„Heil Hitler“
 
Ordensschwestern und Diakonissen arbeiteten vor der Machtübernahme häufig als Gemeindeschwestern. Sie pflegten unter anderem erkrankte Gemeindemitglieder im häuslichen Bereich. Es gab aber auch partei- oder gewerkschaftsnahe Organisationen der freien Wohlfahrtspflege, die derartige Aufgaben übernahmen wie die Arbeiterwohlfahrt oder die Samaritervereine. Bereits im Mai 1933 gründete sich die NSV, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt e. V., die zwar 1935 ein angeschlossener Verband der NSDAP wurde, aber ein eingetragener Verein mit Sitz in Berlin blieb. Im März 1934 schloss man die bis dahin nicht verbotenen Wohlfahrtsverbände zur „Reichsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege Deutschlands“ zusammen und stellte sie unter die uneingeschränkte Führung der NSV.
 
Die NSV erhielt weitreichende Befugnisse und Rechte in der Wohlfahrtspflege. Sie übernahm die Klein- und Schulkinderfürsorge, Schulzahn-, Hauskranken- und Wöchnerinnenpflege, Heilverschickungen, betrieb Kindergärten, Mutter- und Kindheime und das Tuberkulosehilfswerk. Ziel war es, die gesamte Wohlfahrtspflege unter nationalsozialistischen Einfluss und Kontrolle zu bekommen.
 
Am besten charakterisierte 1938 der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Joseph Goebbels in einer Reichsparteitagsrede die Zielsetzung: „....Wir gehen nicht vom einzelnen Menschen aus, wir vertreten nicht die Anschauung: man muß die Hungernden speisen, die Durstigen tränken und die Nackten bekleiden – das sind für uns keine Motive. Unsere Motive sind ganz anderer Art. Sie lassen sich am lapidarsten in dem Satz zusammenfassen: Wir müssen ein gesundes Volk besitzen, um uns in der Welt durchsetzen zu können....“. (Zum gesunden deutschen Volk gehörten natürlich keine Juden, Sinti oder Menschen mit Behinderung. Da lehnte die NSV jeglichen Einsatz ab.)
 
Besonders in der Hauskrankenpflege im ländlichen Bereich wirkte es sich nachteilig aus, dass traditionell gewachsene Pflege beseitigt wurde. So erzählten mir viele alte Leute, dass die katholischen oder evangelischen Gemeindeschwestern ihre Schützlinge genau kannten und unermüdlich unterwegs waren. Sie arbeiteten oft mit den Ärzten eng zusammen und sorgten dafür, dass die medizinische Versorgung gesichert wurde. Auch bei Wind und Wetter scheuten sie keine Hausbesuche. Die Schwestern der NSV sollen angeblich nicht so engagiert gewesen sein. Dadurch, daß immer mehr Ärzte verschwanden, hätte sich die Gesundheitsversorgung nachteilig entwickelt. Die Alten kritisierten, dass die NSV nur in der Nazipropaganda hervorragend gewesen sei, ansonsten sich aber eher auf das Abkassieren verstand. Gemeint waren damit ständige Spendensammlungen, das Winterhilfswerk oder auch freiwillige „Spenden“, die Arbeitnehmern einfach vom Lohn abgezogen wurden.
 
Einige Alte, die Braune Schwestern über die NSV kennenlernten, hatten an sie keine gute Erinnerung. Vier alte Damen erzählten mir die gleiche Geschichte. Nach einer schwierigen Geburt mit Dammriss kam eine Braune Schwester zur Wochenbettpflege. Sie schnüffelten überall herum, bemäkelten die Ordnung und Sauberkeit in den Wohnungen der überwiegend bettlägrigen Wöchnerinnen und verlangten dann von ihren Patientinnen, dass sie ihnen zuerst einmal einen Kaffee kochen sollten. Drei der Frauen platzte der Kragen und sie schmissen die Schwester heraus. Bei der Vierten kam gerade die Hebamme zur Nachsorge und die übernahm den Rauswurf. Doch sehr viele Leute bekamen erst gar nicht mit, dass die NSV-Schwestern auch für die Hauskrankenpflege zuständig waren. Und in Notfallsituationen kam offensichtlich auch keiner auf die Idee, sich an die NSV oder an Mütterberatungsstellen der NSV zu wenden.
 
Elfriede F. stand als Jugendliche mit der Pflege ihrer Ziehmutter alleine da, nachdem diese an Krebs erkrankte. Sie war zwanzig Jahre alt, als daraus eine Sterbepflege wurde. Unterstützung bekam sie nicht, auch nicht durch die NSV.
 
Manfred Glashagen schilderte in seinen Kindheitserinnerungen, dass zu Kriegsbeginn in Hammerstein in Pommern etwa 5000 Menschen wohnten. Dazu gab es in der Umgebung viele Dörfer. Für diesen Einzugsbereich war nur ein einziger Arzt zuständig, der gleichzeitig als Oberstabsarzt den nahe gelegenen Truppenübungsplatz mitversorgte. Deshalb wurden die meisten Krankheiten mit Hausmittelchen versorgt. Er erlebte den Arzt zweimal: einmal zu seiner Geburt zu Hause, eine Steißlage, die die Hebamme nicht alleine begleiten konnte oder durfte und das zweite Mal, als er mit acht oder neun Jahren Diphterie hatte. Aber dieser Arzt kam wenigstens. Von einer NSV-Schwester erzählte er nichts.
 
