitig geborgen. Schließlich kehrte sie wieder nach Hause zurück. Es boten sich keine anderen Alternativen. Einmal auf die Todesliste der SS geraten, ließ man ihr keine Ruhe. Anna Maria wurde durch die Denunziation eines Nachbarn von der Gestapo abgeholt. Nach einem Verhör kam sie in das Konzentrationslager Bergen Belsen. Diesmal verhalf ihr ein Uniformierter zur Flucht.

Ein katholischer Pfarrer und seine Haushälterin versteckten die Jugendliche. Später wechselte sie aus Sicherheitsgründen in ein Kloster. Als ihre Lage dort auch nicht mehr sicher war, ging sie wieder in das Monika-Haus in Frankfurt, wo ihr diesmal die Nonnen halfen. Kurz vor Kriegsende kehrte sie in ihr Elternhaus zurück und erlebte dort ihre Befreiung durch die Amerikaner. Einige der Täter im Kalmenhof konnte Anna Maria nach dem Kriege zwar identifizieren, sie stritten jedoch jegliche Beteiligung an den Verbrechen ab.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 


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