Abwasch oder Tod

 

Edith wurde 1924 im Havelland geboren. Sie wusste nicht, wieviele Geschwister sie hatte. Es waren nach ihren Angaben viele, um die zehn herum. Der Vater schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, die Mutter war restlos überfordert mit den vielen Kindern. Nach einer erneuten Geburt starb sie. Da die Kinder grob verwahrlosten, wurden die Behörden eingeschaltet. Mit zwei Geschwistern wurde die Fünfjährige nicht etwa in ein Kinderheim eingewiesen, sondern in eine Anstalt für Geisteskranke. Wo diese Geschwister verblieben, konnte sie nicht sagen. Sie hatte die kleineren Schwestern das letzte Mal bei der Aufnahme in der Anstalt gesehen.

Ich lernte Edith mit 71 Jahren bei einer Bekannten kennen, die sich um sie kümmerte. Da lebte sie mit einem Alkoholiker zusammen, der aber absolut gutmütig war und ihr viel Verständnis entgegenbrachte. Edith besuchte nie eine Schule, lernte nie lesen und schreiben. Sie wuchs in der Anstalt auf und half kurz nach ihrer Einlieferung bereits in der Küche mit. Später lernte sie in der Anstalt nähen, wurde in der Pflege miteingesetzt, bevorzugt bei den Tuberkulosekranken, arbeitete in der Wäscherei und verrichtete gärtnerische Tätigkeiten. Die Anstalt kassierte also für Edith die Unterbringungskosten, versorgte sie denkbar schlecht, billigte ihr keinerlei Rechte zu und gleichzeitig musste sie überhart arbeiten. Freizeit, kurzweilige Beschäftigung oder eine Abwechslung vom Arbeitsalltag gab es nicht für sie.

"Ich musste immer nur arbeiten und wenn ich nicht spurte, setzte es Ohrfeigen". Das Ganze nannte man "Arbeitstherapie". Da sie im Krankensaal schlief, fand sie oft durch unruhige Patientinnen keine ausreichende Nachtruhe. Dadurch war Edith häufig massiv übermüdet, ihr Arbeitspensum aber blieb. Nie hätte sie es gewagt, in irgendeiner Form zu protestieren. Die Sterberate in der Anstalt war extrem hoch. So hoch, dass keiner Edith einzuschüchtern brauchte.

Auf dem Gelände der Anstalt wuchsen auch Obstbäume. Edith sollte die Falläpfel für die Küche einsammeln. Ein Krankenpfleger von der Männerstation, groß und kräftig, den alle Patienten fürchteten, ertappte das immer hungrige Mädchen dabei, dass sie einen Apfel verschwinden ließ. Er schlug auf sie ein. Als sie bereits hilflos am Boden lag, traktierte er sie wie ein Wahnsinniger mit Fußtritten. Sie versuchte, mit den Händen ihr Gesicht zu schützen.

Eine junge Krankenschwester namens Martha ging unerschrocken dazwischen, wobei sie von dem Kerl auch etwas abbekam, und rettete damit Edith vermutlich das erste Mal das Leben. Mit Prellungen und Hämatomen am ganzen Körper und drei gebrochenen Fingern ahndete der Pfleger den Diebstahl eines madigen Apfels. Schwester Martha schiente ihr provisorisch die Finger. Alles tat weh. Edith schleppte sich dennoch mühsam zur Arbeit. Die Schiene entfernte sie noch am selben Tag. Sie hinderte zu stark bei den Tätigkeiten. Denn gebrochene Finger waren kein Grund, die "Arbeitstherapie" zu unterbrechen. Ohne Ruhigstellung dauerte es lange, bis sie wieder halbwegs schmerzfrei zupacken konnte. Die Finger blieben schief und bewegungseingeschränkt.

Am nächsten Tag schenkte ihr Martha zum Trost eine Puppe. Fast vergaß Edith darüber die quälenden Schmerzen. Das erste Mal in ihrem Leben bekam sie etwas geschenkt. Nicht einmal die Kleidung, die sie trug, gehörte ihr selber. Und nun hatte sie etwas Eigenes. Schwester Martha war so etwas wie ein Engel für Edith. Sie war nett, schikanierte sie nicht und steckte ihr ab und zu heimlich etwas zum Essen zu, denn die Krankenkost war allgemein erbärmlich. Mit ihrer Puppe konnte sie leider nie spielen. Sie versteckte sie im Gartenhaus hinter den Gartengeräten. Im Krankensaal hatte sie weder Schrank noch Nachttisch, nur ausschließlich ihr Bett. Sie befürchtete, dass ihre Mitpatientinnen ihr die Puppe weggenommen oder zerstört hätten. Jeden Tag schlich sie einmal in den Geräteschuppen, vergewisserte sich, dass die Puppe noch da und heil ist. Die Haare der Puppe wurden licht. Die Mäuse hatten an dem Puppenhaar Gefallen gefunden.

