Aktion T 4

 

Ende Juli 1939 fand in der Berliner Tiergartenstraße 4 (dehalb Aktion T 4) eine Besprechung zum Euthanasieprogramm statt. Etwa zwanzig, zum Teil hochrangige Mediziner waren zugegen. Philipp Bouhler, Reichsleiter der Kanzlei des "Führers", erklärte den Medizinern, dass man die Tötung Geistesgestörter beabsichtige, um Lazaretträume zu schaffen. Bis auf einen Arzt sagten alle geladenen Besprechungsteilnehmer ihre Mitarbeit zu. Die Professoren und Anstaltsleiter suchten anschließend in ihren Häusern nach Pflegepersonal und Ärzten, die ihnen für die Mitarbeit geeignet erschienen. Im Oktober 1939 diktierte Adolf Hitler an Bouhler auf seinem Privatbriefbogen, dass man unheilbar Kranken den "Gnadentod" geben sollte. Diese Ermächtigung datierte man später auf den 1.9.1939 zurück. Dieses Schreiben besaß aber keinen Gesetzescharakter und war kein öffentlicher Erlass. Hitler soll zwar die Verabschiedung eines Gesetzes versprochen haben, unterließ es jedoch.

Als "Tötungstechnologie" wurde die "Behandlungsart durch Injektionen" oder Vergiftung durch Gas diskutiert. Dazu muss aber bemerkt werden, dass zu dieser Zeit die sogenannte Wilde Euthanasie bereits in vollem Gange war. In der Stadt Brandenburg an der Havel sollte die Entscheidung für die "effektivste" Tötungsart fallen. Die dortige Anstalt, mitten in der Stadt gelegen, war ursprünglich ein Armenhaus, diente ab 1820 als Gefängnis, ab 1933 als KZ und Polizeiunterkunft. Die KZ-Häftlinge mussten Gebäude zu einer Euthanasie-Anstalt umbauen. Dieser Bereich wurde ab 1939 als "Landespflegeanstalt Brandenburg a. H." bezeichnet. In einer ehemaligen Backsteinscheune installierte man die fast 4 m2 große Gaskammer, die man "Chemisch-Technische Versuchsanstalt" nannte. Sie wurde, wie auch in den anderen Vernichtungsanstalten, als Duschraum getarnt. Am 18. Januar 1940 trieb man 18 - 20 Männer in die Gaskammer. Anzunehmen ist, dass es sich bei diesen Opfern um KZ-Sträflinge handelte. Der ersten "Test-Vergasung", wohnten außer Hitler sein Leibarzt Dr. Brandt, der Reichsärzteführer Dr. Conti, Philipp Bouhler als Leiter der Kanzlei des Führers und der Chemiker und Lieferant der Gasflaschen Dr. August Becker bei. Christian Wirth, Kriminaloberkommissar und späterer Vergasungsspezialist, führte die Vergasung durch. Sie fiel zu Hitlers Zufriedenheit aus und er fällte die Entscheidung für CO-Gas. Außerdem legte er fest, dass die Ermordung durch Injektionen oder Gas nur von Ärzten ausgeführt werden durfte. Das Morden in Brandenburg hörte mit diesem "Test" nicht auf. Dort starben in neun Monaten etwa 9000 Menschen, darunter circa 400 Juden. Die letzten Opfer waren am 29. Oktober 1940 Kinder aus der Heilanstalt in Brandenburg-Görden.

In der Kanzlei des Führers ging man nun daran, die Durchführung und den Ablauf des Massenmordes zu planen. Eigens für die Todesindustrie gründeten die Nazis Tarngesellschaften.

 



 

Die "Gemeinnützige" Krankentransport GmbH

 

Unter dem Firmennamen "Gemeinnützige Krankentransport GmbH", kurz Gekrat, wurde ein Tranportunternehmen gegründet, was auschließlich für die Beförderung in die Tötungsanstalten zuständig war. Bei den eingesetzten Omnibussen handelte es sich meistens um Busse der Marke Mercedes. Die ersten Busse stellte die Reichspost zur Verfügung mit dem Reichspost-Kennzeichen. Spätere Busse trugen das Reichspostkennzeichen weiterhin. Die Fahrer der zumeist grauen Busse lebten auch in den Vernichtungsanstalten.