Der 1926 geborene Willi F. Blaudow, dazumal in Altona in Hamburg lebend, beschrieb aus dem Jahre 1933/34 sein einschneidendstes Erlebnis. Sein Klassenkamerad und dessen Schwestern erkrankten ebenfalls an Diphterie. Ihr Vater war von den Nazis aus politischen Gründen in ein Lager verschleppt worden. Die Mutter suchte mehrere Ärzte auf, um Hilfe für ihre kranken Kinder zu erhalten. Durch die Inhaftierung ihres Mannes konnte sie aber keinen Arzt bezahlen, da sie keine Unterstützung bekam. Es ließ sich kein Arzt blicken. Die beiden älteren Nachbarskinder starben. Die Mutter verständigte die Polizei, die einen Polizeiarzt zur Ausstellung der Totenscheine schickte. Er füllte die Scheine aus, erklärte sich aber nicht zuständig für die Behandlung des noch lebenden eineinhalb Jahre alten Mädchens. Sie verstarb am nächsten Nachmittag.
 
Seine Erinnerungen an den schlimmen Tod seiner Freunde setzten eine direkte Verbindung zu den damaligen Pflegekräften. Der sieben- bis achtjährige Willi Blaudow versuchte nämlich Hilfe bei seinem eigenen Hausarzt für die Freunde zu bekommen. Als der Junge die Praxis aufsuchte, war sein Hausarzt nicht da, aber eine Krankenschwester als Sprechstundenhilfe. Ihr beschrieb das Kind genau die Symptome, unter denen seine Freunde litten und bettelte sie um Hilfe an. Obwohl die Schwester nach der Beschreibung des Jungen den Handlungsbedarf erkannte, verweigerte sie Medikamente und jegliche Unterstützung.
 
Auf die Diphterieepidemien reagierten die Verantwortlichen zum Beispiel kaum mit Schutzimpfungen. Dann ging Scharlach um. Die Kombination beider Krankheiten war für viele Kinder das Todesurteil. Als die knapp zweijährige Heidrun S. in Berlin 1939 sich mit beiden Kinderkrankheiten infizierte, glänzte der Hausarzt überwiegend durch Abwesenheit. Es gab gewinnträchtigere Patienten. Das Kind starb. Die Sprechstundenhilfe war eine gelernte Kinderkrankenschwester. Terminvereinbarungen und Karteikarten waren ihr wichtiger als fiebernde Kinder.
 
Beschäftigt man sich mit den Lebenserinnerungen aus dieser Zeit, häufen sich solche Darstellungen massiv, sodass man kaum den Wahrheitsgehalt anzweifeln kann. Da wird zum Beispiel von einer Mutter berichtet, die mit ihrer akut an Hirnhautentzündung erkrankten Tochter im Kinderwagen kilometerweit durch das Dorf ins Villenviertel rannte, weil der Arzt einen Hausbesuch verweigerte. Vorher war der Bruder in der Praxis und bettelte die Sprechstundenhilfen vergeblich um einen Hausbesuch an. Der Weg war für das Kind zu weit. Das kleine Mädchen starb. Der Arzt spendete als medizinische Hilfe den „Trost“, dass es für das Kind wohl besser sei. Vielleicht hätte sie durch die Hirnhautentzündung geistige Schäden behalten.
 
Die Älteren, die ich befragte, konnten sich alle nicht daran erinnern, jemals von der NSV im Krankheitsfalle versorgt oder unterstützt worden zu sein. Drei von ihnen fiel ein, dass sie aus Berlin evakuiert worden waren und dass der Kindertransport von NSV-Schwestern begleitet wurde. Wobei einer der Befragten auf diese Begleitung nicht gerne zurückblickte. Nachdem sich der Zug in Bewegung setzte und seine Mutter entschwand, schossen ihm die Tränen in die Augen. Die einfühlsame NSV-Schwester putzte ihn vor den anderen Kindern als „Memme“ herunter und als Schande für alle deutschen Jungen und Männer.
 
Hitler, der selbsternannte Menschenfreund, sah offenbar seelenruhig zu, wie sich die medizinische und pflegerische Versorgung der Bevölkerung drastisch verschärfte, worunter besonders Kinder litten. Seine „arischen“ Ärzte hatten häufig eher ihre Verdienst- und Karrieremöglichkeiten im Kopf, als das Wohl ihrer Patienten. Man kann fast den Eindruck gewinnen, dass „der Führer“, der besonders in den letzten Jahren massiv durch seinen Parkinson abbaute, in seinem grenzenlosen Machtwahn und Besitzansprüchen gedachte, „sein Volk“ mit ins Grab zu nehmen. Anders lässt es sich kaum erklären, weshalb die Krankenbetreuung für die Mehrheit der Deutschen unter den Nazis derartig auf den Hund kam.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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