Mit etwa 16 Jahren erkrankte Edith (ihre Zeitangaben waren sehr ungenau, was auch daran lag, dass sie keine Uhrzeit kannte) an einer Grippe. Sie lag mit hohem Fieber im Bett. Ausgerechnet Schwester Martha, die sie so sehr verehrte, kam und riss das fiebernde Mädchen, dass sich kaum auf den Beinen halten konnte, aus dem Bett. Die Pflegekraft riss ihr die Sachen vom Leibe, zog ihr die Kleidung der Küchenfrauen an und schubste sie mit ziemlicher Gewalt in die Küche. Das sonst relativ faire Küchenpersonal traktierte sie mit Faustschlägen und Tritten, bis das schwerkranke Mädchen endlich anfing, Töpfe zu scheuern.

Die Insassen dieser Anstalt wurden "verlegt". Eine Insassin war unauffindbar. Die Anstalt wurde nach ihr abgesucht. Auch durch die Küche liefen Pfleger, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Edith spürte die Gefahr, in der sie war. Sie blieb in der Ecke mit den Spülbecken und wusch weiter ab. Am Abend war der Krankensaal leer.

Die folgenden Tage und Nächte verbrachte Edith in dem winzigen eisekalten Zimmer der Schwester Martha. Auf einer alten Matratze auf dem Fußboden, zugedeckt mit einer verschlissenen Wolldecke, erholte sie sich trotzalledem von der Grippe. Dann brachte man sie im benachbarten Haus der Tuberkulosepatienten unter. Es grenzte an ein Wunder, dass sie sich dort nicht ansteckte.

Ihre Lebensretterin verschwand für Edith unangekündigt und plötzlich 1945 aus der Anstalt. Die Oberin und die schlimmsten Nazipflegerinnen blieben. Auch der Pfleger, der sie wegen des Apfels so schwer misshandelte. Nun waren alle überzeugte KommunistINNen und ein Kollektiv. Edith vermutete, dass Schwester Martha zum Kriegsende rausgeekelt oder gekündigt wurde, um eine mögliche Zeugin zur früheren Nazigesinnung der Anderen loszuwerden. Die "Befreiung" ging an Edith unbemerkt vorüber. Nach Kriegsende wurde bald das Lazarett in der ehemaligen Psychiatrie aufgelöst.

Zuerst zogen überwiegend verrückt gewordene ehemalige Soldaten ein oder Frauen aus den Flüchtlingstrecks, die auf der Flucht den Verstand verloren hatten. Edith erinnerte sich, dass viele Frauen durch Vergewaltigungen Geschlechtskrankheiten hatten. Sie musste deren Wäsche wie die Tb - Wäsche zuerst ins Desinfektionsbad packen. Die angestellten Wäschefrauen weigerten sich konsequent, Wäsche von Infizierten anzulangen. Daher waren prinzipiell Anstaltsinsassen für die erste Desinfektion zuständig. Auch die Sortierung der Schmutzwäsche gehörte zu ihrer Aufgabe. Kleidung oder Bettsachen mit Erbrochenem oder Stuhlgang sollte sie vorreinigen, damit sich das Personal nicht ekelte. Hygienische Beratung, Gummihandschuhe, Händedesinfektion oder sonstige Schutzmaßnahmen waren kein Bestandteil der "Arbeitstherapie". Für die Wäscherinnen in "Brot und Lohn" gehörte es selbstredend zur Grundausstattung.

In die Anstalt kamen eines Tages russische Soldaten. Edith hatte an sie keine schlechten Erinnerungen. Nach ihrer Aussage benahmen sie sich sehr ordentlich, besichtigten das Haus und verschwanden wieder. Die Pflegekräfte schickten Edith zur Hausführung vor. Sie selber machten sich lieber "dünne". Einer der Soldaten schenkte ihr zum Abschied eine Schachtel Zigaretten. Edith konnte es gar nicht richtig glauben, dass diese Männer die Flüchtlingsfrauen so übel behandelt hatten.

Eine Pflegerin beobachtete, dass Edith das Päckchen Zigaretten bekam. Sie rauchte nicht, hätte also den Verlust verschmerzen können. Aber die Zigaretten gehörten ihr, außerdem kannte sie den Wert der Glimmstengel als Zahlungsmittel und es ging ihr um das Prinzip. Die Pflegerin prügelte solange auf sie ein, bis sie ihr das Versteck der Zigaretten verriet.