Die Krankenpfleger Karl Harrer und Kurt Steubl aus der Anstalt Niedernhart begleiteten in der Anfangszeit die Transporte nach Hartheim. Karl Harrer wurde bald Transportleiter. Damit war er für die Übernahme der Patientinnen und Patienten in den Abgabeanstalten und ihre Übergabe in Hartheim verantwortlich. Er übernahm die Krankenakten am Abfahrtsort, überprüfte die Listen und verglich Listennummern mit den Patientennummern. Manchmal fielen Kranke aus, weil sie beispielsweise inzwischen verstorben, entlassen oder transportunfähig waren. Die Transporte sollten aber unbedingt bis auf den letzten Platz besetzt sein. Daher übernahm Harrer die Verantwortung für die geforderte Auslastung der Busse, entschied also im Zweifelsfalle darüber, welcher nicht gelistete Patient einen eventuellen freien Platz einnehmen musste und wickelte die Transporte bürokratisch ab. Später ermordete er als rechte Hand des Mörderarztes Lonauer auf dessen Veranlassung in Niedernhart eigenständig Patienten

Größere Transporte wurden unter Gekrat-Führung auch per Bahn abgewickelt oder wenn die Anstalten weiter entfernt waren. Für die Tötungsfabrik Hartheim kamen die Züge im Hauptbahnhof Linz an. Nach der Ankunft wurden sie auf ein Nebengleis geschoben. SS-Mannschaften bewachten dann den Zug, bis die Gekrat die Menschen gruppenweise nach Hartheim geschafft hatte. Manchmal kamen Transporte in Linz mit mehr als 200 Opfern an. Das Hartheimer Personal sortierte dann nach der Schwere und Unruhe der Patienten diejenigen aus, die man als Erstes zur sofortigen Tötung abtransportierte.

Die vorerst zurückgebliebenen Patienten harrten dann stundenlang in den Waggons aus. Wenn die Gekratbusse zurückkehrten, brachte man sie grüppchenweise in ein Durchgangspflegeheim, wo sie auf Strohsäcken in riesigen Schlafsälen auf ihre Abholung warteten. Angeblich sollten nur Insassen "verlegt" werden, die länger als 5 Jahre in Anstaltspflege waren. Angeblich sollten verrückt gewordene oder körperbehinderte Kriegsteilnehmer vom Abtransport verschont werden. Und angeblich sollte beim Abtransport das nocheinmal überprüft werden. Doch die Fahrer und das Begleitpersonal, nämlich Pflegekräfte, hielten sich wohl meist nicht an diese Anordnung. Sie wurden vom Pflegepersonal der betroffenen Einrichtungen im Umgang mit den Patienten als sehr verroht und grob beschrieben.

 



 

Die Allgemeine Stiftung für Anstaltswesen

 

Die "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" entwickelte die Meldebögen und die angewandten Kriterien. Sie erstellte auch die ärztlichen Gutachten über die Behinderungen. Der "Allgemeinen Stiftung für Anstaltswesen" unterstand das Personalwesen. Zur "planwirtschaftlichen Erfassung" versendete sie ab Ende 1939 die Meldebögen für die Anstaltspatienten. Art der Krankheit, Dauer des Anstaltsaufenthalts und Arbeitsfähigkeit fragten die Meldebögen ab, nach denen etwa 30 Gutachter unabhängig voneinander über Leben und Tod der Patienten entschieden, die sie nie gesehen hatten. Diese Gutachter waren Ärzte, Hochschullehrer und Anstaltsleiter. Wichen die Beurteilungen voneinander ab, sprach ein Obergutachter, ebenfalls vom Schreibtisch aus, das endgültige Urteil.

 


 

 

 

 

 

 


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