Ohne Überprüfung wurde Edith vom Tuberkulosehaus in die Psychiatrieabteilung zurückgebracht. Sie wäre gerne im Tb - Haus geblieben. Zwar musste sie dort genauso hart arbeiten, konnte sich aber mit anderen Patienten vernünftig unterhalten und genoss die überwiegend ungestörten Nachtruhen. Die Verpflegung war dort besser und die Behandlung humaner. Schweren Herzens siedelte sie hinüber, zumal ihr jetzt auch noch dort ihr Schutzengel fehlte.

Im siegreichen Kommunismus lebte sie also als Psychiatrieinsassin, wie gewohnt, zwischen harter Arbeit und Schellen weiter. Auch die DDR legte großen Wert auf "Arbeitstherapie". Ihre Puppe im Gartenhaus hatte inzwischen eine totale Glatze. Erst 1991 nahm man sich ihre Akten vor. Ohne ihr Zutun und gegen ihren Willen wurde sie entlassen, eigentlich eher herausgeschubst. Bis dahin kannte sie als einzige Lebenswelt nur diese Anstalt.

Keine Angehörigen, kein Geld, keine Wohnung, keine Rehabilitations- oder Eingliederungsmaßnahmen - der "versoffene" Dieter nahm sie und ihre glatzköpfige Puppe auf. Ihr wurde ein Betreuer zugeteilt, der sich für ihr Schicksal nicht interessierte und sie der Einfachheit halber am liebsten wieder in eine Einrichtung untergebracht hätte. Dieter machte Gelegenheitsarbeiten bei meiner Bekannten.

Diese lernte dadurch Edith kennen und übernahm nach langen Streitereien mit dem Betreuer und ewigen bürokratischem Gezerre selbst die Betreuung. Mit 68 Jahren lernte Edith mühsam von meiner Bekannten lesen und schreiben. Mit 72 Jahren zeigte sie mir voller Stolz eine Banküberweisung, die sie selber ausgefüllt hatte. Mit 74 Jahren beantwortete sie mir meine Frage nach der Uhrzeit, die sie von ihrer Armbanduhr, einem Geschenk meiner Bekannten, ablas.

Dieter besaß ein altes, schäbiges Haus am Dorfrand. Bedingt durch seine Alkoholsucht war das Haus sehr verlottert. Er ahnte vermutlich nicht, welch einen Glücksgriff er mit Edith machte, als er sie aufnahm. Bald war das Haus sauber und bewohnbar. Mit Dieters schnellen körperlichen und geistigen Abbau übernahm sie zunehmend die Verantwortung für Haus, Garten und Mann. Eine anpackende Frau, sehr leise, überaus bescheiden, zufrieden und ausgeglichen. Keine Spur an Verbitterung war bei ihr feststellbar.

Mit jedem kleinsten Fortschritt oder Erfolg wuchs ihr Selbstbewusstsein. "Nein, der Dieter, der kommt nicht in eine Anstalt. Dafür sorge ich." Still lächelte die Puppe bei ihren Worten, auf der Couch sitzend, zustimmend vor sich her. Sie hatte wieder Haare. Karin wollte das Puppenmonster eigentlich gegen eine viel schönere Puppe austauschen. Da war nichts zu machen. Edith ließ die "Selektion" nicht zu. Damit hatte sie Erfahrung. Schließlich bezahlte Karin den Puppendoktor.

Heute ist eher meine Bekannte verhärmt, die sich jahrelang einen erbitterten Kampf mit Ämtern und Behörden lieferte. Doch für Ediths Zwangssterilisierung als Jugendliche gab es keine Wiedergutmachung. Eine Abfindung hat sie nie erhalten. Auch keinen Ausgleich für die jahrzehntelange Knochenarbeit in der Anstalt. Denn das war ja "Arbeitstherapie". Und weil sie ja nie in ihrem Leben gearbeitet hatte, lebt sie heute von Sozialhilfe.

Alle diese Schicksale beweisen, dass es neben den Ermordeten auch noch andere Opfer gab.  Die nämlich nicht gleichgültig den betroffenen Menschen gegenüberstanden und an dem Verlust ihrer Angehörigen krankten oder deren Angst vor Entdeckung jahrelang teilten.

Herr Ewald Meltzer, der tapfere Sucher nach Euthanasiegegenargumenten, bewies mit seinen Fragebögen ganz gegen seinen erklärten Willen, dass viele Angehörige die Euthanasie wünschten. Ich hätte den Mann gerne gefragt, wieviele Kinder in seiner Anstalt starben.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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